Ad Christopher McCandless

September 13, 2009 at 5:52 pm (Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

Viel wurde bereits gesagt und geschrieben ueber das tragische Schicksal von Christopher McCandless. Das grossartige Buch von Jon Krakauer und vor allem die brilliante Verfilmung von Sean Penn haben dazu geführt, dass heute mehr Menschen  über das seltsame Leben und Sterben jenes jungen, mutigen Amerikaners Bescheid wissen denn je. Viele schütteln die Köpfe, andere glauben ihn zu verstehen, manche  identifizieren sich vielleicht sogar teilweise mit McCandless. Für mich ist seine Geschichte eine Warnung, eine Bestätigung und zugleich eine große Inspiration. Manches, was ich in den letzten eineinhalb Jahre gedacht, geschrieben und getan habe, hat indirekt mit dem Schicksal McCandless‘ zu tun. So trug dieses wohl wesentlich zur Genese meines neuesten Theaterstückes „Die Gefangenen“ bei. Trotz klarer Unterschiede und anderer Akzente wird die Hauptfigur darin vom selben Drang nach Freiheit und derselben Antipathie gegenüber der Seichtheit und Verlogenheit der sie umgebenden Mainstream-Gesellschaft geprägt und getrieben wie auch McCandless. Was mich an seinem Charakter besonders faszinierte, war seine eiserne Entschlossenheit in der Ausführung seines Plans, seine Belesenheit, aber auch seine emotionale Kälte gegenüber seiner Familie, die er solange im Ungewissen über sein Schicksal ließ, bis seine Leiche ihr Antwort gab. Wenn es wirklich nur die Jahre zurückliegende Bigamie seines Vaters war, die McCandless dazu veranlasste seine Eltern und seine Schwester zwei Jahre lang mit schmerzlicher Ungewissheit zu strafen, so entlarvt ihn dies als einen unversöhnlichen Menschen mit streng konservativem Moralkodex. Auch andere Fakten seines Lebens weisen darauf hin. Er scheute die Gesellschaft wohl nicht, weil sie ihm zu konservativ war, sondern wohl vor allem darum, weil sie ihm zu wenig „rein“ und zu verlogen war.

Was seine Belesenheit angeht, so war dies ein Hauptgrund meiner anfänglichen Faszination für diesen Menschen. Scheinbar hielt sich McCandless an eine ähnliche literarische Diät, wie ich es in seinem Alter tat, und strich Stellen in seinen Büchern an, die auch ich anstreichen würde, und teilweise auch angestrichen habe. Tolstoi, Pasternak, London, Thoreau… Es hätten auch Sartre, Dostojewskij und Poe sein können; oder Nietzsche, Wilde und J.D. Salinger. Gewiss hätte dem jungen Chris auch  Schopenhauer gefallen. Dieser vielleicht mehr als alle anderen. Am meisten erinnert sein Denken und Leben jedoch an Thoreau, der nicht nur sprach sondern auch selber in die Wildnis ging und sein eigenes Leben zum Experiment machte. Was war Fairbanks Bus 142 denn anderes als eine Variation von der Hütte am Waldon See, nur extremer, radikaler und viel gefährlicher.

Wie wohl die meisten hörte ich zum ersten Mal von McCandless durch Penns Verfilmung von dessen Geschichte. Für mich war es der beste Film des Jahres. Ich sah ihn zweimal innerhalb von wenigen Tagen und mit sehr unterschiedlichen Emotionen. Beim ersten Mal ging ich heim in einem Gefühl der überschwänglichen Euphorie. Ich war trunken vor Freude am Dasein, wünschte mir nichts mehr als Freiheit, Unabhängigkeit und das Glück des Weilens in wilder Natur, welches ich schon auf manch langer Wanderung genießen durfte. In jener Nacht schrieb ich ein interessantes Stück Text, das mich seither immer wieder einmal amüsierte. Beim zweiten Sehen des Films waren meine Gefühle durchwachsener und bei weitem nicht so klar. Ich sah einen ganz anderen Film und begann über einige unbehagliche Widersprüche nachzudenken, die dem Film inhärent sind. Bewusst, wie mir scheint. Es ist als wollten die Macher – wahrscheinlich Penn – dem Publikum eine Frage stellen. Es ist eine Frage, die man mit nach Hause nimmt und lange mit sich herumträgt. Am Ende findet wohl ein jeder seine Antwort. Im Grunde ist die Frage die: Ist es wahr, dass nur geteiltes Glück wahres Glück ist? Auf einer Seite seiner Ausgabe von Doktor Schiwago hatte McCandless ein paar Wochen vor seinem Tod den Satz gerschrieben „Happiness is only true when shared“. Es ist dies jedoch ein radikaler Bruch mit seiner früherer Philosophie und all den Dingen, der gegenüber den Menschen äußerte, denen er auf seiner Reise begegnete. In einen Brief an seinen Freund Ronald Franz – oder wie immer dieser in Wirklichkeit heißen mag- , schrieb McCandless:

The joy of life comes from our encounters with new experiences, and hence there is no greater joy than to have an endlessly changing horizon, for each day to have a new and different sun. […] You are wrong if you think Joy emanates only or principally from human relationships. God has placed it all around us. It is in everything and anything we might experience. We just have to have the courage to turn against our habitual lifestyle and engage in unconventional living.

Es herrscht ein klarer Widerspruch zwischen dieser Aussage – welche im übrigen auch von einem Philosophen wie Thoreau hätte stammen können – und dem oben zitierten Satz über „wahres“ Glücklichsein. Mit der Art wie der Film aufgebaut ist – besonders mit der Betitelung des letzten Kapitels mit „Gaining wisdom“ – scheint uns Sean Penn seine eigene Interpretation nahe legen zu wollen, nämlich die, dass McCandless am Ende seiner Reise und am Ende der kurzen Reise seines Lebens die Wahrheit oder Weisheit findet, dass nur geteiltes Glück wahres  Glück sei. Happiness is only true when shared. Man bemerke dieses kompromisslose „only“ und vergleiche es mit dem „only“ in obiger Antithese, welche auch andere Quellen des Glückes erlaubt: „You are wrong if you think Joy emanates only or principally from human relationships.“

Klarer könnte der Widerspruch kaum sein. Wir haben ein Paar von These und Antithese, das keine Synthese erlaubt, denn das eine ist eine Negation des anderen und Tertium non datur. Man muss sich entscheiden. Das letzte Jahr über habe ich in größeren Abständen immer wieder über diese Frage und vor allem über die Entwicklung, die McCandless von der einen zur anderen Ansicht führte, nachgedacht und versucht in meiner Lektüre, sowie in meiner eigener Erfahrung in Alltag und Reise eine Antwort zu finden. Mein Interesse für McCandless führte mich schließlich zu Henry David Thoreau und dieser führte mich zurück zu McCandless und Jon Krakauers Buch über dessen Leben, das sich in interessanten Detail von der Darstellung im Film unterscheidet.

Ich habe eine Antwort. Und diese lautet, dass der schön und romantisch klingende Satz „Happiness is only true when shared“ völliger Unsinn ist. McCandless selbst bestätigt dies mit seinem Leben, mit den tausend intensiven Glücksmomenten, die er erlebte und wovon er stets Kunde tat. In allen Schilderung wurde er auf seiner Reise als überaus glücklicher Mensch beschrieben, der die Welt um ihn – besonders die wilde Welt – liebte und es genoss sie zu durchwandern. Er fand sein Glück vor allem in der Einsamkeit. Doch wirklich „einsam“ fühlte er sich nur, wenn er unter Menschen war.  Wem will man mehr trauen? Dem was McCandless sein Leben lang gelebt und gepredigt hat? Oder dem, was er geschwächt im Hungerzustand nach großem Schrecken und langen Monaten in der Kälte bei schlechtem Wetter an einer Stelle einmal in ein Buch gekritztelt hat? Gilt es denn nichts, das er davor tausendmal das Gegenteil sagte. Musste dieser eine Satz deshalb gleich als die Erlangung von Erkenntnis tituliert werden? Unsinn. Man bemerke, dass dies nur eine von vielen Notizen war, die McCandless in jenen Tagen in seine Bücher schrieb. Und es war bei weitem nicht seine letzte. Das letzte, was er schrieb, das letzte, was er lächelnd und mit einer Geste des Abschieds sowie des Triumphs vor seiner Kamera präsentierte, war ein Text der unter anderem den Satz beinhaltet: „I have had a happy life“. Und ich glaube die glücklichsten Stunden  waren die, die er mit niemanden teilte. Es waren die, in denen er alleine auf einem Berggipfel in Alaska stand und den Wind im Gesicht spürte. Es waren jene, als er im Kayak den Colorado River entlang fuhr, jene da er in Mexiko endlich den Ozean erreichte, jene da er im Zentrum eines Gewitters stand. Und jene Momente mit einem anderen Menschen zu teilen, hätte jene Momente vielleicht verdorben.

Doch wiese sollte man sie hierbei auf McCandless berufen. Ebensogut könnte man von Lord Byron sprechen, von Thoreau, Nietzsche, Emerson und so vielen anderen. Die Weltliteratur ist voll von wunderbaren Schilderung des Glückes und der Freude, die ein Mensch in dieser Welt empfinden kann. Niemand will dabei leugnen, dass in zwischenmenschliche Beziehungen die Quellen großen Glücks und großer Freude sein können. Doch zu glauben, dies wäre die einzige Quelle ist pure Blindheit. Es gibt mehr als einen Stern am Firmament. Es gibt tausende Quellen der Freude. Man koste sie alle und verweile bei denen, die am süßesten sind. Doch dies ist eine Frage des Geschmacks. Auch ich selbst habe meine eigenen Erfahrungen, die mir mit Bestimmtheit bestätigen: „You are wrong if you think Joy emanates only or principally from human relationships.“

Nichts soll in diesen Erörterung den Eindruck erwecken, dass ich McCandless in irgendeiner Art und Weise als Vorbild betrachte und allzu sehr preisen möchte. Wie Buch und Film und seine Briefe mir sagen, war er ein bewundernswerter, mutiger Mensch, der jedoch viel Ansichten vertrat, die ich klar ablehnen muss. Sein striktes puritanisches Moralverständnis, seine Kälte gegenüber jenen, die dieses missachteten, seine Frömmigkeit…

Man muss auch erwähnen, dass McCandless kein Einzelfall ist. Es gibt viele Menschen, die ihm ähnlich sind und ebenfalls „Into the Wild“ aufbrachen. Manche kehrten wieder, andere nicht. Krakauer erwähnt einige, die nicht wiederkehrten und sieht sich selber als jemand, der in seiner Jugend ähnlich wie McCandless lebte. Und zurecht stellt er fest, dass es wohl nur eine Reihe unglücklicher Zufälle war, die zu seinem Tode führte. Viel hätte nicht gefehlt und McCandless wäre lebendig aus der Wildnis zurückgekehrt. Wir wissen, dass er vor hatte ein Buch zu schreiben. Wir können vermuten, dass es sehr gut geworden wäre. Doch bekannt geworden, wäre es wohl kaum. Man sollte ehrlich sein. Der einzige Grund, warum sich die Welt für die Abenteuer von McCandless interessiert, ist sein Tod, ist seine verweste Leicht im entlegenen Bus. Wäre er nicht gestorben, würde auf der Titelseite von Krakauers Buch nichts von einem verwesten Körper stehen, die Geschichte hätte nie die Welt erobert. Und es gibt viele Geschcihten von Menschen, die wie McCandless in die Wildnis gehen, die versuchen ein „anderes“ Leben zu führen, die ihr Dasein zum Experiment und zum Kunstwerk erheben. Doch niemand interessiert sich für sie.

Cercato ho sempre solitaria vita

Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi,

Per fuggir quest‘ ingegni storti e loschi,

Che la strada del ciel‘ hanno smarrita

—————————Petrarka

Das ist alles, was ich über Christopher McCandless sagen wollte.

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1 Kommentar

  1. Karolina said,

    Ich bin absolut deiner Meinung und empfinde trotzdem Achtung und Respekt für die Entscheidung alles hintersich zu lassen. Ich habe drei Kinder und würde ihnen wünschen einen eigenen weg im leben zu finden. Trotzdem hätten seine Eltern ein Brief der Erlösung erhalten sollen, das hätte ich mir gewünscht.

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