Wanderung auf dem E4 – 2.Etappe: Von Saint-Cergue nach Grenoble

Juli 4, 2009 at 11:03 am (Allgemein)

Startseite ———– Aktuelles

Meine Reisen

Reisezeit: Juli/August 2008

Reiseort: Saint-Cergue – Französisches Jura – Oberes Rhonetal – Massif de la Chartreuse – Grenoble

Reiselänge: 12 Tage (ohne An- und Rückreise)

Reiseart: Wanderung

Reiseliteratur: Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage

Es folgt eine ausführliche Schilderung meiner Erlebnisse auf dem E4.

28.7.2008 – Tag 18

Ich stieg aus dem Zug und war da. Saint-Cergue. Endlich in Saint-Cergue. Damit war der Kreis geschlossen und aus dem Ende ein neuer Anfang geworden. Zwei Jahre lang hatte ich mich auf diesen Tag gefreut, hatte ihm sehnend entgegen geblickt. Jetzt war aus der Zukunft endlich Gegenwart geworden. Frei wie schon lange nicht mehr schulterte ich meinen vollbepackten Rucksack und ging die paar Schritte zum Bahnübergang hinunter, gleich neben dem kleinen Uhrturm. Dieser läutete eben die siebente Stunde des noch jungen Tages herbei. Von hier aus führt eine Straße nach Norden, die Hügel hinauf hin zum Waldrand. Ich kannte sie. Von dort war ich damals gekommen. Die Gebäude ringsum sahen mich nicht zum ersten Mal. Ziemlich genau zwei Jahre war es her, dass müde Beine mich von Norden kommend in das kleine verschlafene Bergdorf Saint-Cergue nordwestlich von Genf trugen. Zur Müdigkeit hatte ich allen Grund, denn fast 420 km lagen damals hinter mir. Fast die ganze Schweiz hatte ich durchschritten, von Bregenz aus, entlang Bodensee und Rhein über die Juraketten bis hierher, bis nach Saint-Cergue, nahe der französischen Grenze. Lange blickte ich auf die Straße am Bahnübergang und schwelgte in Erinnerungen. Ging man von hier aus nach Norden, so kam man bald in die dichten Wälder von Oujon, in deren Herzen die Ruinen eines alten Klosters aus dem 12. Jahrhundert schliefen. Ich hatte sie gesehen. Weiter im Norden warteten der Col du Marchairuz und dahinter der mächtige Mont Tendre, mit 1679 Metern der höchste Gipfel des Schweizer Juras. Ich hatte ihn bestiegen. Westlich davon fand man den damals nebelbedeckten Lac du Joux, den größten Jurasee. Auch seine Ufer kannte ich. Jeder Schritt von hier bis Österreich war mir vertraut. Noch viele Bilder waren in mir erhalten geblieben. Und wie ich da stand, am Bahnübergang und auf die Straße blickte, da schien es mir fast, als könnte ich mich selbst sehen, wie ich zwei Jahre jünger, bärtig und müde die Hügel herabstieg. Viel war seitdem geschehen. Viel hatte sich verändert. Zwei stürmische Jahre waren über die Welt und mein Leben gefegt und hatten dort ihre Spuren hinterlassen. Was mich betrifft, so waren es im Großen und Ganzen zwei gute Jahre gewesen. Anstrengend, nicht immer leicht, aber gut. Ich hatte viel erreicht. Mein Studium ging gut voran. Physik und Philosophie nahmen mich sehr in Anspruch, doch vermochten nach wie vor mich zu begeistern. Ich hatte „Auf See“ veröffentlicht. Zwei weitere Romane und vieles mehr waren während dieser Jahre entstanden. Mit dem Theater hatten sich neue Türen geöffnet. Zwei wunderbare Inszenierungen waren mir geglückt, eine davon klein und fein, die andere groß und gewaltig mit über fünfzig Mitwirkenden, beide sehr erfolgreich. Es war schön die Spieler auf der Bühne „leben“ zu sehen. Zwei gute Jahre. Viel war gelungen, wenig missglückt. Ich hatte hart gearbeitet, doch der Applaus ließ sich sehen. Ich hatte Lesungen gehalten, hatte gerechnet und experimentiert. Nietzsche, Dostojewskij und Lorca waren mir enge Freunde geworden. Ich hatte inszeniert, gedichtet und gedacht. Ich hatte gelodert, geleuchtet und gelebt. Zwei gute, anstrengende und intensive Jahre, die viel Kraft gekostet haben. Schon lange war der Zeitpunkt gekommen, da eine Pause nötig war. Ich hatte nicht mehr den Elan von früher. Müde war ich geworden. Viel hatte sich verändert. Ich brauchte Ruhe, Stille und Einsamkeit. Und es gab nur einen Ort, wo ich dies finden konnte. Und dieser Ort war ein Weg. Und der Weg begann in Saint-Cergue.

Immer noch stand ich am Bahnübergang. Die Welt und ich mochten sich verändert haben, doch hier war alles beim Alten geblieben. Dieselbe Straße, dieselben Bäume am Wegesrand, derselbe Kirchturm, der seinen langen Morgenschatten warf. Alles war genauso, wie ich es in Erinnerung hatte. Als wäre es gestern gewesen… Als wäre es heute… Als wäre ich geradeerst die Straße herab gekommen und würde nun einfach w e i t e r g e h e n. Und plötzlich hielt mich nichts mehr, da wo ich war. Es war wieder Zeit. Ich war da. Doch ich war nicht da um zu bleiben.

Und ich blickte nach Süden. Da waren sie, die steilen Wälder am Fuße des Berges La Dôle. Dorthin führte mein Weg. Der Gipfel war noch unsichtbar, doch bald würde ich ihn sehen. Und bald darauf würde ich dort stehen, die Welt weit unter mir. Und wieder würde ich nach Süden blicken, wo die weiten Ebenen Frankreichs meiner harrten. Auch dorthin führte mein Weg. Doch wie weit würde er führen? Wie weit würde ich kommen? Wo würde ich diese Nacht verbringen? Alles Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Es gab kein konkretes Ziel. Ich wollte nur wandern. W a n d e r n. Immer weiter und weiter und weiter. Mein Ziel war der Weg. Mein Ziel war die Wandlung und die Erkenntnis, die ich dort erfahren würde. Diese Reise war eine Katharsis. Wieder atmen. Wieder leben. Frei sein. Von allem. Der Physik, der Philosophie, dem Theater, der Gesellschaft. Mich reinwaschen vom Schlamm der letzten Jahre. Frei sein. Lebendig sein. Einfach mal wieder nachschauen, wer man eigentlich ist, bevor es in Vergessenheit gerät. Einfach auf der Suche sein, nach dem Menschen, der man war, der man ist und jener werden, der man wird. Die Gedanken wahllos kreisen lassen und sehen wohin der Wind sie trägt.

Und ich ging los. Es gab kein Halten. Zu lange war ich stehen geblieben. Der Berge riefen. Wo waren die Wegweiser? Wo war mein alter Pfad, dem ich so lang schon folgte? Da! Vertraut und freundlich leuchtete von einem hölzernen Pfahl das Rot-Gelb der Wegmarkierungen des Jurahöhenweges, des Chemin de Crétes mir entgegen. Sie wiesen mir den rechten Weg. Ihnen folgte ich. Bald hatte ich die Gebäude von Saint-Cergue hinter mir gelassen und marschierte zuerst über Schotterstraßen, dann über Wiesenpfade und Weiden stetig steigend in die Natur hinein, jene wilde, unberührte Natur, die mich mehr und mehr umgeben sollte. Es lag ein wenig Morgennebel über den Bergen. Hin und wieder blieb ich stehen und betrachtete das funkelnde Spiel der erwachenden Sonne, wie ihre einzelnen Strahlen durch den Nebel sichtbar gemacht geheimnisvoll hinter den nahen Bäumen hervortraten. Schon bald war ich über 1200 Meter und sog die frische Bergluft in mich ein. Schon lange nicht mehr hatte ich so gut und gerne geatmet.

Oh! there is sweetness in the mountain air,

And life, that bloated Ease can never hope to share.

Alleine war ich nur beinah, denn einen Gefährten trug ich stets mit mir. Er war es auch, der diese Worte sprach. In jeder Stunde meiner Wanderung begleitete mich George Gordon Noel, der sechste Baron Byron von Rochdale, genannt L o r d B y r o n. Er war der beste Kamerad, den ich mir wünschte konnte, wich nie von meiner Seite, klagte nie über Müdigkeit und war stets mit Rat und Rätseln ein teurer Freund in meiner Einsamkeit. Zwar war er oft schlechter Laune und klagte sich in Weltschmerz ertränkend über das Übel der Menschheit, sein schwarzer Humor und die Schönheit seiner Worte vermochten es aber stets mich zu erheitern.

Nach zwei Stunden Aufstieg hatte ich die erste Hürde des Tages geschafft. Ich befand mich auf 1677 Meter am Gipfel des Grenzberges La Dôle. Die Aussicht war wundervoll. Weit unter mir konnte ich den Genfer See erkennen. Im Südosten begann sich die Agglomeration von Genf und den umliegenden Orten aus dem Morgennebel hervorzuheben. Im Osten konnte man hinter dichten Wolkenfetzen die Alpen erahnen. Ein Gipfel ist eine Befreiung. Man erreicht das Hoch, das kein Höher mehr birgt, lässt den Rucksack zu Boden fallen, macht sich den Oberkörper frei und steht als König über Welten in den Winden der Höhe zwischen Horizont und Horizont. Schön. Dort wo ich nun stand, und auf die Grenzregion der Schweiz hinabblickte, dort war auch Goethe einst gestanden. Auch er hatte diesen letzten helvetischen Juraberg erklommen, hatte in Richtung der Alpen geblickt und geschrieben:

Und immer wieder zog die Reihe der glänzenden Eisgebirge das Aug‘ und die Seele an sich. Wenn sie dann erst in der Reinheit und Klarheit in der freien Luft mannigfaltig daliegen; man gibt da gern jede Prätension ans Unendliche auf, da man nicht einmal mit dem Endlichen im Anschauen und Gedanken fertig werden kann.

Ganz Nachvollziehen kann ich die Impression des Dichterfürsten nicht. Doch dies liegt vielleicht an der riesigen Radarstation, die kalt am kahlen Gipfel thront und die Atmosphäre mehr als nur ein wenig stört. Sie sieht in etwa aus wie ein riesiger Golfball, den irgendein Riese hier platziert hat.

Auch mein Freund Byron kannte diesen Ort. Ich weiß nicht, ob er ihn je betreten hat, doch gewisse hat er La Dôle oft betrachtet, liegt doch in Sichtweite am Genfer See die Villa Diodati, in welcher Byron eine Zeit lang lebte. Dort war es auch, dass er eines der epochalen Ereignisse in der Geschichte der phantastischen Literatur initiierte. Es geschah im Sommer des Jahres 1816 in einer finsteren Nacht, als der englische Dichter Percy Shelley mit seiner Gefährtin Mary Wollstonecraft Godwin bei Byron zu Gast waren. Das gewittrige Wetter verbot jeglichen Naturgenuss. Also verbrachte die Gesellschaft den Abend damit einander deutsche Gruselromane vorzulesen. Doch wozu lesen, wenn man selbst ein Dichter ist? Als der Abend später wurde, machte Byron den Vorschlag ein jeder in der Runde sollte doch selbst eine Schauergeschichte schreiben. Nicht jeder in der Gesellschaft nahm diese Aufgabe ernst. Mary jedoch schon. Inspiriert von der schaurigen Nacht und den Nebeln über dem See schrieb sie einen Roman, der in Genf beginnt und in der Arktis endet. Es sollte einer der wichtigsten literarischen Werke der Epoche werden und für mich einer der besten Romane aller Zeiten, dessen Titel auch heute noch einem jeden Kind ein Begriff ist. Dort unter mir am See wurde vor fast 200 Jahren die Idee zu Mary Shelley’s Frankenstein or The Modern Prometheus geboren und Byron war der Auslöser von alledem.

Ich musste weiter. Zum Verharren blieb wenig Zeit. Zulange schon war ich in der Schweiz gewesen. Die Grenze harrte meiner in Ungeduld. Unweit hinter dem Gipfel von La Dôle erwartete mich jedoch noch ein neuer Grund kurz einzuhalten. Es war ein Wegweiser, der nach Osten wies und dem ich nicht mehr folgen sollte. Insgesamt zwölf Tage lang, seit Dielsdorf, über zweihundert Kilometer hinter mir, war ich dem Jurahöhenweg gefolgt. Hier verließ ich ihn um auf dem Balcon de Leman weiter in Richtung Frankreich zu wandern. Der Chemin de Crêtes, wie der Jurahöhenweg ab dem Wäsmeli, der Sprachgrenze, hieß, blieb der Schweiz treu und führte hier hinab ins Tal. Doch meiner harrten neue Wege. Auf einer Höhe von 1400 Metern fand ich schließlich die Grenze. Bisher war ich seit Saint-Cergue keinem einzigen Menschen begegnet und auch hier wartete niemand. Ein paar alte Grenzsteine und eine Hinweistafel wiesen mich darauf hin, dass ich im Begriff war, in die EU einzureisen. Zwei Kühe und ein Pferd musterten mich misstrauisch als ich mich der Republik Frankreich langsam näherte. Da ich nicht gefährlich aussah, ließen sie mich passieren. Da war ich also. Bienvenu, la France!

Mein Weg führte mich in einen dichten Wald, den Forêt de Turet, der mich schon bald von allen Seiten umgab. Lange folgte ich einer alten Forststraße, die kein Ende zu nehmen schien. Als ich tief in meine Karten blickte und den Boden außer Acht ließ, zertrat ich eine Weinbergschnecke. Armes Tier. Wäre ich abergläubisch, was ich als alter Atheist nicht bin, so könnte man das Irren der folgenden Stunde als Rache des Waldes an mir für den Tod dieses Tieres bezeichnen. Jedenfalls zeigte sich mir bald, dass die Landkarte und das Land zwei völlig verschiedene Dinge sind. Manche Wege, die sich auf Papier klar zeigten, schienen nicht oder nicht mehr zu existieren. Jedenfalls stapfte ich eine Zeit lang durch sumpfigen Morast, der eigentlich ein Weg sein sollte, bis ein Schild „Attention! Chasse! Tout Passage Interdit!“ mich darauf aufmerksam macht, dass mich wohl bald eine Kugel träfe, würde ich diesen Weg weiter vorfolgen. Also machte ich kehrt und irrte weiter durch den mir allmählich zuwider werdenden Wald von Turet. Es ging hinab und plötzlich hundert Höhenmeter hinauf. Nur mein Kompass half mir auf dem engen Weg durchs Unterholz im Labyrinth der sich ständig neu gabelnden Pfade. Und schließlich, endlich: Straßenlärm. Ich war dem Col de la Faucille, einem alten Jurapass schon nahe. Eineinhalb Stunden später als erwartet, erreichte ich endlich die Straße, die hier auf 1340 m über die Berge führt. Und nahe der Straße war ein Wirtshaus, und gleich daneben ein Kiosk und Hotels und Sportgeschäfte und ach ja … ein Wintersportgebiet, an die zehn Gebäude insgesamt – im Sommer freilich recht verlassen.

Wenn man nicht wandert, so weiß man nicht, wie gut das Essen schmecken kann. Wann hat man denn noch wirklich Hunger, in den gewöhnlichen Lebenswegen der westlichen Welt? Selten oder so gut wie nie. Doch nach langer Wanderung müde, ausgezehrt und hungrig in eine Nektarine zu beißen und ihre herrliche Süße zu schmecken, das ist das höchste der Gefühle. Nahrung – erst auf der Wanderung lernt man sie wieder richtig schätzen. Das Brot, das uns Kraft gibt – banale Selbstverständlichkeit im Alltag – gewinnt den Wert, der ihm gebührt und die wunderbare Gabe des Genusses, den uns ein Mahl bereiten kann, erstrahlt in neuem Licht.

In diesem Sinne ließ ich mir mein etwas spätes Mittagessen im Restaurant am Col de la Faucille so richtig schmecken. Dann ging es weiter. Ich hatte meine Wasservorräte aufgefüllt und passierte die verlassenen Gebäude der Liftanlagen bis ich auf neue Wegweiser stieß. Und hier traf ich auf den GR9, den Sentier de Grande Randonnée 9, welcher von Mijoux kommend hier zum ersten Mal unter meine Beine führte und dem ich lange lange, fast 400 km lang, treu bleiben sollte. In voller länge führt der GR 9 vom französischen Jura bis hin ans Meer der Côte d’Azur. Vom Col de la Faucille bis zum fernen Dieulefit in den Bergen der Diois ist er Teil des E4. Ich würde ihm lange nicht mehr von der Seite weichen. Sein Verlauf führte mich bald weg von den Gebäuden des Wintersports, fort von den verlassenen Skipisten hin zu den höchsten Gipfeln des Jura. Schon seit der Grenze befand ich mich im Parc Naturel Régional du Haut-Jura, nun aber betrat ich die geschützte Kernzone des Naturparks. Hier, westlich von Genf, erhebt sich die mächtigste Kette des Jura, die in geschlossener Form dem Flachland entlang des Léman (des Genfer Sees) ein Ende setzt. Verlassene Wege und eine wunderbare Aussicht entlang des Grats zwischen den einzelnen Gipfeln erwarteten mich. Vom Col de la Faucille aus kommend, erreichte ich als erstes den Gipfel des Mont Rond (1596 m). Hier betrat ich erstmals den Grat und die Bilder einer fantastischen Landschaft fluteten meine Augen. Vor mir ging es steil hinab und dort weit unter mir, weit weit entfert, dort lag die Zivilisation. Genf, Nyon, Gex, ein Meer aus Häusern, Straßen und landwirtschaftlichen Flächen bot sich mir dar. Dahinter der weite Léman, der im Norden am Horizont verschwand. Und vom fernen Osten her grüßten wie immer die Alpen. Die Luft war klarer geworden und ich konnte sogar den schneebedeckten Gipfel des Montblanc sehen. Wenn man genau hinsah, so konnte man auch das Wahrzeichen von Genf erkennen. Dort wo der Léman sein Ende fand und den Rhône gebar, dort erhob sich die gewaltige Wasserfontäne von Genève, gewaltig freilich nur dort unten. Hier oben im Vergleich mit den Bergen war sie nur ein kleiner Springbrunnen in der Ferne.

Vom Mont Rond aus wanderte ich den Grat entlang in Richtung Süden und näherte mich allmählich den höchsten Juragipfeln. Links von mir lag jene wundervolle Landschaft, die ich oben beschrieb, rechts von mir konnte ich unterhalb der waldlosen Hochweiden der Jurakette das waldreiche Tal der Valserine sehen, dessen Tiefe sich mir aber verbarg. Ich konnte nur den Gegenhang sehen. Morgen würde mich mein Weg dorthin führen. Das wusste ich. Es würde morgen sein, denn heute war schon fast vorbei. Der Nachmittag eilte schnell dahin als ich den malerischen Grat über den Welten entlang wanderte. Fern war noch der Colomby de Gex, der nächste hohe Juragipfel, als ich mich an einer schönen Stelle ins Gras setze und meine Karte studierte. Es war an der Zeit dem Tag ein Ende zu setzen. Doch wo? Hier oben gab es nichts außer der Natur und ein paar unbewirtschafteter Almen. Die Grenzen des Nationalparks waren noch weit entfernt. Zwar war es verboten, doch musste ich wohl oder übel mein Zelt innerhalb der Grenzen dieses Schutzgebietes aufschlagen. Sollte ein Vertreter der französischen Nationalparksicherung dies lesen, so darf er mich gerne zur Rechenschaft ziehen. Ich bin mir jedoch sicher, in der wunderschönen Landschaft des Haut-Jura keine Spuren hinterlassen zu haben als ein wenig niedergedrücktes Gras, dort wo mein Zelt gestanden hat. Es war dies in einer kleinen Senke, die ein wenig windgeschützt auf etwa halber Strecke zwischen Mont Rond und Colomby de Gex liegt. Aus Angst vertrieben zu werden, wartete ich mit dem Zeltaufbau noch bis zur Dunkelheit. Ich aß mein Abendmahl aus Brot und Käse und ließ die einsame Gegend auf mich wirken. Niemand kam. Allmählich versank die Sonne, die mich den ganzen heißen Tag über begleitet hatte hinter den Hügeln im Westen. Als ich mein Zelt schließlich aufgebaut hatte, kam doch noch ein Wanderer vorbei, doch er grüßte nur und fragte freundlich, ob ich gut gerüstet für dich Nacht sei. Ich bejahte.

Die Nacht kam. In Erwartung eines ungestörten, tiefen Schlafes nach langer Wanderung begab ich mich in das bequeme Innere meiner Behausung und schlief schon bald. Doch die Nacht sollte alles andere werden als ruhig.

Bis Mitternacht ließ die Nacht mich tief und fest schlafen. Doch dann kam Wind auf. Ich erinnere mich daran, dass ich mehrmals erwachte, dass ich hörte und spürte, wie mein Zelt zitterte und flatterte und dass ich dann immer wieder einschlief. Der Wind ebbte nicht ab. Und dann, gegen drei Uhr früh, ging es los. Die ersten lauten Donnerschläge rissen mich aus dem Schlaf. Noch stärker war der Wind geworden. Er schüttelte mein Zelt hin und her, vermochte aber nicht es dem Boden zu entreißen. Für Sekunden erfüllte das grelle Licht der Blitze die Nacht bevor es wieder finster wurde. Die Pausen zwischen Blitz und Donner wurden stetig kürzer. Das Zentrum des Gewitters rückte immer näher. Zwar befand sich mein Zelt in einer leichten Senke jedoch konnte man kaum behaupten, dass dies mich vor den Blitzen schützen würde. Und desto stärker der Wind, desto greller das geisterhafte Leuchten der elektrischen Entladungen der Donnerwolken wurde, umso gewisser schien es mir, dass der nächste oder übernächste Blitz mich treffen würde. Ich blieb gefasst. Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, schlüpfte ich in meine Regenhose, in Schuhe und Jacke. Wenn es wirklich ernst würde, so wollte ich das Zelt so schnell wie möglich verlassen können. Als es mir schließlich so schien, als befände sich das Gewitter nun genau über mir, da hielt ich es im Zelt nicht mehr aus. Ich trat hinaus in ein Inferno aus Wind, Donner und Licht. Eben setzte heftig prasselnder Regen ein. Blitze zuckten und für Sekunden konnte ich weit entfernt den Gipfel des Colomby de Gex sehen, bevor die Nacht wieder alles verschlang. Im Glauben dort besser geschützt zu sein, presste ich mich gegen die Felsen des Berghanges und beobachtete das Schauspiel. Bei jedem Blitz konnte ich mein Zelt in etwa zwanzig Meter Entfernung zittern sehen. Der Donner war so laut, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Hier oben waren die Wolken schließlich auch sehr nah. Und das Inferno nahm kein Ende. Ich merkte, dass ich am ganzen Körper zitterte, doch weiß ich nicht, ob das an der Kälte lag oder an der Angst. Angst hatte ich natürlich, doch war ich fern von Panik. Mein Geist blieb kühl und klar, zählte die Zeit zwischen Blitz und Donner und versuchte auszumachen, ob das Gewitter sich nun entfernte oder weiter näher rückte. Der Wind nahm immer noch zu, aber schließlich, als die Blitze nicht mehr allzu nahe schienen, eilte ich in mein Zelt zurück. Ich fürchtete, dass es bei diesem Wind ohne das Gewicht meines Körpers im Inneren, wohl bald vom Boden losgerissen und über den Steilhang hinab in die Tiefe gerissen würde. Doch kaum war ich im Zelt, wurde der Donner wieder lauter, die Blitze kamen wieder näher und ich floh erneut hinaus ins Inferno, wo ich mich ein wenig sicherer fühlte. Für Sekunden konnte ich weit unter mir Genf sehen, von wo aus die Blitze im Jura sicherlich ein erstaunliches Schauspiel boten. Der Sturm wollte nicht enden. Neue Gewitterfronten kamen und gingen. Zwischen drei Uhr und halb fünf etwa, verließ ich an die drei oder viermal mein Zelt um dann doch wieder zurückzukehren. Einmal verirrte ich mich fast in der Dunkelheit. Erst nach Minuten konnte ich mein Zelt wiederfinden. Bald darauf fand ich mich schon wieder an die Felswand gedrückt in reger Erwartung, dass das Feuer des nächsten Blitzes auf mich stürzen würde. In dieser Nacht wurde mir einmal wieder so richtig bewusst, wie sehr ich doch am Leben hing und wie wenig ich wollte, dass dieser Sturm mein letzter sei.

Endlich schien dann das Gewitter sein Ende zu nehmen. Die Abstände zwischen Blitz und Donner, sowie zwischen Blitz und Blitz und Donner und Donner wurden länger. Der Donner wurde leiser. Schließlich blieb nur noch der prasselnde Regen zurück, welcher auch allmählich friedlicher wurde. Erschöpft versank ich im Schlaf.

Erst viele Tage später fand ich heraus, dass mein Freund Byron hier einst ein ähnliches Schauspiel erlebt hatte. Zwar befand er sich nicht hier oben im Epizentrum des Sturmes, sondern an den geschützten Ufern des Léman. Seine Schilderung passt jedoch sehr zu meinen Erlebnissen.

The sky is changed! – and such a change! Oh night,

And storm, and darkness, ye are wondrous strong,

Yet lovely in your strength, as is the light

Of a dark eye in woman! Far along,

From peak to peak, the rattling crags among

Leaps the live thunder! Not from one lone cloud,

But every mountain now hath found a tongue,

And Jura answers, through her misty shroud,

Back to the joyous Alps, who call to her aloud!

And this is in the night: – Most glorious night!

Thou wert not sent for slumber! let me be

A sharer in thy face and far delight,-

A portion of the tempest and of thee!

How the lit lake shines, a phosphoric sea,

And the big rain comes dancing to the earth!

And now again ‘tis black, – and now, the glee

Of the loud hills shakes with its mountain-mirth,

As if they did rejoice o’er young earthquake’s birth.

Byron hat das Wüten des Sturmes sichtlich genossen. In seinen Anmerkungen schreibt er, in jener Nacht am Genfer See habe er das schönste Unwetter seines Lebens gesehen. Und schön war auch das meine, nur dass ich diese Schönheit im Angesicht der Gefahr nicht ungestört genießen konnte.

Tag 19

Ich erwachte an einem strahlend sonnigen Morgen inmitten paradiesischer Natur. Die Luft war warm und ruhig, der Himmel blau und ungetrübt. Nichts war geblieben vom Toben der nächtlichen Stunden. Ja wären da nicht die Spuren meiner dreckigen Schuhe am Eingang des Zeltes gewesen, ich hätte beinahe meinen können, alles sei ein Traum gewesen und das Gewitter nichts als Hirngespinst. Dennoch war ich froh erwacht zu sein und freute mich auf einen neuen langen Wandertag.

Nach einem kurzen Frühstück packte ich alles zusammen und setzte meinen Weg fort. Die wunderbare Aussicht war dieselbe wie am Vorabend, nur in einem andren Licht. Die Sonne stand nun weit im Osten und alles sah ein wenig anders aus. Nach einer Stunde Wanderung entlang des Grats erreichte ich schließlich die bislang höchste Stelle des E4 und auch des Jura. Ich stand auf dem kahlen Gipfel des Colomby de Gex (1689 m). Von hier aus konnte ich im Süden den weiteren Verlauf der höchsten Jurakette sehen, deren Grat ich nun bald verlassen sollte. Etwa zehn Kilometer südlich erhob sich der mächtige Crêt de la Neige, welcher mit 1718 Metern der höchste aller Juraberge ist. Ihn würde ich nicht besteigen. In der anderen Richtigen, im Norden, konnte ich weit weit entfernt, fast schon verschluckt vom Dunst des Morgens, den Gipfel von La Dôle ausmachen. Auch am Vorabend hatte ich ihn gesehen. Es ist ein schönes, ein bewegendes Gefühl, wenn man am Ende eines Tages zurückblicken kann und weit entfernt am Horizont jene Gipfel sieht, die man am Morgen erst bestiegen hat. Die Weite des Landes und die großen Distanzen, die ein Wanderer an einem Tag zu überbrücken vermag, gewinnen dabei eine völlig neue Bedeutung. Im Osten konnte ich unter mir immer noch den Fleckenteppich aus Feldern, gespickt mit kleinen Dörfern sehen, der sich von hier bis Genf hinzog. Doch da lag weit mehr, als das Auge sah, denn wundersame Dinge gingen dort unter mir von statten. Die Erde dort barg ein Geheimnis, denn eben dort in jenem flachen Landschaftstrich zwischen Genf und dem Weiler Crozet am Rand der Jurakette direkt unter mir, wurde jetzt eben Geschichte geschrieben. Die Speerspitze der Forschung und das größte und aufwendigste wissenschaftliche Projekt, das die Menschheit je vereint und gemeinsam hervorgebracht hatte, lag mir zu Füßen und war eben in den letzten Zügen der Fertigstellung seiner bislang wichtigsten Experimentierstufe. Vor ein paar Monaten war ich dort gewesen. Ich hatte die unterirdischen Röhren gesehen und die gewaltigen Kavernen mit den Detektoren.

Dort unter mir lag CERN, das Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire.

Unter jenen Feldern, 100m tief unter der Erde, verläuft ein Tunnel in Form eines gewaltigen Ringes von über 27km Umfang. In wenigen Monaten würde dort der LHC, der Large Hadron Collider in Betrieb gehen, der größte Teilchenbeschleuniger aller Zeiten. Über 11 245 Mal in der Sekunde jagen die Teilchen mit annähernder Lichtgeschwindigkeit durch die Röhre und kreuzen die Grenze zwischen Frankreich und Schweiz – ganz ohne Reisepass. Mit Energien von über 14 TeV (!!) kommt es schließlich zur Kollision.

Es war ein erhebendes Gefühl dort auf den höchsten Juragipfeln zu stehen und zu wissen, dass dort unter mir Energien erzeugt wurden, die es im Universum seit dem Urknall nicht mehr gegeben hat. Dort unten befand sich mit einem Druck von unter 10-13atm auch der leerste Ort im Sonnessystem und einer der kältesten Punkte auf der Erde.

Ich frage mich, was mein Freund Byron dazu gesagt hätte. Sicher hätte er wunderschöne Worte gefunden. Es ist Zeit, dass die Dichter dieser Welt endlich die Wissenschaft für sich entdecken, denn es gibt nichts, das mehr Ehrfurcht und Staunen im menschlichen Geist zu erwecken vermag.

Nach diesen und anderen Gedanken entfernte ich mich schließlich vom Colomby de Gex und wandte damit auch endgültig dem Genfer See und der Schweiz den Rücken zu. Mein Weg, der GR 9, führte mich nun fort von der Jurakette, hinab ins liebliche, abgeschiedene Tal der Valserine. Schnell führten mich meine Schritte talwärts. Fast 700 Höhenmeter tiefer erreichte ich gegen Mittag schließlich die kleine Ortschaft Lélex, wo ich meinen Wasservorat füllen und ein stärkendes Mittagsmal einnehmen konnte. Während des Essens kam ich ein wenig mit den Leuten am Nebentisch ins Gespräch. Wie die meisten Menschen, denen ich auf meiner Wanderschaft begegnete, fragten sie mich woher ich kam und wohin ich ging. Da es langwierig war zur erklären, dass ich kein fixes Ziel hatte, gab ich einfach jene Antwort, die mein einstiger Wanderkamerad Matze schon am weit entfernten Bodensee zu geben pflegte: Grenoble. Zu meinem großen Vergnügen zeigten die Menschen immer noch dieselbe Reaktion der Verwunderung. „Grenoble. Mais c’est loin!?“ Ja, ich wusste, dass es weit war. Schon viel näher als am Bodensee, doch immer noch fern.

Nach dem Essen verbrachte ich etwa eine Stunde am Ufer der Valserine, die hier nicht mehr als ein Bach ist. Im kalten Wasser kühlte ich meine Füße und genoss die frische Luft. Das Tal der Valserine verläuft in Nord-Süd-Richtung und mündet schließlich in die Semine, welcher ich auf meinem Weg auch noch begegnen würde.

Nachdem ich einen kurzen Regenguss im Schutz eines Baumes abgewartet hatte, begann ein recht anstrengender Aufstieg. Von Osten her war ich gekommen und in das Tal abgestiegen. Nun musste ich auf der Westseite wieder hinauf. Zwar handelte es sich nur etwa 300m Höhendifferenz, jedoch war der Weg recht steil und hatte die leicht frustrierende Eigenschaft nach etwa 100 Höhenmetern Anstieg, plötzlich wieder 50 Höhenmeter hinabzuführen um dann erneut zu steigen. Diesen Nachteil machte jedoch seine Schönheit wett. Ich schritt durch einen wildromantischen Bergwald. Bizarre Felsformationen, alte knorrige Bäume und Ruinen lagen auf meinem Weg. Ein Felsvorsprung bot nochmals wunderbare Aussicht auf die Gipfel der Jurakette, wo ich vor Stunden noch gewesen war. Schnell stürmte ich den Berg hinauf. Fast zu schnell. Es fällt mir immer wieder auf, dass ich den Zeitvorgaben auf den Wegweisern stets entsprach, wenn es bergab oder geradeaus ging. Führte jedoch der Weg bergauf, so habe ich die Neigung ein sehr schnelles Tempo einzuhalten, bis der Schweiß aus allen Poren fließt und mein Atem Feuer ist. In einer Art und Weise genieße ich das. Umso schöner ist die Rast, wenn man dann oben ist. So war es auch bei diesem Anstieg. Außer Atem und schweißnass erreichte ich endlich den Kamm der Berge im Osten der Valserinetals und ließ mich dort erschöpft auf einer Lichtung zu Boden sinken. Einfach rasten, sich einfach nur ein paar Minuten lang auf dem Boden niederzulassen und sich nicht zu rühren – das kann wunderbar sein. Und dazu Wasser – wunderbares Elixier des Lebens. Wie du mir die Kehle kühlst und mich mit neuer Kraft erfüllst.

Nach einer wohlverdienten Pause ging es weiter, doch nicht mehr weit. Die Lichtung mündete in eine größere Lichtung und ein wunderschön gelegenes kleines Hochplateau empfing mich. Sich in Nord-Süd-Richtung erstreckend bot ein von Bäumen umsäumter, abgeschiedener Landschaftsstrich mir seine Reize an. Es gab nur eine einzige kaum befahrene Straße und ein paar Almen. Unweit fand ich auch den Gîte d’Étappe (Wanderherberge) Les Verguet. Man konnte dort für eine kleine Summe im Zelt übernachten. Es gab fließendes Wasser, eine heiße Dusche, kühle Getränke und die Möglichkeit am Morgen zu frühstücken. Was wollte man mehr? Nachdem ich mit einer Kuhglocke an der Tür geläutet hatte, empfing mich ein sehr uriges, stets recht verwirrt dreinblickendes Almgeschöpf, ließ mich meinen Namen in eine Liste eintragen und servierte mir auf meine Bitte hin gleich ein kühles Panaché (Radler), dass ich dann im Licht der Spätnachmittagssonne vor dem urtümlichen, stallähnlichen Gebäude der Gîte genüsslich trank. Außer mir waren nach sechs oder sieben andere Gäste hier untergebracht, die teils im Zelt, teils im Schlafsacklager die Höhenluft genossen. Auf einem kleinen Hügel über dem Plateau aß ich bei Sonnenuntergang zu Abend, lauschte noch ein wenig der Melodie der Grillen, betrachtete die Pferde im nahen Gehege und legte mich schließlich zu Bett. Da es im Zelt noch zu heiß war, verbrachte ich die erste Hälfte der Nacht im Freien. Lange lag ich am Rücken im Gras und betrachtete über mir das ungetrübte schwarze Meer der Nacht mit seinen vielen tausend Sterneninseln. Wunderbar. Byron fand dazu die passenden Worte:

Ye stars! which are the poetry of heaven!

If in your bright leave we would read the fate

Of men and empires, – ‘tis to be forgiven,

That in our aspirations to be great,

Our destinies o’erleap their mortal state,

And claim a kindred with you; for ye are

A beauty and a mystery and create

In us such love and reverence from afar,

That fortune, fame, power, life, have named themselves a star.

Ist es in einer Welt wie heute, in der mathematische Gleichungen den genauen inneren Aufbau eines Sternes beschreiben, immer noch möglich darüber Gedichte zu schreiben? Ich glaube ja.

Tag 20

Nach einer erholsamen Nacht, nahm ich ein gutes bäuerliches Frühstück ein und machte mich gleich mit den typischen Absonderlichkeiten des französischen Frühstückstisches vertraut. Erstens: Es gibt meistens keinen Teller. Man verzehrt das Brot direkt vom Tisch. Zweitens: der Kaffee wird meist aus einer henkellosen Schüssel getrunken.

Gestärkt und ausgeruht ging es endlich wieder los. Ich schritt mein Plateau nach Süden entlang. Bald machte mir die heiße Vormittagssonne zu schaffen und ich war sehr dankbar für den Besitz meines weißen Kopftuches, das mir vor vielen Jahren ein Händler am Kamelmarkt von Susa in Tunesien um den Kopf gebunden hatte. Es kühlt weit besser als jeglicher Hut und sorgt für angenehme Luftzirkulation am ebenfalls sonnengeschützten Nacken. Bei bedarf kann man sich mit dem Tuch und dem dazugehörigen goldfarben verzierten Band auch das Gesicht vermummen oder es als Stirnband benützen. Für zwei Dinar auf jeden Fall ein Kauf der sich bezahlt gemacht hat, kam mir dieses Tuch doch auf vielen Reisen sehr gelegen. Auch an diesem Tag.

Nach circa eineinhalb Stunden Marsch hatte ich das liebliche Hochplateau schließlich hinter mich gebracht. Der Weg stieg leicht nach Westen hin an und führte schließlich zwischen den beiden kahlen Gipfeln des Crêt du Merle und des Crêt de Chalam hindurch zum kleinen Pass von Borne au Lion. Wie viele Hinweistafeln und ein Mahnmal lang und ausführlich erklären war hier auf rund 1200 m ein strategisch wichtiger Stützpunkt der Alliierten im zweiten Weltkrieg gewesen. Interessant ist auch eine Hinweistafel, die in Bildern den Blick hin zum Crêt de Chalam zu verschiedenen Zeitpunkten im 20. Jahrhundert zeigt. Wie ein einzelner Berg sich verändern kann. Baumgrenze und Umzäunung der Felder sind stetigem Wandel unterworfen. Nur ein steinernes Gebäude am Almenrand sieht auf allen Bildern gleich aus.

Am Borne au Lion verläuft auch die Grenze zwischen dem Département Ain in der Region Rhône-Alpes und dem Département Jura in der Franche-Comté. Seit meiner Ankunft in Frankreich war ich bisher großteils in Ain unterwegs gewesen, hatte die vergangene Nacht aber in Jura verbracht und war nun wieder nach Ain zurückgekehrt, wo ich noch ein paar Tage bleiben sollte.

Nach Borne au Lion verläuft der GR 9 entlang einer Asphaltstraße nach Südwesten durch die dichten Wälder von Champfromier. Nach den schönen Landschaften des frühen Vormittages und des Vortages war dies ein erschreckend langwieriger und eintöniger Abschnitt. Stundenlang marschierte diese nichtendenwollende Straße entlang, sah links und rechts nur Bäume und sonst nichts. Die erste Abwechslung kam erst wieder gegen Mittag als ein kleiner Pfad endlich von der Straße, auf der mir kein einziges Auto begegnet war, abzweigte und zur imposanten Felsarena des Cirque de la Fauconnière führte. Endlich wieder Aussichten! Ich blickte hinab auf das wunderschöne Tal der Sémine. Weit unter mir lag die kleine Ortschaft Belleydoux. Ich selbst stand an der Kante eines gewaltigen Steilhanges der sich halbmondförmig über dem Tal präsentierte. Der Cirque de la Fauconnière bot einen imposanten Eindruck, steht aber trotzdem weit im Schatten des fantastischen Creux du Van in der Schweiz. Ein gut markierter Aussichtspunkt mit Zäunen, die vorm Fall schützen sollen, doch leider ein wenig die Aussicht rauben, bietet den besten Blick über die Felsen hinab ins Tal.

Von hieraus führt der Weg nach Süden, weg vom Cirque, welcher sich nach Norden hin öffnet. Bald erreichte ich die auf über 1000 m immer noch recht hoch gelegene Ortschaft Giron, die mit ihrem Kirchturm und altertümlichen Fassaden ein Bergdorf wie aus dem Bilderbuch ist. Etwas über dem Dorf liegt ein kleiner Gasthof, dessen Namen ich mich leider nicht mehr entsinnen kann. (La Grange, oder La Gorge). Jedenfalls verwöhnt die freundliche Wirtin den müden Wanderer mit köstlichen Speisen, erkundigt sich nach Herkunft und Ziel und steht mit gutem Rat zur Seite. Allerdings schätze sie meinen Rucksack auf über 20 kg, was mehr als leicht daneben ist. Mit Proviant wog er zum Glück grade mal 15 kg. Hier verbrachte ich eine schöne Ruhepause, aß ausgiebig und ließ mich anschließend beraten, wo ich denn am besten die Nacht verbringen sollte. Der weitere Wegverlauf auf der Karte war nicht gerade ermutigend. Von Giron aus ging es steil bergab, bis man schließlich auf 400 m Höhe in die Ortschaft Saint-Germain-de-Joux kam, wo es allerdings keine Herberge sondern nur ein eher teures Hotel gab. Nach Saint-Germain-de-Joux führte der Weg wieder steil hinauf. Die Wirtin meinte, dass ich den Aufstieg heute noch wagen und mir dann die erstbeste flache Wiese als Zeltplatz suchen sollte. Es war dies sicher kein schlechter Rat, jedoch zweifelte ich daran ob ich heute noch die Kraft haben würde nochmals einen steilen Aufstieg in Kauf zunehmen. Vorerst musste ich bergab. Der Abstieg zog sich jedoch und wollte nicht enden. Es war heiß. Meine Knie, die schon seit dem Vortag klagten, schrieen nun immer lauten. Geradeaus und bergauf nahmen sie gerne in Kauf, doch bergab, das war die Hölle. Endlich, schon kurz vor sechs, erreichte ich schließlich das Dorf Saint-Germain-de-Joux, welches recht pittoresk gelegen, tief im Tal der hier nach Südwesten fließenden Sémine liegt. Nur die Autobahn und die Zugstrecke stören die Atmosphäre. Für Besichtigungen hatte ich nun jedoch nicht die rechte Laune. Ich war sehr müde und meine Beine schmerzten. Nein, heute kein Aufstieg mehr. Mit fünfzig Euro pro Nacht ohne Frühstück war das kleine Hotel recht teuer, doch es gab eben keine Alternative. Hier in Dorfnähe konnte ich keinesfalls mein Zelt aufschlagen und außerdem sehnte ich mich nach zwei Nächten im Zelt wieder einmal nach einem Bett. Befreit von meinem Rucksack ging ich noch eine Runde durch den Ort, kaufte frischen Proviant und betrachtete vom Ufer aus die spektakulären Wasserfälle der Sémine, in welcher ich auch meine Beine kühlte. Im Hotel gönnte ich mir dann noch ein heißes Bad und verarztete meine Füße. Schon am ersten Tag der Wanderung hatten sich hinter meinen Fersen ein paar Blasen bemerkbar gemacht, deren Entwicklung ich aber schnell mit ein wenig Leukoplast und Blasenpflaster Einhalt gebieten konnte. An den Zehen hatte ich bislang keine Blasen bekommen. Nun aber stellte ich einen kleinen Bluterguss am rechten Knöchel fest. Die Schwellung war nicht sehr groß, doch ziemlich schmerzhaft. Meine Knie klagten sehr und auch meine Schultern waren recht strapaziert. Ich massiert die schmerzhaften Stellen mit ein wenig Dolo-Menthoneurin-Gel ein, das mir schon auf der ersten E4-Etappe von Bregenz nach Saint-Cergue sehr geholfen hatte und hoffte, dass sich meine körperlichen Beschwerden ähnlich entwickeln würden wie damals, nämlich so, dass nach drei oder vier Tagen der Körper sich an die Strapazen gewöhnen und keine weiteren Beschwerden auftreten würden. In einem weichen Bett schlief ich schließlich ein.

Tag 21

Ein harter Aufstieg harrte meiner. Vor mir im Süden lag das Massif du Grand Colombier, das sich von Saint-Germain-de-Joux aus auf durschnittlich 1200 m Höhe fast 30 km lang nach Süden erstreckte. Es war der letzte gebirgige Ausläufer des Jura. Zwar war dieses Massiv weit niederiger als das Alpenmassiv der Chartreuse, welches mich viele Tage später erwarten sollte, doch der Aufstieg von Saint-Germain-de-Joux war trotzdem der anstrengendste der ganzen Wanderung. Fast 900 Höhenmeter mit einem Mal, so etwas hatte es auf dem E4 bisher noch nie gegeben. So etwas gab es auch in der Chartreuse nicht. Zeitig bracht ich nach einem teuren aber kargen Frühstück im Hotel auf, verließ endgültig den Parc Naturel Régional du Haut-Jura und kehrte auch dem Sémine-Tal den Rücken. Es ging hinauf. Über steile Pfade kämpfte ich mich durch die Wälder langsam vorwärts. Ich erinnere mich daran, an einem Haus vorbeigekommen zu sein. Ein dort angeketteter Hund war von meiner Erscheinung derart überrascht, dass er laut knurrte und bellte und zwar über eine halbe Stunde lang. Ich konnte ihn immer noch hören, als ich schon viel weiter entfernt einen Pfad in den Bergwald folgte. Nach fast vier Stunden ohne Pause erreichte ich endlich die recht flache Höhenplatte des Massivs. Ich befand mich wieder auf über 1250m. Erschöpft ließ ich mich sobald ins Gras fallen und machte erstmals eine Stunde Pause, während ich einen Großteil meiner Kleidung, die ich im Hotel gewaschen hatte, von der Sonne trocknen ließ. Und dann ging es weiter, schnurgerade nach Süden. Ich wusste, dass im Osten, weit unter mir, das Rhonetal liegt, doch bot sich vorerst keine Stelle an, wo der Blick dorthin frei war. Das Massif du Grand-Colombier war eine der einsamsten Gegenden, die ich auf meiner Wanderung durchquerte. In langen Stunden zog ich durch eine menschenleere Hochlandschaft, deren größte Attraktion die hohen Überlandleitungen waren, die meinen Weg an zwei Stellen kreuzten und die zwei Straßen, die das Massiv überquerten. Die erste von beiden erreichte ich gegen Mittag. Kein Gasthaus um meine Wasservoräte zu füllen, keine Herberge, nichts. Gegen drei Uhr nachmittags kam mir dann doch ein kleiner Berggasthof unter, wo ich mich bei einem Panaché und einer Assiette de Charcuterie erholte. Bald darauf erreichte ich einen kleinen Gipfel, von wo ich erste Blicke ins Rhônetal werfen konnte. Der Nachmittag schritt schnell dahin. Es war sehr sonnig, doch ein frischer, angenehmer Wind verschaffte mir Kühlung. Ich erreichte den Gipfel des Crêt du Nu (1351 m), der aber im Gegensatz zu dem, was sein Name verheißt, keineswegs nackt ist, sonder dicht bewaldet keine Aussicht zulässt. Ich hatte an diesem Tag sehr großen Durst und meine Wasservoräte schwanden schnell dahin. Am frühen Abend erreichte ich dann die Aussteigerranch Planvanel, wo ich um Wasser fragte. Ein bärtiger Franzose sagte, dass dies möglich sei. Er führte mich ins Innere des Gebäudes und füllte meine Wasserflasche. Dann wollte er mich noch unbedingt von seinem selbstgemachten Kombucha kosten lassen. Ich war natürlich nicht abgeneigt und als ich den Geschmack lobte, da ließ er mich gleich die verschiedensten Sorten verkosten und wollte wissen, welche die beste sei. Ich fragte ihn, ob er den Kombucha züchtete, um ihn zu verkaufen, doch er wehrte vehement ab. Verkaufen sei ein Wort des Tales. Hier oben gab es kein Verkaufen.

Ich ging weiter. Erst beim Verlassen des Gebietes von Planvanel, schon weit entfernt von den Gebäuden, machte ein Schild mich darauf aufmerksam, worum es sich dabei eigentlich handelte. Planvanel, stand da geschrieben, war so etwas wie ein Ort für Aussteiger, wo das alternative Leben fern der Zivilisation praktiziert wurde. Man heiße dort jeden willkommen, der ein wenig Frieden suche und ein reines Herz mit sich trage, ohne große Brieftasche. Gerne könne man dort übernachten und mit den Menschen über das Leben diskutieren. Hätte ich dieses Schild zuvor gelesen, sicherlich hätte ich gerne die Nacht in Planvanel verbracht. Aber nun war ich schon zu weit entfernt und umkehren war mir zuwider. Vielleicht war es auch besser so. Ich musste noch ein wenig weiterkommen, um am nächsten Tag das Massiv hinter mir zu lassen. Der Kombucha hatte gut geschmeckt und mir Kraft gegeben. Allerdings hatte das Wasser, das ich in Planvanel bekommen hatte einen seltsamen Beigeschmack.

Gegen halb acht hatte ich mein Tagesziel erreicht. Es war der Col de Richemond, der Pass der zweiten Straße, die über das Massiv führte. Unweit der Straße fand ich hier einen bequemen Zeltplatz für die Nacht. Meinen Beinen ging es schon viel besser. Die Schwellung hatte nachgelassen und auch meine Knie waren in recht guten Zustand. Einzig und allein meine Schultern machten mir Sorgen. Die Haut war dort stark gerötet und das Gewicht des Rucksacks lastete schwer.

Mitten im Nirgendwo schlief ich also ein. Und Byron sprach

Where rose the mountains there to him were friends;

Where roll’d the ocean, thereon was his home;

Where a blue sky, and glowing clime, extends,

He had the passion and the power to roam;

The desert, forest, cavern, breaker’s foam

Were unto him companionship; they spake

A mutual language, clearer than the tome

Of his land’s tongue, which he would oft forsake

For Nature’s pages glass’d by sunbeams on the lake.

Tag 22

Es war die friedlichste und ungestörteste Nacht bisher. Ich legte mich abends hin, entschlief und erwachte am Morgen. Schnell war mein Zelt abgebaut und schnell war ich wieder auf dem Weg. Heute musste ich das Massif du Grand Colombier hinter mir lassen. Heute musste ich den Ort Culoz erreichen. Doch der Weg war nicht leicht. Zum einen erwartete mich der Namensgeber des Massivs, der Grand Colombier mit seinen 1531 m, zum andern harrte meiner der längste und steilste Abstieg der ganzen Wanderung. Fast 1200 Höhenmeter ging es in einem Stück bergab, bis ich dann endlich auf nur 230m Höhe in Culoz im Tal der Rhône ankommen würde. Meine Knie freuten sich jetzt schon.

Vormittags kam ich recht gut voran, doch schon bald bedeckte sich der Himmel mit Wolken und Regen bahnte sich an. Hinzu kam noch, dass der GR 9 unerwarteter Weise von seinem Verlauf auf der Karte abwich und vor dem Grand Colombier auf rund 1000 m Höhe abstieg, sodass ich einmal mehr 500 Höhenmeter zu besteigen hatte. Soweit war ich jedoch noch nicht. Noch am Vormittag wanderte ich durch einsame Wälder und menschenleere Felder. Ich fand die Ruinen eines alten Friedhofs und stieg schließlich in ein kleines Seitental auf besagte 1000m Höhe ab, wo die historischen Gärten eines alten Klosters mich erwarteten. Kein Mensch war dort. Dann brach der Regen los. Unter einem Steindach in den Gärten fand ich Unterschlupf. Fast eine Stunde lang saß ich da, betrachtete den Regen und die Wolken im Tal der Séran und dachte nach. Es war bereits früher Nachmittag und der Weg nach Culoz war lang und weit. Im Regen wollte ich auf keinen Fall übernachten. Ich musste eine Herberge finden, doch hier oben gab es nichts. Wenn der Regen anhielt, dann war es mehr als töricht meinen Weg zum Grand Colombier fortzusetzen, denn die Steine waren nass und rutschig. Ich zog ernsthaft in Erwägung das kleine Seitental weiter abzusteigen und dort die Ortschaft Virieu zu erreichen. Dies hätte aber das Ende meiner Wanderung auf dem E4 bedeutet. Nach langem Hin und Her ließ der Regen doch ein wenig nach. Ich wagte es. Ich schulterte meinen Rucksack und machte mich an den steilen Aufstieg zum Grand Colombier. Eine Stunde später verfluchte ich diese Entscheidung. Unweit des Gipfels hatte der Regen wieder begonnen, stärker denn je. Verschwitzt und erschöpft sah ich endlich den Grand Colombier vor mir. Als ich mich verbissen die letzten Meter vorkämpfte missachtete ich ein Schild, worauf ein heftiger Stromschlag eines Zaunes mich zu Boden warf. Leicht elektrisiert kämpfte ich weiter und stand schließlich endlich auf dem Grand Colombier. Um mich sah ich eine Welt aus Wolken und Regen. Fern im Südosten konnten ich die Ufer des Lac du Bourget ausmachen, mit rund 44 km2 der größte natürliche See Frankreichs. Zwischen mir und ihm lag das Rhônetal, nass und nebelig. Im Regen konnte ich mir nicht erlauben auf dem Gipfel eine Pause zu machen. Ich hatte kein trockenes T-Shirt mehr. Noch immer regnete es. Alles was ich tun konnte, war weiter zu marschieren. Das tat ich auch. Über einen felsigen Grat kämpfte ich mich langsam von Gipfel zu Gipfel Richtung Süden. Die Felsen waren nass und rutschig. Dennoch kam ich halbwegs sicher voran und wäre nur zwei- oder dreimal beinahe in den Abgrund gestürzt. Endlich erreichte ich ein Straße und wenig später zu meiner Freude eine Herberge! Leider hatten sie dort kein fließendes Trinkwasser. Auch übernachten durfte man dort nicht. Doch wenigstens konnte ich eine Tarte essen und mich mit Tee und Kakao wärmen, während meine Kleider an der Heizung trockneten. Die voluminöse Wirtin, die mich stets ansah, als sei ich leicht außerirdisch, erklärte mir auf meine Frage hin, dass sie im Grunde keine Ahnung habe, wie weit es nach Culoz noch sei. Vielleicht eine Stunde, vielleicht auch drei. Na wunderbar. Der Nachmittag war weit fortgeschritten, doch wenigstens hatte der Regen nun aufgehört. Neuen Mutes wagte ich mich wieder ins Freie. Doch schon bald donnerte es. Ich hatte mich inzwischen der Abbruchkante am Point du Vue du Fénestré genähert. Von dort aus führten steile Serpentinen über 1200 Höhenmeter weit in die Tiefe. Kaum hatte ich die erste davon erreicht, da brach der Regen los, wurde stärker und hörte nicht mehr auf. Eineinhalb Stunden stieg ich bei strömenden Regen und Donner in die Tiefe. Serpentine folgte auf Serpentine. Bald war ich nass bis auf die Knochen. Meine Kleidung nannte sich zwar wetterfest, doch jene Wasserfälle, die an diesem Nachmittag vom Himmel stürzten, drangen mir bis in alle Poren. Ich verfluchte meine Entscheidung nicht in jenes Seitental abgestiegen zu sein und schwor mir in Culoz diese Reise abzubrechen und in trockenere Gefilde zu ziehen. Ich hatte genug. Und immer weiter zogen sich die Serpentinen, hundert an der Zahl, wie mir schien. Hin und wieder konnte ich weit unter mir das Tal und die Gebäude von Culoz sehen, doch sie schienen nicht näher zu rücken. Endlich erreichte ich eine Straße, doch auch sie war noch hoch über dem Tal und bald musste ich sie wieder verlassen um zwischen nassen Sträuchern entlang eines Baches im Klang des anhaltenden Donners mich weiter nach unten zu kämpfen. Wenigsten klagten meine Knie diesmal nicht. Dann endlich: Der Wald lichtete sich und ich befand mich am Ortsrand von Culoz. So, jetzt war alles egal. Ich wollte nicht krank werden und brauchte so schnell wie möglich Wärme und Trockenheit. Hinab ins Zentrum und rein ins erstbeste und einzige Hotel. Leider hatte der Besitzer eine leicht sadistische Ader. Skeptisch betrachtete er mich klitschnassen Wanderer. Sollte so einer seine Zimmer verunreinigen? Nein. Für die Wanderer gibt es doch den Gîte d’Étappe. Wo die sei? Na oben am Waldrand natürlich. Es werde schon jemand da sein. Also gut. Immer noch im strömenden Regen die fünf Minuten Fußmarsch wieder hinauf zum Waldrand. Wo war der Gîte d’Étappe? Ach da, na endlich. Doch die Tür war zu. Nur ein grausames Schild mit drei Telefonnummern hing dran. Handy raus. Nummer wählen. Unter der ersten meldete sich niemand. Die zweite verband mich mit dem Tourismusbüro. Ja, sie haben den Schlüssel für die Gîte d’Étappe. Ich müsse ihn nur holen. Und wo war das Office de Tourisme? Natürlich am andern Ende des Ortes. Konnte man mir den Schlüssel nicht bringen? Ich bin nass bis auf die Knochen und ziemlich fertig? Nein, das geht nicht, doch vielleicht kann der Herr der dritten Nummer mir den Schlüssel bringen. Ich solle dort anrufen. Aber leider war der Herr grade nicht in der Stadt. Also noch einmal. Im strömenden Regen die fünf Minuten hinab ins Dorfzentrum und weiter zum Tourismusbüro. Ein freundliches Mädchen – mit ihr hatte ich telefoniert – überreichte mir mit leichtem Mitleid den Schlüssel. Am nächsten Tag sollte ich ihn einfach in den Postkasten werfen. Ich fragte, ob es in der Gîte denn heißes Wasser gäbe. Sie wisse es nicht, doch sie wünsche es mir sehr. Und wieder hinaus in den strömenden Regen. Im Tourismusbüro hatte ich, dort wo ich gestanden war wohl eine Wasserpfütze hinterlassen, so nass war ich. Und wieder hinauf die fünf Minuten und achthundert Meter zur Herberge. Schlüssel raus. Und … endlich hinein ins Trockene. Geschafft!

Es war der anstrengendste und härteste Tag meiner Wanderung, doch er fand einen wunderbaren Ausklag. Die Herberge war ideal. Für nur acht Euro hatte ich eine ganze Hütte mit über zwanzig Betten, mit Küche, Bad, WC, Dusche und heißem Wasser ganz für mich alleine. Der Gîte bot reichlich Platz um all meine nasse Kleidung zum Trocknen aufzuhängen. Im Inneren meines Rucksacks hatte zum Glück nichts Schaden genommen. Ich hatte schlau gepackt und das meiste in Plastiksäcken verstaut, wo die Nässe nicht hinkam. Nur mein Byron war ein wenig nass geworden, doch zum Glück war noch alles an ihm da. Keine Seite fehlte. Ich genoss eine lange heiße Dusche.

Inzwischen hatte der Regen aufgehört und der Himmel gönnte Culoz an diesem Abend noch ein wenig Sonne. Von den Fenstern meiner Hütte aus hatte ich eine wunderbare Aussicht. Ich sah das prachtvolle Château de Montveran, das unweit auf einem Hügel emporragte. Prokofjew hatte dort für kurze Zeit gelebt. In der Ferne konnte ich das Rhônetal sehen und ganz weit weg am Horizont strahlten in der Sonne die fernen Gipfel der Chartreuse. Und plötzlich war mein Unbehagen fort. Froh war ich, dass ich es heute gewagt hatte bis hier her zu kommen. Ein Abstieg ins Seitental wäre fatal gewesen. Es packte mich neue Motivation und Lust meine Reise fortzusetzen. Morgen warteten die Zauber des Rhône auf mich und schon bald würde ich über die mächtigen Gipfel der Chartreuse wandern. Kein Gedanke galt mehr dem Abbruch. Ich befand mich doch auf bestem Wege und im Nachhinein, so hart dieser Tag auch gewesen war, so war er doch ein Erlebnis und hatte irgendwie Spaß gemacht.

Im Abendlicht schlenderte ich nochmals beschwingt in den Ort hinab, wo rund 3000 Einwohner lebten. Die Läden hatten leider schon geschlossen und da das einzige Restaurant der Stadt geschlossen hatte, blieb mir nichts anderes übrig als zum Abendessen auf eines der erfolgreichsten Gerichte Europas zurückzugreifen, das es von Edinburgh bis Istanbul, von Cadiz bis Moskau wohl an jeder zweiten Ecke zu kaufen gibt. Beim nächsten Türken kaufte ich mir ein saftiges Kebab mit Pommes und ließ es mir schmecken. Und dann kam die Nacht.

Tag 23

Am nächsten Morgen erwachte ich frisch und erholt. Ich gönnte mir noch eine heiße Dusche in meiner Hütte und machte mich dann auf den Weg ins Dorfzentrum, wo ich Proviant einkaufte und in der Boulangerie – Patisserie am Dorfplatz ein kleines Frühstück aus Kaffee und Gebäck zu mir nahm. Am Nebentisch saßen mehrere Senioren, mit denen ich bald ins Gespräch kam. Ein alter Herr war recht begeistert einen Österreicher zu treffen, hatte er doch im Jahre 1955 als französischer Soldat in Wien gedient. Er spendierte mir noch einen Kuchen und erzählte über eine viertel Stunde lang von seiner Zeit in Wien, von den Militärliedern, die sie dort gesungen hatten und allerlei mehr, das ich nicht recht verstanden habe. Schließlich musste ich aber doch gehen. Es galt einen Fluss zu überqueren.

Der Rhône ist der wasserreichste und neben der Loire der zweitlängste Fluss Frankreichs. Gleich zweimal wird er vom E4 überquert, zum ersten Mal in Culoz von Ost nach West, zum zweiten Mal viele hundert Kilometer weiter südwestlich bei Viviers von West nach Ost. Lange hatte ich mich auf die Rhôneüberquerung gefreut. Nun endlich war es so weit. Von Culoz folgte ich der Hauptstraße nach Osten und befand mich schon bald auf einer stark befahrenen Autobrücke über den hier schon sehr breiten Rhône, welcher ruhig nach Süden fließt. Eine Zeit lang blieb ich auf der Brücke stehen. Würde ich auch die zweite Rhôneüberquerung auf dieser Etappe erreichen? Irgendwie zweifelte ich daran.

Am Ostufer des mächtigen Stromes gesellte sich eine neue Art von Wegweisern zum GR 9: die Jakobsmuschel. Mit der Rhôneüberquerung war ich auf den GR 65 gestoßen, dem Hauptarm des französischen Jakobsweges. Zwei Tage lang bis Saint-Maurice-de-Rotherens sollten beide Wege nicht mehr voneinander weichen. Rasch ging es nun weiter nach Süden. Etwas wehmütig blickte ich hin und wieder zurück nach Norden, wo immer noch in Wolken gehüllt das mächtige Massiv des Grand-Colombier aufragte. Es war der letzte Gebirgszug des Jura gewesen. Somit ging eine lange Etappe auf dem E4 zu Ende. Seit Dielsdorf im fernen Norden der Schweiz, war der Gebirgszug des Jura mein ständiger Begleiter gewesen. Seine höchsten Gipfel hatte ich bestiegen. Ich war auf dem Châsseral gewesen, auf dem Châsseron, dem Suchet, dem Mont Tendre, der Dôle, dem Mont Rond und dem Colomby de Gex, seine schönsten Schluchten hatte ich gesehen, vom mächtigen Zirkel des Creux du Van bis zum Cirque de la Fauconnière. Ich war in den berühmten Juragrotten von Vallorbe gewesen und hatte den großen Jurasee, den Lac du Joux besucht. All das lag nun hinter mir. Und neue Berge harrten meiner. Aber nicht heute. Heute erwarteten mich nur die sanften Ufer des Rhône mit ihren kleinen Dörfern und prächtigen Weingärten.

Über Dämme und Uferwälder näherte ich mich bald dem wunderschönen Städtchen Chanaz. Dieses liegt am malerischen Canal de Savière, welcher Rhône und Lac du Bourgeat verbindet. Ich gönnte mir dort im Schatten eines kleinen Cafés ein Eis, welches ich genüsslich löffelte während vor mir die Bote den Kanal entlang glitten. Nach Chanaz führt der GR9 steil den Hügel hinauf vorbei an einer alten Mühle aus dem Mittelalter. Vom Rhône durch eine Kuppe getrennt, erstreckt sich der Weg durch Wiesen und Felder Richtung Süden. Man passiert eine alte Kapelle und die Ruine einer Farm. Indes teilt sich der Rhône in zwei Arme auf, von denen einer weiter nach Westen abrückt, während der andere nahe bleibt und immer wieder kurz sichtbar wird.

Über die Bilderbuchdörfer von les Puthod, Vraisin, Barcontian, Aimavigne, Jongieux und Jongieux-le-Haut gelangte ich allmählich in das Herz der Weinanbaugebiete des Départements Savoie, in welchem ich mich seit der Rhôneüberquerung befand. Stundenlang wanderte ich durch zahlreiche Weinhänge inmitten einer wunderschönen Hügellandschaft mit Blick auf das weite Tal der Rhône. Interessanterweise finden sich hier viele Hinweisschilder in deutscher Sprache (deutsch + französisch, aber keine englisch), die auf die Weingärten hinweisen und dazu aufrufen, diese mit Respekt zu behandeln. Die deutschen Formulierungen klingen teilweise ein wenig amüsant. Zweimal traf ich beim Verlassen eines Weingartens auf das Schild: „Sie verlassen gerade einen Weinberg. Danke, für den Respekt, den sie gezeigt haben!“ In den kleinen Dörfern zwischen den Gärten mit ihren steinernen Bauten plätscherte oft fröhlich ein kleiner Brunnen, ein Paradies für jeden Wanderer. Hier konnte man nicht vorbeigehen. Hier musste man seinen Rucksack abwerfen, seine Füße ihm kühlen Brunnenwasser kühlen und sich die wohltuende Nässe über den Kopf rieseln lassen. Herrlich!

Schließlich erreichte ich die auf einem Hügel gelegene Kapelle von Saint Roman. Hier merkt man einmal mehr, dass man sich auf dem Jakobsweg befindet. Neben dem Weg sind mehrere Pappfiguren aufgestellt, die das Aussehen der Pilger im Laufe der verschiedene Jahrhunderte zeigen. Die Kapelle Saint Roman liegt am steilen Rand eines Hügels etwa hundertfünfzig Höhenmeter über dem Rhône – eine herrliche Aussicht. Auf der Pforte der Kapelle findet man am Boden interessanterweise das Symbol eines Pentagramms. Vom Hügel aus geht es nun über Serpentinen steil hinab zur Rhône. Unterhaltsam ist wiederum das deutsche Hinweisschild: „Achtung! Sie betreten eine steilküste! Rücken Sie nicht vom Weg und bewachen Sie ihre Kinder.“ Unten angelangt erreicht man über Maisfelder rasch das Ufer des Armes des Rhône. Von hier aus ist es noch eine Stunde bis zum Städtchen Yenne, das ich gegen sechs Uhr abends erreichte. Direkt am Ufer des Flusses fand sich ein Camping-Platz mit herrlicher Aussicht auf das Gewässer. Ich errichtete mein Zelt, besuchte noch den Ort und aß einen köstlichen Croque-monsieur. Damit ging ein schöner Tag zu Ende.

Tag 24

Früh morgens ging es los. Da manche Bäckereinen in Frankreich auch am Sonntag offen haben, gönnte ich mir noch ein wunderbares französisches Croissant, wie es in deutschsprachigen Regionen wohl nirgendwo zu finden ist. Zumindest habe ich dort bisher nirgends etwas gefunden, das mit dem einmaligen Geschmack und der Konsistenz eines französischen Croissants mithalten könnte. Und weiter ging die Wanderschaft. Gleich nachdem man südlich von Yenne den Friedhof passiert hat, führt der Weg hinauf zu einer kleinen Kapelle und von dort weiter ins dichteste Buschwerk. Ganz im Gegensatz zum vorigen, bot dieser Tag keine Dörfer, keine Weingärten, keine Brunnen, nichts. Recht einsam und verlassen schlängelt sich der Weg durch das recht mediterran anmutende Buschwerk am Ostufer des Rhône und erreicht dabei schon wieder Höhen bis zu 800 m. Einzige Abwechslung am Weg bieten die drei bis vier belvédères, die Aussichtspunkte, die meist ein wenig abseits vom Hauptweg liegen und einen wunderbaren Blick in das Tal des Rhône gewähren. Deutlich sieht man die Stelle, wo beide Arme des Stromes wieder ineinander münden. Man sieht ein altes Château auf einem Felsen thronen und die grünen Ufer des Stromes. Weit reicht der Blick nach Westen, wohin sich der Rhône nun verflüchtigt und den GR 9 einstweilen alleine lässt. Erst im fernen Viviers werden sich beide wieder treffen.

Am frühen Nachmittag stieß ich mitten im Wald auf eine kleine Jagdhütte, wo ein schattiger Tisch und frisches Trinkwasser mich erwarteten. Der perfekte Platz für eine Rast.

Bis zum Abend habe ich an diesem Tag keinen einzigen Menschen getroffen. Doch einsam war ich nicht. Ich genoss die Stille, genoss den Wald und die Natur und ließ all dies auf mich wirken. Was ich fühlte war Freiheit und nicht Einsamkeit. Mein Freund Byron fühlte ebenso und spricht mir aus der Seele wenn er sagt:

To sit on rocks, to muse o’er flood and fell,

To slowly trace the forest’s shady scene,

Where things that own not man’s dominion dwell,

And mortal foot hath ne’er, or rarely been;

To climb the trackless mountain all unseen,

With the wild flock that never needs a fold;

Alone o’er steeps and foaming falls to lean;

This is not solitude; ‘tis but to hold

Converse with Nature’s charms, and view her stores unroll’d

But midst the crowd, the hum, the shock of men,

To hear, to see, to feel, and to possess,

And roam along, the world’s tir’d denizen,

With none who bless us, none whom can we bless;

Minions of splendor shrinking from distress!

None that, with kindred consciousness endued,

If we were not, would seem to smile the less

Of all that flatter’d, follow’d, sought and sued;

This is to be alone; this, this is solitude!

Man könnte diese Passage auch reduzieren auf die wunderbare Antwort, die George Clooney in Terrence Malicks genialen Kriegsepos Der schmale Grat gibt, und zwar auf die Frage:

„Sind Sie manchmal einsam?“

Antwort: „Nur, wenn ich unter Menschen bin.“

Einsamkeit ist vielmehr ein Phänomen der Städte und der Agglomeration. Der Einsiedler ist nicht einsam. Er ist frei. Und das gilt auch für den Wanderer. Byron wusste das.

Am Abend erreichte ich nach langem Nichts dann endlich das Dorf Saint-Maurice-de-Rotherens wo ein Gasthof mir Herberge bot. Die freundliche Wirtin gab mir ein schönes Zimmer und bescherte ein wunderbares Abendmahl der köstlichsten französischen Spezialitäten. Auf die Frage, was ich denn für einen Wein möge, stellte ich die Gegenfrage, ob es denn irgendeine Spezialität der Region gäbe. Sie brachte mir daraufhin einen Krug eines hervorragenden Rotweins der Savoie, dessen genauer Name mir leider entfallen ist.

Im Licht des Sonnenuntergangs konnte ich weit im Südosten die felsigen Gipfel der Chartreuse sehen, die mit jedem Tage näher rückten. Und noch weiter im Süden, da vermochte ich gar die Berge des Massivs von Vercors zu erkennen. Würde ich sie noch besteigen können, oder würde Grenoble das Ende dieser Reise sein? Ich ließ die Entscheidung offen. All das war noch weit weg. Ein ganzes Gebirge lag noch zwischen mir und dieser Entscheidung.

Tag 25

Beim Frühstück lernte ich Chris aus Leipzig kennen. Er war am Abend Stunden nach mir angekommen. Wir kamen rasch ins Gespräch. Chris war natürlich nicht wie ich ein Pilger des E4, sondern wanderte am ach so populären Jakobsweg. Er war seit rund einer Woche unterwegs und hatte die Absicht heute in Saint-Genix-sur-Guiers seiner Pilgerschaft ein Ende zu setzen. Santiago war ja schließlich doch noch ziemlich weit weg. Wir aßen ein wunderbares Frühstück. Anschließend bedankte ich mich bei der freundlichen Wirtin der Herberge du Chamois und zahlte den recht preiswerten Preis. Die paar Minuten bis zum Zentrum von Saint-Maurice-de-Rotherens gingen Chris und ich noch gemeinsam. Ich erklärte ihm die Berge in der Ferne und wies ihn auf das Massif de la Chartreuse hin, das mein Ziel war. Dann trennten sich unsere Wege. Der Jakobsweg, der GR 65, führte hinab ins Tal. Der GR9 / E4 führte mich weiter ins Gebirge. Nach ein wenig auf und ab entlang eines felsigen Grates erreichte ich am späten Vormittag das kleine Dorf Dullin, wo auf dem Kirchenvorplatz gerade Wein verkostet wurde. Ich durfte gratis ein paar Becher der verschiedenen Weißweine der Region probieren, bevor ich mich dann weiter wagte. Gegen Mittag erreichte ich die Ortschaft La Bridoire, die weniger hielt, als sie versprach. Kein Telefon, kein Lebensmittelgeschäft, kein Restaurant, nur eine Bar und eine Boulangerie, wo es nichts anderes gab als Baguettes. Ich hatte mir mehr erwartet.

Eine unverhoffte Überraschung bot sich mir jedoch am Ortsausgang dar. Ich hatte gut 300 Höhenmeter aufzusteigen. Dazu folgte ich den Wassern des Baches Grenant, welcher mich bald mit einer wunderbaren Wasserwelt aus kleinen Kaskaden überraschte. Hier konnte man nicht vorbei ohne sich die Kleider abzustreifen und sich kurz in den frischen Wassern zu kühlen. Ich stand unter dem Wasserfall, ließ die Kühle über meinen Körper fließen und fühlte mich königlich. Erfrischt ging es dann steil hinauf, bis ich schließlich den höher liegenden Landschaftstrich erreichte, wo die Ortschaft Attignant-Oncin lag, die mein Tagesziel war. Zu meiner Enttäuschung gab es auch hier keinerlei Infrastruktur, was allmählich zum Problem wurde. Mein Proviant schwand rasch dahin. Wenigstens gab es einen Brunnen, der mir Trinkwasser bot. Mein Ziel war ein Camping-Platz gewesen, der sich hier befinden sollte. Leider befand er sich gut drei Kilometer nördlich der Siedlung, was genau die entgegengesetzte Richtung meines Weges war. Im Nachhinein wäre es weit klüger gewesen einfach den GR9 weiterzugehen und irgendwo in der Wildnis mein Zelt aufzuschlagen. Ich spekulierte aber darauf, dass es am Campingplatz Le Signal wohl sicherlich etwas zu Essen gäbe und machte mich also auf den Weg dorthin. Leider wurde meine Hoffnung enttäuscht. Der Campingplatz, der zu einem Bauernhof gehört, lag mitten im Nirgendwo und das einzig Essbare, das es dort zu kaufen gab, waren selbst gemachte Konfitüren, womit ich, der ich kein Brot mehr hatte, nicht viel anfangen konnte. Wenigsten konnte ich eine Flasche frischer Milch erwerben und mich damit trösten.

Während einige Hühner mein Zelt begutachteten, freundete ich mich rasch mit dem Haus- und Hofhund an, welcher mich zuerst noch recht skeptisch und knurrend empfangen hatte, sich aber nach einigen Kostproben der letzten Reste meiner noch von zuhause her stammenden Zillertaler Bergwurst rasch entschloss mir nicht mehr von der Seite zu weichen.

Tag 26

Beim ersten Licht des Tages zog ich los um jene unnützen drei Kilometer wieder wettzumachen, die ich von meinem Weg entfernt war. Bald war ich wieder in Attignat-Oncin und von hier führte mein Weg weiter hinauf zum Waldesrand, wo ich kurz Pause machte und als Frühstück meine Notration aus Nüssen und Rosinen verzehrte. Dann ging es steil hinauf. Ich befand mich bereits im Parc Naturel Régional de Chartreuse und allmählich nahm mich das Gebirge in sich auf. Zum ersten Mal seit vielen Tagen kratzte ich wieder an die 1000m Marke, erreichte sie aber nicht ganz, denn schon bald führte mein Weg einen Grat entlang wieder hinab in Richtung der Ortschaft les Echelles. Zuvor erreichte ich aber noch eine kleine Kapelle mitten im Wald, umgeben von Ruinen. Ein Schild wies darauf hin, dass dies die Überreste einer alten Lepra-Kolonie aus dem 12. Jahrhundert waren. Ausgestoßen von der Gesellschaft hatten sich jene, die an dieser furchtbaren Krankheit litten, hier eingefunden um ein halbwegs erträgliches Leben zu führen. Lange betrachtete ich die Ruinen und ich dachte an all die Fragmente ehemaliger Bauten, die ich auf dieser Wanderung schon gesehen hatte. Überall in den Wäldern waren sie zu finden: Ruinen, alte Mauern, manchmal nur mehr Steine, doch von einer Form, die nicht natürlich war. Und eine jede Ruine hatte ihre Geschichte, hatte ihren Baumeister. Alle sagten sie das eine: Es war schon jemand vor dir hier. Hier war einst mehr. Und ich dachte zurück an all die alten Bauten, die ich schon gesehen hatte: Römerstraßen in englischen Mooren, Aquädukte über abgelegene Gewässer, Amphitheatren mitten in der Wüste. Die verschiedensten Kulturen hatten hier gelebt, gelitten und gewirkt. Überall. Auch hier in den Wäldern. Welche Geschichten wohl diese Steine zu erzählen wussten? Welche Tragödien hatten sich an diesem Ort einst abgespielt? Alles war vergessen und begraben vom Sand der Zeit. Der Wanderer wandelt auf geschichtsträchtigem Boden und auch die Wege auf denen er wandelt sind reich an Geschichten. Dieser Pfad durch den Wald – wie alt mag er sein? Waren auch schon Römer hier geschritten, Kelten, gar Neandertaler? Wer war hier schon entlang gekommen? Wohin waren sie gegangen? Woher waren sie gekommen? Es ist stets ein erhebendes Gefühl sich der Geschichtsträchtigkeit des Bodens bewusst zu werden. Auch Byron schreibt davon, doch finde ich dazu jetzt auf die schnelle kein passendes Zitat. Ich mag Ruinen. Sie werfen stets die eine Frage auf: Wer wird uns ausgraben? Wer wird einst die Ruinen unserer Bauten betrachten und sich fragen, wer wir waren?

Bald nach der Kapelle erreichte ich die Ortschaft les Echelles, die zusammen mit dem Ort Entre-deux-Guiers ein Ganzes bildet. Hier münden die beiden Gewässer le Guiers Mort und le Guiers Vif zusammen, die beiden in verschiedenen Tälern der Chartreuse entspringen von les Echelles vereint in Richtung Rhône fließen.

Der Ort empfing mich mit offenen Armen und bot mir alles, was der müde Wanderer sich wünschen kann. Gleich am Ortseingang erwartete mich ein Markt, wo ich frisches Gemüse, Brot, Käse und Obst einkaufen konnte. Ich war sehr hungrig, doch dieser Proviant musste mich in den nächsten Tagen ernähren. Zum Mittagsmahl suchte ich mir ein Restaurant aus, das jenseits des Guiers Vif im Ortsteil Entre-Deux-Guiers liegt. Und dort widerlegte man mir einmal mehr das Vorurteil, dass das Essen in Frankreich teurer sei als bei uns. An dieser freundlichen Gaststätte aß ich ein reichhaltiges und köstliches Mittagsmenü bestehend aus einem großen Salade Niçoise, einem gegrillten Hähnchen mit Kartoffelwürfeln und Spinat, anschließend eine Käseplatte, anschließend noch ein Früchtekompott und einen Kaffee. Zum Essen trank ich einen Viertel Liter Rosé. Und das alles zusammen, mitsamt dem Wein, kostete mich geschlagene 12 Euro – also wenn das nicht preisgünstig ist.

Nach dem Mahl beschloss ich noch, das Schwimmbad aufzusuchen um mich zu kühlen. Wenn es so etwas schon gab, dann musste der müde Wanderer das auch nützen. Ich kühlte mich ab und gegen halb vier, als die Sonne schon nicht mehr allzu heiß brannte, da wagte ich mich an den letzten Anstieg des Tages. Über eine Ebene näherte ich mich der Steilwand des nächsten Rückens der Chartruese, den es zu überqueren galt. Ich folgte dem Guiers Vif und stieg entlang seiner wunderschönen Grotten allmählich den Berg hinauf. Bald entfernte ich mich wieder vom Gewässer und erreichte schließlich den Camingplatz La Bruyère im kleinen Weiler Côte-Barrier. Der überaus freundliche Besitzer plauderte ein wenig mit mir und machte mich auf die verschiedenen Übernachtungsmöglichkeiten der nächsten Tage aufmerksam. Wir redeten auch über das Wetter und er wies mich darauf hin, dass für Übermorgen Nachmittag, jene Zeit, wo ich mich planmäßig in der abgeschiedensten und höchsten Gegend der Chartreuse befinden würde, recht heftige Gewitter vorhergesagt waren. Das war eine sehr hilfreiche Information. Am Campingplatz konnte man auch recht passabel speisen, der Besitzer selbst war der Koch. Da ich noch recht satt vom Mittagsmahl war, probierte ich nur eine Nachspeisenspezialität der Region, die sogenannten Îles Flotantes, aus und genehmigte mir anschließend einen Chartreuse – so heißt der berühmte Kräuterlikör der von den hießigen Kartäusermönchen gebrannt wird und für den die Region berühmt ist.

Vielleicht ein Wort zum Massif de la Chartreuse allgemein: Das Gebirgsmassiv, das sich zwischen Chambery und Grenoble erstreckt zählt zu den schönsten der Alpen und wird deshalb von den Einheimischen auch gerne als der Edelstein der Alpen, als émeraud des Alpes, bezeichnet. Im zwölften Jahrhundert wurde hier der Orden der Kartäusermönche gegründet, deren Kloster sich nach wie vor im Tal des Guiers Mort, nahe Saint-Pierre-de-la-Chartreuse befindet. Berühmt ist dieser Orden vor allem für sein Schweigegelübde und für das Geheimrezept des Kräuterlikörs, dessen Herstellung nach wie vor Mönchssache ist. Eine Regel des Ordens gebietet den Mönchen auch häufig wandern zu gehen und im Umfeld der Berge zu meditieren. Aber auch andere weniger christliche Geister sind hier gewandelt und haben nach Inspiration gesucht. Schon Jean-Jacques-Rousseau und vor allem Stendhal waren Wanderer der Chartreuse. Und auch ihren Spuren folgte ich nun.

Tag 27

Dieser Tag sollte mich tief ins Herz der nördlichen Chartreuse führen. Nach einem guten Frühstück im freundlichen Campingplatz brach ich auf. Wieder kratze der GR9 an die 1000m Marke, verlor dann aber wieder an Höhe und erreichte den winzigen Ort Corbel, der malerisch gelegen, hoch über dem Tal des Guiers Vif auf einem Felsvorsprung thront. Man hatte einen wunderschönen Blick mitten ins Herz der Chartreuse. Allerdings musste ich mich um ein paar schöne Bilder zu machen, erst an ein paar meditierenden Touristen vorbeischleichen, die den Aussichtsplatz dafür nützten eine seltsame spirituelle Yoga-Session zu veranstalten. Nach einem heißen Pfefferminztee in der Herberge an der steilen Straße ging es weiter. Von hier aus musste ich ein Seitental entlang nach Norden aufsteigen. Endlich überschritt ich wieder die 1000m Marke und befand mich bald am Col de la Cluse auf 1169 m. Von hier ging es allerdings schon wieder hinab in das letzte größere Dorf auf meinem Weg, bevor die Wildnis mich verschlingen sollte. Eparnay hieß mich willkommen. Leider hatte die Bäckerei mittwochs geschlossen, was so gar nicht in meinen Plan passte, war ich doch auf Proviant angewiesen. Doch es würde schon gehen. Im Gasthaus aß ich noch einen Wanderersalat zur Stärkung, wartete dann einen Regenguss ab und stieg dann auf zum winzigen Weiler la Plagne, wo ich in einer Herberge die Nacht verbringen wollte. Ein riesiger, grimmig dreinblickender Franzose mit Schnauzbart empfing mich. Ich erkundigte mich nach dem Preis und er zeigte mir mein Zimmer. Abendessen gab’s am acht, Frühstück um sieben.

Nachdem ich noch eine Weile in der Sonne gesessen und die wunderschöne Berglandschaft um mich genossen hatte, begab ich mich alsdann zum Abendmahl. Ich war weit und breit der einzige Gast. Der Tisch war für zwei Personen gedeckt. Mir gegenüber saß der immer noch grimmige Wirt. Er tischte das Essen auf und gemeinsam aßen wir, zuerst schweigend, dann sprechend. Ich langte gut zu, blickte der Bärtige doch ganz so, als würde er gleich mich auffressen, wenn ich nicht alles aß, was er mir auftischte. Ich erkundigte mich, wie viele Gäste es denn hier durchschnittlich gebe und ob der Mann das ganze Jahr hier leben. Ja, er war das ganze Jahr hier oben. Gäste gab es wenige, doch erst vor zwei Wochen hatte er sechs Leute beherbergt. Als ich mich nach dem weiteren Weg erkundigte wies der Wirt mich darauf hin, dass es leider nicht möglich war in den Schutzhütten zu übernachten, da diese im Sommer für die Hirten reserviert waren. Dies konsternierte mich etwas, wurde mein Schlafplatz für den nächsten Tag doch immer ungewisser. Doch es würde sich schon was finden. Nach dem Käseteller gab es noch Birnen und anschließend durfte ich schlafen gehen.

Tag 18

Es kam einer der schönsten Tage meiner Wanderung. Das Frühstück am Morgen war wieder klassisch französisch. Kein Teller. Brot direkt am Tisch. Kaffee aus der henkellosen Kompottschüssel. Aber gut war es. Ich packte mir noch zusätzlich ein wenig Brot ein, ließ mir meine Wasserflaschen füllen und schon bald ging es los in die wildeste Wildnis.

Von la Plagne führte mein Weg steil hinauf zum fünfhundert Meter höher gelegenen Col de l’Alpette. Wieder einmal bewies ich, dass die Zeitangaben auf den Schildern beim bergauf gehen für mich nicht galten. Bis zum Col de l’Alpette waren eine Stunde und dreißig Minuten beanschlagt. Nach knappen vierzig Minuten war ich bereits oben. Und ich befand mich in der Wildnis. Hier gab es keine Straßen und Stromleitungen mehr. Mit dem Col de l’Alpette hatte ich gleich zwei Grenzen überschritten. Zum einen befand ich mich nun in der inneren Region des Nationalparks, im Résèrve Naturel des Hauts de Chartreuse. Zum anderen hatte ich das Département Savoie verlassen und befand mich nun bereits im Département Isère. Der Wirt hatte mich nochmals darauf hingewiesen, dass für Nachmittag Gewitter angesagt waren und dass ich mich hüten sollte. Die Gewitter kamen auch, doch das erste erreichte mich nicht am Nachmittag sondern um Punkt 8 Uhr morgens, als ich eben den Col de l‘Alpette erreicht hatte. Von Osten leuchtete mir die Morgensonne entgegen, doch im Westen, nahe dem Col de la Cluse, den ich am Vortag überschritten hatte, näherten sich dunkle Wolken. Kurz sah ich dort einen Regenbogen. Die Wolken näherten sich mit großer Geschwindigkeit und mit ihnen kam der Donner. Zum Glück befand sich nahe des Col de l’Alpette eine kleine verlassene Hirtenunterkunft, in die ich mich schnell flüchtete und dort blieb, bis das Schlimmste vorüberwar. Als ich ging, wies mich eine freundliche Hirtin noch darauf hin, die Tür zu schließen, damit die Ziegen nicht in die Hütte kamen. Ich kaufte ihr ein Stück Käse ab.

Und weiter ging es durch die Wildnis einer atemberaubenden Berglandschaft. Auf über 1500m kämpfte ich mich schnellen Schrittes nach Süden vor. Zuerst über karge Wiesen, dann durch den Wald. Das Wetter war wieder besser geworden. Gelegentlich regnete es. Dann drang wieder die Sonne durch die Wolkenfetzen. Ich hoffte sehr, die angekündigten Gewitter würden noch ein wenig ausbleiben, näherte ich mich doch allmählich einem kritischen Punkt. Der höchste Ort meiner Wanderung und einer der höchsten Orte auf dem E4 überhaupt rückte langsam in mein Blickwelt. Schon von fern sah ich den gewaltigen Sattel des Col de Bellefond mit seinen 1902 m. Durch eine wilde Landschaft mit bizarren Felsformationen näherte ich mich dieser Hürde. Im Zuge dieser Wanderung sah ich zweimal eine merkwürdige Tierart vor mir flüchten und den Steinen verschwinden. Es schien mir eine Art Murmeltier zu sein, jedoch sah ich es nur von fern. Immer näher rückte der Col und mein Weg wurde steiler. Jetzt war höchste Vorsicht geboten. Ich musste sicher gehen den Col zum richtigen Zeitpunkt zu überschreiten. Dort oben wäre ich einem Gewitter völlig ausgeliefert.

Ein paar hundert Höhenmeter unterhalb des Cols hörte ich plötzlich Donnergrollen. Ich zog mich sogleich unter einem Felsvorsprung zurück und saß dort im Trockenen, während ein heftiger Regenschwall über mich hinweg zog. Dann war wieder alles ruhig. Sollte ich es nun wagen? Wann, wenn nicht jetzt? Rasch eilte ich die letzten hundert Höhenmeter empor.

Es ist stets ein wunderschönes Erlebnis, wenn man im Gebirge einen Pass oder die Kuppe eines Hügels erreicht. Plötzlich ist man oben und hat vor sich eine neue ungeahnte Landschaft liegen, die man bisher nicht gesehen hat. Auf einmal ist man nicht mehr auf demselben Berg und alles verändert sich. Ähnlich war es auch am Col de Bellefond. Hinzu kam der Wind. Nur wenige Meter bevor ich den Sattel erreichte war alles ganz ruhig. Totale Windstille. Doch dann stieg ich ein paar Meter höher. Mein Oberkörper lugte über den Col und ein Orkan empfing mich. Noch nie in meinem Leben hatte ich einen so starken Wind erlebt wie dort oben. Von Süden her bliesen derart kräftige Böen, dass sie mich beinahe wieder zurück hinab geworfen hätten. Doch ich trotzte dem Wind, schritt über den Col und machte mich in zügigen Serpentinen an den Abstieg. Die Böen drückten mich gegen den steilen Hang und ich musste dagegenhalten. Als der Wind plötzlich kurz aussetze flog ich beinahe in den Abgrund. Ach, ich genoss es. Die Überquerung des Col de Bellefond war so abenteuerlich und spannend wie sonst kaum ein Moment auf meiner Reise. Ich genoss diese wilde Natur.

There is a pleasure in the pathless woods,

There is a rapture on the lonely shore,

There is society, where none intrudes,

By the deep See, and music in its roar:

I love not Man the less, but Nature more.

Viel weiter unten, auf 1620 m, erreichte ich schließlich die Cabane de Bellefond. Hier hatte ich eigentlich die Nacht verbringen wollen, doch leider war die kleine Hütte ja im Sommer für die Hirten reserviert. Allerdings war es ohnehin erst zwei Uhr nachmittags. Ich war sehr schnell gewesen. Doch was nun? Ich studierte meine Karten. Bis zur nächsten Ortschaft le-Sappey-en-Chartreuse schien es mir viel zu weit. Noch über sechs Stunden Fußmarsch waren es bis dorthin. Die Überquerung des Col de Bellefond hatte mich ein wenig müde gemacht und soweit wollte ich nicht mehr gehen. Aber bis dorthin gab es leider nichts. Keine Hütte, keine Herberge, keinerlei Unterkunft. Natürlich blieb die Möglichkeit im Zelt zu übernachten, doch wählte ich diese Alternative nur sehr ungern. Schließlich war ich im Inneren Nationalpark, wo Zelten streng verboten war. Außerdem zogen dunkle Wolken auf und neuer Regen setzte ein. Bei Regen wollte ich auf keinen Fall mein Zelt errichten müssen.

Zum Glück gab es noch eine gute Alternative, wie mir schien. Etwa eineinhalb Stunden von mir entfernt befand sich der Gipfel von La Scia, wo es laut meinem Reiseführer eine günstige, ganzjährig geöffnete Herberge mit Übernachtungsmöglichkeit gab. Ich musste lediglich eineinhalb Stunden von meinem Weg abweichen und morgen früh diese Strecke wieder zurückgehen, bis ich mich wieder dort befand, wo ich jetzt war. Ein weiches Lager, ein gutes Abendessen und schon bald ein heißer Chocolat Chaud; das waren gute Gründe diesen Weg zu wählen. Ich verabschiedete mich also vom GR 9 und näherte mich La Scia. Den Berghang entlang ging es hundert Höhenmeter hinab und dann wieder hundertfünfzig hinauf. Kaum war ich losgegangen setzte der Regen ein und ließ mich mein Ziel noch heißer herbei ersehnen. Der Weg war sehr rutschig und schmal. Etwa zehn Minuten lang ging ich ein Gehege mit Schafen entlang. Irgendein genial-perfider Hirte hatte die Idee gehabt dieses Gehege mit einem Elektrozaun zu umgeben, welcher dort, wo er an den Weg grenzte, derart nach außen hing, dass der Wanderer auf dem schmalen Pfad gezwungen war weit zum Abgrund gebeugt zwischen Absturz und Stromschlag hin- und herzupendeln. Ich verfluchte diesen Weg. Aber zum Glück musste ich ihn ja erst morgen wieder begehen, wenn wenigsten alles trocken war.

Nach eineinhalb Stunden Marsch durch den Regen erreichte ich schließlich endlich die Hütte la Scia. Geschafft! Ich war nass und müde, doch nun war es vorüber. Wieder ein Tag vorüber und ein gutes Lager für die Nacht! Das dachte ich zumindest.

Doch als ich die Hütte betrat und um Unterkunft bat, da machte mich diese unsympathische Kellnerin mit Hang zum Sadismus rasch darauf aufmerksam, dass das Haus heute zusperrte und keine Unterkunft möglich sei. Na wunderbar! Und es gab nichts anderes in der Nähe? Nein, nur den Ort St.Pierre de la Chartreuse, drei Stunden Fußmarsch weiter unten im Tal. Das wäre dann über fünf Stunden von meinem Weg entfernt. Nein, danke. Diese Möglichkeit schied aus. Ich fragte, ob es nicht möglich sei, dass ich neben dem Gasthaus mein Zelt aufschlage. Nein, kam die Antwort. Zelten sei im Nationalpark strengstens verboten. Ja, aber diese Regel gelte doch sicher nicht für den Parkplatz vom Gasthaus, oder? Nein, es sei verboten. Ihr sei es ja egal, aber wenn man mich erwischt, so müsse ich zahlen. Ob ich denn nicht noch etwas zu trinken habe könnte? Nein, das Gasthaus sperre gleich zu. Nur ein Glas Wasser? Nein. So wurde ich denn hinausgeworfen. Mit ziemlicher Wut im Bauch ließ ich mich nahe dem Gasthaus nieder und dachte nach. Wenigstens hatte der Regen nachgelassen. Sogar die Sonne kam wieder zum Vorschein. Wo waren denn die angekündigten Gewitter des Nachmittages? Das gute Wetter stimmte mich im Grunde noch ärgerlicher. Ich hätte auf dem GR9 bleiben sollen und weitergehen. Wie weit wäre ich dann jetzt schon. Doch nun saß ich über eine Stunde weit von meinem Weg entfernt auf dem Boden und wusste erst recht nicht, wo ich die Nacht verbringen sollte. Ich beobachtete wie das Gasthaus zugesperrt wurde und alle Personen, die noch im Haus waren in ihre Autos stiegen und ins Tal fuhren. Mit mahnenden Blicken beäugte mich die sadistische Kellnerin als ihr Wagen vorbei fuhr. Das klügste war wohl einfach hier zu warten bis es dunkel wurde und dann Verbot hin oder her im Schutz der Nacht mein Zelt aufzuschlagen.

Noch eine Weile saß ich dort. Die Sonne kam wieder vollends zum Vorschein und trocknete meine Kleider, die ich auf dem Boden ausgebreitet hatte. Wenn es doch nur in Strömen schütten würde. Dann könnte ich wenigstens froh sein, nicht weitergegangen zu sein. Aber so. Als es schließlich immer schöner wurde, packte mich solch eine Wut, dass ich einfach meinen Rucksack schulterte und mich auf den Weg zurück zur Cabane de Bellefont machte. Ich ging, nein, ich rannte La Scia hinab, passiert mit ein paar Stromschlägen, die mir auch schon egal waren, das Schafgehege, rannte weiter durch den Wald hinab und wieder hinauf und kam vierzig Minuten später bei der Cabane an, wo ich meinen Rucksack hinwarf und meinen Kopf zur Kühlung in das kalte Wasser einer Tränke senkte. Drei Stunden nachdem ich zum ersten Mal hier gewesen war, befand ich mich also wieder an Ort und Stelle.

Und es ging weiter. Über steiniges Gelände eilte ich hinauf in Richtung des Gipfels des Dent de Crolles, zweigte dann jedoch nach Süden ab und kletterte über ein paar Felsspalten und einige mit Stahlseilen gesicherten Passage die Westwand des Dents hinab. Gerade an jenen kritischen Stellen verschwand die Sonne wieder und schwarze Wolken zeigten sich im Westen. Wenn mich nun hier in der Wand ein Gewitter heimsuchte, das wäre mehr als nur schlecht. Bei Nässe war es Wahnsinn über die glatten Felsen abzusteigen. Es gab keinerlei Schutz vor Blitzen. Und die Wolken rückten näher. Schnell stieg ich ab. Freilich hatte ich Angst, doch ich genoss es. Wie ich dort über die steilen Felsspalten balancierte und mich die Stahlseile hinab hantelte während der Sturm immer näher rückte, da fühlte ich mich einmal mehr so richtig lebendig. Selten lebt man intensiver als im Angesicht der Gefahr. In jenen Momenten verstand ich endlich jene wunderbare Textstelle von Antoine de Saint-Exupéry, welcher schreibt:

Ich bereue nichts. Ich habe gespielt und verloren. Aber ich habe den Wind auf freier See atmen dürfen. Das vergißt niemand, dem es einmal vergönnt war. Nicht wahr, Kameraden? Wir suchen ja nicht die Gefahr. Das ist Wichtigtuerei; mit den Stierkämpfern habe ich nichts gemein. Nein, ich suchte nicht die Gefahr; ich weiß, was ich suche: ich suche das Leben.

Auch ich habe gespielt, aber nicht verloren. Zwar gab es einen kurzen Regenguss, doch die Wolken verzogen sich wieder und schon bald befand ich mich auf halbwegs sicherem Gelände. Ich passierte den Eingang einer Höhle, dem Trou du Glas, dem Eisloch. Eiskalte Luft wehte von dorther. Man hört das laute Plätschern einer Quelle und sieht sein Spiegelbild in einem kalten See. Ein paar Meter drang ich in die Höhle vor. Dann wurde es mir jedoch schnell zu kalt und ich floh wieder in den Tag hinaus, welcher mir auf einmal von einer angenehmen Wärme schien.

Es dämmerte bereits. Ich stieg noch weiter ab auf 1538 m zum Col des Ayes. Dort erwartete mich eine Hinweistafel. Hier endete der innere Bereich des Nationalparks und Camping war wieder erlaubt. Mit Blick auf den mächtigen Dent de Crolles mit seinen 2062 m suchte ich mir ein Stück unterhalb des Col am Waldrand einen halbwegs flachen Platz und aß zu Abend. Es gibt nichts paradiesischer als eine saftige rote Paprika am Abend eines solchen Tages! Dunkle Wolken kamen. Rasch baute ich mein Zelt auf. Kaum hatte ich alle meine Habseligkeiten darin in Sicherheit gebracht und lag selbst auf den unangenehm schiefen Untergrund, da kamen endlich die lang angekündigten Gewitter. In der Zeit von neun Uhr Abends bis Mitternacht stürzten Wasserfalle prasselnden Regens auf mich nieder. Blitz auf Blitz zuckte und lauter Donner grollte, ganz ähnlich wie in der ersten Nacht meiner Wanderung. Ewigkeiten schien diese nun zurückzuliegen. Doch dieses Mal war mein Standort geschützter. Gleich neben mir begann der Wald. Alles, was ich fürchten musste, war, dass ein Ast mich erschlug.

Gegen Mitternacht ebbten die Gewitter endlich ab, doch trotzdem war mein Schlaf nicht gut. Der Boden unter mir war leicht schräg und das war schrecklich unbequem. Deshalb, lieber Wanderer, wo immer du dein Zelt aufschlägst, tu es auf ebenem Boden und du wirst dir dankbar sein.

Tag 29

Ich erwachte in einer eisigen, nassen, kalten Welt. Mein Zelt war sehr wetter- und auch wasserfest, hatte jedoch die negative Eigenschaft, dass sich nicht in allen doch in manchen Nächten in seinem Inneren Kondenswasser bildete, welches beim morgendlichen Erwachen auf mich herniederregnete. An diesem kalten Morgen war dies besonders unangenehm. Zitternd packte ich meine Habseligkeiten zusammen und machte mich auf den Weg. Kalt und neblig war der junge Tag. Ich stieg hinab zum Col du Coq, wo eine Straße die Wildnis querte. Hier ließ ich mich nieder und aß erstmal ein wenig Brot und Käse und den letzten Apfel, der mir geblieben war. Doch bald wurde es mir hier zu kalt. Ich musste in Bewegung bleiben, so ging ich rasch weiter, weg von der Straße, einen Berghang hinauf, wo nasses Gestrüpp mir das Fortkommen erschwerte. Als ich mich nach fast einer Stunde dem Col de la Faita auf 1412 m näherte, da drang zum ersten Mal an diesem Morgen endlich die Sonne aus dem Nebel hervor und wärmte mich mit ihren Strahlen. Die Schwaden boten mir ein wunderbares Schauspiel. Vor mir sah ich bald den mächtigen Gipfel der Charmechaude, mit 2082m der höchste Punkt des Massivs der Chartreuse. Geisterhaft bewegten sich die Schwaden an den Hängen der Charmechaude hinab und hinauf. Bald befand ich mich auf einem Grat und konnte zu meiner linken hin und wieder erste Blicke auf das dicht besiedelte Isère-Tal werfen, dessen Großteil die Wolken mir noch verbargen.

Ich marschierte rasch weiter, näherte mich über eine Alm der Charmechaude, doch zweigte dann bald nach Süden ab, hinab in einen Kessel, wo ich gegen zehn Uhr morgens nach langer Reise durch die Wildnis endlich das Dorf le-Sappey-en-Chartreuse erreichte. Schnell in das Dorfzentrum hin zum kleinen Café, schnell einen heißen Chocalat Chaud und endlich Erlösung. Dazu ein Kuchen, eine Tafel Schokolade und frische Pfirsiche. Ich war im Paradies.

Bislang hatte ich gedacht, dass es nach den Strapazen des gestrigen Tages für heute genug sei le-Sappey zu erreichen und dort einen gemütlichen Tag der Erholung zu verbringen. Es gab eine günstige Herberge, eine Lebensmittelhandlung und alles was man zum Überleben brauchte. Nach Grenoble waren es schließlich noch anstrengende sechs Stunden Marsch mit vielen vielen Höhenmeter. Ich hatte mir die Ruhe verdient. Doch als ich nun da saß, vor diesem kleinen Café in le-Sappey, als der Tag immer wärmer wurde und hoch über mir der Grat von Saint-Eynard grün leuchtete, da fragte ich mich was ich denn hier in diesem Dorf bis zum Abend treiben sollte. Das war doch furchtbar langweilig. Also sagte ich mir: „Zur Hölle, lass es uns zu Ende bringen.“ Ich schulterte meinen Rucksack und marschierte los. Von le-Sappey, das auf 999m lag, ging es zunächst vierhundert Höhenmeter hinauf zu einem steilen schmalen Grat, hoch über dem Tal der Isère. Diese vierhundert Höhenmeter rannte ich förmlich nach oben. Es war der letzte steile Anstieg meiner Wanderung. In genoss wie mein Atem langsam Feuer wurde, wie dicke Schweißperlen mir über die Stirn liefern und mir die Brille verschmierten. Und weiter. Und schneller. Viel zu schnell war ich oben. Durch dichtes Gestrüpp und Unterholz führte der Weg nun den bewaldeten Grat entlang nach Südwesten. An gewissen Stellen konnte man weit ins Isére Tal hinab blicken. Es bot sich eine der berauschendsten Aussichten der ganzen Reise. Gegenüber konnte man die mächtige Alpenkette von Belledonne sehen, unter mir lag das weite Tal mit der Ortschaft St-Ismier und allmählich zeichnete sich im Süden die riesige Agglomeration von Grenoble ab. Dazwischen lagen immer wieder Nebelfetzen und verbargen die Sicht. Wunderschön. Und immer weiter ging der Grat. Immer neue, atemberaubende Aussichtspunkte boten sich mir dar. Nach einer halben Ewigkeit hörte ich endlich menschliche Stimmen und trat plötzlich aus der Wildnis heraus auf eine Aussichtsfläche voller Menschen. So viele auf einem Haufen hatte ich schon seit Wochen nicht gesehen. Es war ein regelrechter Schock. Ich hatte das Fort du Saint-Eynard erreicht, eine alte militärische Einrichtung, die zum Restaurant transformiert worden war und ein beliebtes Ausflugsziel darstellte. Eine Straße führte hier herauf und brachte mit sich die Touristen, ahnungslos dessen wie viel schöner es ist, zu Fuß und aus eigener Kraft solche Höhen zu erreichen, als mit dem Bus.

Schnell kehrte ich den Menschenmassen den Rücken, durchschritt einen alten Verteidigungstunnel und bestieg den Nebengipfel, ein Stück weit hinter dem Fort. Hier war ich wieder alleine und sah unter mir zum ersten Mal die volle Pracht Grenobles, der Hauptstadt der Alpen. Da floss der Drac. Dort floss Isère. Dort mündeten sie. Im Südosten die Kette von Belledonne. Im Westen das Massiv von Vercors und im Norden: Ich, auf dem Massif de la Chartreuse. Die Großstadt lag noch weit unter mir. Ich sah den Ausläufer der Chartreuse, den Mont Rachais, der sich wie ein Dolch weit hinein in die Stadt bohrte und dort an der Isère mit dem Fort de la Bastille sein Ende fand. Noch über 1000 Höhenmeter trennten mich von jenem Ort. In drei oder vier Stunden konnte ich es schaffen. Der letzte Abstieg begann. Nach vielen steilen Serpentinen befand ich mich schon nur mehr auf halber Höhe, am Col de Vence. Ich stieg den Mont Rachais entlang und erreichte schließlich nach vielen Schritten durch felsiges Gelände endlich das Fort de la Bastille. Es war eine bewegende Ankunft. An allen Ecken sah ich die rot-weißen Markierungen des GR 9, denen ich solange gefolgt war. Sie wiesen zum Eingang des Forts, wiesen zum großen Tor. Ich durchschritt es, schritt auf den Hauptlatz des Forts, schritt vor zur Brüstung und blickte hinab auf die Stadt. Ich war da. Nach all den vielen Kilometern war ich endlich in Grenoble. Über 650 km von Bregenz bis hierher hatten meine Beine mich getragen. In den letzten zwölf Tagen war ich 236 km weit marschiert, durch den Jura, entlang des Rhône, über die Chartreuse. Und nun war ich da. Ich streifte meinen Rucksack, ließ mich auf einer Mauer nieder und sog den Anblick tief in mich hinein. Triumph. Wo ein Begeisterter steht ist der Gipfel der Welt.

Und nun? Weitergehen oder nicht weitergehen? Beides hatte seine Reize. Morgen würde ich entscheiden. Jetzt galt es erstmal die letzten Schritte hinab in die Stadt zu tun und eine Unterkunft zu finden, bis der Abend kam.

Rasch stieg ich die Verteidigungsanlagen des Forts hinab, überquerte die Isère und fand mich schon bald im belebten Stadtzentrum wieder. Nach so vielen einsamen Hochweiden ist das Betreten einer Großstadt immer wieder mit einem leichten Kulturschock verbunden. Rasch fand ich das Tourismusbüro und ließ mir von einer freundlichen Dame den Weg zur Jugendherberge beschreiben, wo ich freundlich aufgenommen wurde. Rasch schlief ich ein.

9.8.2008

An diesem Tag erlebte ich Grenoble – eine wunderbare Stadt. Für wenig Geld konnte ich seine schönsten Attraktionen sehen. Ich machte eine zweistündige Stadtführung durch das historische Zentrum, wo ich allerlei über die Vergangenheit der Stadt erfuhr, besuchte das Museum, wo mich besonders die temporäre Ausstellung des Künstlers Wolfgang Laib interessierte. Dieser verarbeitete in seinen Werken, die rein aus natürlichen Produkten wie Milch, Pollen und Reis bestehen, verschiedene Motive und Formen der ostasiatischen Gedankenwelt. Es ist ein seltsames Gefühl vor sich einen großen Saal zu sehen, dessen Boden mit verschieden Häufchen aus Reis und Pollen belegt ist. Dazu die Worte: My place ist placeless. May face is faceless. It has neither body nor soul.

Ja, auch Museen, nicht nur die Natur vermögen das Herz eines Menschen zu bewegen. Jedoch wie viel mehr vermag das die Natur. Ich muss Peter Singer recht geben, wenn er sagt.

… und doch habe ich in keinem einzigen Museum Erlebnisse gehabt, die meine ästhetischen Sinne in dem Maße erfüllt hätten, wie wenn ich in der Natur wandere und verweile, um den Blick von einem Felsgipfel über einem bewaldeten Tal schweifen zu lassen, oder wenn ich an einem Bach sitze, der über moosbewachsene Steine inmitten hoher Baumfarne, die im Schatten des Walddaches wachsen, hinabfließt.

Er spricht mir aus der Seele.

Ich genoss Grenoble. Wenn ich diese Stadt mit einem einzigen Adjektiv beschreiben müsste, so würde ich sagen: Grenoble ist „freundlich“. In keiner anderen Großstadt Europas habe ich mich ähnlich wohl gefühlt. Auch ihre Geschichte lässt sich sehen: Wiege der französischen Revolution, Geburtsstadt von Stendhal, langjährige Heimat von Rousseau, größte Stadt der Alpen. Viele haben hier gelebt und gewirkt. Ich mag Grenoble, mag seine vielen schönen Brunnen, seine alten Plätze und römischen Mauererste, seine Flüsse und vor allem die Berge, die es umringen und besonders jene im Westen, die leise meinen Namen rufen.

Gegen Abend stieg ich in die berühmte Seilbahn, die älteste der Welt – inzwischen natürlich modernisiert – die mich hinauf zum fort de la Bastille trug, wo ich am Vorabend angekommen war. Ich setze mich auf eben jene Mauer, wo ich am Vortag gesessen hatte und blickte nach Westen. Dort lag es, dass Massif de Vercors. Dorthin führte mein Weg. Lockend glänzte der Gipfel von la Sure im Abendlicht. Ihn musste ich besteigen. Bald dahinter würde der GR9 nach Süden weichen, parallel zum Rhône, der dort wieder sichtbar wurde. Ich würde das Département Drôme betreten, würde die Bourne kreuzen und anschließend in den Bergen von Diois die Drôme selbst überqueren, bis ich dann in Viviers erneut den Rhône erreichte und ihn ein weiteres Mal kreuzte. In nur zehn Tagen konnte ich dort sein. Sollte ich oder sollte ich nicht? Eines Tages sicherlich. Warum nicht jetzt?

Weil es auch sonst viel zu tun gab. Zuhause harrten meiner neue Projekte, neue Gedanken und Erkenntnisse. Es gab noch viel zu lesen, viel zu schreiben und zu tun. Anstatt zu wandern konnte ich den Rest dieses Sommer nützen um endlich meine „Utopien“ zu vollenden, ich konnte einige schöne Bücher lesen und frei vom Zeitpunkt ein paar philosophische Arbeiten fürs Studium schreiben. All das reizte mich nun wieder. Verflogen war die geistige Müdigkeit, die mich vor dieser Reise in ihren Klauen hatte. Die Wanderung hatte somit ihren Zweck erfüllt.

Auf die Information hin, dass ich diesen Sommer ganz alleine durch die Wildnis Frankreichs wandern würde, haben viele meiner Bekanntschaften überrascht reagiert und mir gesagt, dass sie selber das nicht durchstehen würden, da sie nach ein paar Tagen nicht mehr wüssten, was sie denken sollten. Aber genau das ist ja die Kur, ist ja das Erholsame und Heilsame an solch einer Wanderung: Nicht zielgerichtetes Denken. Normalerweise denkt man fast immer zielgerichtet, springt von einem Problem zum nächsten, von einer Aufgabe zur andern. Das Denken kann kaum ruhen, ist stets mit Herausforderungen konfrontiert. Und genau das ist bei einem intensiven Leben auf Dauer sehr kräfteraubend. Auf meiner Wanderung habe ich meine Gedanken stets frei kreisen lassen. Gerichtet waren nur meine Beine. Sie hatten den Weg zu gehen, doch ich musste diesen Weg nicht wählen. Er war schon da. Es gab kaum Entscheidungen, die zu treffen waren. Während der langen Stunden des Marsches gab es keine konkreten Probleme, die mich geistig beschäftigten. Meine Gedanken wanderten ziellos umher, streiften von einem Schatten der Vergangenheit zum nächsten, von einer Perspektive der Zukunft zur anderen, von Lied zu Lied, von Geschichte zu Geschichte. Das ist eine Art Katharsis und kann wunderbar erholsam sein. Mit neu geschärftem Geist und wieder fokusierten Gedanken befand ich mich nun also in Grenoble. Ich war bereit für neue Herausforderungen, neue Theaterprojekte, neue schöne Studienjahre, neue Geschichten. Die Reise hatten ihren Zweck erfüllt. Es war genug. Das Massiv von Vercors konnte warten.

Ich kaufte mir eine Zugfahrkarte und kam am Abend darauf zu Hause an.

Ja, Vercors konnte warten, doch das Schöne ist, dass man weiß, dass es da ist und dass es wartet, und dass sein Warten irgendwann erhört wird und ich mich einmal mehr auf den Weg machen werde. Denn der Mensch war immer schon ein Wanderer. Und das ist die Schlussfolgerung von alledem.

Ich glaube, dass meine Abenteuer auf dem E4 noch lange nicht zu Ende sind. Es wird neue Kapitel geben. Der Weg wird weitergehen. Und mit einem der für mich schönsten Gedichte (diesmal nicht von Byron) ende ich diesen Bericht.

The road goes ever on an on

Down from the door where it began

Now far ahead the Road has gone,

And I must follow, if I can,

Pursuing it with eager feet,

Until it joins some larger way

Where many paths and errands meet.

And whither then? I cannot say.

J.R.R. Tolkien.

Startseite ———– Aktuelles

Tag 1 – 17 ———– Tag 30 – 45

Meine Reisen

.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: