Wanderung auf dem E4 – 1.Etappe: Von Bregenz nach Saint-Cergue

Juli 4, 2009 at 10:55 am (Allgemein)

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Meine Reisen

Reisezeit: Juli/August 2006

Reiseort: Bregenz – Bodensee – Schweizer Mittelland – Schweizer Jura – Saint-Cergue

Reiselänge: 17 Tage (ohne An- und Rückreise), 417 km

Reiseart: Wanderung

Reiseliteratur: Der Koran

Es folgt eine ausführliche Schilderung meiner Erlebnisse auf dem E4.


Vorwort

Wandern – bisher hatte ich noch nicht begriffen, was das heißt. Ich war zwanzig und hatte eben mein erstes Jahr als Student der Physik hinter mich gebracht. Nun brach ich auf zu meiner ersten – doch bei Weitem nicht letzten – Wanderreise, zu der ich mich aus freien Stücken und mit Bestimmtheit entschlossen hatte. Seit dem letzten Herbst freute ich mich schon auf meinen ersten Schritt auf diesem neuen Weg der Zerstreuung und Erholung. Im Sommer 2005 war ich durch Großbritannien gereist. Obwohl damals mein Hauptfortbewegungsmittel der Zug gewesen ist, umfasste mein Aufenthalt im Vereinigten Königreich insgesamt drei kleine Wanderungen. Zwei Tage lang zog ich durch die nordenglischen Moore nach Westen bis zur Nordseeküste, einen Tag lang trugen mich meine Füße über die Orkney-Inseln und zwei Tage lang marschierte ich durch die menschenleeren Gegenden des schottischen Hochlands. Ich war umgeben von Natur, sah über lange Stunden hinweg keine Menschen, fühlte den Wind, badete in Bächen und tanzte im Regen. Es war auf diesen Märschen, als mich irgendwann die Erkenntnis packte, dass ich mein Sein auf diese Weise – wandernd – viel mehr genoss, als in Städten, Zügen und Museen. Die Highlands machten einen Wanderer aus mir und als ich mich im Herbst zuhause wiederfand, da wusste ich noch nicht, wohin mein Weg mich nächsten Sommer führen würde, doch dass ich nicht in Zügen oder Bussen reisen, sondern einfach nur gehen, nur marschieren, nur wandern wollte, das war gewiss.

Zu dieser Zeit fiel mir ein verhängnisvolles Buch in die Hände. Man kann mit Recht sagen, dass von allen Büchern, die ich je gelesen habe, dieses mich am meisten bewegte – zwar nicht in emotionaler Hinsicht, wohl aber gemessenen in Kilometern. Ich las das Buch Auf Tour in Europa – Das Handbuch für die Europäischen Fernwanderwege von Hans Jürgen Gorges. Darin werden die 11 europäischen Fernwanderwege beschrieben, die sich völkerverbindend durch fast alle Länder Europas erstrecken, von Norwegen bis Spanien, von Irland über Bulgarien bis Griechenland. Dieses Buch entstand in Zusammenarbeit mit der Europäischen Wandervereinigung (EWV), einer seit 1969 bestehenden Organisation, welche sich für die Schaffung, Markierung und Betreuung der europäischen Fernwanderwege einsetzt. Grundlage der Arbeit der EWV – so schreibt ihr Präsident Jan Havelka in seinem Geleitwort zum Buch – sei die Förderung und Weiterentwicklung der Europäischen Idee.

Wann ist ein Land frei? Dann, wenn man darin ungestört wandern kann. Und die Freiheit Europas besteht ebenfalls darin, dass man auf seinen schönen Wanderwegen kaum merkt, wenn man eine Grenze überschreitet.

Autor Hans Jürgen Gorges drückt seine Gesinnung mit den programmatischen Sätzen aus:

Niemand lernt Landschaften, Kulturen und Menschen unmittelbarer kennen als der Wanderer. Und der Weitwanderer, der nach hunderten oder gar tausenden Kilometern seinen Zielort erreicht hat, hat schon längst wahrgenommen, dass der Weg sein eigentliches Ziel gewesen ist.

Mehr bedurfte es nicht um mein vages Vorhaben, eine Wanderreise zu unternehmen, zur klaren Gewissheit werden zu lassen. Bald hatte ich mich entschieden. Das Ziel war gewählt. Ohne genau die Gründe dafür nennen zu können, erschien mir von Anfang an unter den 11 europäischen Fernwanderwegen der E4 am attraktivsten. In voller Länge führt er von Griechenland, über Bulgarien, Rumänien, Österreich, Deutschland, die Schweiz und Frankreich bis nach Spanien, wo er nahe Gibraltar sein Ende findet. Ihn erwählte ich mir zur Aufgabe, an der ich noch heute festhalte – stets im Ungewissen darüber, ob ich sie je ganz bewältigen werden. Aber das muss auch nicht sein. Denn der Weg ist das Ziel.

Wo beginnen? Der E4 verläuft unweit meiner Heimat Kufstein am Wendelstein vorbei durch Bayern weiter bis zum Bodensee. Ich hätte im Grunde von zu Hause aus losmarschieren können, doch irgendwie reizte mich damals ein wenig mehr Exotik. Die Etappe von Brannenburg bis Bregenz war mir zu nah. Meine Wahl des Ausgangsortes fiel schließlich auf Bregenz. Von dort aus würde ich schon bald die Grenze erreichen, die Schweiz betreten, den Bodensee entlang marschieren und schließlich den Jura erreichen. Ich freute mich sehr darauf. Doch bis dahin musste noch viel Zeit vergehen. Es war ja erst Herbst. Immer wieder beschäftigte ich mich mit der Planung. Ich kaufte Reiseführer, stückelte mir im Internet eine detailierte Karte zusammen und versuchte darauf anhand spärlicher Informationen meinen Weg auszumachen. Ich sah die Karte an und stellte mir die Landschaft dazu vor.

Im Frühjahr fand ich dann schließlich noch einen Gefährten, der sich mir anschließen und meine Reise durch seine Anwesenheit bereichern wollte. Meine Physikerkollege Matze war mir ein guter Kamerad. Die Entscheidung gemeinsam zu wandern wurde natürlich überlegt und gewissenhaft gefällt, irgendwann um drei Uhr früh im Irish Pub Innsbruck. Matze: „Nimmst du mich mit?“ Ich: „Ja, sicher“ Handschlag und die Sache war fixiert. Ein Mann-ein Wort.

Matzes Pfadfinder Know-how machte die Vorbereitungen um einiges einfacher und somit stand dem Aufbruch bald nicht mehr viel im Wege. Endlich ging es los.

20. Juli 2006 – 1.Tag

Diese Reise begann für mich am selben Ort wie viele meiner Reisen – am Bahnhof von Kufstein. Ich nahm einen frühen Zug nach Innsbruck. Dort stieß mein Kamerad Matze hinzu und wir setzten unsere Reise fort nach Bregenz, wo wir am späten Vormittag den Zug und somit das letzte Verkehrsmittel für eine lange Zeit verließen. Auch der längste Marsch beginnt mit dem ersten kleinen, unscheinbaren Schritt. Hinaus aus dem Zug und hin zum Ufer des Bodensees. Schnell noch ein Photo

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und dann ging es los, vorbei an der Seebühne, wo diesen Sommer „Der Troubadour“ gespielt wurde, vorbei am Strandbad, vorbei am Kloster Mehrerau immer weiter das Ufer entlang nach Westen.

Es war die heißeste Zeit des Jahres. Die Sonne brannte vom Himmel und machte uns das Leben schwer. Wenn man doch wenigstens schon in den Bergen wäre… Doch diese lagen noch weit entfernt. Die nächsten Tage über würde das flache Ufer des Bodensees unser ständiger Begleiter sein.

Die Wegetappe von Bregenz bis zur Schweizer Grenze bei Rheineck (ca. 23 km) hat ihre Tücken. Dort gibt es nämlich insgesamt drei Gewässer, die in den Bodensee münden, die Bregenzer Ache, den Rhein und den Alten Rhein. Alle drei muss man folglich überqueren, doch alle haben sie nur Brücken die weit vom Seeufer enttfernt sind. Bei jedem dieser drei ist der Wanderer also gezwungen sich vom See abzuwenden und ein weites Stück nach Süden bis zur nächsten Brücke zu wandern. Dann geht es wieder nach Norden zurück zum Ufer. Bei über 35 Grad kann das auf die Dauer lästig werden.

Bei der Überquerung der Bregenzer Ache haben wir allerdings geschummelt, uns damit ein Stück des Weges erspart und uns gleichzeitig die spannendste Abwechslung des Tages beschert. Als einziges der drei Gewässer ist die Ache nicht ruhig, sondern bietet ein paar „wilde Stellen“ mit kleine Wasserfällen. Auf halbem Wege zwischen Ufer und erster Brücke landeinwärts ist sie mit vielen von der Strömung umspülten Steinen versehen, die eine Überquerung auf erstem Blick leicht erscheinen lassen. Anstatt uns weiter der Brücke zu nähern, kletterten wir also die Böschung hinab und hüpften von Stein zu Stein. Bald mussten wir allerdings feststellen, dass das nicht so leicht war, wie wir erhofft hatten. Oft machte das Wasser ein Fortkommen unmöglich und man musste wieder zurückspringen und es über einen anderen Steinpfad versuchen. Manchmal half nur noch ein weiter, gewagter Sprung und man lief in Gefahr nass zu werden. Schließlich schafften wir es dennoch ans andere Ufer. Nur ein Schuh war nass geworden. Zeitersparnis hatte uns dieses Abenteuer letztlich keine gebracht. Dafür war es aber ein schönes, spannendes Erlebnis.

Gleich jenseits der Bregenzer Ache liegt die Ortschaft Hard. Hier machten wir zum ersten Mal Halt und füllten im Schatten unsere Wasserflaschen. Dann ging es wieder hinaus in die Hitze. Bald erreichten wir den Rhein mit seinen Kanälen und Wasserauffangbecken. Hier gab es keine verkürzte Überquerungsmöglichkeit. Also wanderten wir auf einem langen, sandigen, schattenlosen Pfad wieder Richtung Süden bis wir die weit und breit einzige Brücke erreichten, die wir uns mit Autos teilen mussten und welche uns Wanderern kaum Platz bot. Jenseits des Rheins liegt die Ortschaft Fussach. Noch waren wir nicht weit gekommen, aber bereits todmüde. Die Rucksäcke wogen schwerer als wir gedacht hatten. Die Mittagshitze war erbarmungslos. Der Blick auf die Karte bot keinen Trost. Es erwarteten uns noch viele Kilometer langer, flacher Uferlandschaft. Im Schatten der Bäume am Kirchplatz von Fussach, wo uns auch ein freundlicher Brunnen Gesellschaft leistete, ließen wir die heißeste Stunde des Tages vorübergehen und kosteten unseren Proviant. Das Wasser des Brunnens hatte einen etwas seltsamen Beigeschmack, der uns den ganzen Tag über noch verfolgte. Wir wurden aber nicht krank davon.

Schließlich mussten wir weitergehen. Eine regelrechte Hitzeschlacht nahm seinen Lauf. Zwischen Fussach und dem Alten Rhein, welcher die Staatsgrenze bildet, liegt ein langer Küstenstreifen, der den Kern des Naturschutzgebiets des Rheindeltas bildet. Lange wanderten wir auf einem Dammweg zwischen Seeufer, Schilfzonen, Fischerhütten und Wiesen entlang. Es gab kaum Schatten, dafür aber viele Hinweistafeln, die die Flora und Fauna der Gegend erklärten.

Wir machten uns den Weg dadurch erträglicher, dass wir uns einige Pausen gönnten und einmal lange, direkt am Ufer im Schatten eines Baumes fast eine Stunde lang lagen und lasen. Dann ging es wieder weiter.

Mein weißes Kopftuch, das ich vor zwei Jahren in Tunesien am Kamelmarkt von Sousse erstanden hatte, leistete mir an diesem Tag wertvolle, kühlende Dienste. Das würde es auch noch an vielen anderen Tagen und auf vielen anderen Pfaden tun.

Irgendwo zwischen Fussach und Rheineck

Nachdem wir eine schier endlose Zeit lang vorbei am Rohrspitz und entlang der Speichenwiesen marschiert waren, erreichten wir endlich das Waldstück Rheinholz und den dahinterliegenden Alten Rhein. Inzwischen war es später Nachmittag geworden und wir befragten ratlos unsere Karten, wo wir wohl einen Schlafplatz finden würden. Doch zuerst galt es, den Fluss und somit die Grenze zu überqueren. Wie erwartet lag die erste Brücke wieder weit im Landesinneren. Fast eine ganze Stunde lang wanderten wir den Alten Rhein entlang nach Süden. Ein paar Brombeeren am Wegesrand versüßten uns den Weg. Zum Glück brannte die Sonne nicht mehr gar so heiß. Endlich hatten wir die Brücken zwischen Gaissau und Rheineck vor uns. Es gab derer zwei. Eine für Autos und eine für uns Wanderer. Ohne einen Personalausweis vorzeigen zu müssen, verließen wir also die Europäische Union und betraten die Schweiz, in der wir uns von nun an weit und lange bewegen sollten.

Gleich hinter der Grenze mussten wir die Autobahn kreuzen. Durch eine Unterführung gelangten wir so in das Ortszentrum von Rheineck, wo uns sogleich ein erfrischender Brunnen erwartete. Was gibt es Schöneres, als nach langem, heißem Marsch seine Schuhe auszuziehen und die Füße in das kalte Wasser eines Brunnens zu tauchen. Wunderbar.

Dass man in der Schweiz war, merkte man gleich daran, dass das in die Altstadt weisende Schild die Beschriftung „Städtli“ trugt. Von nun an würden uns die niedlich klingenden Ortsbezeichnungen mit dem charakteristischen –li am Ende bis zur Sprachgrenze begleiten: Bergli, Täli, Inseli, Wegli, etc. Weiters war zu bemerken, dass das bisher übliche Servus beim Begegnen anderer Wanderer dem schweizerischen „Griazi mitanand“ gewichen war.

Der Tag war alt geworden. Nachdem wir frisches Wasser gekauft hatten, marschierten wir weiter. Vorerst blieb der Weg dem Ufer fern. Mehr noch: nach endlosen flachen Dammwegen erreichten wir nun den Buechberg. Zum erstenmal ging es hinauf. Wir legten die ersten von vielen Höhenmetern dieser Reise zurück. Mit der Höhe gewann plötzlich alles wieder neu an Reiz. Wie sehr sich die Aussicht doch gleich weitet und wandelt, wenn man ein wenig höher steht. Vom grünen Buechberg aus, bietet sich ein schöner Blick auf die Ortschaft Thal im Süden. Gen Norden kann man den Bodensee sehen, welcher sich bis zum Horizont erstreckt.

Aufstieg auf den Buechberg

Aufstieg auf den Buechberg

Und hier war es auch, dass unser Tag zu Ende ging. Denn verborgen zwischen Bäumen liegt auf dem Buechberg ein öffentlicher Picknick-Platz. Hier beschlossen wir zu verweilen, zu rasten und uns dann bei Einbruch der Dunkelheit einfach gemütlich in unseren Schlafsäcken auf den Waldboden zu legen. Es war ein langer heißer Tag gewesen und wir hätten sicherlich gut geschlafen, wäre da nicht die lästige Plage der Mücken gewesen, welche man ständig auf der Haut spürte, die man dauernd surren hörte und die uns das Schlafen schwer machten.


2. Tag

Bald nach Sonnenaufgang machten wir uns wieder auf den Weg. Bei einem kurzen Frühstück wurde der Entschluss gefasst, sobald wie möglich irgendein Mittel gegen Mücken zu kaufen. Die Biester hatten uns die ganze Nacht traktiert und den Schlaf verschreckt. Ansonsten war es eine eher ruhige Nacht gewesen. Wir waren am Waldboden gelegen und hatten den Lauten der Finsternis gelauscht, sowie dem Brummen der fernen Autobahn.

Nun ging es weiter. Vorerst war der Weg noch kühl und abwechslungsreich. Auf einer Straße kamen wir am Kamm des Hügels gut voran. Wir erreichten den Weiler Buechberg und betraten anschließend den Kreienwald. Vorbei ging es am Schloss Wartensee und anschließend am gut im Wald verborgenen Sankt-Anna-Schloss. Irgendwo hier auf dem Rorschacherberg war es auch, dass uns plötzlich drei Hunde das Leben schwer machten. Zuerst bellten sie nur laut und böse hinter einem Zaun und wir wähnten uns in Sicherheit – bis der Zaun dann auf einmal kleiner wurde und die Hunde keine Mühe mehr hatten darüber zu springen. Knurrend und bellend verstellten uns sie uns den Weg. Sie mochten offenbar keine Österreicher. Schließlich verloren die drei Hunde aber doch das Interesse an uns und wir wagten uns weiter. Allmählich wieder zum Ufer absteigend kreuzten wir bald ein weiteres Mal die Autobahn. Inzwischen hatten sich die ersten Blasen an den Füßen bemerkbar gemacht und unser Sanitätstäschchen kam zum Einsatz. Wir erreichten wieder recht dicht besiedeltes Gebiet, was den Nachteil von Autolärm brachte und den Vorteil sich in einer Bäckerei ein gutes Croissant zu kaufen.

Blick vom Rorschacherberg auf das Bodenseeufer von Rorschach bis Arbon

Blick vom Rorschacherberg auf das Bodenseeufer von Rorschach bis Arbon

Allmählich wurde der Tag wieder heiß. Wir umrundeten den Ort Rorschach und kreuzten kurz darauf bei Steinach die Kantonsgrenze. Bisher hatten wir im Kanton Sankt-Gallen geweilt. Nun betraten wir den Thurgau. Eingezwängt zwischen Bahnlinie und See gelangten wir schließlich in den schönen Ortskern von Arbon mit seinen sorgfältig restaurierten mittelalterlichen Fachwerkshäusern und der Stadtmauer. Wir berieten uns, ob wir hier die Mittagshitze verbringen sollten, entschieden uns dann aber doch noch bis Romanshorn weiterzukämpfen. In der ärgsten Mittagshitze trotteten wir auf einem schmalen Streifen zwischen Bahnlinie und See in Richtung Nordwesten. Unweit dem Ort Egnach ließen wir uns im Schatten von ein paar Bäumen erschöpft ins Gras fallen. So heiß wie an diesem Tag war es das ganze Jahr über noch nicht gewesen. Gerne wären wir noch lange hier liegen geblieben. Doch wir mussten weiter. In Romanshorn gab es vielleicht eine Bademöglichkeit. Außerdem mussten wir Proviant einkaufen. Nach ein paar weiteren Kilometern in der Hitze erreichten wir schließlich unser Ziel. Wir durchstreiften den großen Fährhafen und fanden im Norden des Ortes dann schließlich einen freundlichen Uferabschnitt mit Badewiese und dem nahen See. Hier verbrachten wir die nächsten Stunden, kühlten uns, erholten uns, ruhten, aßen und lasen.

Fachwerkshaus in Arbon

Fachwerkshaus in Arbon

Eine Zeitlang diskutierten wir über den weiteren Verlauf unserer Reise, denn bisher hielt diese nicht, was sie versprach. Wir hatten uns Bergeinsamkeit gewünscht, wilde, menschenleere Landschaften, urige Berghütten und abwechslungsreiche Waldwege. Bekommen hatten wir bisher eher das Gegenteil: dicht besiedelte Ufergegenden, Asphaltstraßen, den Lärm der Autobahn und dergleichen mehr. Ein Blick auf die Karte verriet, dass es noch für unbestimmte Zeit so weitergehen würde. Bis Stein am Rhein würden wir noch dem Bodenseeufer folgen müssen und Stein war noch weit. Unmittelbar vor uns lag ein zwanzig Kilometer langer, auf der Karte recht trostlos aussehender Uferstreifen, der stets der Bahnlinie entlang führte und mehr oder weniger auf Asphaltstraßen Romanshorn mit Kreuzlingen verband. Die Verlockung war groß einfach in den nächsten Zug zu steigen und diese Strecke abzukürzen. Nach einiger Diskussion entschlossen wir uns aber schließlich doch, durchzubeißen und weiter zu marschieren. Irgendwann würden wir schon die fernen Berge erreichen.

Um fünf Uhr nachmittags war es immer noch sehr heiß. Trotzdem beschlossen wir weiterzugehen. Schnurstracks ging es die Küste entlang nach Nordwesten. Unweit des Ortes Uttwil fanden wir einen kühlen Brunnen. Nur der Wanderer weiß, wie schön es sein kann einen Brunnen zu finden. Das Plätschern, das Rauschen, die Kühle auf Haut und Kehle. Ich beschloss an diesem Tag eine Lobeshymne auf die Brunnen dieser Welt zu schreiben.

Über die Eintönigkeit des Weges geben am besten die Worte unseres Bodensee-Runderwanderweg-Führers Auskunft: Wie bereits gesagt ist die Orientierung heute denkbar einfach. Es gilt die einfache Regel: Überschreitet man die Bahnlinie ist man zu weit links – bekommt man nasse Füße, ist man zu weit rechts vom Weg abgewichen. So passiert man die Dörfer Uttwil, Kesswil, Güttingen, Altnau, Landschlacht und Bottighofen ohne eigentlich richtig durch sie zu gehen, da alle Ortszentren jenseits der Bodensee-Gürtelbahn liegen.

Und das alles bei brütender Hitze.

Zum Glück gab es wenigsten ein paar Bäume und unsere Füße freuten sich darüber, dass nicht der ganze Weg asphaltiert war, sondern es immer wieder ein paar Kieswege zwischendurch gab. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir schließlich den Campingplatz Ruederbomm, wo wir recht erschöpft zum ersten Mal auf dieser Reise unser Zelt errichteten. Wenigstens würde es in dieser Nacht keine neuen Mückenstiche geben. Die alten schmerzten schon genug. Hinzu kamen die Blasen an den Füße, welche immer unbequemer wurden. An diesem Tag hatten wir fast 40 km zurückgelegt.

Beim Zeltaufstellen

Beim Zeltaufstellen

3. Tag

Früh am Morgen ging es wieder los. Es bot sich ein schöner Blick auf die sakralen Türme des allmählich näherrückenden Konstanz. Bald erreichten wir dann Kreuzlingen. Nachdem wir uns eine Weile lang durch dicht bebautes Gebiet, teils nur wenige Meter von der deutschen Staatsgrenze entfernt, gekämpft hatten und vom Lärm der Stadt schon ganz betäubt waren, verschlug es uns endlich wieder in einsamere, ruhigere Ufergegenden. Entlang des schmalen Kanals, der unteren und oberen Bodensee verbindet, durchstreiften wir die einsame Uferregion rund um den Weiler Gottlieben. Die Eisenbahn blieb zu unserer Linken ein ständiger Begleiter. So wanderten wir entlang der Felder und Schilfgürtel bis wir zur Mittagszeit den Ort Ermatingen erreichten, wo wir uns eine lange Pause gönnten

Blick auf Konstanz

Blick auf Konstanz

Der Untersee ist so schmal, dass man ständig das andere Ufer in Sichtweite hat. Mit einer schönen Aussicht auf Oberschwaben saßen wir eine Zeitlang am Pier von Ermatingen, kauften frisches Obst ein und gönnten uns dann ein Bad im See. Die Wiese nahe dem Wasser, auf der wir ruhten, war unglücklicherweise mit stacheligen Kastanienschalen übersät. Ein paar Stacheln, die ich mir an diesem Tag eingefangen habe, trug ich noch wochenlang mit mir herum.

Es war schön einfach ein paar Stunden da zu liegen, seinen Füßen Luft zu geben und zu rasten. Allmählich gewöhnten sich unsere Körper an die täglichen Strapazen, auch wenn die Blasen an den Füßen und die roten Streifen auf den Schultern derzeit ihre Blütezeit hatten. Ich lag also rastend dort im kastanienstachelübersätem Gras und las meinen Koran. Wieso den Koran? Ja wieso nicht? Wenn es da ein Buch gibt, wofür Menschen sich mit Flugzeugen in Türme stürzen, wofür junge Leute sich in die Luft sprengen, ein Buch, das von Millionen Menschen für das unmittelbare Wort Gottes gehalten wird, ist es da nicht eher verwunderlich kein Interesse daran zu haben einmal zu lesen, was da so drinnen steht? Als Atheist die Bibel oder den Koran zu lesen erscheint mir nicht als paradox, es scheint mir als das natürlichste der Welt. Meine Gedanken zur Schrift Mohammads werde ich später in diesem Reisebericht noch näher schildern. Auch Matze las übrigens ein sehr gutes Buch. Und zwar beschäftigte er sich eingehend mit einem der folgenreichsten Gothic-Romane des neunzehnten Jahrhunderts. Eben an jenem Tag in Ermatingen begleitete er gerade Jonathan Harker auf seiner Kutschenfahrt von Bistritz über den Borgopass. Und eine alte Frau murmelte: Denn die Toten reiten schnell. Die Rede ist natürlich von Bram Stokers Kultroman Dracula. „Can you here them, the children of the night? – I do not drink wine” Eine schöne Geschichte, die auch mich einst begeistert hatte.

Nachdem wir lange genug in Gruselromanen und arabischen Suren versunken waren, wurde es allmählich Zeit weiterzugehen. Die Mittagshitze war vorüber und der Weg lockte aufs Neue. Bis zum Ort Berlingen blieben wir noch dem Ufer treu. Dann bog der Weg zu unserer Freude ein Stück nach links ab und führte uns zu schönen Aussichten. Wir kreuzten die Eisenbahnlinie und stiegen die Hügel hinauf. Bald wanderten wir zwischen Weinbergen und Obstbäumen hoch über Seeufer, Straße und Bahnlinie dahin, wobei wir einen schönen Blick auf die Insel Reichenau genossen. Bei Steckborn kamen wir dann wieder herab ans Ufer.

Seeimpressionen

Seeimpressionen

Der Campingplatz von Steckborn hieß uns herzlich willkommen. Der freundliche Besitzer erkundigte sich über unsere Herkunft, unsere Fortbewegungsart und unsere weiteren Pläne. Als wir sagten, dass wir zu Fuß unterwegs seien, zeigte er sich recht erstaunt. Normalerweise kamen vorrangig Radfahrer in diese Gegend. Auf die Frage, was unser Marschziel sei, sagte Matze wie mehrere Male auf dieser Reise kurz und entschlossen: „Grenoble“. Mir oblag dann die Aufgabe, dieses doch etwas ferne, allzu utopische Ziel damit zu erklären, dass ich lang und breit vom Weitwanderweg E4 und dem darauf liegenden Jurahöhenweg erzählte. Der Campingplatz-Besitzer zeigte sich sichtlich interessiert. Als er erfuhr, dass wir beide Physiker waren, sagte er mit ernstem, vielsagendem Blick und charakteristischem Akzent: „Physiker, das ist sehr gut.“ Ein Satz, den wir uns die ganze Reise über merken und der uns stets zum Schmunzeln bringen sollte.

Nach dem Zeltaufbau und einem erholsamen, erfrischenden Bad im See bei untergehender Sonne, gönnten wir uns noch ein kühles Bier im kleinen Restaurant vor Ort. Wir waren gut vorangekommen. Morgen würden wir endgültig die letzte Etappe am Bodensee bewältigen müssen.

Abendstimmung

Abendstimmung

4. Tag

Die letzte Tagesetappe entlang des Bodensees erwies sich als recht schön und abwechslungsreich. Schon bald nach Steckborn verließ unser Weg wieder das Ufer und erklomm die bewaldeten Hügel im Süden, wo unweit einer kleinen romantischen Lichtung die Ruine Neuburg den Jahrhunderten trotzt. Von dort aus führte uns ein schöner Wanderweg in einigen Schleifen den Hang entlang. Die Aussicht auf den See und das gegenüberliegende, stetig näher rückende Ufer war beeindruckend.

Ruine Neuburg

Ruine Neuburg

Beim Ort Mammern erreichten wir schließlich wieder das Seeufer. Vorbei an der idyllischen Insel Werd mit seinem kleinen Kloster zu Ehren des Heiligen Ottmar gelangten wir schon bald nach Stein am Rhein, wo der See wieder zum Fluss wird. Hier würden wir am nächsten Tag endgültig der Region adé sagen und nach Süden ziehen, weiter in Richtung Jura. Doch zuvor galt es diesen Tag noch zu genießen. Wir hatten uns eine Pause verdient, besonders unsere Füße, die sich immer noch nicht mit ihrem Schicksal abgefunden hatten und beständig neue Blasen entwickelten. Zudem war meine linke Achillessehne etwas angeschwollen und schmerzte bei jedem Schritt. Doch in Matzes Medi-Pack fand sich eine gute Gelenkscreme mit dem wohlklingenden Namen Dolo-Menthoneurin, die dem Problem wohltuend schon bald ein Ende setzte.

Kurz vor Erreichen der Rheinbrücke nach Stein, hatten wir übrigens wieder den Kanton gewechselt und befanden uns nun im Kanton Schaffhausen, welchen wir am nächsten Tag auf dem selben Wege wieder verlassen würden.

Stein am Rhein

Stein am Rhein

Stein am Rhein ist wirklich ein Juwel. Die prachtvolle Altstadt vermittelt das Gefühl sich in einer anderen Zeit zu befinden. Auf einem Hügel über der Stadt thront die Burg Hohenklingen, welche gemeinsam mit Rhein, Brücke und Altstadt einen wunderschönen Anblick bietet. Es war erst früher Nachmittag und wir hatten vor uns zu erholen. Hier, wo der See wieder zum Fluss wird, ist baden ein wunderbares Erlebnis. Das Wasser ist noch warm wie im See. Dennoch ist man darin einer sachten, doch merklichen Strömung ausgesetzt. Gemeinsam mit vielen anderen Badenden, die hier das Nordufer des wiedererstandenen Rheins säumten, stürzten wir uns schon bald in die Fluten. Es war schön im warmen Wasser zu liegen und sich gemächlich von der Strömung ein Stück weit treiben zu lassen. Leider setzte dem der heftige Regenguss eines typischen Sommergewitters schon bald ein Ende. Wir hüllten uns in unsere Regenhäute und machten uns auf zur Jugendherberge vor Ort, wo wir Unterschlupf fanden. Nach drei Tagen harten Wald- und Wiesenboden endlich wieder ein Bett. Man genießt die einfachen Dinge so viel mehr, wenn sie für eine Weile fehlen. Auch mit dem Essen ist es so. Besonders mit dem Trinken. Erst beim Wandern merkt man wieder, wie wertvoll Wasser ist. Und man erlebt, wie gut und süß und saftig doch ein frischer Pfirsich sein kann, wenn man auf einem Gipfel steht und seine Zähne darin versenkt. Doch ein Gipfel war noch fern.

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Altstadtimpressionen

Am späten Nachmittag befolgten wir den Rat meines Bodensee- Runderwanderweg-Reiseführers, wo der Satz zu finden ist: Ein abendlicher Spaziergang zur Burg Hohenklingen gehört zu einem Besuch von Stein am Rhein einfach dazu. Folgsam erklommen wir also den Hügel und besuchten die Burg. Wie leichtfüßig man ohne schweren Rucksack doch unterwegs ist. Die Aussicht lohnte den Aufstieg. Wir blickten nach Norden und sahen Deutschland. Wir blickten nach Osten und sahen den Untersee, der allmählich breiter werdend in der Ferne verschwand. Wir blickten nach Westen und sahen die untergehende Sonne und die silbrig glänzende Schlange des Rheins, dessen Wasser von hier aus weiter fließt nach Schaffhausen, wo es beim mächtigen Rheinfall in die Tiefe stürzt. Und wir blickten nach Süden. Dort sahen wir jene waldreichen Hügel, die wir am nächsten Tag erklimmen würden. Und irgendwo noch unsichtbar am Horizont, dort lag der Jura.

Nach einem kurzen Stadtbummel aßen wir noch in einem kleinen Restaurant zu Abend und kehrten dann schon bald in die Herberge zurück. Es war an der Zeit unsere Wäsche zu waschen und zum Trocknen aufzuhängen. Anschließend legten wir uns schon bald schlafen. Morgen würde es wieder früh losgehen. Wir wollten den kühlen Vormittag ausnützen und blickten dem Tag mit Freuden entgegen. Rhein und Bodensee hatten wir satt. Endlich würde etwas Neues kommen. In meinem kleinen schwarzen Reisetagebuch steht zu diesem Tag geschrieben:

Ich freue mich schon auf das Abendbrot. So einfach sind die Dinge nun. Essen, Schlaf und Fortbewegung. Immer weiter, immer weiter. Morgen geht es über Hügel. Ich freue mich auf Aussichten.

Wir blickten nach Süden

Wir blickten nach Süden

5. Tag

Nach einer Nacht unter Dach in einem weichen Bett starteten wir früh und frisch in den neuen Tag. Über die Rheinbrücke gelangten wir wieder zurück ans Südufer in den Thurgau. Sogleich machten wir uns daran die grünen Wälder des Stammerbergs zu erklimmen. 150 Meter höher kamen wir schon bald auf weichen Forststraßen geschwind voran. Endlich kein Asphalt mehr. Hier im Grünen kreuzten wir abermals eine Grenze und befanden uns nun bereits in den nördlichen Ausläufern des Kantons Zürich.

Die Orientierung war schwieriger geworden. Entlang des Bodensees hatten wir stets nur den blauen Schildern des Bodensee-Rundwanderwegs folgen müssen. Ab Dielsdorf würden uns die rotgelben Hinweistafeln des Jurahöhenwegs den Rest unserer Reise begleiten. Zwischen Stein und Dielsdorf aber verlief der E4 recht vage auf dem Netz der regionalen Wanderwege. Es gab keine eigene Markierung und keinen Reiseführer. Alle Informationen, über welche wir verfügten, bestanden in den Namen der Orte, die wir der Reihe nach zu erreichen hatten. Unser Kartenmaterial brachte uns aber sicher und ohne Irrwege dorthin, wohin wir wollten.

Es war erstaunlich wie schnell wir an diesem Tag voran kamen. Der Maßstab unserer Karte hatte sich geändert. Dies brachte den beeindruckenden Effekt mit sich, dass wir jenes Waldstück, das ich am Morgen für unser Tagesendziel gehalten hatte, schon gegen neun Uhr vormittags erreichten, was mir ein wenig gutgemeinten Spott von Matze und ein anhaltendes inneres Grinsen bescherte.

Jenseits des Stammerberges liegt der Ort Oberstammheim. Hier füllten wir unsere Wasserflaschen am Dorfbrunnen, kauften Croissants, Proviant und – ganz wichtig – einen guten Mückenspray, der uns die Biester für den Rest unserer Reise vom Leibe hielt. Es ist zwar ein wenig unangenehm sich das Zeug ins Gesicht zu sprühen, doch ein Stich im Gesicht ist bei weitem unangenehmer.

Von Oberstammheim aus ging es zwischen landwirtschaftlich genutzten Flächen von Bauernhof zu Bauernhof, von Weiler zu Weiler zügig weiter. In einem Maisfeld sichteten wir ein Reh. Die Tatsache, dass es sich aber überhaupt nicht rührte, ließ ernste Zweifel an seiner Lebendigkeit aufkeimen.

Wir zogen über die Hügel. Aufwärts, abwärts durch Wiese, Feld und Wald. Über das Dorf Truttikon erreichten wir schließlich die malerische Kleinstadt Andelfingen, die nur ein Stück weit nördlich von Winterthur liegt und mit seiner imposanten auf einem Hügel gelegenen Kirche die Landschaft dominiert. Der Tag war inzwischen wieder sehr heiß geworden und wir sehnten uns nach einer Pause. Nachdem wir die Thur überquert hatten und so ins Ortszentrum gelangt waren, machten wir uns auf die Suche nach einem Freibad. Die blauen Punkte auf meiner Karte im Osten des Ortes entpuppten sich zwar als Fischteiche, aber im Westen wurden wir fündig.

Die Thur

Die Thur

An diesem Tag schrieb ich in mein schwarzes Reisetagebuch folgende Sätze:

Nach vielen morgendlichen Kilometern sitzen wir nun im Freibad von Andelfingen und dösen im Schatten die Hitze meidend vor uns hin. Morgen schon werden wir den Start des Jurahöhenwegs erreichen. Es ist angenehm hier. Es weht ein frischer Wind. Abends wollen wir noch drei Stunden marschieren und den großen Wald Irchel erreichen. Mich plagen meine Füße ein wenig, doch ich hoffe, dass sie sich bald ihrem Schicksal fügen werden.. Man lebt und geht vor sich hin. Schön.

Nach ein paar angenehmen Stunden am Pool, mit Lesen, Eis, Kindergeschrei und allem was dazugehört, machten wir uns schließlich wieder auf den Weg. Die Mittagshitze war vorbei und neue Hügel riefen uns. Nach einem kurzen Stück entlang der Eisenbahnlinie, zweigte unser Weg nach Westen ab und führte uns allmählich ansteigend über die Orte Dorf und Buch zum Irchel – so heißt die Hügelkette, oder vielleicht auch der Wald, welcher uns von der nächsten Ebene trennte. Irgendwo dort planten wir unser Nachtlager aufzuschlagen. Zuvor gab es aber noch eine angenehme Überraschung. An der Straße zwischen Desibach und Oberbuch am Irchel trafen wir auf einen Bauern, der frisch geerntete Kirschen verkaufte. Wir kauften, kosteten und genossen die süßen, frischen Früchte solange der Tag währte. Auch für den nächsten Morgen blieb noch ein Rest.

Hügelland

Hügelland

Wenig später waren wir tief im Wald, welcher über große Teile des Irchels recht flach auf einem Plateau verläuft. Ich erinnere mich noch gut an die vielen Ameisenhaufen, die wir dort sahen. Hier, ein Stück vom Weg entfernt, speisten wir zu Abend und errichteten schließlich unser Zelt. Da kein Regen zu erwarten war, beließen wir es dabei beim Aufbau des Innenzeltes. Dadurch konnte man beim Liegen über sich die Baumwipfel sehen, zwischen denen schon bald die Sterne zu leuchten begannen. Ich erinnere mich lange wach gelegen zu sein, den Geräuschen des Waldes gelauscht und dabei festgestellt zu haben, dass ich diese Reise so richtig genoss.

6. Tag

Es ist erstaunlich wie erholsam man auf dem weichen Waldboden schlafen kann. Zumindest dann, wenn man keine Wurzel unterm Rücken hat. Nach einem Frühstück, das hauptsächlich aus dem Rest unserer köstlichen Kirschen bestand, ging es nach dem Zeltabbau, wobei wir inzwischen schon recht geübt waren, gleich weiter.

Noch waren wir im tiefen Wald des Irchel, doch wir wussten, dass sich dies bald ändern würde. Unsere Karte verhieß, dass dieser Tag, was das Wandern betraf, wohl nicht allzu attraktiv werden würde. Großteils mussten wir urbanes Gebiet durchstreifen, doch am Ende würde es eine große Belohnung geben: den Anfang des Jurahöhenweges, der uns den Rest unserer Reise begleiten und schon bald endlich in die Berge führen sollte. Mit diesem Ansporn kamen wir zügig voran.

Als erstes galt es ca. 200 Meter abzusteigen und so den Irchel wieder zu verlassen. Da uns die Serpentinen zu fad waren, kürzten wir ein wenig ab und liefen querfeldein den steilen bewaldeten Hang hinab. Zum Glück sahen wir die sich uns in den Weg stellenden Stacheldrahtzäune noch rechtzeitig genug, sodass wir in einem Stück unten ankamen.

Schloss Teufen

Schloss Teufen

Vorbei am idyllisch gelegenen Schloss Teufen, erreichten wir schon bald eine Landstraße, der wir ein paar Kilometer in Richtung Südosten folgten und die uns schließlich ins Dorf Rorbas brachte. Hier stärkten wir uns erstmals mit ein paar guten Backwaren der hiesigen Bäckerei und füllten am Dorfbrunnen unsere Wasservorräte. Es folgte nun ein Anstieg in Westrichtung auf den nächsten Hügel von rund 120 Höhenmetern. Dort bot sich uns eine Aussicht über die Route des verbleibenden Tages dar. Im Vordergrund sah man die Stadt Bülach, welche wir bald in voller Länge durchqueren würden. Dahinter lagen Niederglatt, Niederhasli und schließlich das lang ersehnte Dielsdorf. Die grünen Hügel am Horizont gehörten bereits zum Jura. Sie waren seine ersten zarten nordöstlichen Ausläufer, die sich schon bald zu mächtigen Höhen erheben sollten.

der Jura

Bülach, Niederglatt, Niederhasli, Dielsdorf und in der Ferne: der Jura

Es kam also ein weiterer Abstieg in die Zivilisation. Doch schon bald würden wir dort sein, wo die Orte selten wurden, wo kein Motorenlärm uns mehr belästigte, wo Hochweiden und Bergwälder uns umgeben sollten. Doch noch nicht heute.

Durch Sonnenblumenfelder stiegen wir nach Bülach ab, wanderten die Gleise entlang, kreuzten Eisen- und Autobahn und folgten dann dem Lauf des Baches Glatt, welchen wir zuerst am Süd-, dann am Nord-, dann wieder am Südufer schier endlos lang folgten. Obwohl es nicht mehr so heiß war wie am Bodensee, schien die Hitze drückend. Südlich eines Moores mit dem passenden Namen „Im nassen Stück“, folgten wir dann dem Fischbach, der uns an den Ortsrand von Dielsdorf brachte.

Da es hier ein Freibad gibt, nutzen wir die Gelegenheit und gönnten uns eine lange, angenehme Pause am Pool, klassisch mit Schinken-Käse-Toast, Cola und Sprungturm. Wir lauschten dem Lärm der Kinder, lasen unsere Bücher und freuten uns schon auf den Abend, da wir die ersten paar Meter des Jurahöhenweges zurücklegen würden.

Der Abend kam. In einem großen Supermarkt kauften wir noch frischen Proviant ein. Was isst man, wenn man wandert? Hauptsächlich speisten wir Gemüse, Käse und Brot, hin und wieder Wurst und natürlich viel Obst. Unser Gaskocher brachte den Vorteil sich hin und wieder auch eine warme Suppe oder einen Tee gönnen zu dürfen, was in kalten, nebligen Nächten in den Bergen bald ein wertvoller Luxus sein würde.

Der Weiler Regensberg

Der Weiler Regensberg

Im Ortszentrum von Dielsdorf hatten wir ihn dann plötzlich vor uns, den ersten rotgelben Wegweiser des Jurahöhenweges. Und kaum hatten wir begonnen diesen Zeichen zu folgen, so begann der Weg schon anzusteigen. Der kurze Aufstieg zum Weiler Regensberg führte uns gleich eine Tatsache vor Augen, die in späteren Tagen noch untermauert werden würde: Schweizer mögen keine Serpentinen. Schweizer Wanderwege sind oft vielmehr Gradienten (ein Physikerwort), die sich an den steilsten Stellen schnurstracks nach oben richten. Dass ein Weg so steil sein kann. In der Dämmerung erreichten wir den Weiler Regensberg, wo ein riesiger, herrlich kühler Brunnen uns Erfrischung spendete. Ein wenig höher, nahe einer Lichtung, legten wir uns dann schlafen. Wir wagten nicht unser Zelt zu errichten, da das ja eigentlich verboten ist und wir noch recht nahe der Zivilisation weilten. So schliefen wir auf Isomatte in unseren Schlafsäcken am Waldboden und lauschten den Lauten der Nacht. Unser Mückenspray erwies sich als sehr wertvoll. Allerdings fand ich in dieser Nacht nicht viel Schlaf, da ich ständig erwachte und mich von seltsamen Lauten, ja von Schritten, die mich umschlichen, belauert fühlte. Mit Ausnahme dieser Illusionen verlief die Nacht aber recht ruhig. Wir hatten es geschafft. Nach sechs Tagen Marsch befanden wir uns endlich im Jura.

7. Tag

Ein paar Worte zum Jura: Der Jura ist ein ca. 350 Kilometer langes Mittelgebirge, das sich in der Form eines Croissants vom Norden der Schweiz entlang der französischen Grenze bis an die Ufer des Lac du Bourget in Frankreich erstreckt. Die Kelten nannten das Gebirge „Jor“. Das bedeutet „Waldland“. Zu zwei Dritteln aus Kalkstein bestehend, faltete sich der Jura vor ca. 3 bis 5 Millionen Jahren auf und gliedert sich heute in Plateaujura, Kettenjura und Tafeljura, die sich geologisch voneinander unterscheiden. Historisch gesehen ist der Jura immer ein Grenzland gewesen, immer eine entlegene Provinz fern der hellen Zentren großer Reiche. Der höchste Juragipfel ist der Crêt de la Neige südwestlich von Genf mit seinen 1718 Metern. Dem Jura fehlt zwar die majestätische Größe der Alpen, dafür ist er aber eine ideale Weitwanderregion, in welcher man an einem Tag große Entfernungen zurücklegen kann ohne allzu oft in tiefe Täler absteigen zu müssen. Man kann sich in seinen einsamen Wäldern und nebligen Weiden wunderbar vom wüsten Stress der Städte erholen und die frische, nasse Luft der Höhe atmen.

Im Buch „Jurawandern“ von Philipp Bachmann, das uns sehr gute Dienste leistete, liest man am Rückcover die folgenden Sätze:

Der Jura ist eine andere Welt: Geografisch, kulturell und politisch hebt er sich deutlich von der übrigen Schweiz ab. Der Jura ist unbekannt: Die meisten kennen nur bestimmte kleine Ausschnitte des Jurabogens. Der Jura wird unterschätzt – zum Glück: Landschaftlich und historisch weniger spektakulär als die Alpen, sind die großartigen Juralandschaften bisher weitgehend vom Massentourismus verschont geblieben.

Dieses Buch führt in 20 Etappen durch einen Großteil des Jura. Die Route deckt sich nicht völlig mit jener des E4 bzw. des Jurahöhenwegs, aber über große Strecken hinweg sind beide identisch.

In Dielsdorf hatten wir nun also die ersten zarten Ausläufer des Jura erreicht und machten uns hurtig daran, schon bald in höhere Gefilde aufzusteigen. Zuvor galt es jedoch ein letztes Mal zwei Städte hinter sich zu bringen, den Ort Baden und das Aarestädtchen Brugg.

Am frühen Morgen packten wir also unsere Habseligkeiten wieder in die Rucksäcke und machten uns auf den Weg. Zwischen uns und der Stadt Baden erstreckte sich der Rücken der Lägeren, auf dem wir schnurstracks den Gratweg entlang marschierten und bereits Höhen von 860 Metern erreichten. Die Ruine Altlägeren, ein riesiger Antennenmast, sowie die schöne Aussichten nach Süd und Nord ließen uns den Weg recht abwechslungsreich und kurzweilig erscheinen. Irgendwo in Richtung Südosten musste das nicht allzu ferne Zürich liegen. Und im Norden floss der Rhein, welcher schon bald Basel erreichen würde. Außerdem wechselten wir hier oben auf dem Grat der Lägeren wieder einmal den Kanton und befanden uns nun im Aargau, dem der Fluss Aare seinen Namen gab.

Der Blick nach Süden – irgendwo hinter den Hügeln liegt Zürich

Der Blick nach Süden – irgendwo hinter den Hügeln liegt Zürich

Nahe dem Ende des Grats grüßte uns ein entgegenkommender Wanderer mit dem inzwischen schon vertrauten „Griazi Mitanand“. Wir kamen mit ihm ins Gespräch und er klagte von der Hitze dieses Sommers und davon, dass manche Bäume schon jetzt ihre Blätter verloren, weil es gar so heiß und trocken war. Mit ein paar üblichen Flüchen auf die Klimaerwärmung verabschiedeten wir uns und stiegen hinab ins Tal.

Treppen in Baden führen uns nach oben

Treppen in Baden führen uns nach oben

Auf Treppen kamen wir mitten nach Baden. Wir überquerten den aus Zürich kommenden Limmat und gönnten uns in der geschäftigen Altstadt ein zweites Frühstück. Auch für ein paar Telefonanrufe in die nun schon ferner gewordene Heimat blieb Zeit. Doch schon bald riefen wieder die Wälder und wir machten uns wieder auf den Weg.

Zwischen Baden und Brugg liegt ein kleines sehr waldreiches „Bergli“. Auf verschlungenen Wegen schlängelten wir uns durchs Unterholz. Der Weg war sehr grün und auch sehr schön und ruhig. Am Rand der Pfade gab es immer wieder Himbeeren und Brombeeren zu finden, welche uns das Fortkommen versüßten. Nach einem kurzen Marsch durch einen Vorort, überquerten wir den Fluss Reuss, marschierten an einer Psychiatrischen Klinik vorbei, überwanden die Eisenbahnlinie und waren mitten in Brugg. Die Reuss ist übrigens nach Rhein, Aare und Rhone der viertgrößte Fluss der Schweiz und entspringt am fernen Gotthardpass im Kanton Luzern. Ein Stück nördlich von Brugg, münden alle drei Flüsse dieses Tages, Limmat, Reuss und Aare ineinander und setzten anschließend gemeinsam ihren Weg zum Rhein fort.

Obwohl es bei Ankunft in Brugg erst ein Uhr nachmittags war, beschlossen wir der Wanderung dieses Tages ein vorläufiges Ende zu setzen. Erstens hatte wir eine Pause verdient, zweitens gab es in Brugg einiges zusehen. Wir quartierten uns in der Jugendherberge ein, welche zugleich eine historische Attraktion ist, da sie sich zum Teil im Inneren eines alten römischen Kastells befindet. Da kein Bett mehr frei war, durften wir unser Zelt auf der Wiese vor der Herberge aufschlagen. Nachdem unsere Wäsche gewaschen war und auf einer Leine langsam vor sich hin trocknete, wagten wir einen Ausflug in die Stadt. Schönste Attraktion ist sicherlich die alte Brücke, welche die Aare an der örtlich engsten Stelle überquert. An derselben Stelle hatten auch die Römer schon eine Brücke errichtet. Am nächsten Morgen würden wir hier den Fluss überqueren und weiter nach Westen vordringen. Dieser Ort trug aber noch eine Besonderheit in sich. Hier waren wir mit 341 Höhenmetern an den tiefst gelegenen Punkt unserer Wanderung gelangt. Innerhalb der Schweiz erreicht der E4 auf der alten Aarebrücke in Brugg sein absolutes Höhenminimum. Tiefer hinab würde man erst wieder im fernen Rhônetal in Frankreich gelangen, doch dies ist eine andere Geschichte.

Mit einer Dose Bier in der Hand ließen wir uns auf die alte Mauer der Brücke nieder und genossen das angenehme Gefühl sich nicht bewegen zu müssen. Unter uns toste, die hier keineswegs ruhig verlaufende Aare durch das enge schluchtartige Tal. Wir beobachteten ein paar mutige Kajakfahrer, die mit dem Wasser zu kämpfen hatten.

Am Abend suchten wir noch das hiesige Kino auf, um zu sehen ob dort schon der zweite Teil von „Fluch der Karibik“ gespielt wurde, den wir uns beide gerne angeschaut hätten. Leider kamen wir um einen Tag zu früh.

Unsere Herberge – ein römisches Kastell Bier auf der Brücke in Brugg

Unsere Herberge – ein römisches Kastell

Es folgte eine ruhige, erholsame Nacht. Morgen würden wir irgendwo in den Bergen schlafen, das war gewiss. Wie weit wir aber kommen würden, wusste keiner. Dass uns aber ein derart lange „Monsteretappe“ erwartete, wie der nächste Tag sie mit sich bringen würde, das ahnten wir freilich nicht. Es würde aber auch ein überaus schöner Tag werden.

8. Tag

Von Brugg aus führte unser Weg am Morgen geradewegs nach Westen. Wir stiegen ein wenig in die bewaldeten Nordwesthänge des Aaretales auf und hatten bald eine herrliche Aussicht auf den Fluss und auf die Hügel des Vortages. Die Habsburg, die hier auch unweit steht und Ursprung der österreichischen Kaiserdynastie ist, sahen wir leider nicht. Dafür erreichten wir aber nach einem kleinen Waldstück sogleich eine andere Attraktion der Umgebung, die Linde von Linn. Zahlreiche Mythen ranken sich um diese imposante Pflanze. Ihr tatsächliches Alter schätzt man auf ca. 800 Jahre. Angeblich steht die Linde inmitten eines uralten Gräberfeldes. Wer weiß, welch Dramen, welch Schicksale dieser Baum schon um sich erlebt hat, doch der Nachwelt auf ewig verschweigt.

Die Linde von Linn und ich

Die Linde von Linn und ich

Über den Linnerberg kamen wir schon bald wieder in höhere Gefilde und hatten schließlich jene Bilderbuch-Landschaft vor uns liegen, welche wir uns in unseren Vorstellungen von dieser Reise ausgemalt hatten – sanfte Hügel, Wiesen und Weiden, hin und wieder ein Gipfel und recht viel Bergeinsamkeit. Wir marschierten hurtig weiter und kehrten schließlich in einen Gasthof bei Staffelegg ein.

In einem Anflug von zu viel Idealismus hatte ich vor Antritt der Reise den Vorschlag gemacht, keine einzige Uhr mit uns zu führen. Wir wollten ganz zeitlos sein, nur leben nach dem Rhythmus von Tag und Nacht. Dass dies zwar in der Wildnis funktionieren mag, wohl aber zu Komplikationen führt, wenn man in Wirtshäuser einkehrt oder nach einer Übernachtung in einer Berghütte rätselt ob es schon Zeit für das Frühstück ist, hatte ich freilich nicht bedacht. So stellten wir im Gasthof Staffelegg zu unserem Erstaunen fest, dass es noch nicht einmal elf Uhr vormittags war, zu früh für eine Mahlzeit. Wir ließen es daher bei einem Apfelsaft verbleiben und befragten unsere Karte nach der nächsten Verköstigungsmöglichkeit. Auf der Salhöhe sah man dort ein schwarzes Kästchen mit Fahne, dem in der Realität wohl ein Wirtsaus entsprechen musste. Dorthin wollten wir nun. Und weiter ging’s durchs Juraland.

Über das Bänkerjoch, vorbei an der Wasserflue gelangten wir schließlich um ca. 13:00 zur Salhöhe, von wo man eine herrliche Aussicht in Richtung Norden hatte. Ich weiß noch, dass an diesem Tag Donnerstag war. Dieser Umstand hat sich deshalb in meine Erinnerung eingeprägt, da wir hungrigen Wanderer beim Gasthauf von einem großen Schild mit dem Schriftzug „Donnerstag Ruhetag“ begrüßt wurden. Zerknirscht ließen wir uns also ins Gras nieder, zehrten von den Resten unseres Proviants und befragten die Karte nach weiteren Versorgungsmöglichkeiten. Der Plan war gewesen mittags in irgendeiner Wirtschaft zu speisen und am Abend im Zelt unsere mitgeführte Verpflegung zu verzehren. Eben von dieser ernährten wir uns nun aber bereits auf der Salhöhe. Für den Abend musste also etwas anderes gefunden werden, doch wo? Von einem Quadrat mit der Bezeichnung Froburg wehte das nächste Fähnchen auf der Karte. Bis dahin war es aber noch weit. Im Grunde wäre schon die Salhöhe ein stolzes Tagesziel gewesen – wir waren schließlich seit den frühen Morgenstunden fast pausenlos unterwegs gewesen – doch der Hunger trieb uns weiter.

Juraland

Juraland

Bei der Salhöhe verließen wir den Kanton Zürich und kamen nach Basel-Landschaft, wo wir allerdings nicht lange verweilten, sondern den restlichen Tag über beständig zwischen den Kantonen Basel-Landschaft und Solothurn hin- und her wechselten. Davon setzten uns die vielen Wappen an Steinen und Bäumen des Weges in Kenntnis. Von der Salhöhe aus stieg der Weg in einem Waldstück immer höher an. Wieder boten sich schöne Aussichten nach Süd und Nord. Schließlich erreichten wir auf 963 Meter Seehöhe die Geissflue – die bisher höchste Erhebung unserer Wanderung. Über steile Serpetinen ging es von hier aus wieder hinab zum „Naturfreundehaus Schafmatt“. Inzwischen waren auch unsere Trinkvorräte knapp geworden. Fließendes Wasser oder einen Brunnen gab es beim Naturfreundehaus zwar auch nicht, doch ein freundlicher Naturfreund verkaufte uns zwei Flaschen Mineralwasser, die uns durch die nächsten Stunden bringen sollten.

Hier fehlt ein Stück Straße
Hier fehlt ein Stück Straße

Wir befanden uns nun auf ca. 780 Meter auf einer großen, grünen Weide mit dem klingenden Namen „Schafmatt“. Da der Wegverlauf im Grunde recht klar war, kürzten wir hier ein wenig ab und liefen ein Stück querfeldein durch die Wiesen. Der Nachmittag zog indes zügig an uns vorbei und es wuchs der Hunger nach einem zünftigen Abendmahl. Würde uns der Fleck auf der Landkarte mit dem verheißungsvollen Namen „Froburg“ dieses bieten können? Wir hofften es sehr. Bald nachdem wir die Schafmatt verlassen hatten, befanden wir uns im dichten Wald des Leutschenberg und marschierten eine alte Forstraße entlang, von der aber offensichtlich ein Stück fehlte.

Der Wald lichtete sich und wir erreichten die Burgweid. Kühe begrüßten uns hier. Außerdem zeigte sich uns eine wunderbare Aussicht auf das Atomkraftwerk Gösgen.

Kühe auf der Burgweid mit Atomkraftwerk im Süden
Kühe auf der Burgweid mit Atomkraftwerk im Süden

Todmüde erreichten wir endlich die Froburg, wo, wie ich inzwischen meinem Buch „Jurawandern“ entnommen hatte, sogar Friedrich Nietzsche sich einmal erholt hatte. Doch leider blieb uns dies verwehrt. Auch hier standen wir vor verschlossenen Türen. Es war frustrierend.

Trösten konnte uns nur die Aussicht auf die malerische Runie Froburg aus dem 9. Jahrhundert, die vielleicht einen Abstecher wert gewesen wäre. Doch dazu waren wir momentan zu hungrig. Die Karte verwies uns auf den nicht mehr fern liegenden Ort Hauenstein. Wenigstens dort würde wir sicherlich etwas zur Stärkung bekommen.

Bei Einbruch der Dämmerung erreichten wir nach fast ununterbrochenem Marsch seit den frühen Morgenstunden das auf 700 Höhenmetern gelegenen Hauenstein. Ohne lange zu überlegen stürzten wir uns ins erst Gasthaus, das der Ort uns bot, bestellten sogleich Wasser und ließen uns die Karte bringen. Es dauerte nicht lange, bis wir merkten, dass dies keine Herberge war, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Da Hauenstein auch ein Golfressort war, gab es hier wohl nicht nur Wanderer sonder auch recht zahlungskräftige Gäste. Wir waren in ein als Berggasthaus getarntes Nobelrestaurant geraten. Das Wasser, das uns schon bald auf den Tisch gestellt wurde, war erstklassiges San Pellegrino Mineralwasser und kostete an sich schon recht viel. Die Speisen waren zwar gut, doch auch sehr teuer und klein portioniert. Immer noch leicht hungrig, doch finanziell etwas angeschlagen, verließen wir die Herberge nach einem pikanten Mistkratzerle und irgendwelchen Nudeln.

Es war zu spät um noch ans Zeltaufschlagen zu denken. Eigentlich war der Plan gewesen, heute Nacht irgendwo im Wald zu campieren, doch momentan befanden wir uns mitten in einem Dorf und waren zu müde um noch irgendeinen Schritt zu tun. Zudem zog eben ein Gewitter auf.

Zum Glück gab es in Hauenstein einen Bauern, der die Möglichkeit bot bei sich in einem mit Strohballen gefüllten Raum für 20 Franken zu übernachten – Frühstück inklusive. Dorthin zog es uns nun. Und schon bald befanden wir uns im sogenannten „Strohparadies“, das uns herzlich willkommen hieß.

Herzlich willkommen im Strohparadies
Herzlich willkommen im Strohparadies

Es donnerte und heftiger Regen setzte ein. Wir wussten nicht, wie weit wir an diesem Tag marschiert waren, doch mehr als 40 km sind es bestimmt. Müde, doch froh und gut gelaunt, hockten wir noch lange mit einem Bier in der Hand auf Strohballen vor unserer offenen Scheunentür, rauchten Zigarillos und sahen dem Sturm beim Wüten zu.

An diesem Abend schrieb ich in mein kleines, schwarzes Reisetagebuch:

Ein langer anstrengender, aber wunderbarer Tag. Prachtvolle Aussichten über den Jura, wunderbare Gebirgswelt. Wir sind gelandet. Es stürmt und regnet und blitzt. Kuhglocken. Wir schlafen auf Stroh. Zigarillos und Bier. Atmosphäre. Welch Anstrengung heute, doch welch Weite, welch Schönheit. So viele Kilometer, so viele Höhenmeter. Berge, Täler und Durst. Ich bin müde. Noch regnet es.

Wir schliefen wie Steine.

9. Tag

Wir erwachten auf unseren weichen Strohbetten und öffneten das Scheunentor. Ein nebliger Morgen blickte uns entgegen. Zum ersten Mal auf unserer Reise sah das Wetter wirklich dezidiert unfreundlich aus. Aber das konnte uns nicht abschrecken. Wir begannen den Tag mit einem ausgezeichneten Frühstück, das uns die freundliche Bäuerin sogleich auftischte. Frische Milch, guter Kaffee, Brot, Marmelade und ein wenig Käse. Einfach, doch köstlich. So gestärkt schulterten wir schließlich wieder unsere Rucksäcke und verließen den kleinen Bauernhauf in Hauenstein, welcher uns als Herberge gute Dienste geleistet hatte.

Schon bald waren wir wieder in den Wäldern und gewannen entlang des Südhangs des Ifleter Berges wieder an Höhe. Zum x-ten Mal kreuzten wir die Grenze zwischen den Kantonen Basel-Landschaft und Solothurn. Ich stellte fest, dass meine Schultern kaum mehr schmerzten. Auch meine Beine klagten nicht mehr. Allmählich hatte sich mein Körper auf die neuen Umstände eingestellt und war nun völlig schmerzfrei, was das Wandern unvergleichlich schöner machte.

An diesem Tag benötigen wir erstmals unsere Regenausrüstung, jedoch nur zeitweilig. Kurze Schauer wurden immer wieder von längeren Trockenperioden unterbrochen. Es hatte auch etwas Schönes an sich durch die morgendliche Nebellandschaft zu wandern, während immer wieder neue Aussichten von den Schwaden freigegeben wurden. Beim Aufstieg auf den Belchen überquerten wir den einige hundert Meter unter uns tief im Gestein liegenden Belchentunnel, der von Fahrzeugen durchbraust wurde, jedoch hier oben in der Höhe völlig unbemerkt blieb. Hier oben gab es dafür aber einige militärische Einrichtungen wie alte Panzersperren, Schießanlagen und ähnliches. Die breite Straße, welche vom Challhöchi den Belchen entlang führt, scheint ebenfalls militärischen Ursprungs zu sein.

Immer mehr kam die Sonne zu Vorschein und bald waren Nebel und Nässe gänzlich verschwunden. Ich erinnere mich, wie mich beim steilen Anstieg zum Gratweg des Belchen eine Art Marschfieber packte. Das letzte aus meinen Gliedern herausholend rannte ich geradezu den Berg hinauf, riss mir dann in der Sonne der Höhe das T-Shirt vom Leibe und genoss ein paar stille Minuten im Gras. Wir waren dabei, den ersten wirklichen Gipfel unserer Reise zu erreichen. Den Gratweg entlang stiegen wir sanft noch ein paar Meter höher und befanden uns schließlich zum ersten Mal auf über 1000 Meter Seehöhe. Höchster Punkt blieb vorerst die Belchenflue (1099), wo wir eine Zeit lang verweilten und die Aussicht genossen.

Durch eine wildromantische Juralandschaft ging es dann wieder bergab, durch Wälder über Bäche hinweg zum Weiler Bärenwil. Hier ließen wir Basel-Landschaft nun endgültig hinter uns und drangen tiefer ins Kanton Solothurn vor. Ein kühler Brunnen spendete Wasser. Dem Reiseführer entnahmen wir, dass wir auf historischem Boden unterwegs waren. Es gab viele Burgruinen in der Gegend. Auch die Römer hatten hier ihre Spuren hinterlassen.

Juralandschaft mit Burgruine Alt Bechburg
Juralandschaft mit Burgruine Alt Bechburg

Vom Weiler Bärenwil (778), wo es leider kein Wirtshaus gab, ging es nach einer kurzen Mittagspause im Schatten wieder hoch hinauf. Wir wanderten auf einem schönen Pfad über Wiesen und durch Wälder. Im Norden lag einen kleines Tal, das der Augstbach durchfloss. Vorbei an der Burgruine Alt-Bechburg aus dem elften oder zwölften Jahrhundert näherten wir uns entlang Schlosshöchi und Tiefmatt allmählich dem Roggen – so heißt der letzte hohe Bergrücken, bevor die Klus des Dünnern einen tiefen Einschnitt in die Bergwelt vornimmt und zu einem Abstieg in niedrigere Gefilde zwingt.

Matze auf der Roggenflue – dahinter der Leberberg – dazwischen die tiefe Klus des Dünnern
Matze auf der Roggenflue – dahinter der Leberberg – dazwischen die tiefe Klus des Dünnern

Am frühen Nachmittag standen wir also schließlich auf der Roggenschnarz (931m). Von dort folgten wir einem Höhenweg im dichten Walde bis zur Roggenflue (992), von wo sich wieder ein atemberaubender Blick über das Tal des Dünnern und hinab auf die ausufernde Ortschaft Balsthal bot. Die enge Klus zwischen dem Roggen und dem auf der anderen Seite liegenden Leberberg, blieb vorerst noch unsichtbar. Wenn es die Karte nicht besser wüsste, so könnte man durchaus glauben, dass man einfach auf einer Höhe von ca. 800 Metern ohne großes Auf und Ab hinüber wandern würde. Dass in Wirklichkeit zwischen den beiden Bergen ein über fünfhundert Meter tiefer Einschnitt den Jura zersägt, war schwer zu glauben. In den anstrengenden Stunden, die nun kommen sollten, stellten wir uns oftmals die Frage, warum man nicht einfach eine Hängebrücke für die Wanderer gebaut hatte, um ihnen den Abstieg zu ersparen. Alles Räsonieren half nichts. Wir mussten hinab ins Tal.

Nach langem, anstrengendem Abstieg befanden wir uns schließlich im nicht sehr attraktiven Ort Balsthal, welcher von den beiden mittelalterlichen Raubritterburgen Alt und Neu Falkenstein flankiert wird. Hier, geschützt durch den enge Klus, welcher als einziger Weg die Region um Balsthal mit dem Mittelland verbindet, hatten einst gierige Ritterhorden gelebt und waren von hier aus auf Streifzüge ins Mittelland aufgebrochen.

Wir wanderten eine Zeit lang durch die Außenbezirke des Ortes und kamen schließlich zum schmucken Bahnhofsgebäude, das uns in Kombination mit den Worten unseres Reiseführers zum Schmunzeln brachte. Nach Balsthal führt nämlich die kürzeste Bahnlinie der Schweiz, die Oensingen-Balsthal-Bahn, kurz ÖBB. Unter diesem Akronym kennt man in Österreich natürlich die Österreichischen Bundesbahnen. Allein dies macht die Aufschrift ÖBB auf dem Bahnhofsgebäude und folgende Sätze in unserem Jura-Buch zu einem gerechtfertigten Grund um zu schmunzeln.

Wie lange ein derart reduzierter Bahnbetrieb allerdings rentabel bleibt, ist ungewiss. Vielleicht überlebt die ÖBB als Nostalgiebahn für Hochzeiten und Firmenfeste. Eine sorgsam gepflegte Dampflokomotive steht jedenfalls zur Verfügung – und ein brevetierter Lokführer, alias Pfarrer Sartorius aus Balsthal, ebenfalls.

Die ÖBB
Die ÖBB

Nach längerem Suchen und Herumfragen fanden wir schließlich eine Einkaufsmöglichkeit, um uns frischen Proviant zu besorgen. Und zwar gab es hier in Balsthal beide Filialen von Migros und Coop gleich nebeneinander. Diese in der Schweiz überall auffindbaren Supermarktketten gleichen sich auf den ersten Blick wie aufs Haar. Selbst die Logos sehen sich ähnlich. Um ein wenig Käse und Gemüse reicher wanderten wir schon bald durch die Industriezone von Balsthal und näherten uns allmählich dem bedrohlich steil wirkenden Berg. Es war schon spät geworden und die Möglichkeit bestand die Nacht in Balsthal zu verbringen. Jedoch gab es dort oben auf dem Leberberg ein Ziel, das wir uns nicht entgehen lassen wollten und das den Aufstieg nötig machte. Um uns die Laune noch mehr zu verdrießen, fing es nun auch noch zu regnen an. Bevor wir den Waldrand erreichten, mussten wir noch das ehemalige Städtchen Klus direkt am engen Einschnitt zwischen den Bergen passieren. Hierzu steht im Buch Jurawandern der folgende zynische Satz: Jedenfalls scheint das Rotlichtmilieu zu florieren, auch wenn hin und wieder, zur klammheimlichen Freude der unbescholtenen Nachbarn, ein Freudenhaus niederbrennt.

Endlich kehrten wir nun dieser menschlichen, allzumenschlichen Gegend den Rücken und machten uns an einen steilen Aufstieg von über 500 Höhenmetern. Man erinnere sich: Schweizer Wanderwege sind Gradienten und kennen keine Serpentinen. Teilweise geht es wirklich schnurstracks die steilsten Hänge hinauf. Wir gingen bis ans äußerste. Unsere Lungen brannten. Trotzdem brachten wir es fertig den ganzen Aufstieg mit einem hitzigen Gespräch zu begleiten, indem wir uns verschiedene Rätselgeschichten erzählten und mit Ja-Nein Fragen zu einer Lösung zu gelangen versuchten. Besonders Matze kennt hierzu wirklich die idealen Riddle-Stories, deren unerwartete Aufschlüsselung die Strapaze des Aufstiegs fast vergessen machte. Wie starb der Mann auf der Lichtung mit dem Streichholz in der Hand? Wieso bedankt sich der Mann in der Bar, als der Barkeeper eine Schrotflinte auf ihn richtet? Seit diesem Tage weiß ich es.

Mit pfeifendem Atem und rasendem Puls erreichten wir schließlich die 1000-Meter Marke und dort die exakt auf dieser Höhe gelegene Bergwirtschaft Schwängimatt, welche ein lang ersehntes Ziel gewesen war.

Hierzu ein paar erklärende Worte: Ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu gekommen ist, aber der Name Schwängimatt hatte zwischen mir und Matze schon einige Monate vor Antritt der Reise längst Kultstatus erreicht. Aus der bloßen Erwähnung des amüsanten Namens auf der Landkarte, wurde ein regelmäßiger Trink-Toast, wenn man einmal gemütlich beieinander saß und an die nahende Reise dachte. Man hob sein Glas und worauf stieß man an? Natürlich auf Schwängimatt. Auch heute noch toasten wir uns hin und wieder derartig zu. Umso wichtiger war es, Schwängimatt tatsächlich zu erreichen. Groß war die Angst, die Wirtschaft könnte möglicherweise geschlossen haben, aber nein, sie empfing uns freundlich. Wir waren da. Es gab sie wirklich, die Schwängimatt. Dort verbrachten wir einige schöne Stunden.

Verschwitzt und völlig außer Atem platzen wir am Abend des neunten Tages unserer Reise als einzige Gäste in die leere Stube der Schwängimatt. Die freundliche Wirtin eilte uns sogleich entgegen. Immer noch außer Atem bestellten wir gleich ein Bier, das wir in Sekunden hinabstürzten und uns anschließend das Lager zeigen ließen. Weiche Matratzen versprachen einen guten Schlaf. Nach einer heißen Dusche fanden wir uns wieder in der Wirtsstube ein um zu schlemmen. Die Wirtin hatte einen starken Schweizer Akzent, der uns manchmal zwang sie zu bitten einen Satz zu wiederholen. Letztlich konnten wir uns aber ganz gut verständigen.

Wir aßen eine große Portion saftigen Braten mit Kartoffeln und Salat. Dazu gab es wohltuendes Feldschlösschen-Bier. Während dem Essen besuchten uns hin und wieder die netten Kinder des Hofes, welche alle in etwa gleich aussahen und in allen Altersstufen vor Ort verfügbar zu sein schienen. Ein kleines blondes Mädchen stellte uns irgendeine Frage. Um diese zu beantworten, hätten wir aber in Matzes Worten einen Dolmetscher gebraucht. Schweizerisch ging ja noch, aber Schweizerisch kombiniert mit Kindersprache ist dann doch etwas schwer zu verstehen. Da wir also nicht allzu gut ins Gespräch kamen, gab das Mädchen schließlich auf.

Wir hatten reichlich gegessen, doch waren noch nicht satt. Die Kellnerin schien etwas überrascht, ja fast schockiert und beinahe beleidigt, weil wir nach ihrem üppigen Gericht tatsächlich noch Hunger hatten. So etwas habe es auf der Schwängimatt noch nie gegeben. Wir bestellten noch Küchli (verwandt mit Quiche Lorraine) und anschließend auch noch eine süße Nachspeise. Nach ein paar weiteren Bier ließen wir uns schließlich in unsere Matratzen fallen. Es war ein schöner Abend geworden, mit allem was man sich wünschen konnte. Es ist kaum zu glauben, wie gut man nach so einem Tag schlafen kann.

10. Tag

Früher Morgen in Schwängimatt. Ich liege im Bett und frage mich wie spät es ist. Matze schläft noch. Bald werden wir runter zum Frühstück gehen. Es ist angenehm, doch das alles kostet. Die nächsten Nächte gedenken wir wieder im Freien zu verbringen. Es ist erstaunlich wie schnell wir bisher vorangekommen sind. Fast ein Drittel des Jurahöhenweges liegt hinter uns. Die Beine und Füße suchen sich immer neue Stellen um Schmerzen zu fühlen, doch im Allgemeinen geht es uns gut. In ein paar Tagen werden wir Französisch sprechen. Vielleicht übermorgen schon. Offen bleibt die Frage, wie weit wir noch kommen. Ich möchte weiter und hoffe, dass unserer Reise kein jähes Ende gesetzt wird.

Diese Worte schrieb am Morgen des 10. Tages in mein schwarzes Reisetagebuch. Es ist eine etwas schwierige Situation zu wissen, dass es um 7 Frühstück gibt, aber keine Ahnung zu haben wie spät es ist. Letztlich wurden aber doch gut verköstigt. Beim Abschied wies uns der Hüttenwirt noch auf unseren Heißhunger vom Abend hin und stellte schmunzelnd fest: „Da war wohl irgendwo ein Loch.“ So viel hatten wir nun auch wieder nicht gegessen. Jedenfalls fühlten wir uns fit und gestärkt für den neuen Tag. Die Wege riefen uns wieder. Es ging hinaus in eine neblige Morgenlandschaft

Ein letzter Blick auf Schwängimatt im Morgenlicht
Ein letzter Blick auf Schwängimatt im Morgenlicht

Der Tag versprach spannend und abwechslungsreich zu werden. Ein Blick auf die Karte zeigte, dass man nun endgültig davon sprechen konnte, im Gebirge zu sein. Den ganzen Tag über würden wir die 1000 Meter Marke nicht mehr unterschreiten, sondern sogar Höhen bis 1444 Meter erreichen. Auf uns warteten ein paar Gipfel und schöne, steile Gratwege, die der Nebel nur noch attraktiver machte. Nach vier Tagen Bodensee, zwei Tagen Mittelland und drei Tagen Vorgeplänkel hatten wir die erste richtige Jurakette erreicht.

Nachdem wir uns den Weg durch eine Kuhherde gebahnt hatten, ging es hinein in den Wald und schon gleich stetig bergauf, einen Gratweg entlang bis zum Höllchöpfli (1230), von wo man bei klarer Sicht einen schönen Blick auf Süd und Nord hätte. Auffällig ist die seltsam strenge Absperrung, die man nahe des Gipfels findet. Im Reiseführer war zu lesen, dass sich hier oben bis vor Kurzem (1999) eine geheime Raketenabschussrampe befunden hatte. Seltsam ausgerechnet so etwas so mitten in der Wildnis anzutreffen. Nahe des Höllchöpfli hatten wir übrigens zum ersten Mal den Kanton Bern erreicht, dem wir entlang des Schattenberges ein Stück weit treu bleiben sollten, dann aber wieder nach Solothurn zurückkehrten.

Nach einem kurzen Abstiegsintermezzo fanden wir uns schon bald auf dem nächsten Grat wieder, der uns zu beeindruckenden Orten führte. Über vier Kilometer lang wanderten wir zwischen steilen Abgründen und bizarren Felsformationen dahin. Es war faszinierend dem Spiel des Nebels zuzusehen, wie er geheimnisvoll den Grat entlang glitt und ihn in manchen Einschnitten kreuzte. Links von uns fiel der Wald fast senkrecht ab. Trotzdem waren die Bäume teils noch recht hoch. Eine steile Treppe führte an einer Stelle ein Stück weit den Abgrund hinab zu einer gefährlich an der Felswand befestigten Holzhütte, welche uns der Nebel kurz erblicken ließ. Es war ein einzigartiges Wandererlebnis durch einen bizarren, mystisch anmutenden Ort. Ein paar Monate später machte ich davon in meinem Roman Rabe und Stern Gebrauch. Dort findet sich derselbe neblige Gratweg, allerdings ohne Bäume. Die Hütte am Abgrund spielt allerdings eine wichtige Rolle.

Der Schein trügt. Hier geht es sehr steil bergab.
Der Schein trügt. Hier geht es sehr steil bergab.

Nachdem wir lange den Grat des Schattenberges entlang gewandert waren und auf Felsen über steilen Abgründen gestanden und den Nebel bei seinen Streifzügen über das wilde Land beobachtet hatten, wandten wir uns schließlich wieder sanfteren Gefilden zu. Über den Niederwiler Stierenberg und den Balmberg gelangten wir schließlich in die Region des Weissenstein, welcher am Rötiflue Höhen bis zu fast 1400 Meter erreicht. Einen Waldrand entlang wanderd, überblickten wir die Lichtung rund um das Kurhaus Weissenstein. Eine Gruppe von Pfadfindern hatte hier in Form von zahlreichen Zelten ihr Lager aufgeschlagen. Das Kurhaus selber bot einen eher antiquierten Eindruck. In früheren Zeiten hatten hier illustre Gäste residiert. Alexandre Dumas zum Beispiel. Zur Aussicht vom Kurhaus in Richtung Süden hinab nach Solothurn und den entfernten Alpen, schrieb der französische Romancier einst das folgende: Ich ging auf den Balkon hinaus und, ich musste gestehen, obwohl mir die schönsten Ansichten der Schweiz vertraut sind: diese hier bewunderte ich. Man stelle sich einen Halbkreis von 150 Meilen länge vor, rechts begrenzt durch die große Kette der Alpen und links durch einen unermesslichen Horizont, in ihm eingeschlossen drei Flüsse, sieben Seen, vierzig Dörfer und 156 Bergzüge, all das im Lichterspiel eines Sonnenuntergangs im Herbst aus einer Badewanne betrachtet, an die unmittelbar ein mit einem vorzüglichen Essen gedeckter Tisch geschoben war, und man hat eine Vorstellung des Panoramas vom Weissenstein, entdeckt unter bestmöglichen Bedingungen. Was mich betrifft: ich fand es prächtig.

Inzwischen war der Tag schon weit vorangeschritten und wir fragten uns, wo wir die Nacht verbringen würden. Es würde ein spektakulärer Ort werden. Gleich hinter dem Kurhaus Weissenstein beginnt ein 10 Kilometer langer Planetenwanderweg, dem wir ein Stück weit folgten. Gleich hinter dem Kurhaus findet man im Maßstab 1:1 Milliarde die Sonne. Auf einer Metallplatte befinden sich die wichtigsten Daten der Himmelskörper. Auf diesem Weg gelangten wir bis zum Hinteren Weissenstein. Hier befindet sich der Eingang des Nidellochs, eines der größten Höhlensysteme des Jura. Für eine Erkundung fehlte uns allerdings die richtige Ausrüstung. Außerdem war es schon spät. Über das Schilizmätteli und den Planeten Uranus kamen wir bald zu einem steilen Bergwald, dem wir hinauf bis zur Hasenmatt folgten, welche mit 1445 Metern der höchste Gipfel des Kantons Solothurn ist. Hier legten wir eine länger Pause ein, legten uns ins Gras der Gipfelwiese und genossen eine herrliche Aussicht. Zwar war der Himmel immer noch von Wolken dominiert, jedoch schien da und dort die Sonne auf die Welt herab. Und zu jener Stunde schien sie gerade auf die Hasenmatt und wärmte uns nach dem anstrengenden Gipfelsieg.

Übernachtung an der Abbruchkante auf 1400 Meter
Übernachtung an der Abbruchkante auf 1400 Meter

Von der Hasenmatt ging es ein Stück weit hinab zur Wegspinne Müren (1318) und sogleich wieder hinauf auf die nächste Jurakette. In der Dämmerung erreichten wir den Grat der Stallflue. Und hier beschlossen wir dem Tag ein Ende zu setzen und unser Zelt zu errichten. Es war ein atemberaubend schöner Ort um zum campieren. Doch Schönheit implizierte hier Gefahr, denn nur wenige Meter von unserem Zelt entfernt, wartete die steile Abbruchkante und bot einen Sturz in die Tiefe. Was wenn ein Gewitter käme? Aber nein, der Himmel sah friedlich aus. Es würde schon nichts passieren. Wir zehrten genüsslich von unserem Proviant, kosteten noch die letzten Strahlen der Abendsonne aus und legten uns dann mit leicht bangem Gefühl schlafen. Ein letzter Blick auf die Karte vor dem Schlafengehen verhieß: Schon morgen würden wir die Sprachgrenze überschreiten. Dann war es aus mit „Griazi Mitanand“.

11. Tag

Als wir am nächsten Morgen erwachten, war unser Zelt immer noch am rechten Fleck. Weder hatten uns die Winde verweht noch die nahen Kühe in den Abgrund gestoßen. Nur ein Radfahrerpärchen war am Abend noch an uns vorbeigezogen und hatte uns kurz aufhorchen lassen. Unser Zeltplatz hatte ihnen wohl imponiert. Am Morgen fanden wir sie unweit ebenfalls nahe der Kante, wo sie gerade erwacht waren und uns grüßten. Die Aussicht hinab aufs Mittelland war wie immer herrlich. Wir genossen die letzten paar Meter in luftiger Höhe und machten uns dann an den zuerst gemächlichen, dann immer steileren Abstieg, den die nächsten Stunden mit sich bringen würden. Wolken waren noch recht rar. Es versprach ein sonniger, angenehmer Tag zu werden.

Vom Grat der Stallflue und der Wandflue ging es über Wiesen gemächlich abwärts zum Berggasthof Obergrenchenberg. Hier machten wir erstmals Halt, genossen einen köstlichen Kaffee, tankten unsere Wasservorräte auf und fragten anschließend, ob wir nicht auch ein wenig Essbares zum Mitnehmen kaufen könnten. Die nette Wirtin freute sich uns behilflich sein zu können. Bald schon waren unsere Rucksäcke wieder reichlich gefüllt mit frischem Schwarzbrot, Karotten, Gurken, Tomaten, Äpfeln und anderen köstlichen Sachen, alles viel besser und billiger als im Tal. Nachdem wir ein paar Worte mit den anderen Gästen auf der Sonnenterasse des Gasthofs gewechselt und wieder einmal von unseren Wanderzielen erzählt hatten, machten wir uns schließlich wieder auf den Weg. Ein älterer Herr ermahnte uns noch in der Sonne eine Kopfbedeckung zu tragen. Am frühen Vormittag war das noch nicht nötig, doch schon war ich wieder froh mein weißes Arabertuch bei mir zu haben.

Eine Stunde später erreichten wir auf 1102 die Wegspinne des Wäsmeli und kehrten somit der deutschsprachigen Schweiz endgültig den Rücken. Von nun an ging es durch frankophones Gebiet. Auf der mit einzelnen Bäumen verzierten Weide der Paturage de la Montagne zeigte sich uns dieser Umstand auf eindrucksvolle Art und Weise an einem Wegweiser. Seit dem nun schon fernen Dielsdorf waren wir den rotgelben Schildern des Jurahöhenweges gefolgt, die meist in beide Richtungen des Weges wiesen und stets die Aufschrift „Höhenweg“ zeigten. In der französischen Schweiz las man dort stattdessen „Chemin de Crêtes“. Unter all den vielen hundert Wegweisern dieser Art gibt es aber nur einen einzigen, welcher beide Sprachen trägt. Und eben diesen fanden wir nun auf der Paturage de la Montagne.

Weiser

Es ist recht interessant die Region der verschiedenen Sprachen auf der Landkarte zu betrachten. Die Ortsbezeichnungen bilden oft einen schrillen Kontrast. So grenzt das Sützliwägli direkt an die Paturage de la Montagne, Längschwang direkt an Le Buement. Eine letzte deutschsprachige Enklave heißt witzigerweise sogar End der Welt, ganz so als würde dort, wo man französisch spricht, auch keine Welt mehr sein.

Mit der Sprachgrenze überquerten wir auch wieder die Kantonsgrenze von Solothurn nach Bern. Wir hatten die letzten Tage über des öfteren spekuliert, wie wohl der gängige Wandergruß in der französischen Schweiz lauten würde. Gab es irgendeine dialektgeformte Eigenheit wie im Schweizerdeutsch? Wohl nicht, denn sobald wir die Sprachgrenze überschritten hatten, hörte man nur noch das klassische „Bonjour“, dem ich mich auch bald anpasste. Matze blieb spaßhalber noch einige Tage lang bei „Griazi Mitanand.“

Durch den Forêt du Droit ging es nun steil bergab. Auf ca. 860 Meter erreichten wir dann den Weiler Plagné, wo es zwar keinen Supermarkt, dafür aber am Straßenrad ein paar gekühlte und ungekühlte Schränke zur freien Entnahme gab. Daneben prangte eine Preisliste. Eine kleine Kassa stand bereit. Ein Mini-Self-Service-Market sozusagen. Das Vertrauen der Leute zueinander war hier offenbar sehr groß. Da unsere Rucksäcke noch vom Obergrenchenberg gut gefüllt waren, gönnten wir uns lediglich ein wenig frische Milch und etwas Süßes. Über saftige Weiden ging es dann weiter hinab zum steilen Forêt de la Pare, den wir schließlich beim Straßendörfchen Frinvilliér (532m) wieder verließen. Nicht allzu weit entfernt im Süden liegt Biel. Hier, eingekeilt in einem engen Tal zwischen den Bergen, ließ sich die nahe Großstadt ihre Existenz aber nicht anmerken. Wir kreuzten Straße und Bahnlinie, erreichten dann den Bach La Suze und beschlossen hier einstweilen zu ruhen, bevor wir den Aufstieg auf die nächste hohe Jurakette in Angriff nehmen würden.

Ein paar angenehme Stunden lang genossen wir das kühle Wasser der Suze, speisten von unserem Proviant und ließen die sich langsam hinter Wolken zurückziehende Sonne noch ein wenig auf uns herab strahlen. Vor uns lag ein steiler Aufstieg. In Serpentinen ging es einen steilen Bergwald gleich dreihundert Höhenmeter auf kleinster Strecke hinauf. Anschließend stieg der Weg etwas gemächlicher weiter an und würde sich allmählich zum Gratweg entwickeln, der schließlich am mächtigen Gipfel des Chasseral seinen Höhepunkt finden würde. Doch so weit wollten uns unsere Beine am heutigen Tage bestimmt nicht mehr tragen. Irgendwo zwischen hier und dem noch fernen Chasseral würde sich wohl ein Schlafplatz finden.

Nach einigen anstrengenden Stunden befanden wir uns schließlich wieder auf über 1000 Meter. Wir passierten die abgeschiedenen Almen von Les Coperies, La Ragie und Pré Carrel. Vorbei an Ziegen und Kühen verließen wir auf einer Höhe von 1339 Meter dann den Gratweg und stiegen in der Dämmerung ein Stück weit ab zur Mét. d’Evilard, wo wir leider keine Verköstigungsmöglichkeit antrafen. Dafür verkaufte uns die freundliche junge Wirtin aber drei Stück köstlichen Ziegenkäse in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Außerdem durften wir gleich neben der Bergwirtschaft unter drei imposanten Buchen unser Zelt aufschlagen, was wir sogleich taten. Wir hatten wieder eine schöne Strecke zurückgelegt, hatten ein paar Grenzen überschritten und konnten sehr mit uns zufrieden sein. Von jetzt an wurde französisch gesprochen, was vor allem mit sich brachte, dass als die frankophone Hälfte unserer Wandergemeinschaft ich nun derjenige war, welcher für die Gespräche mit den Einheimischen vorwiegend zuständig war. Nach einem guten Abendmahl aus unseren reichlich gefüllten Rucksäcken legten wir uns schließlich schlafen. Morgen würde uns der Weg weiter nach Südwesten führen, wo wir langsam höher steigend schon bald den Gipfel des Chasseral erreichen würden.

12. Tag

Das Erwachen brachte eine unangenehme Überraschung mit sich. In der Nacht war unser Zelt von schwarz glänzenden, geschwind krabbelnden Ohrenschliefern attackiert worden. Sie hatten es zwar nicht ins Innenzelt geschafft, sich jedoch auf sämtlichen Habseligkeiten, die außerhalb gelegen waren, breit gemacht. Meine Wanderhose war übersät von ihnen. Schnell schüttelten wir die schwarzen Viecher von unserem Zelt und unseren Sachen ab. Dann ging es eiligst weiter in den Morgen hinein.

Blick zum Chasseral
Blick zum Chasseral

Den ganzen Vormittag über hatten wir unser vorläufiges Ziel vor Augen. Die hohe Antenne der Radiostation am 1607,4 Meter hohen Chasseral. Gemächlich entlang des bewaldeten Gratwegs ansteigend näherten wir uns schnurgerade dem Gipfel, welchen wir am späten Vormittag erreichten. Von hier bot sich ein wunderbarer Blick nach Süd und Nord. Im Norden kann man bis nach Frankreich sehen und hinab in den Kanton Jura zum Grenzfluss Le Doubs. Im Süden sieht man das Blau des Bieler Sees. Von der Plattform rund um die Antennenanlage aus, winkten wir symbolisch einer Studienkollegin zu, die dort unten am Bieler See den Sommer über arbeitete. Dann kehrten wir dem vorerst höchsten Punkt unserer Wanderung den Rücken zu und marschierten weiter nach Südwesten. Dabei verließen wir endgültig den Kanton Bern und drangen in den Kanton Neuenburg/Neuchâtel ein.

BlickeBlicke

Blick nach Süden zum Bieler See – Blick nach Westen zu den Bergen von Morgen

Inzwischen waren die Wolken dichter geworden. Unser Abstieg in tiefere Gefilde führte in das kleine bewaldete Tal eines Baches hinab, das auf der Karte mit Combe Biosse bezeichnet wird, ein herrlich einsamer, abgeschiedener Ort, mit friedlichen Wegen entlang des Baches unter alten Bäumen über kleine Holzbrücken hinab ins Tal. Eine Stunde lang wanderten wir durch den stillen Wald.

Worüber redet man, wenn man so lange zu weit unterwegs ist? Wird man des andern nicht allmählich überdrüssig? Eigentlich nicht. Man muss ja nicht ständig reden. Es besteht kein Zwang. Lange Stunden marschiert man einfach nur schweigend dahin. Man versteht sich. Darüberhinaus kann man natürlich auch irgendwelche Informationen austauschen, zum Beispiel alle Lehrer, die man einst auf der Schule hatte, der Reihe nach aufzählen und charakterisieren. Und man stellt einander Rätselaufgaben. Oder man spekuliert, ob Dumbledore im siebten Harry-Potter-Buch noch lebt und entwickelt dazu verschiedene Theorien. Uns wurde eigentlich nie langweilig. Und wenn man einmal schwieg, dann einfach deshalb, weil es wohltuend war. Wer sich gut versteht, kann auch gemeinsam schweigen.

Der Wald lichtete sich und wir erreichten den Weiler Le Pâquier (895). Zu unserer Enttäuschung erwies sich dieser als Beinahe-Geisterstadt. Das einzige Café hatte geschlossen und sämtliche Brunnen waren versiegt. Dabei benötigten wir doch dringend frisches Wasser. Unsere Rettung war ein kleines Wirtshaus, das unerwartet am Straßenrand auftauchte und uns Herberge bot. Der Tag war recht frisch geworden. Regen kündigte sich an. Wir tranken Tee, füllten unsere Wasserflaschen, genossen noch eine französische Nachspeise und brachen wieder auf nach draußen. Die freundliche Wirtin wünschte uns noch „Bonne Promenade“.

Durch den Forêt des Envers ging es weiter nach Westen. Beim steilen Aufstieg auf den Mont d’Amin holte uns dann endgültig der Regen ein. Noch dazu zog dichter Nebel auf. Bald irrten wir durch eine nasse, kalte, graue Welt und hofften nicht vom Weg abzukommen. Auf dem Grat des Mont d’Amin (1400 m) angelangt führte unserer Weg über Weiden weiter nach Westen. Wegweiser wurden spärlich. Jedesmal waren wir froh, wenn auf irgendeinem Stein am Boden wieder die rotgelbe Raute des Chemin de Crête auftauchte. Wir waren also immer noch auf dem richtigen Weg.

Nach stundenlangem Irren durch die Nebelsuppe, erreichten wir ziemlich durchnässt den Gebirgspass Vue des Alpes auf 1283 Meter, dessen Name in Anbetracht der Verhältnisse eher zynisch klang. Vor lauter Nebel konnte man kaum zehn Meter weit sehen, geschweige denn den Alpenblick genießen. Aus Mangel an Alternativen und aus Unwillen bei diesem nassen, kalten Wetter unser Zelt zu errichten, zogen wir uns in das für unsere Verhältnisse etwas zu teure Hotel am Pass zurück. Hier bezogen wir ein Doppelzimmer mit Fernseher, aßen zu Abend und schimpften auf den teuren Preis, den wir dafür zahlten. Als Rache hinterließen wir dem Hotel nach unserer Abreise wohl ein paar Ohrenschliefer, die wir in unseren Rucksäcken mitgebracht hatten. Auf jeden Fall war es dennoch schön, nach langem wieder einmal heiß duschen und in einem richtigen Bett schlafen zu können.

13. Tag

Nach einem kargen, eindeutig nicht für Wanderer konzipierten Frühstück im Hotel, machten wir uns wieder auf den Weg. Die letzten Tage über waren wir hauptsächlich in Richtung WSW marschiert. Nun begann sich der Wegverlauf allmählich immer mehr nach Süden zu neigen. Von ein paar kleinen Auf- und Abstiegen abgesehen, bewegten wir uns den Vormittag über auf etwa gleicher Höhe zwischen 1280 und 1430 Metern. Das Wetter war wieder trockener geworden. Dennoch wehte ein kalter Wind, der mich entdecken ließ, wie gut sich mein Arabertuch auch als Stirnband eignete. Auf dem zum Großteil baumlosen Grat zwischen Tête de Ran und Mont Racine kamen wir recht schnell voran. Allerdings wurde uns dieser im Grunde ungefährlich anmutende Weg auch zum Verhängnis. Man will ja nicht abergläubisch sein, aber ausgerechnet am 13. Tage veränderte sich das bisher ungetrübte Schicksal unserer Reise. Dies geschah in Form eines rutschigen Übergangs neben einem Weiderost, welcher Matze zum Ausrutschen brachte, worauf er mit dem Knöchel umknickte. Anfänglich ließ er sich davon aber nicht allzu sehr beeindrucken. Mit zusammengebissenen Zähnen ging es weiter nach Süden.

StirnbandPyramide

Mein Stirnband und ich – Matze und die Gipfelpyramide des Mont Racine

Am Mont Racine machten wir erstmals Bekanntschaft mit einer Gipfelpyramide, wie sie zumindest im Jura der frankophonen Schweiz üblich zu sein scheinen. Keine Kreuze, keine religiöse Symbolik, einfach nur Pyramiden – ein schönes Symbol um den höchsten Punkt eines Berges zu markieren. Ähnliches findet man auch auf dem Chasseron, dem Suchet, dem Mont Tendre und wohl auch auf anderen Gipfeln des Jura.

Weiter geht’s nach Süden. Während die Schmerzen in Matzes langsam anschwellendem Knöchel zunahmen, passierten wir die Farm Grande Sagneule, Petit Coeurie und erreichten beim Weiler La Tourne auf 1129 Meter eine Passstraße, die wir nach Süden hin überquerten und an Kühen vorbei zu einem bewaldeten Grat, welcher sich in Ost-West Richtung erstreckt, aufstiegen. An seinem Beginn, bei Tablettes (1258) bietet sich eine wunderbare Aussicht hinab nach Süden zum Neuenburger See.

NeuenburgNeuenburg

Blicke hinab zum Neuenburger See und das Mittelland

Auf rund 1250 Meter ging es den felsigen Grat entlang nach Westen. Der Weg bot zahlreiche Stolpersteine, ein mühsames Auf und Ab, aber auch wunderschöne Aussicht hinab in die Schlucht der Areuse. Als Matzes Knöchel schon immer lauter schrie, erreichten wir endlich den steilen Abstieg in das Dorf Noiraigue, eine Metropole mit fast über fünfhundert Einwohnern. Benannt ist der Ort nach dem gleichnamigen Bach Noiraigue – dem Schwarzwasser – welcher hier dem Berg entspringt und sogleich in die Areuse mündet. Nachdem wir an einer unübersichtlichen, gefährlichen Stelle die Schnellstraße überquert hatten, drangen wir in das Dorfzentrum vor und suchten sogleich um Herberge in der Auberge de Noiraigue gegenüber dem Bahnhof an. Hier konnten wir in einem Matratzenlager Ruhe finden, hier wurden wir gut verköstigt. Mit bangen Gefühlen was die Zukunft von Matzes Knöchel und somit das Schicksal unserer Reise betraf, gönnten wir uns noch einen ruhigen Spätnachmittag und erholsamen Abend.

Noiraigue
Noiraigue

14. Tag

Der Morgen graute. Weitergehen oder nicht? Es lag am Knöchel und dieser schwieg. Ein Blick auf die Landkarte veranlasste uns an dann aber doch die Reise fortzusetzen. Es gab da etwas, das wir auf jenen Fall noch sehen wollten und das nicht allzu ferne lag. Nachdem wir in der einzigen Bäckerei des 500 Seelen-Ortes frisches Brot gekauft hatten – ein Großteil der Brotlaibe war für die Einheimischen reserviert – machten wir uns wieder auf den Weg. Wir kreuzten die Bahnlinie und die Areuse. Schon bald umgab uns wieder dichter Wald, durch den wir bis zur Farm Les Oeuillons auf 1014 aufstiegen. Hier beginnt der Weg der vierzehn Serpentinen, der Sentier des 14 Contours, welcher uns steil bergauf führte. Eifrig mitzählend stürmten wir den Berg hinauf, begleitet von heftigen Flüchen über die Schmerzen in Matzes Knöchel. Die kühlende Gelenkscreme und ein Verband machten den Aufstieg aber doch möglich. Und als wir auf ca. 1250 Meter endlich oben angekommen waren, ließ der Anblick jeden Schmerz vergessen. Vor uns lag eine gewaltige Naturkulisse.

Wir standen am Rande der Felsarena des einzigartigen Creux du Van, der sich in Hufeisenform nach Osten hin öffnet. Vom recht flachen Plateau, auf dem wir uns befanden, fällt eine Felswand einige hundert Meter fast senkrecht in die Tiefe. Mir fehlen die Worte um zu beschreiben, wie schön und eindrucksvoll jener Ort für mich war. Bilder sprechen mehr.

Die Wand
Die Wand

FelsFels

Felsen und Wolken

Es war ein mystischer, inspirativer Ort. Lange Zeit verbrachten wir am Rande der Felswand und blickten in die waldreiche Tiefe. Weit unter uns sahen wir ein paar Bergsteiger auf dem Weg nach oben. Wir hockten auf Felsen, aßen, genossen die Aussicht und wandelten langsam die Abbruchkante entlang. An einer Stelle legten wir uns bäuchlings an den Rand der Kante und blickten in die Tiefe. Wanderfalken kreisten unter uns. Die Form der Landschaft schuf einen seltsamen Nachhall und eine fast magische Aura. Nun wussten wir wieder, warum wir wanderten, warum wir soweit gekommen waren, soviele Strapazen auf uns genommen hatten – um Momente wie diese zu erleben.

Meditationen

Meditation über dem Abgrund

Der Creux du Van war sicherlich einer der Höhepunkte unserer Reise und ist in meinen Augen das Juwel des Jura schlechthin. Die schiere Vertikalität seiner Wände und die Stimmigkeit all dessen, wenn Wolken über dem Grün der Tiefe und dem Grau des Felsens ein Gemälde in den Himmel malen, bleiben mir in unvergesslicher Erinnerung.

Am Gipfel der Welt

Hier oben am Creux de Van stießen wir nun auch wieder auf die Route, welche in unserem bereits erwähnten Buch „Jurawandern“ von Philipp Bachmann beschrieben wird. Diese hatten wir vor einigen Tagen kurz nach der Hasenmatt verlassen. Wir waren weiter dem E4 gefolgt, während Bachmanns Route ein Stück weit nach Norden nach La-Chaux-de-Fonds ans Ufer des Grenzflusses Doubs führt, den E4 erst bei Noiraigue wieder einholt und dann auf einem anderen Weg ebenfalls die Steilwand des Creux du Van erreicht. Von hier verlaufen beide Wege wieder parallel und weichen bis Saint-Cergue nur noch in kleineren Varianten voneinander ab.

Vom Le Soliat (1463m), dem höchsten Punkt am Rand des Creux du Van, marschierten wir in Richtung Südsüdwest. Auf unserem Weg lagen abgeschiedene Juraweiden, einsame Wälder und verlassene Berghöfe. Schon bald kreuzten wir abermals eine Kantonsgrenze und verließen damit das Einflussgebiet von Neuenburg. Der restliche Teil unserer Wanderung würde sich nun gänzlich im Kanton Waadt / Vaud abspielen. Auf Teerstraßen und Waldwegen zogen wir hurtig durch die Landschaft. Es ging nur sehr wenig bergab und bergauf. Wir blieben konstant über 1150 Meter und kamen rasch voran. Das Wetter war uns gut gesinnt. Immer wieder kam die Sonne zum Vorschein und schickte uns ihre wärmenden Strahlen. Vorbei ging es an vielen Höfen, an vielen Schafen und Kühen. Es ist manchmal faszinierend festzustellen, wie das Erinnerungsvermögen arbeitet. So weiß ich von der Wanderung dieses Tages nur mehr sehr wenig. Dafür erinnere ich mich gut, worüber wir während jener Stunden zwischen Creux de Van und Chasseron gesprochen haben. Wir erzählten uns von den Lehren und Lehrerinnen unserer Schulzeit und charakterisierten diese – ein interessanter Zeitvertreib.

Während langer, leichter Wanderung passierten wir die Höfe und Berggasthäuser von La Baronne, Les Rochat, Creux de la Pey, La Combaz, Les Gillardes und La Calame. Nach der Alm von Les Cernets Dessous begann unser Weg mehr und mehr anzusteigen. Wir näherten uns dem bisher zweithöchsten Gipfel unserer Reise, dem Chasseron, welcher laut Landkarte mit 1606.6 Metern ca. 80 cm niedriger ist als der Chasseral, wo wir noch vor zwei Tagen gewesen waren.

Matze und die Gipfelpyramide des Chasseron
Matze und die Gipfelpyramide des Chasseron

Am Gipfel bot sich uns eine wunderbare Aussicht in alle Richtungen. Gegen Osten sahen wir nochmal den blauen Neuenburger See. Weit im Nordosten konnten wir fern und verschwommen am Horizont den Rücken des Chasseral sehen. Es ist jedesmal ein beeindruckendes Gefühl auf einem Gipfel zu stehen und die Berge, wo man noch vor wenigen Tagen gestanden hat, in der Ferne zu betrachten. Einmal mehr kommt zu Bewusstsein, wie weit und wie schnell uns unsere Beine doch tragen können. Blickte man Westen, so blickte man bereits nach Frankreich. Am Soliat waren wir der Grenze schon zum Greifen nah gewesen.

Der Blick nach Norden – in der Ferne rechts hinten das Massiv des Chasseral

Der Blick nach Osten – der Neuenburger See

Nachdem wir uns mit ein paar deutschsprachigen Schweizern über unsere Reise unterhalten und die Panoramatafeln betrachtet hatten, machten wir uns wieder auf den Weg. Über einen pittoresken Sattel und den Grat von Petites Roches gelangten wir schnell bergab in den auf ca. 1060 Meter gelegenen Ort Saint-Croix – ein altes Uhrendorf am Ende der Bahnlinie hinab ins Mittelland. Nach dem winzigen Noiraigue erschien uns Saint-Croix mit seinen rund 4000 Einwohnern von ansehnlicher Größe. Hier kehren wir in die Jugendherberge ein. Im Grunde waren dort alle Betten belegt, da irgendeine amerikanische Jungendgruppe fast sämtlichen Zimmer für sich beanspruchte. Die freundliche Rezeptionistin verschaffte uns aber in einer Abstellkammer dennoch zwei weiche Matratzen um die Nacht zu verbringen. Zum Abendmahl gab es noch eine Überraschung. Und zwar durfte man in der Jugendherberge für einen festen Preis soviel essen, wie man mochte. Unser Hunger war groß, größer noch als auf Schwängimatt. Über eine Stunde lang schlugen wir uns inmitten von Amerikanern die Bäuche voll. Es gab Geschnetzeltes mit Reise, dazu Suppe und Nachspeise. Köstlich. Nur unsere Tischnachbarn schienen hier im abgeschiedenen Juradorf, fern der großen Pässe, etwas fehl am Platz. Satt wie schon lange nicht schliefen wir ein.

15. Tag

Der Morgen brachte die Gewissheit mit sich, dass Matze nicht mehr weiter gehen konnte. Der Knöchel war stark angeschwollen und schmerzte sehr. Nach vierzehn Tagen auf dem Weg war unsere gemeinsame Wanderung an ihrem Ende angelangt. Ich entschied mich jedoch noch ein Stück alleine weiterzugehen. Saint-Cergue, der letzte Schweizer Ort auf dem E4 vor der Grenze, lag nicht mehr fern. Bis dahin waren es vielleicht noch zwei, höchstens drei Tage. Dieses Ziel wollte ich noch erreichen. Zwar bedeutete der Abschied Matzes auch den Verzicht auf unser Zelt – für einen allein war dieses zu schwer – aber ich war zuversichtlich eine Unterkunft zu finden. So hieß es am Morgen also Abschied nehmen. Gemeinsam legten wir das letzte Stück des Weges bis zum Bahnhof zurück. Alle paar Stunden fuhr von hier ein Zug zurück in die Zivilisation. Es waren schöne vierzehn Tage der Zweisamkeit gewesen. In Saint-Croix trennten sich unsere Wege. Nach einer Abschiedszigarre bestieg Matze den Zug. Ich wandte mich wieder meinen rotgelben Wegweisern des Chemin de Crêtes zu. Es war seltsam plötzlich alleine unterwegs zu sein.

Der Tag stand unter keinem guten Stern. Das Wetter war nass und kalt wie nie zuvor auf dieser Reise. Durch den Regen und den immer dichter werdenden Nebel verließ ich Saint-Croix im Westen und bahnte mir meinen Weg über den Mont des Cerfs hinaus in die Wildnis. Ich befand mich nun teilweise nur noch wenige Meter von der französischen Grenze entfernt, die mich in Richtung Süden begleitete. Vorbei an einem verlassenen Hof kam ich schließlich zum Col de l’Aiguillon auf 1284 Meter. Die Wanderung dieses Tages hatte erst spät begonnen. Erst gegen 11 Uhr vormittags hatte ich Saint-Croix verlassen. Es wurde Zeit etwas zu mir zu nehmen. Immer mehr frierend kauerte ich mich unter einem vermeintlich vor dem Regen schützenden Baum zusammen und kramte nach meinem Proviant – kein sehr bequemer Platz um zu ruhen. Ein heftiger Windstoß ließ schließlich das Wasser des Baumes auf mich herabregnen und verscheuchte mich. Es wurde immer kälter und ich sehnte mich nach Wärme.

Da tauchten aus dem Nebel plötzlich die Umrisse eines Gebäudes auf. Die freundliche Bergwirtschaft der Grange Neuve empfing mich herzlich. Bald trockneten meine nassen Kleider am Ofen. Ich saß daneben, trank heißen Tee und verspeiste eine köstliche Riesen-Meringue – eine Spezialität der Region.

Allein unterwegs zu sein bringt automatisch mit sich, dass man mehr schreibt. So füllten sich an diesem Tag die Seiten meines kleinen schwarzen Reisetagebuchs:

Es ist neblig und kalt. Meine Hände fühlen sich seltsam an. Sie schreiben auch seltsam. Eine Herberge im Nebel. Ich esse Süßes. Ich bin allein. Der Charme allein zu wandern geht unter in Nässe und Kälte. Es graut mir schon davor, dieses Wirtshaus wieder zu verlassen. Nicht mehr weit. Noch 45 Minuten bis zum Gipfel, wo ich nichts als Nebel sehen werde. Noch weitere 15 Minuten bis zum Chalet, wo ich hoffentlich Unterkunft finden kann.

Mein Ziel war das Chalet du Suchet, welches knapp unterhalb des Le Suchet (1588 m) auf meiner Karte freundlich leuchtete. Nachdem ich mich wieder halbwegs warm fühlte, wagte ich mich hinaus. Der Nebel war inzwischen so dicht geworden, dass es schwer fiel sich zu orientieren. Alle zwanzig Meter fand ich auf Steinen oder Bäumen die rotgelbe Raute des Chemin de Crêtes. Manchmal musste ich lange suchen, besonders dann als sich schon nahe des Gipfels die Bäume lichteten und ich nur mehr die Steine am Boden zur Orientierung hatte. So etwas wie ein Pfad war in der nassen Wiese kaum mehr auszumachen. Ich weiß bis heute nicht, ob ich wirklich auf der Spitze des Suchet gewesen bin oder nicht. Jedenfalls tauchten nach langem Irren irgendwann die Umrisse vom Chalet du Suchet vor mir auf. Bald saß ich dort bei heißem Tee, bezog das Matratzenlager und verbrachte einen langen Nachmittag in der abgeschiedenen Hütte am einsamen Berg. Bisher war ich der einzige Gast. Lange Stunden lag ich im warmen Dortoir und las dort in der Almhütte in den Schweizer Bergen meinen Koran, der mich bisher jeden Tag dieser Reise unterhalten hatte. Wie ich schon sagte, las ich dieses „heilige“ Buch rein aus Interesse, sowie ich inzwischen auch die Bibel gelesen habe. Beide sind mir als Atheist gleich viel wert. Beide Bücher waren eine Bereicherung meines Lebens. Im Frühjahr hatte ich den wunderbaren Film V for Vendetta gesehen. Eine sehr sympathische Figur findet zum Koran darin die folgenden Worte: I don’t have to be a Muslim to find its images beautiful or its poetry moving. Durchaus nicht. Ich habe mir diesen Sommer oft gewünscht arabisch zu können um die volle Pracht der Wortgewaltigkeit des Korans aufnehmen zu können. Doch auch so ist seine Lektüre sehr bereichernd. Die blühenden Gärten mit rauschenden Bächen, von denen im Koran stets als Paradiesvorstellung die Rede ist, verbildlichten sich vor meinen Augen und machten es mir leichter die Welt zu verstehen. Und doch, wie könnte man glauben? Sowohl in Bibel wie in Koran habe ich stets das Gefühl gehabt, die Menschen herauszulesen, die diese Worte schrieben, mit all ihren menschlichen Absichten, ihren Vorurteilen und Zielen. Wie man glauben kann, wahrlich die Abschrift der Offenbarung eines höheren Wesen oder gar das Wort Gottes vor sich zu haben, kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Schön wie sie sind, sind Koran und Bibel vor allem eines: zutiefst menschlich.

Später am Tage schrieb ich wieder in mein Reisetagebuch:

Die nächste Hütte. Urig. Hier werde ich die Nacht verbringen. Es war der Knöchel, der meinen Reisegefährten gegen seinen Willen zur Heimreise zwang. Er fand es schade, für ihn und für mich. Der Tee raucht. Es gefällt mir hier. Draußen Nebel und harter Regen. Was Nebel vermag. Beim Fenster draußen herrscht uniformes Grau. Ich hoffe sehr, dass meine Schuhe und meine Socken bis morgen trocknen mögen. Die einzigen anderen Gäste, zwei frankophone Damen, spielen am Nebentisch Karten. Die Fliegen singen. Ich habe geplant. Sofern das Wetter es erlaubt, bin ich übermorgen Abend in Saint-Cergue. Es lohnt sich nicht weiter nach Frankreich zu wandern, obwohl ich gern würde. Ohne Zelt wäre die Herbergssuche zu lästig und die Kosten wären zu groß. Außerdem sind dort hinter der Grenze die Verkehrsanbindungen sehr schlecht. Es wäre schwierig zurück in die Zivilisation zu gelangen. Von Saint-Cergue aus gibt es einen Zug hinab ins Tal. Eben haben sich zwei Fliegen auf meinem Reiseführer gepaart. Ich hoffe morgen statt Nebel Aussicht zu sehen. Ich hoffe diese Reise glücklich zu beenden. Ich hoffe noch einen schönen Sommer zu haben. Ich hoffe noch eine Geschichte zu schreiben. Ich hoffe noch zu leben. Und jetzt esse ich ein Käsefondue.

Das Chalet du Suchet schien eine Art Geheimtipp für Fondue-Freunde zu sein. War ich bis zum Abend noch beinahe allein gewesen, quälte sich nun Fahrzeug um Fahrzeug die steile Straße herauf. Bald war die Gaststube prall gefüllt mit Menschen und alle aßen sie Fondue. Als ich schon bestellt hatte, fiel mein Blick wieder auf Fenster. Ich betrachtete das Grau dahinter, welches plötzlich verschwunden war. Von einer Sekunde auf die andere, konnte ich weit hinab ins Schweizer Mitteland auf den bunten Fleckenteppich der Felder sehen. Ich sprang auf und trat hinaus ins Freie. Wo war der Nebel hin? In allen Richtungen herrschte auf einmal Fernsicht. Ich konnte sogar den Gipfel sehen und stand im Licht der Abendsonne. Vor Minuten noch hatte man kaum zehn Meter weit gesehen. Faszinierend.

Der Gipfel des Suchet und das Chalet

Ich kehrte zurück in das Chalet, wo schon mein köstliches Fondue und ein Glas Wein auf mich warteten. Ich ließ es mir schmecken und wurde schnell satt. Auf 1489 Meter fand ich dann rasch Schlaf. Es war die höchste Nacht dieser Wanderung.

16. Tag

Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster sah, war die Aussicht nicht gerade vielversprechend.

Aussicht am Morgen

Lange saß in vor dem Aufbrechen noch in der Stube des Chalets und wartete darauf, dass endlich das Personal erwachte und mir mein Frühstück brachte. Zwei Französinnen, Mutter und Tochter, leisteten mir Gesellschaft. Wir sprachen miteinander. Immer wieder versuchten die beiden Englisch mit mir zu reden und ließen sich selbst durch meine französischen Antworten nicht davon abbringen. Ich schrieb an diesem Morgen viele Zeilen in mein Tagebuch. Wer allein reist, schreibt viel mehr. Es waren vor allem Ideen zu meinem nächsten Roman Rabe und Stern, die ich in jenen stillen Stunden in der Hütte auf fast 1500 sammelte und notierte. Endlich erwachte dann das Mädchen vom Haus und bereitete uns ein leckeres Frühstück. Dann ging es wieder einmal hinaus in Nebel und Nässe. Der Regen hatte kurzfristig aufgehört. Über steile Weiden bahnte ich mir langsam meinen Weg talwärts. Ich erinnere mich noch gut daran, wie an einer engen Stelle plötzlich einige grimmig aussehende Kühe aus dem Nebel auftauchten und mir den Weg versperrten. Links und rechts des Weges gab es kein Vorbeikommen. Schließlich vermochte ich aber doch auch dieses Hindernis zu überwinden.

Etwas zynisch klingen die Kommentare meines Reiseführers, welche die herrliche Aussicht beschreiben, die man beim Abstieg vom Le Suchet auf den Dent de Vaulion und den Lac de Joux haben sollte. Ich sah nichts als Nebel. Über die einsame Hütten von La Poyette (1331m), La Languetine (1217m) und La Besonne (1090m) schaffte ich es dann aber doch aus einer bizarren Märchenwelt der verwunschenen Wälder und magischen Nebelschwaden allmählich zurück in die Zivilisation zu gelangen. Ich erreichte das Dorf Ballaigues (ca. 860 m) und stieg von dort aus weiter ab in die Orbe-Schlucht. Nachdem ich die Autobahn, welche hier nahebei über die Grenze führt, überwunden hatte, näherte ich mich allmählich dem wilden Gewässer, wo mich schon bald zwischen Bäumen und Büschen ein atemberaubender Anblick erwartete. Über mir thronte das 130-Jahre alte Eisenbahnviadukt von Vallorbe, über welches heute die modernsten TGVs, die trains au grande vitesse brausen.

Das Viadukt von Vallorbe

Wenig später befand ich mich im Ortskern von Vallorbe, eines kleinen doch verkehrstechnisch bedeutenden Grenzdorfes des Jura. Nach einer Pause im Trockenen, folgte ich dem Gewässer Orbe weiter ins Tal hinein, bis ich ca. eine Stunde westlich von Vallorbe jene Stelle erreichte, wo das Wasser dem Berg entspringt. Hier liegt der Eingang zur berühmten Grotte de l‘Orbe. Eben als ich dort ankam, begann es plötzlich in Strömen zu regnen. Um mich vor dem Schlimmsten zu bewahren, stürzte ich mich in das unterirdische Reich von Stalaktiten und Stalagmiten, wo ich über eine Stunde lang durch eine bizarre Höhlenwelt geführt wurde. Es war beeindruckend die wilden Wege des Wassers zu sehen und den gewaltigen Druck zu spüren, dem die Felsen der Tiefe hier ausgesetzt sind. Große Bereiche des unterirdischen Höhlensystems sind noch unerforscht. Die Tropfsteinhöhlen von Vallorbe sind auf jeden Fall einen Besuch wert.

Als ich wieder im Freien stand und meine Augen an das Licht gewöhnte, hatte der Regen zum Glück aufgehört. Es war zwar alles nass, doch wenigsten kam kein neues Wasser nach. Über kleine Brücken über Nebenarme der Orbe hinweg, bahnte ich mir meinen Weg in den Wald hinein nach Süden. Zwischen mir und dem Lac de Joux, welcher mein nächsten Ziel war, lag ein abgeschiedenes kleines Tal. Der Weg war dort in einem sehr schlechten Zustand. An allen Seiten wucherten die Pflanzen, sodass ich beständig an den nassen Blättern streifte, was mich schon nach kurzer Zeit nass bis auf die Knochen machte. Hin und wieder musste ich ein Stück zurückgehen und versuchen auf anderen Pfaden weiter zu kommen. Es gab eine Vielzahl von Gabelungen und Nebenwegen, welche mich immer wieder in die Irre führten. Fern von jeder Trockenheit erreichte ich unterhalb des Crêt Mal-Rond endlich wieder eine Landstraße, der ich mit größerer Sicherheit folgen konnte. Zuverlässig führte sie mich bis nach Le Pont ans Ufer des Lac de Joux, welcher auf ca. 1000 Meter Höhe liegt und der größte See des Jura ist.

Der Lac de Joux
Der Lac de Joux

Zynisch klangen wiederum die Worte meines Reiseführers: Also, Badehosen herausnehmen und schnell eine Runde schwimmen. Dafür war das Wetter leider nicht geeignet. Ich war immer noch ziemlich nass und es war kalt. Etwa eine Stunde lang wanderte ich gemächlich das Ostufer des Sees in Richtung Süden entlang. Schließlich erreicht in den Ort Abbaye (Abtei), wie der Name schon sagt, ein Ort mit religiösem Hintergrund, hat es hier doch im 12. Jahrhundert schon ein Kloster gegeben. Wie in meinem Reiseführer angekündigt, fand ich hier tatsächlich das Maison d’Accueil, ein kirchlich geführtes, historisches Haus mit Zimmern.

Ich wurde dort freundlich empfangen. Es wurden mir sogar verschiedene Zimmer gezeigt, von denen ich mir eines aussuchen durfte. Der Preis war eher billig. Bald trockneten meine Sachen an den warmen Holzwänden meiner Unterkunft und schon bald gab es Abendessen. Das Maison d’Accueil schien tatsächlich mehr zu sein als eine bloße Herberge. Vielmehr bot es mehreren Menschen Heimat, die im Leben vielleicht nicht so viel Glück gehabt hatten und hier von einem jungen christlichen Priester, welcher im übrigen das Haus zu leiten schien, aufgenommen worden waren. Zusammen mit allen Bewohnern des Hauses fand ich mich also schon bald an einer gedeckten Tafel wieder. Ich sprach an diesem Abend mehr Französisch als sonst auf meiner Reise, erzählte von meiner Wanderung, berichtete von Matzes Knöchel und redete auch über andere Themen, die die Leute des Hauses in die Runde warfen. Ein älterer Herr fing immer wieder an, von Spanien zu erzählen, wo er in seiner Jugend einst gewesen war. Es hörte ihm aber kaum jemand zu, da jeder seine Geschichten schon zu kennen schien. Jedenfalls war er froh mir während eines Großteil des Mahles von Spanien zu erzählen. Nach einem sehr langen Gruppengebet und mehreren Fürbitten oder ähnlichen Sprüchen, durfte man sich ans Essen wagen. Zuerst gab es eine gute Suppe, dann Crêpes mit verschiedenen Füllungen, die man sich selbst wählen konnte und schließlich viel Käse – ich war ja schließlich bereits kulturell gesehen in französischem Einflussgebiet und hier durfte Käse niemals fehlen. Als die Crêpes serviert wurden, passierte mir allerdings ein peinliches Missgeschick. Ich war es nicht gewohnt, einfach einen Teller mit aufeinander getürmten, dünnen Teigscheiben vor mir zu sehen. Auf den ersten Blick missinterpretierte ich das Gericht als ein Stück Zwiebelkuchen oder ähnliches, woraufhin ich mir aus dem Crêpes-Turm einfach ein Stück heraus schnitt. Der eigentliche Sinn wäre natürlich gewesen, sich eine dünne Scheibe zu nehmen und diese mit den verschiedenen Marmeladen, dem Schinken, oder dem Käse, die auf dem Tisch standen, zu füllen. Ich erntete wohl einiges Gelächter, doch der freundliche Pfarrer nahm in christlicher Nächstenliebe jede Schuld auf sich. Es war auf jeden Fall ein unterhaltsamer Abend.

Nach dem Essen saß ich noch ein paar Stunden in meinem Zimmer und las. Das hätte ich eigentlich auch im gemütlichen Leseraum im Erdgeschoss tun können, doch irgendwas sagte mir, dass es vielleicht falsch aufgefasst werden könnte, wenn ich inmitten dieser hochchristlichen Herberge meinen Koran auspackte. Das tat ich hier lieber im Geheimen.

17. Tag

Das Wetter hatte sich über Nacht kaum gebessert. Als ich nach einem guten Frühstück zur Tür hinaus trat, erwarte mich dieselbe Kälte und Nässe wie am Vortag. Wenigstens war ich selbst wieder trocken. Als ich den Dorfplatz von l’Abbaye bereits überquert hatte und nochmals zurück zur Herberge blickte, sah ich den Priester immer noch in der Tür stehen und sich mit einer Geste von mir verabschieden. Beim Bezahlen der Rechnung hatte er mir noch versichert für mich beten zu wollen. Bis nach Saint-Cergue, das ich am heutigen Tage noch erreichen wollte, war es ein weiter Weg. Vor mir lag unter anderem, der höchste Gipfel des Schweizer Jura, der Mont Tendre mit seinen stolzen 1679 Metern.

Schon bald war ich wieder in den Wäldern und kämpfte mich aufwärts. Wenn es auch zeitweise der Regen kam, so war er wenigstens nicht so heftig und langanhaltend wie am Vortag. Ich stieg auf zur Alm Les Croisettes (1304 m) und wandte mich dort gegen Süden, wo schon bald darauf das Chalet de Pierre (1551 m) aus dem Nebel auftauchte. Weiter ging es steil bergauf an bedrohlich blickenden Kühen vorbei zum Chalet du Mont Tendre und schließlich zum Mont Tendre selbst auf 1679 Meter. Nach all den vielen Höhen und Tiefen stand ich schließlich am höchsten Punkt des Schweizer Jura.

Die Gipfelpyramide des Mont Tendre
Die Gipfelpyramide des Mont Tendre

Die Aussicht vom höchsten Schweizer Juraberg ist „panoramisch“: das Léman-Becken, dahinter die Alpenkette mit den Walliser Viertausendern und dem Montblanc, das westliche Mittelland, der Jurabogen und die abebbenden Hügelketten nach Frankreich hin. Nur der Lac de Joux bleibt verborgen.

So steht es in meinem Reiseführer. Mir blieb allerdings ein wenig mehr verborgen. Schwitzend stand ich auf dem Gipfel des Mont Tendre. Nebel umgab mich. Ich riss mir das Hemd vom Leibe, streckte die Arme aus und stand einige Sekunden lang im nassen Wind der Höhe, bevor ich mich dann schnell trocknete, in warme Sachen kleidete und meinen langen Abstieg in Angriff nahm. Und doch: auch ohne Aussicht hat so ein Gipfel seine Reize.

Nach einigen Stunden der nebligen, einsamen Wildnis, in welcher ich keinem Menschen begegnet war, trat ich beim Pass Col du Marchairuz wieder kurzzeitig in die Zivilisation. Es schien eine Art Volksfest im Gange zu sein. Vor dem Wirtshaus hatte man viele Tische aufgestellt. Man aß und trank. In kleinen Ständen wurden Souvenirs und Kostbarkeiten der Umgebung verkauft. Mit den Menschen war auch die Sonne wieder zum Vorschein gekommen. Gleich bei ihren ersten wärmenden Strahlen, die mich erreichen konnten, setzte ich mich an eine halbwegs trockene Stelle und verschlang meinen übrig gebliebenen Proviant. Am Wirtshaus vorüber ging es dann weiter, vorbei an den Menschen, zurück in die Wildnis.


Ein Pfad durch bunte Wiesen – Der Crêt de la Neuve

Der Tag wurde indes immer freundlicher. Ich wanderte durch blumige Wiesen und über steinige Gratwege. Vom Crêt de la Neuve (1495 m) hatte ich zum ersten Mal des Tages eine Aussicht, die ich genießen konnte. Mein Blick reichte sogar hinab bis zum Genfer See, der in der Ferne silbrig schimmerte. Es ist schön dabei zuzusehen, wie die Wolken sich verziehen und das Blau des Himmels immer mehr die Überhand gewinnt. Allmählich ging es abwärts. Irgendein perfider Bauer der Gegend schien sehr viel Angst davor zu haben, dass seine Kühe ausrissen. Er hatte als Konsequenz sämtliche Weidegatter so dicht mit Stacheldraht umspannt, dass auch ich es nicht schaffte ohne kleine Verletzungen und Schäden an meiner Kleidung daran vorbeizukommen.

Über die Alm Le Planet erreichte ich schließlich den Wald von Oujon, welcher ein Geheimnis in sich birgt. In seinem Herzen öffnet sich dem Wanderer nämlich plötzlich eine große Lichtung, wo die Reste der Klosteranlage von Oujon aus dem Boden ragen. Viel ist nicht mehr da. Jedoch ist immer noch gut zu erkennen, dass die Anlage recht weitläufig war. 1146 wurde hier eine Art Abtei gegründet, welche im sechszehnten Jahrhundert allerdings der Reformation zum Opfer fiel und im Anschluss daran viele Jahrhunderte lang als Steinbruch diente.


Der Tag wird freundlicher – Die Ruinen von Oujon

Und dann war ich plötzlich da. Der Wald endete. Über die Farmen von La Conriéry und Les Agozat erreichte ich den Ortskern des Dorfes Saint-Cergue – eine letzte Bastion vor der nahen Grenze nach Frankreich. Es war später Nachmittag und ich wusste, dass hier meine Reise enden würde. Doch nur vorläufig. Als ich die Straße ins Dorf herunterkam und die Bahngeleise kreuzte, da schwor ich mir eines Tages wiederzukehren und meine Reise hier, genau an dieser Stelle fortzusetzen. Ich musste nun heim, weil es ohne Zelt keinen Sinn mehr hatte weiterzuwandern und hinter der Grenze die Unterkünfte spärlich waren. Aber ich würde wiederkehren, mit besserer Ausrüstung und neuen Kräften. Für diesen Sommer reichte es. Es galt nach Hause zu fahren. Es galt noch einen Roman zu schreiben und den Rest des Sommers so richtig auszukosten.

Diese Straße kam ich herab und war da

In Saint-Cergue besorgte ich mir zum Abschluss der Reise eine gute Tafel Schokolade und kaufte mir schließlich am Bahnhof eine Fahrkarte nach Genf. Wehmütig verabschiedete ich mich von den rotgelben Schildern des Chemin de Crêtes, welche munter zum Weitermarsch aufriefen. Ein andermal. Der Zug kam. Ich stieg ein. Zum ersten Mal seit siebzehn Tagen und 417km, zum ersten Mal seit dem fernen Österreich, betrat ich ein Fortbewegungsmittel. Nach all den langen Märschen war es ein seltsamen Gefühl sich plötzlich zu bewegen ohne, dass man seine Füße dazu benutzen musste.

Eine halbe Stunde später stand ich am Bahnhof von Genf und erlebte eine Art von Kulturschock. Nach Tagen der Einsamkeit im Gebirge, stand ich plötzlich inmitten hunderter Menschen. Um mich herum leuchteten Werbeanzeigen und dröhnten schrille Stimmen aus Lautsprechern. Wie schnell man doch verlernt an all das gewöhnt zu sein. Ich bahnte mir meinen Weg über die dicht bevölkerte Rue de Lausanne und erreichte schließlich die Jugendherberge. Wie viel doch an einem Tag geschehen kann… Am Morgen war ich noch im einsamen l’Abbaye an den Ufern des Lac de Joux gewesen. Dann der Mont Tendre, einsame Gegenden, Ruinen, Saint-Cergue und jetzt: die Großstadt Genf.

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Ich verbrachte einen Tag in Genf, besichtige Altstadt und UNO und verbrachte dann eine weitere Nacht in der Jugendherberge. Am 19. Tag meiner Reise saß ich schließlich in einem Zug und fuhr nach Hause. In meinem kleinen schwarzen Reisetagebuch finden sich folgende Sätze:

So geht eine Reise zu Ende. Jetzt bin ich im Zug und fahre nach Hause. Was soll man nun noch zu dieser Reise sagen? Erkenntnisse: Man ist zu Fuß schneller als man glaubt. Brunnen sind etwasWunderbares. Man lebt sich in den Berg hinein. Essen ist gut. Ich bin und war ein Wanderer. Ich mag es sehr zu wandern. Über Hügel, Täler, Berge, durch Nebel und Regen, in Sonne und Sturm. Ich mag es mich auf Karten zu bewegen und zu sehen, was diese vom Land unterscheidet. Es ist die schönste Fortbewegungsart. Und in dichten Nebelschwaden bin auf schroffen Gipfeln ich gestanden und ich sog die raue Luft tief ein und blickte auf die Welt, die ich nicht sah. Ja, es ist schön zu wandern.

Und ich würde weiter wandern.

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