Die Vögel – Aristophanes

Oktober 4, 2009 at 4:04 pm (Betrachtungen - Kommentare - Aphorismen)

Den gestrigen Abend verbrachte ich im bayrischen Markt-Oberdorf, wo ich Zeuge zweier schöner Ereignisse wurde. Das erste ein Naturschauspiel, das zweite ein Kulturschauspiel.

Ich hatte gerade gut gegessen und spazierte nun durch die Straßen des noch fremden Ortes. Es verblieb noch knapp eine Stunde bis zum Beginn der Aufführung von Aristophanes‘ „Die Vögel“, dem Grund meiner Anreise. Ich wollte die verbleibende Zeit nutzen, um – wie ich es gerne tue – ein wenig ziellos umher zuwandern und zu sehen, ob es etwas zu entdecken gäbe. Als ich also nun in die Gschwonderstraße einbog und nach Westen blickte, da sah ich sogleich den Beginn einer vielversprechenden Sonnenuntergangsphase. Die Wolken waren gerade richtig aufgestellt, die Luftfeuchtigkeit war auf dem rechten Niveau und unser Stern und Lebensspender Sonne schwebte das letzte Stück dem Horizont zu. Das war der Westen. Als ich nun aber nach Osten blickte, da sah ich etwas, das mich – unerwartet wie der Anblick war – für Momente mitten auf der Straße stehen bleiben ließ. Ich sah den Mond, den vollen blassen Mond, knapp über Wipfeln der Bäume am Hügel, doch immer noch weit unterhalb der Spitze des Kirchtums von Sankt Martin am milchig blauen Dämmerungshimmel leuchten. Was soll nun an dem Mond Besonderes sein? Es war das Gesamtbild, das faszinierte. Der durch die Refraktion in den Abendluftmassen aufgedunsene Mond schien aus der Ferne ebenso breit wie der Kirchtum von Sankt Martin. Und er befand sich direkt neben diesem und direkt überhalb der Bäume am Hügel. Und im Westen leuchtete weiterhin rötlich die Sonne. Eine recht seltene Komposition der Naturphänomene. Ich sah Sonne und Mond – beide Begleiter der Menschen seit ältester Vorzeit – beide zugleich sich Auge in Auge am Himmel gegenüber stehen. Sie blickten sich an, zwei runde vollkommene Scheiben mit einem Leuchten von unterschiedlichster Art. Bruder Mond stieg allmählicher höher und gewann an Kraft. Schwester Sonne versank langsam in einem tiefroten Wolkenmeer.

Ich habe in meinen Leben wunderbare Sonnenuntergänge und -aufgänge gesehen, über Bergen und Ozeanen, in Venedig, über der Texanischen Prärie oder im fernen Laos, doch diese klare Opposition der beiden Gestirne am Kreis des Horizonts erlebte ich hier in dieser Form zum ersten Mal. Natürlich hielt es mich nicht lange in der Straße, wo Häuser mir den Weg versperrten. Ich bestieg den Hügel von St. Martin, um dort oben, von Kirchplatz und Friedhof aus, eine bessere Aussicht zu finden.

Inzwischen war der Sonnenuntergang dabei in seine schönste Phase einzutreten. Der Feuerball der Sonne war verschwunden, doch dafür begannen nun all die Wolken und Kondensstreifen, die in den bizarrsten Formen den Himmel Richtung Westen zierten, in den schönsten Rottönen zu erstrahlen. Es war ein Gemälde, eine Serien von Gemälden in stetiger Veränderung. Kaum konnte man den Blick abwenden, doch wandte man ihn dennoch ab, so sah man gegenüber den Mond zielstrebig höher steigen, hinter Ästen und Gemäuern hervorlugen und mehr und mehr zum dominanten Lichtpunkt der Umgebung werden. Die Luft war klar genug um die Geographie seiner Oberfläche zu studieren. Ich sah das Mare Crisium, das Mare Serenitates und die Krater von Tycho, Kepler und Copernikus.

Im Westen aber war das Schauspiel momentan noch spannender. Die Schriftzeichen, welche Sonne und Wolken mit Rotstift in den Himmel schrieben und welche mach chinesischen Buchstaben zu ähneln schienen, begannen allmählich vom Zenit weg ihren Glanz zu verlieren und zu verblassen. Allmählich zog sich das letzte Licht der Sonne, das die Wolken immer noch in die schönsten Rottöne tünchte, zurück zum Horizont, bis nur noch ein einzelner Streif verblieb, der in einem geheimnisvollen dunkeltiefen Rot noch für Minuten weiterstrahlte. Eine Schar von Windrädern im Westen, die mitten in dem leuchtenden Inferno ihre Runden drehten, trug zur Beschauchlichkeit des Anblicks bei. Und dann war es vorbei. Nur der Mond strahlte weiter. Am Friedhof leuchteten einige Kerzen und ein Vogel flog am Kirchtum vorbei in die Ferne. Er flog genau entlang der unsichtbaren Sichtlinie zwischen Mond und mir. Der Friedhof von Markt-Oberdorf ist zu dieser Tageszeit ein reizvoll unheimlicher Ort, wo fast mannsgroße Jesusstatuen aus Stein im Licht der Kerzen ihre Schatten werfen.

Nach diesem emotionalen ‚Vorglühen‘ kehrte ich dem Friehofshügel meinen Rücken zu und suchte mir den Weg zur Filmburg wo die Theaterschule mobilé unter der Leitung von Monika Schubert die zweitausendvierhundert Jahre alte Komödie des Aristophanes zeigte. Und eben davon soll der nächste Absatz Kunde tun:

Dass die alten Dramen Griechendlands, die es irgenwie durch die Wirren der Geschichte in die Gegenwart geschafft haben, auch heute noch von erstaunlicher Aktualität sein können, ist nichts Neues. Man erfährt es immer wieder bei der Lektüre von Aristophanes, aber auch bei Tragödiendichtern wie Sophokles und anderen. Es ist ein Zeichen, dass der Mensch sich gleich bleibt und bei all dem Wandel, den der Fortschrift der Wissenschaften uns gebracht hat, wir doch immer noch dieselben Wesen sind. Und doch… Wie ein solches Drama inszenieren? Wie es auf die Bühne bringen, dass es nicht zu viel an seiner Originalität verliert und dennoch das Publikum mitreißen kann? Monika Schubert weiß, wie das geht und mit „Die Vögel“ haben sie und ihr Team es mit Bravour geimeistert. Das Stück entführt seine Zuschauer auf eine fantastische Reise, auf einen weiten Vogelflug zum Zwecke der Erfüllung einer uralten Sehnsucht des Menschen: der Sehnsucht nach einem Ort, wo alles anders ist, wo die starren Regeln und Grenzen des Alltags ihre Gültigkeit verlieren, wo ewiger Friede herrrscht und die volle Freiheit höchstes Gut ist. Vogel sein und fliegen können, das ist schon die halbe Freiheit. Doch die halbe Freiheit ist uns nicht genug. Wir wollen mehr. Wir wollen einen Ort der unbegrenzten Möglichkeiten dort oben über den Wolken, wo jeden Tag die Sonne scheint.  Wir wollen Wolkenkuckucksheim. Doch jeder Traum kann auch ein Alptraum sein und noch nie hat jemand eine Utopie beschrieben, die bei näherem Hinsehen nicht doch auch eine Dystopie war. Es ist faszinierend, wie sich all dies in diesem wunderbaren Werk des Aristophanes finden lässt. Es herrscht soviel Raum für Interpretationen. Man kann sich darin finden und verlieren. Das Stück ist zeitlos, weil seine Themen zeitlos sind: die unsterblichen Träume des Aussteigertums, der Reiz der Freiheit in der Anarchie, welche doch auch jederzeit den Keim der Autokratie in sich tragen kann und so viel mehr. Am Beispiel des Pisthetairos sieht man wunderbar das alte Spiel der Dämonie der Macht. Der junge Anarchist und Systemkritiker, welcher im Verlauf der Begebenheiten zum Tyrannen und Herr des Gesetzes mutiert. Man kann in dem Stück aber auch die zerstörerischen Machenschaften des ewigen Verführers Mensch beobachten, der die Natur in Gestalt der freien, unschuldigen Vögel korrumpiert und sie ausbeutet und unterjocht. Man kann so viel darin sehen…

Und durch die brilliante Bearbeitung und Inszenierung von Monika Schubert sieht man all dies umso klarer. Es war ein Theatergenuss voll beeindruckender Augenblicke. Etwa, wenn ein Sprechchor von circa fünfzehn Vögeln dem Publikum in synchroner Wortgewalt ihre Botschaft entgegenschleudert, wenn die alten Lieder mancher Kindheit, in denen Vögel sehr oft eine Rolle spielen, plötzlich gesungen werden und sie in die Handlung fügen oder wenn die Vorstellung von frechen Punks gestört wird und das ganze Publikum sich fragt, ob das denn nun zur Show gehört oder nicht. Ich war wirklich lang im Zweifel. Ein besonderes Lob verdient auch die schöne poetische Sprache, die sich über weite Passagen hinweg an den Jamben des Aristophanes orientiert. Wie so ein Versmaß doch den Worten einen Zauber geben kann, den sie in Prosa nie erreichen. Ein Highlight sind auch die kleinen feinen Details der Bearbeitung. So kommt zum Beispiel die Geschichte des Werkes selbst im Werk zum Ausdruck. Der Kolibri spricht kurzweilig von Goehte und Karl Kraus, welche sich einst auch für „Die Vögel“ begeistern konnten und diesem Stück ihre persönliche Note gaben. Und als Aphrodite plötzlich den Mephistopheles zitierte, das war für mich das höchste der Gefühle. Einfach nur mehr schön.

Aber Vorsicht: nur geeignet für Menschen, die auch fliegen können; bzw. die auch fliegen können wollen.

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Betrachtungen – Kommentare – Aphorismen

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1 Kommentar

  1. Monika Schubert said,

    Ich bin überwältigt von diesem schönen Text! Und das Naturschauspiel…..Ich glaube, dass außer mir und Ihnen noch kein Bürger unserer Stadt diese Sonne-Mond Begegnungen so intensiv und bewußt erlebt hat. Die „Lichtschleuse“ Gschwenderstraße läßt solche Naturereignisse zu. Oft stehe ich nachts nach den Vorstellungen auf dem Seitenbalkon der filmburg und schaue über der Giebel des alten Stalls hinauf nach Sankt Martin. Sternklar die Nacht, Frau Luna silbert neben dem Turm, der erhaben das Licht wiederspiegelt. Im Winter ganz besonders faszinierend, im Frühling, wenn der Birnbaum in weißrosa Blütenpracht steht und die stille der Nacht sich drüber legt, dann,,, ja dann „fliegt Gedanken….“
    herzlichen Dank! Monika Schubert

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