Wanderung auf dem E4 – 3. Etappe: Von Grenoble bis Villefort

Oktober 3, 2010 at 2:38 pm (Allgemein)

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Meine Reisen

Reisezeit: August 2010

Reiseort: Grenoble – Massif du Vercors – Tal der Drôme – Berge von Diois – Chateauneuf-du-Rhône – Schluchten der Ardèche – Cevennes – Villefort

Reiselänge: 16 Wander- und 2 Ruhetage  (ohne An- und Rückreise), die Wandertage entsprechen Tag 30 bis 45 meiner Reise auf dem E4.

Reiseart: Wanderung

Reiseliteratur: José Saramago: „Die Stadt der Sehenden“, „Die Stadt der Blinden“

Der E4 – einer der goßen Weitwanderwege Europas – führt in voller Länge auf dem Festland von Korinth bis nach Gibraltar. In Form eines großen Halbmondes verläuft er durch Griechenland, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Österreich, Deutschland, die Schweiz, Frankreich und Spanien. Etwa 900 Kilometer weit, von Bregenz bis Villefort in den Cevennen bin ich ihm schon gefolgt. Dieser Bericht erzählt die Geschichte der Tage 30 – 45 meiner Wanderung, von Grenoble aus über die Berge von Vercors und Diois, zur Rhône und weiter durch die Schluchten der Ardèche bis zu den Cevennen.

Prolog

Es geht ein Wandrer durch die Nacht
Mit gutem Schritt;
Und krummes Thal und lange Höhn –
Er nimmt sie mit.
Die Nacht ist schön –
Er schreitet zu und steht nicht still,
Weiß nicht, wohin sein Weg noch will.
Friedrich Nietzsche

Grenoble – da war ich also wieder. Vor mir ragte das Massif de la Chartreuse genauso hoch in den Himmel hinauf wie in meiner Erinnerung. Zwei Jahre waren vergangen, dass ich von diesen Bergen herab gestiegen war in jene schöne Stadt an Drac und Isère. Seitdem floss viel Wasser diese beiden Flüsse hinab, welche unweit ineinander münden und gemeinsam weiterreisen bis zum Rhône.

Abendrot über Grenoble

Es hängt ganz vom Standpunkt des Betrachters ab, in welcher Weise man diese Reisen begreift:

Man kann meine Wandertage auf dem E4 als Pausen sehen, die ich alle zwei Jahre meines Lebens nehme. Oder man sieht jene zwei Jahre Leben als Rast meiner Wanderung an, als Augenschlag und kurze Unterbrechung zwischen Tag 29 und Tag 30 meines Weges von Österreich durch Schweiz, Frankreich und Spanien bis zum Atlantik. Bin ich denn wirklich weg gewesen? Habe ich Grenoble je verlassen? Oder war es nicht eher erst gestern, dass ich diese Stadt zum ersten Mal von jenem Kamm am Mont Saint-Eynard erblickte – ganz blass im Morgennebel – und dass ich herabstieg zu jenem Wegweiserbaum am Fort de la Bastille, von wo aus man die ganze Stadt überblickt. Es war doch erst gestern, dass ich dort stand – die Stadt mir zu Füßen, der Berg mir im Rücken – und dass ich beschloss ein wenig zu rasten.

Damals war mein Rucksack rot. Heute ist er blau. Damals hatte noch keine grauen Haare in meinem Bart und auch keine zwei Bachelortitel. Es muss also doch ein wenig Zeit vergangen sein.

Die Welt ist älter geworden und das ein oder andere Jahr war verstrichen. Und nun stand ich da – wieder – am Wegweiserbaum beim Fort de la Bastille. Der Wind wehte, ich schloss die Augen, ließ Bild um Bild, Moment um Moment der beiden vergangen Jahre an mir vorüberziehen: die Siege und Scherben, die Worte und Taten, die Stimmen, die Lieder und den Applaus. Es gab viel zu betrachten: Vorträge, Reden, Theater, Geschichten, Uraufführungen, Dreigroschenchoräle, südostasiatische Zauberwelten, Utopien, Eta Carinae, Gammastrahlen, Nietzsche und viel mehr. Der Reichtum der Zeit drängte sich mir in einer unvorhergesehen Vielfalt an Erinnerungen auf, ein nicht endenwollender, undurchsichtiger, reißender Strom an Erlebnissen und Taten, in seiner Fülle unüberbrückbar und nicht zu durchwaten, laut, tosend, nimmer-versiegend.

Und dann öffnete ich die Augen und alles war fort. Ich blickte nach Westen und sah die nördlichen Felswände des Massif du Vercors. Und da wollte ich hin. Keine Theater mehr, keine Physik, keine Geschichten, es sei denn, die meine. Ich komme von den Bergen her und schreite nur darum ins Tal, um an der anderen Seite wieder auf die Berge hinauf zu steigen.

Man kann es auch so sehen: Das übrige Leben ist einzige Wanderung – über viele Hindernisse, auf viele Ziele zu, mit vielen Aussichten und Ansichten, mit viel zu vielen Möglichkeiten sich den Knöchel zu verstauchen. Doch diese Wanderung, dieses Wandern am E4, über wahre Berge, durch wahre Schluchten und Wälder, hin zu wahren Wasserfällen, dieses Wandern ist Rast. Und eben darum war ich hier. Weil dieses Wandern ein Rasten war.

Und im Abendlicht lockte im Westen das Massif du Vercors. Die Sonne neigte sich nahe den beiden Gipfeln La Sure und La Buffe allmählich dem Horizont zu. Am frühen Morgen würde ich mich auf den Weg dorthin machen, dort hinauf, weg aus der Stadt, dorthin wo keine Menschen sind (oder zumindest sehr wenige). Nur noch ein Sonnenuntergang, ein gutes Essen in den Straßen von Grenoble, ein kurzer Schlaf in meinem Hotel und dann ging es los.

Die Gipfel von La Sure und La Bouffe – betrachtet von Grenoble aus im Abendlicht.

My shadow lays with me
underneath the Big Wide Sun
My shadow stays with me
as we leave it all
we leave it all Far Behind
Subtle Voices in the wind,
Hear the truth they’re telling
A world begins where the road ends
Watch me leave it all behind
Far behind.
Eddie Vedder

Tag 30

Der Tag begann früh. Es war kurz Uhr morgens und noch dunkel, als ich mein kleines Hotel in Bahnhofsnähe verließ und mich durch die nächtlichen Straßen der Stadt in Richtung Berg bewegte. Gestern war Samstag gewesen, heute Sonntag. Demgemäß begegnete mir in den Straßen noch so manche Schar von Nachtmenschen, die sich auf dem Nachhause-Weg befanden, um dann lange in den Tag hinein zu schlafen. Ich kreuzte der Reihe nach die Lebensadern der Zivilisation. Zuerst die Bahnlinie, dann die Schnellstraße und schließlich den Fluss Drac. Führte mich mein Weg zuerst noch durch tagsüber wohl eher belebte Gegenden, in denen so manche Bar, so manche Boulangerie oder andere Läden die Straße säumten, so hatte ich nach Überquerung des Flusses nur noch Wohnhäuser um mich. Gegen sechs Uhr morgens, als bereits das erste Licht im Osten über den Bergen von Beldonne und dem Isère-Tal strahlte, erreichte ich einen Park am Rande der Stadt. Gleich dahinter ragte steil der noch dunkle Berg empor. Nach einer weiteren halben Stunde südwärts erreichte ich Kirche des Grenoble vorgelagerten Dorfes Seyssinet-Pariset. Und hier war es auch, wo ich auf den ersten Wegweiser stieß.

Rot-weiß grüßten mich die Markierungen des GR 9, des Sentier de Grande Randonnée 9, jenes französischen Weitwanderweges, dem der E4 seit dem nun schon fernen Col de la Faucille nahe der Schweizer Grenze folgte und dem er auch noch viele Tage treu bleiben sollte. Vom Massif de la Chartreuse her kommend hatten mich die Markierungen des GR 9 vor zwei Jahren bis zum Fontaine du Lion, dem Löwenbrunnen am Nordufer der Isère und somit auch am Eingang zur Altstadt von Grenoble geführt. Dort versiegten die Markierungen und führten nicht – wie bei kleineren Städten – auch durch die Gassen und Straßen menschlicher Niederlassungen. Der kartenlose Wandererer, welcher sich nur nach den Schildern und rot weißen Streifen des GR 9 richtet, würde nicht wissen, wohin er sich wenden müsste, um seinen Weg weiter zu verfolgen. Doch hier in Seysssinet-Pariset, ganz am anderen Ende der Stadt, begannen die Markierungen von neuem. Ich hatte ihn also wieder – meinen GR 9 und er hieß mich nun steil nach oben zu gehen.

Die Stadt Grenoble liegt auf etwa zweihundert Meter Seehöhe. Was mich nun – für die nächsten paar Stunden – erwartete, war ein mühsamer Aufstieg von fast eintausend Höhenmetern bis hinauf zum Dorf Saint-Nizier-du-Moucherotte – etwas hart für den Neu-Beginn einer derartigen Wanderung mit fast zwanzig Kilogramm Gepäck und nach zwei Jahren Pause um Kondition zu verlieren. Ich war schon gute zweihundert Höhenmeter aufgestiegen, als sich gegen sieben die Sonne über Bäume und Berge erhob und mich mit ihren Strahlen erreichte. Der Tag begann immer wärmer zu werden und schon bald plagte mich die Hitze. Doch ich hatte keinen Zeitdruck und Gelegenheiten zur Pause gab es genug. Am Funkturm von Sains-Venin bot sich mir eine Panoramatafel um nocheinmal die nahen Gipfel des Massif de la Chartreuse im Norden und der ferneren Alpenmassive im Nordosten und Osten zu betrachten. Ich biss in eine saftige Nektarine und erfreute mich am Anblick der Chamechaude, des Dent de Crolles und des Mont Saint-Eynard. Dort war ich schon gewesen. Die Chartreuse war Vergangenheit. Die Gegenwart gehörte dem Massif du Vercors. Ich plagte mich weiter den Berg hinauf. Mit der Anstrengung kamen wie immer die ersten Gedanken des Zweifels und Resignation. Warum tat man sich so etwas eigentlich an, wenn man nicht musste, wenn man doch tausend Wege angenehmeren Zeitvertreibs wüsste, anstatt sich schwitzend mit so viel Gepäck diesen Berg hier hinauf zu plagen. Doch mit diesen Fragen, kam auch die Gewissheit, dass die Aussicht vom Gipfel, die Freiheit der Wälder und der Zauber neuer Aussichten all dem genügend Antwort zu bieten vermöge.

Ein Blick zurück auf das Massif de la Chartreuse im Morgengrauen

Gegen elf Uhr erreichte ich schließlich die Grenze des Parc naturel régional du Vercors. Von nun an befand ich mich innerhalb des weitläufigen Nationalparks, den ich über eine Woche lang nicht mehr verlassen sollte. Ein Blick die Hänge hinauf zu den Gipfeln ließ mich den ganzen Vormittag über immer wieder die eine oder andere Aussicht auf die Moucherotte (1901 m) oder die ihr vorgelageren, sehr anmutig aussehenden Trois Pucelles, die drei Jungfrauen, werfen. Bei letztgenannten handelt es sich um drei Felsspitzen, unterhalb derer mein Weg mich vorüber führte.

Es war Mittag und drückend heiß als ich endlich, mit schweren Beinen und äußerst erschöpft, nach einigen Verirrungen und Umwegen endlich das Ortsschild von Saint-Nizier-du-Moucherotte passierte. Eine Hinweistafel erinnerte daran, dass dies hier einer jener Orte gewesen war, die im zweiten Weltkrieg stets auf der Seite der Resistance gestanden hatten. Hier – so wie in vielen Teilen des Massif du Vercors hatte man sich eisern und erfolgreich gegen das Regime von Vichy verteidigt.

Müde ließ ich mich am Ortseingang auf eine Bank nieder und verzehrte einen Teil meines umfangreichen, in Grenoble gekauften Proviants, der noch für mehrere Tag reichen musste. Denn auf meinem Weg lagen bis frühestens übermorgen keine größeren Orte mehr, und keine Gaststätten.

Die Hitze wog schwer und machte mir den Aufbruch nicht leicht. Doch zum Glück folgte ein Abstieg, und was noch besser war: ein Abstieg im Schatten.

Von Saint-Nizier aus betrat ich im Westen einen Wald und kletterte einen steilen Hang hinab ins Tal des Furon. Der Weg war schmal, schattig, anspruchsvoll und schön. Vorbei an engen Wasserwegen und feuchten Felswänden führte mich der Pfad reich an Windungen circa vierhundert Höhenmeter hinab zum Bach Furon, welchen ich an einem Staudamm überquerte. Das enge, abgelegene Tal, in dem ich mich nun befand, öffnete sich im Norden allmählich zur Isère, doch diese war weit weg von mir. Der GR 9 führte mich gleich nach der Überquerung des Gewässers auf der anderen Talseite wieder hinauf ins kleine Dorf Engins, wo ich sehr müde und erschöpft im Schatten eines Kirchtums aus dem zwölften Jahrhundert über eine Stunde liegen blieb und mich nicht rührte.

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich das Wandern so sehr schaffen würde, doch die Hitze und die vielen Höhenmeter des ersten Tages (zu Beginn der letzten Etappe bei St-Cergue waren es viel weniger gewesen, von der ersten Etappe ab Bregenz ganz zu schweigen) hatten meinen Körper ziemlich gefordert.

Ein Blick auf meine Karte verhieß nichts Gutes. Bis Saint-Nizier war ich heute schon gut tausend Meter hinauf gestiegen, circa vierhundert wieder hinab bis zum Furon und nun ging es abermals 500 Höhenmeter aufwärts bis zur Alpage de Sornin, der Alm von Sornin. Da ich kaum noch Wasser hatte, suchte ich zunächst in Engins nach einen Brunnen, fand aber keinen. Ich bat bei einem Haus um Wasser, worauf mir freundlichst gleich ein Wasserhahn geboten wurde.

Inzwischen war es drei Uhr nachmittags und höchste Zeit die Wanderung fortzusetzen. Einen steilen, doch recht faden Weg quälte ich mich mit vielen Pausen zwei Stunden lang hinauf, bis der Wald sich endlich lichtete und ich die Alm von Sornin vor mir sah.

Zahlreiche Hinweisschilder mahnten die Schafherden nicht zu stören und sich gegenüber den Schäferhunden korrekt zu verhalten. Ein Schild unmittelbar auf dem Weg zu den paar Gebäuden der Alm erschien mir besonders nett: „Sie haben Angst vor Hunden. Dann gehen Sie nicht weiter und biegen sich rechts ab.“ Ich fand jedoch weder Hunde, noch Schafe, sondern einzig und allein eine kleine Schar von Menschen, die sich vor einem der vier kleinen Gebäude der Alm tummelten. Auf meine Frage, zeigte mir man eines der Gebäude – einen eher schäbigen Holzverschlag – welcher den Wanderern als kostenloses Obdach und Nachtlager zur Verfügung stand. Ich errinnere mich gerne an die Tür, welche eigentlich keine wirklich Tür mehr war, sondern nur eine schwere Holzwand, die man mit viel Kraft vor eine Maueröffnung schieben musste. Doch es war ein Platz, geeignet die Nacht zu verbringen. Darauf hatte ich gehofft und war froh dies auch hier vorzufinden. Die Alm von Sornin bot aber noch einen weiteren Grund sich zu freuen – einen Brunnen, der fröhlich sprudelnd plätscherte. Ich füllte sogleich meine inzwischen wieder leeren und vor allem wärmer gewordenen Wasserflaschen und kühlte meine klagenden Füße im Trog des Brunnens. Inzwischen waren die Menschen, die vorhin noch hier gewesen waren, in ihr Auto gestiegen und hatten diesen Ort verlassen. Ich war der einzige, der noch hier war. Kein Mensch weit und breit. Nur ich, die Alm, ein Brunnen und ein schöner Blick hinauf zu den Hügeln, die die Gipfel verbargen und hinüber zu den höchsten Höhen der Chartreuse. Dazwischen – nun unsichtbar – lag beinahe unvermutet – die große Stadt Grenoble, mit ihrem regen Treiben, ihren Märkten, ihrem Teilchenbeschleuniger und all dem, das da sonst noch war. Hätte ich laut geschrien, ein Gedicht rezitiert, ein Lied gesungen – hier oben hätte mich wohl keine Seele – keine Menschenseele (Seelen gibt es eh nicht) gehört. Schön. Doch ich war müde.

Es war erst kurz nach fünf Uhr nachmittags. Hier oben war es kühler geworden. Im übrigen zogen von Südwesten dunkle Wolken auf und kündigten ein nahendes Gewitter. In der Absicht mich vor dem Abendessen noch ein wenig hinzulegen, zog ich mich schon bald in meine Hütte zurück. Bald schlief ich ein, verschlief mein Abendessen, schlief bis zum frühen Morgen des nächsten Tages. Allein der heftige Donner, das Licht der Blitze und das laute Prasseln des Regens auf dem Dach meiner Unterkunft ließ mich hin und wieder kurz aufwachen. Doch sogleich schloss die Müdigkeit mir meine Augen wieder und ließ mich ruhen.

Morgendämmerung über der Alpage de Sornin

Tag 31

Es war das laute Blöken von vielen Schafen, das mich gegen sechs Uhr morgens allmählich wach werden ließ. Noch etwas schlaftrunken, räumte ich die schwere Holzbarriere, welche mir als Türe diente, zur Seite und trat hinaus in den beginnenden Tag. Was ich sah, war ein faszinierendes Schauspiel. Die Schafe kamen. Hatte ich am Vorabend noch kein einziges Tier hier gesehen, so war nun die Zeit gekommen, da die Herde von höherliegenden Gefilden her kommend, die weiten Almwiesen herabstieg, an den Gebäuden um mich herum vorbeizog und weiter hinab trabte in Richtung niederer Weidegründe. Die Herde war riesig. Ich schätze sie auf über fünfhundert Stück. Tier um Tier kam über die Hügel herab. Ein breiter Fluss aus Schafen umflutete die Alpage von Sornin, strömte oberhalb der Gebäude vorbei und manch ein Schaf wählte sogar den Weg, der es direkt vor meine Füße führte und es meinen Rucksack und Proviant neugierig betrachten ließ. Ich stand da und sah und staunte. Am beeindruckensten war wohl, dass all dies, dieser morgendliche Transit von mehreren hundert Schafen von höheren zu niederen Weidegründen so ganz ohne Menschen zu funktionieren schien – zumindest sah ich niemanden. Einzig und allein, zwei Hunde mit weißem Fell bewachten die Wanderung der Tiere und lenkten diese auf den rechten Weg. Natürlich wurden diese Wächter rasch auf mich Fremdkörper aufmerksam, kamen abwechselnd auf mich zu und knurrten laut und drohend. Und ich stand nur da und schaute zu. Bald war ein Großteil der Herde an mir vorübergezogen und im fahlen Licht des Morgens und in den Nebelschwaden der tieferen Gefilde verschwunden. Etwa zwanzig Minuten nach Beginn des Schauspiels war kein Schaf mehr zu sehen. Die Herde war weiter gezogen, die Hunde mit ihnen. Zurück blieb nur ich, wieder ganz allein und ungestört auf meiner Alpage de Sornin.

Eine halbe Stunde später war ich marschfertig und bereit den Gipfel zu stürmen. Weit war es ja nicht mehr. Sornin liegt auf 1360 Meter. Somit sind es nicht einmal dreihundert Höhenmeter bis zur Sure (1643 Meter). Munter und angriffslustig stieg ich die Almwiesen hinauf, erreichte schon bald wieder den Wald und wanderte eine Zeit lang durch die beeindruckende Landschaft eines Hochplateaus, das durch seinen mit vielen schmalen Felsritzen verzierten Kalkboden auszeichnete. Ähnliches hatte ich schon im Massif de la Chartreuse südlich vom Col du Bellefond erlebt. Schroffe Felsböden, schöne Aussichten. Der Boden ist fest und zugleich voller moosbewachsener Schächte, voller kleiner Abgründe und Geheimnisse. Nach etwa einer dreiviertel Stunde in dieser seltsamen, einsamen Gegend hatte der Zauber allerdings ein Ende. Hinter eine Kehre verbarg sich ein sehr viel breiterer Weg, einige Schilder und das Gerippe eines Schleppliftes. Ich befand mich in einem Wintersportgebiet und der Weg, dem ich nun eine halbe Stunde lang folgte, diente im Winter als Langlauf-Loipe. Da war sie also wieder – die Zivilisation. Dennoch – ich war der einzige hier. Und bis zum Abend sollte ich auch niemandem sonst begegnen.

Eine Bewegung in der Ferne ließ mich plötzlich verharren. Etwa dreißig Meter entfernt erblickte ich vier Gämsen die am Wegesrand ästen. Eine davon blickte furchtsam in meine Richtung, kam dann jedoch wohl zum Schluss, dass ich noch zu weit weg war um eine Gefahr zu darzustellen. Etwa drei Minuten stand ich still da und sah den Tieren beim Fressen zu. Als es mir schließlich zu fad wurde und ich weiterging, floh das Wild rasch vor mir und machte mir den Weg frei.

La Sure und weit unterhalb das Tal der Isère und Grenoble

Ein wenig später erreichte ich ohne größere Anstiege den Gipfel von La Sure und eine wunderbare Aussicht bot sich mir. Im Osten sah ich Grenoble und dahinter das weite Tal der Isère. Klar unter den andern Bergen in der Ferne hervorstechend konnte man den Mont Blanc erkennen, den ich in den vielen Tagen meiner Wanderung auf dem E4 immer wieder erspähen durfte – zuerst weit im Westen, dann im Südwesten, schließlich im Süden, denn im Südosten, im Westen und nun endlich sah ich ihn aus der Ferne im Nordosten schneebedeckt zu mir herüber glänzen. Besonders nahe war ich diesem höchsten Berg Europas nie gekommen, aber ich hatte ihn sozusagen mehr als zur Hälfte von fern umrundet. Bald würde ich ihn dann überhaupt nicht mehr sehen. Im Norden bot sich mir unverändert, das facettenreiche Massif de la Chartreuse mit seinen bekannten und unbekannten Gipfeln und Felswänden. Ich glaubt esogar mit dem Fernglas den Col de Belfond erkennen zu können, der mit1902 Metern Höhe die bisher höchste Stelle des von mir beschrittenen E4 war und blieb. Im Nordwesten und Westen sah ich weites offenes Land. Irgendwo dort lag Lyon, irgendwo dort floss die Rhône. Obwohl es beinahe wolkenlos war, konnte ich den Strom in der dunstigen Luft des noch frühen Tages noch nicht erkennen. Direkt im Westen sah ich auch die charakteristrische Felsspitze von La Bouffe, der nächste Gipfel – einer von vielen – der heute auf mich wartete. Mit seinen 1623 Metern war er allerdings zwanzig Meter niedriger als La Sure, welche der höchste Punkte dieser Etappe am E4 sein sollte. Erst die fernen Pyrenäen würden mir wieder höheres bieten.

Nach einer Stärkung, die man auch als zweites Frühstück sehen könnte, stieg ich wieder etwa hundert Höhenmeter hinab, auf schmalen Pfaden durch eine zerklüftete, felsspaltenreiche Gegend, welche hin und wieder schöne Aussichten hinab nach Norden, hinüber zur Chartreuse bot. Schließlich erreichte ich La Bouffe, welche der Form nach weit mehr ein Gipfel ist als die flache Sure. Die Aussicht, die sich mir bot, war größtenteils dieselbe wie von der Sure – allerdings mit freierer Sicht auf das Flachland im Westen und nur noch eingeschränkter Sicht auf Grenoble, das ich von hieraus zum letzten Mal sah. In Richtung Südwesten sah man das Auf und Ab des Grats, dem ich die nächsten Stunden mehr oder weniger folgen sollte. Ich genoss den kleinen Gipfelsieg warf einen letzten Blick auf Grenoble und marschierte weiter.

Die Mittagsstunde war inzwischen vorübergezogen und mit dem Nachmittag kehrte auch meine Erschöpfung zurück. Das stetige Auf und Ab zwischen Gipfeln und kleineren Nebelgipfeln auf holprigen Wegen zehrte doch sehr an den Kräften. Es stellte sich die Frage, ob ich heute noch bis ins Dorf Autrans absteigen oder mir zuvor schon eine Unterkunft suchen sollte. Ich verschob die Entscheidung und marschierte weiter ohne mir viele Gedanken zu machen.

Dunkle Wolken ziehen auf über den Bergen von Vercors

Entlang der steilen Felswände der Rochers de la Clé kletterte ich in unmittelbarer Nähe des Abrunds weiter den Grat entlang. Die Aussicht, die sich mir bot, war immer noch fantastisch – Grenoble war längst verschwunden, doch das weite Tal der Rhone im Westen und Norden zeigte sich in voller Pracht. Allerdings schoben sich mehr und mehr Wolken und Nebelfetzen zwischen mich und die weite Ferne. Als ich schließlich am Bec de l’Orient (am Ostschnabel) stand, welcher der nördwestlichste Gipfel der Nordflanke des Vercors ist, von welchem mein Weg nun geradewegs nach Süden führte, sah ich schließlich nichts mehr. Unmittelbar vor mir klaffte der Abgrund, hinter dem die Welt zu Ende war. Ich sah nur grau. Auch der vormals blaue Himmel über mir war verschwunden. Mitunter war dies nicht weniger faszinierend, als die herrlichste Aussicht es gewesen wäre. Ich rastete eine Weile lang am Bec de l’Orient und amüsierte mich über die in Anbetracht der Umstände recht zynisch klingenden Worte meines Reiseführers: Un des plus beaux belvédères du Vercors – einer der schönstes Aussichtspunkte im Vercors. (Haha – very funny).

Das Grau wurde immer dunkler und ich begann zu ahnen, dass mir die Entscheidung heute nicht mehr bis nach Autrans zu gehen, wohl vom Wetter abgenommen würde. Fünfzehn Minuten später fielen die ersten Tropfen. Ich beschleunigte mein Tempo. Nicht allzuweit vermutete ich die Hütte Cabane de Nave, die mir als Unterschlupf dienen könnte. Das Inferno brach jedoch los, bevor ich diese erreichte. Es war einer der heftigsten Regengüsse, den ich je erlebt habe – auch nicht in Kambodscha oder Laos. Ich war gut ausgerüstet. Mein weiter Regenponcho schütze mich mitsamt Rucksack vor den Fluten, die da aus den Wolken auf mich hernieder stürzten. Das war kein Regen, das war ein Wasserfall. Zuerst versuchte ich eine Weile unter dichten Bäumen auszuharren, bis der Regen nachließ, doch als dieser nach über einer halben Stunde nicht die kleinste Absicht zeigte dies zu tun, bahnte ich mir meinen Weg weiter in Richtung Hütte. Trotz meiner Ausrüstung, konnte ich das Wasser nicht daran hindern in meine Schuhe einzudringen, da diese beim Gehen nicht unter meinen Poncho blieben. Inzwischen hatten sich mehr und mehr Blitze zum Regen gesellt, sodass ich, aus Furcht im ärgsten Blitzgewitter eine weite freie Fläche zu überqueren, immer wieder gezwungen war, am Waldrand Schutz zu suchen. Doch der Regen ließ immer noch nicht nach und ich wagte mich weiter. Überall Blitze, Donner, Wasserfall. Es war eben in diesem Inferno, da ich begann, diese meine Wanderung zum ersten Mal so richtig zu genießen. Als ich dort unter meinem giftgrünen Regenponcho auf 1500 Metern Seehöhe durch das Gewitter streifte, war gewiss ein Lächeln in meinem Gesicht zu sehen.

Und dann erreichte ich endlich doch noch die Cabane de Nave – eine zweistöckige Holzhütte, am Komfort gemessen der reinste Luxus im Vergleich zum Verschlag auf der Alpage de Sornin. Ich war dort nicht allein. Eine circa zehnköpfige Wandergruppe hatte eben dort vor dem Gewitter Schutz gesucht. Ich beschloss für die Nacht dort zu bleiben. Sobald der Regen ein wenig nachließ verabschiedeten sich die übrigen Wanderer. Eineinhalb Stunden lang genoss ich allein die Ruhe der Hütte, während draußen der Regen weiter vor sich hin plätscherte – allerdings nicht mehr so heftig wie zuvor. Ich lag im Trockenen und hörte zu. Gegen sechs Uhr abends bekam ich dann Gesellschaft. Eine Gruppe, die wiederum aus zehn Menschen – vor allem Kindern – und obendrein drei Eseln bestand, hatte vor, sich für die Nacht hier niederzulassen. Hinzu kam noch ein weiterer, schweigsamer Wanderer. Es wurde ein wenig eng, doch die Schlafebene der Hütte bot Platz genug. Eine stille Nacht wurde es allerdings nicht. Zuerst spielten die Kinder noch laut und lang, mitten in der Nacht stürzte eines die Treppe hinab – ohne sich dabei jedoch weh zu tun und über all dem prasselte die ganze Nacht lang laut der Regen auf das Dach der Hütte. Dennoch schlief ich einen guten Schlaf. Ob wohl auch die armen Esel schliefen, welche draußen innerhalb eines improvisierten Zauns die Nacht im Regen fristen mussten?

Tag 32

Ich erwachte als erster an diesem Morgen und machte mich etwa zeitgleich mit dem oben erwähnten Einzelwanderer – ein etwas älterer Herr – auf den Weg. Ein Blick aus Fenster und Tür der Hütte konnte nur die eine Botschaft vermitteln: Drinnen bleiben, wo es warm und trocken ist. Das Wetter draußen war die Definition von Nässe und Kälte schlechthin. Es regnete kaum, wenn dann nur leicht, doch alles war nass und kalt. Feuchte Nebelschwaden klebten an den Berghängen und zogen langsam umher. Und dennoch, obwohl das Wetter alles daran setzte, mich davor zurückschrecken zu lassen, musste ich los, hinaus und hinauf zum Signal de Nave – einem kleinen Zwischengipfel auf 1609 Meter. Ich verabschiedete mich noch schnell von der eben erwachenden Familie – mit einer der Damen hatte ich mich am Vorabend noch über meine Route unterhalten und ihr von meiner Wanderung erzählt – und stürzte mich hinaus in die feuchte Welt. Die drei Esel waren während der Nacht ihrem improvisierten Gehege entwichen und hatten sich nahe der Hütte um einen Baum versammelt. Sie wirkten nicht sehr motiviert.

Nahe des Signal de Nave kam mir nochmal der einzelne Wanderer aus der Hütte entgegen, der etwas schneller als ich gewesen war. (Er hatte ja auch schließlich weniger Gepäck.) Er versuchte mir mitzuteilen, dass er eben ein paar Gämsen gesehen hatte. Anfangs konnte ich dies nicht verstehen, da mir das Vokabel für Gämse (chamois) nicht geläufig war. Er sprach neben Französisch noch Italienisch und Spanisch – ich klarerweise Englisch und Deutsch. Wir schafften es dennoch uns zu verständigen, da ich schließlich erriet, welches Tier er meinte.

Am Signal de Nave erwartete mich eine ähnliche Aussicht, wie am Vortrag vom Bec de l’Orient: Grau, graustes Grau. Nun verließ ich den Gratweg und begann einen sechshundert Höhenmeter weiten Abstieg nach Autrans. Während ich marschierte änderte sich allmählich das Wetter. Immer noch war alles feucht, doch mehr und mehr drang die Sonne durch den dichten Nebel und irgendwann sah ich das erste Blau des Tages am Himmel. Ich schritt hinab hinab ins – hier oben noch gewässerlose Tal von Autrans, dass weiter talabwärts einst die Bourne gebären sollte.

In einem Waldstück kurz vor Autrans, geschah es dann, dass sich unmittelbar neben mir in einer Hecke plötzlich ein Reh bemerkbar machte, keine drei Meter vor mir in Panik vorüberstürmte und auf seinem Fluchtweg einen Halbkreis um mich beschrieb.

Ich erreichte Autrans im Sonnenlicht des Mittags. Dieses Dorf, welches eindeutig geprägt worden war vom alljährlichen Ansturm der Wintertouristen, bot mir alles, was ein Wanderer sich wünschen konnte: einen Trinkwasserbrunnen, ein gutes Restaurant, sowie eine Épicerie (Lebensmittelladen) um meinen Proviant aufzustocken. Ich weiß nicht mehr, was ich dort aß, doch noch zwei Tagen Kaltverpflegung abseits der Dörfer schmeckte es ganz vorzüglich, so wie fast alles, das ich in Frankreich zu mir nahm.

Die Kirche von Autrans

Gestärkt und bereit für neue Abenteuer machte ich mich schon bald wieder auf den Weg. Für heute hatte ich noch viel vor. Es galt wieder vierhundert Meter aufzusteigen zum Pas du Pertuson (das Joch von Pertuson) um dort vom einen Tal ins andere zu wechseln. Schon bald kämpfte ich mich wieder Wälder hinauf und schon bald merkte ich, dass das Wandern allmählich begann mir wirklich Spaß zu machen. Der Aufstieg fiel mir kaum noch schwer, mein Rucksack – durch neuen Proviant eben schwerer geworden – schien leichter zu sein. Ein Gefühl der freudigen Erwartung trieb mich an, als ich dort den bewaldeten Hang hinauf entlang eines schmalen Pfades zum Pas du Pertuson schritt. Wie mochte das Joch aussehen, welche Aussicht, welches Tal sich mir dahinter bieten? Die Sonne wird inzwischen nicht ständiger, aber doch häufiger Begleiter meines Weges geworden. Immer wieder wurde sie für einige Minuten von einer Wolkenschar verdeckt. Doch stets kam sie wieder.

Nach einer Stunde Anstieg erreichte ich das Joch – ein U-förmiger Einschnitt in den Kamm des Berges, durch das kalter Nebel mir entgegen strömte. Auf der anderen Seite ging es steil hinab ins abgelegene Tal der Doulouche. Nach ein paar Kletterpassagen wurde der Weg dort rasch flacher und bald schritt ich fast eben dahin das wunderschöne, grüne Tal entlang Richtung Süden. Immer noch wechselten Wolken und Sonne sich ab, doch die Sonnenzeiten wurden länger. Ein kräftiger, angenehmer Wind wehte mir zudem ständig entgegen. Ich hatte Zeit mich auf einem Feld kurz auszubreiten und meine Sachen trocknen zu lassen. Das Tal um mich bot sich mir dar in saftigstem Grün und tiefer Abgeschiedenheit. Nur selten verkehrte ein Fahrzeug auf der einzigen Straße, welche das Tal entlang führte.

Das schöne grüne Tal von Rencurel

Ich durchschritt Felder, Weiden und Wälder, Bauernhöfe und kleine Weiler, bis ich dann endlich gegen sechs Uhr abends das beschauliche Dorf Rencurel erreichte, wo ich gedachte die Nacht zu verbringen. Leider waren sowohl Wanderherberge als auch Hotel voll belegt – was mich erstaunte, da ich den ganzen Tag über kaum jemandem begegnet war. Der freundliche Herbergenbesitzer verwies mich jedoch auf das Hotel im nahen la Balme de Rencurel, welches ich bereits eine halbe Stunde später erreichte. Dort bekam ich ein Zimmer, was etwas sehr Schönes war, nach zwei Nächten ohne Bett. Nach einer heißen Dusche servierte man mir ein köstliches viergängiges Abendmahl. Oft wusste ich in Frankreich nicht genau, was ich aß. Ich aß es einfach und freute mich, dass es so gut war. Hier fragte ich jedoch nach und erfuhr, dass ich eben ein Kaninchen gegessen hatte. Es schmeckte wirklich wunderbar, so wie auch alles darum herum, davor und danach. Das beste an dem Abendessen in la Balme allerdings war die Aussicht, die sich mir von meinem Tisch aus bot. Ich saß auf einer Terasse im Licht des Abends und blickte direkt hinein, in die sich vor mir öffnenden Schluchten der oberen Bourne. Ich sah zu, wie sich die die Felsspalte und das Gewässer, das diese geschaffen hatte, im Spiel des allmählich schwindenden Abendlichts veränderten, wie sie die Farben wechselten und rasch an Helligkeit verloren bis es dann Nacht war und ich bei der Nachspeise angelangt war. Talabwärts gibt es noch viel imposantere Schluchten. Und eben dorthin sollte mich mein Weg am morgigen Tag führen. Die Reise hatte begonnen, mir wirklich Spaß zu machen und ich freute mich sehr auf den nächsten Tag und all die schönen Dinge, die er mir wohl bringen würde. Schon bald schlief ich in meinem Bett wie ein Stein.

Blick von Rencurel in die obere Schlucht der Bourne

Lost
on a painted sky
where the clouds are hung
for the poet’s eye
you may find me
if you may find me
There
by the wings of dreams
throug an open door
You may know me.
Neil Diamond

Tag 33

Dieser Tag – der vierte dieser Etappe auf dem E 4, war sicherlich der schönste der ganzen Reise, ja sogar der bisher schönste Tag meiner Wanderungen insgesamt, so reich und vielfältig waren die Natur- und Kulturschönheiten, die er mir bot.

Ich startete früh, stieg die nördliche Flanke des Bourne-Tales hinauf und erreichte bereits am frühen Morgen das verlassene Ruinendorf von La Goulandière. Hier hatten bis 1919 noch einige Familien gelebt und Braunkohle abgebaut. Nebenbei wurde auch ein wenig Ackerbau betrieben. Geblieben sind nur die Steine halb verfallener Häuser, Mauerwerk, ruinenhafte Zisternen, etc. Es ist nicht leicht dorthin zu kommen. Nur schmale Wege führen zu diesem abgeschiedenen Ort hoch über den Schluchten der Bourne. Mit Packeseln wurde diese früher einmal beschritten.

Ruine nahe La Goulandier

Unweit der Goulandière ist ein Aussichtspunkt, welcher wirklich einen atemberaubenden Blick hinab in die Schlucht bietet. Über siebenhundert Meter unter mir sah im strahlenden Licht der Morgensonne die zahlreichen Windungen der Bourne, darüber thronten gewaltige Felswände. Fast winzig, ganz weit unten, sah man ein einziges Gebäude. Der Anblick war wirklich wunderschön. Es ging so weit hinab. Und eben dort hinab, dorthin musste ich nun. Auf einem sehr steilen, sehr schmalen Pfad ging es schon bald die Felswand hinab – ein Weg garantiert nichts für unter Höhenangst leidende Menschen. Doch mich haben Höhen zum Glück nie geängstigt. Der Weg war so haarsträubend schwer begehbar, dass es wirklich Spaß machte ihn Schritt für Schritt zurückzulegen. Meter um Meter kletterte ich also hinab zur Bourne. Die Aussicht blieb fantastisch. Das vorhin noch ferne Gebäude ganz unten in der Schlucht kam näher und irgendwann nach etwa zwei Stunden Abstieg erreichte ich endlich eine Straße, die mich etwas ebener weiter talabwärts führte. Ein Blick zurück hinauf ließ rätseln, wie man da bloß herunter gekommen sei.

Bourne – Impressionen

Die Nebenstraße auf der ich mich nun befand, war dicht befahren, näherte man sich hier doch einer der Hauptattraktionen der Region – den Höhlen von Choranche, welche auch mein Ziel waren. Ich genoss bei einem Stand, der am Straßenrand lokale Spezialitäten verkaufte, noch eine Art Nussbier und erreichte schließlich den Eingang der Höhlen, wo sicherlich weit über hundert Autos parkten. Alles war sehr gut organisiert und schon bald begann eine etwa einstündige Führung durch die Tropfsteinhöhle – sogar englischsprachig.

Ich habe in meinem Leben schon viele Tropfsteinhöhlen gesehen: die Grotten von Vallorbe, Saint Michael’s Cave in Gibraltar, die Höhlen von Tham Chang und Tham Phu Kham in Nord Laos und die Höhlen von Puente Viesgo in Cantabrien mit ihren Malereien und keine Erkundung war wohl so faszinierend, wie jene von Tham Phu Kham als ich wirklich zwei Stunden ganz allein mit einer kleinen Taschenlampe durch das ewige Dunkel der Kavernen kletterte. Doch von all diese Höhlen konnte es keine mit der Schönheit dessen aufnehmen, was ich nun in Choranche zu sehen bekam. Die Höhle mit ihren unterirdischen Wasserläufen ist geprägt durch ihre vielen Strohhalm-Stalaktiten, welche nur einige Millimeter dick sind und an denen das Wasser an der Innenseite herab fließt. Die Höhle bot einen hängenden Wald solcher Gebilde, die im Licht vieler Scheinwerfer wunderbar beleuchtet waren. Es war wirklich wunderschön.

Die Strohhalmstalaktiten der Grotten von Choranche

Zurück im Tageslicht stieg ich rasch die letzten paar Höhenmeter bis zum Dorf Choranche hinab, wo ich die Bourne überquerte und mich entlang ihres Ufers weiter talabwärts zum Ort Pont-en-Royans vorwagte. Zuvor gönnte ich mir an einer verlassenen Stelle noch eine Pause von etwa einer Stunde und badete in den kühlen Fluten der Bourne.

Am Ende des Tales verengt sich dieses noch einmal schluchtartig. Man tritt hinter einer Felswand hervor und hat plötzlich einer wunderschönen Ort vor sich – Pont-en-Royans. Ich hatte mir nichts dergleichen erwartet. Alle kleinen Orte in diesem Teil Frankreich hatten ihren charakteristischen Reiz, doch dieser hier war einfach nur mehr faszinierend. Die kleinen Brücken über die Schlucht, die hängenden Häuser, welche hoch über den Felsen die Bourne überragten, die schön verzierten Wasserwege. Selten ich so eine schöne Ansammlung menschlicher Behausungen gesehen, wie hier. In meiner Liste der schönste Orte, die ich je gesehen hatte, reihte sich Pont-en-Royans somit unter die Top-Five ein, gleich hinter Luang Prabang in Laos und noch vor Segovia, Ronda und Eisenach.

Pont-en-Royans

In Pont-en-Royans war es auch, dass ich diesem schönen Wanderag bei herrlichem Wetter ein Ende setzte. Auf dem Campingplatz des Ortes baute ich direkt am Nordufer der Bourne mein Zelt auf. In der Dämmerung schlenderte ich noch ein wenig durch den Ort und aß gut in einem Restaurant mit Blick auf die hängenden Häuser. Dann legte ich mich – zum ersten Mal auf dieser Reise – in mein Zelt und schlief rasch ein.

Tag 34

Dem schönsten Tag der Reise folgte der nässeste und kälteste Tag – zum Glück aber, der einzige wirklich von Anfang bis Ende nasse und kalte Tag dieser Reise.

Ich verließ Pont-en-Royan am frühen Morgen. Der Tag begann mit einer Grenzüberschreitung. Durch ein neuerliches Überschreiten der Bourne und eines ihrer Zuflässe verließ ich endgültig das Departement Isère, das ich nun insgesamt fünfeinhalb Marschtage lang, seit der nun fernen Alpette de la Dame in den Höhen der Chartreuse durchwandert hatte. Ich betrat das Departement Drôme. Von der Drôme war ich allerdings noch weit entfernt. Schon in der Nacht hatte es geregnet. Auch beim Zeltabbau am frühen Morgen hatte es geregnet – was äußerst unbequem ist, da dabei zwangsläufig mein Rucksack sowie ein Teil seines Inhalts recht nass wurde. Nass war es ohnehin den ganzen Tag über. Immer wieder begleiteten mich leichte Regenschauer. Hinzu kam jene überdimensionale Bewässerungsfontäne, die ein Feld – bereits in Drôme – bewässerte und in hohem Bogen Wasser spritzte – leider auch auf den Weg, auf dem ich schritt. Zuerst konnte man die Gefahr nicht gut erkennen, der Wasserstrahl drehte seine Kreise über dem Feld. Als das Wasser dann geflogen kann, war es zu spät. Man hatte noch Zeit um kurz zu fluchen, bevor man den kleinen Wasserfall zu spüren bekam.

Ein Regenbogen im Morgengrauen

Rasch marschierte ich weiter, um mich aufzuwärmen. Etwa eine Stunde lang führte mich mein Weg entlang der Dörfer von Saint Eulalie-en-Royany und Saint Laurent-en-Royans flach dahin. Dann ging es wieder in Berge. Hoch ragte schon bald der Felszirkel der Rochers de Laval vor mir auf. Dort hinauf musste ich um auf ca. tausend Metern Seehöhe am pas du Pas (dem Joch von Pas), den oberen Rand der Felswände zu überschreiten und ein flaches Hochplateau zu erreichen. Mein Reiseführer warnte, dass der Weg „très délicat et très dangereux en cas d’humidité“ sei – also sehr heikel und sehr gefährlich bei Feuchtigkeit. Feucht war es allemal. Auch wenn es nicht mehr regnete, war ich bald nass bis auf die Knochen, war der Weg doch sehr schmal und wurde ich ständig von Gräsern, Ästen und Stauden gestreichelt, die alle mit dicken Wassertropfen versehen waren.

Dennoch war es schön, wie sich die Felswand über mir in Nebel und Wolken auftürmte. Schließlich war der Felszirkel von Laval auch eine der Hauptattraktionen der Gegend. In dem U, das er beschrieb, wurde die eine Seite sogar von einer Straße erklommen, dem Combe Laval, die sich entlang der Felswand zum Plateau hinauf arbeitete. Mein Weg war schmäler und viel steiler. Es gab einige Kletterpassagen, einige gewagte Stellen, doch schließlich gegen Mittag erreicht ich mit triumphierendem Jubel den Pas du pas und war endlich oben.

Im Felsenkessel von Laval

Eigentlich hätte ich mir nun eine Pause verdient. Doch bei dem kalten Wind, der auf dem Hochplateau herrschte, sowie der Nässe, die allgegenwärtig war, haben Pausen es an sich, nicht sehr angenehm zu sein. Rasch nahm ich ein wenig Nahrung zu mir und setzte meinen Weg fort.

Hin und wieder zeigte der Himmel ein wenig zaghaftes Blau, das sogleich wieder von neuen Wolkenschichten überdeckt wurde. Manchmal kam auch ein Regenschauer hinzu. Ich wanderte etwa zweieinhalb Stunden lag über das Plateau, meisten auf Waldwegen. Hin und wieder kreuzte ich eine Straße. Auch ein paar Ruinen gab es zu sehen. Schließlich führte mich der Weg bergauf auf eine Anhöhe nahe der Sèrre de Pelandré (1349 m). Von dort ging es dann bald steil hinab in einen Felszirkel rund um das Val Sainte-Marie, das sich gegen Westen hin öffnete.

Ich war an diesem Tag schon sehr weit gewandert und hatte kaum Pausen eingelegt. Das Wetter ließ kaum etwas anderes zu, als einfach immer weiter zu gehen um den Körper warum zu halten. Meine Müdigkeit war groß und ich dachte zurück an den vergangen Tag, als es noch heiß und schön und freundlich war. Doch auch der Regen hatte seinen Reiz. Er war das Kontrastprogramm des Tages und zeichnete sich aus durch seine Andersartigkeit im Vergleich zur gestrigen Sonne.

Eben stieg ich den steilen Weg am Rande des Felszirkels hinab, als kaum zehn Meter hinter mir ein Felsen in der Größe eines Autorreifens donnernd aus der Höhe herabstürzte und auf dem steinernen Weg zerschellte. So was kam vor. Zum Glück war ich nicht um zehn Meter langsamer gewesen. Schnell setzte ich meinen Weg fort, immer weiter hinab, bis ich mich dann auf ca. 450 Höhenmeter dem kleinen Dorf Bouvante-le-Bas näherte.

Seit etwa einer Stunde war kein Regen mehr gefallen, doch der Wind war immer kräftiger geworden. Als ich noch – bereits in der Nähe des Dorfes – zurück zum Felszirkel blickte, bot sich ein bedrohlicher Anblick. Einer Krake gleich schob sich eine mächtige schwarze Wolkenmasse mit zahlreichen Armen über den Rand der Felswand und begann rasch ins Tal herab zu gleiten. Ein erster schwerer Regentropfen fiel aus großer Höhe zu mir herab und traf meine Stirn. Was da nun kam, war wirklich schwerer Regen mitsam Blitz und Donner. Es war Zeit zu einer Unterkunft zu gelangen. In Bouvante-le-Bas sollte es laut meinem Reiseführer ein kleines Hotel geben. Bevor ich dieses fand, fand mich jedoch der Regen und der Sturm. Dann endlich, war vor mir das Hotel. Es war geöffnet. Ein Zimmer war frei.

Das schrullige, alte Ehepaar, das Hotel und Restaurant führte, nahm mich herzlich auf und zeigte mir mein Zimmer, mitsamt Bad und allen was dazugehört. Was gibt es schöneres, als sich nach einem so langen, kalten, nassen Tag in einem warmen Hotelzimmer auszubreiten, eine heiße Dusche zu genießen und anschließend ein warmes, reichhaltiges Abendmahl zu genießen. Außer einer Gruppe von drei Männern war ich der einzige Gast. Beim Abendmahl, das mir die alte Dame servierte, lief nebenbei ein Film mit Louis de Funès in seiner Paraderolle als Gendarme Cruchot. Am Nebentisch wurde herzhaft gelacht und auch ich lachte. Zwar verstand ich nicht jeden Witz des Filmes, doch die meisten. Nach einem guten Käseteller überließ ich Cruchot seinem Schicksal und zog mich auf mein Zimmer zurück um im Bad meine Wäsche zu waschen. Schließlich legte ich mich zur Ruhe. Ich war an diesem Tag tausend Höhenmeter hinauf und wieder herunter gestiegen und fast ständig unterwegs gewesen. Für die nächsten Tage hatte ich mir kürzere Etappen vorgenommen. Das Wetter versprach herrlich zu werden. Ich würde meine Zeit genießen.

Die Kirche von Bouvante-le-Bas

Tag 35

Nach einem herzhaften Frühstück verließ ich das winzige Bouvante-le-Bas. Noch war der Morgen recht kühl und alles war nass. Doch der Himmel war blau und die nahende Sonne versprach schon bald die Welt zu trocknen. Nach einer kurzen Anhöhe stieg ich hinab ins schöne Tal der Lyonne, wo mich die schroffen Felsformationen am Mündungsdreieck zwischen den Schluchten von Lyonne und dem Bach des Lencèl Tales sogleich erstaunten – zuerst von der einen, dann von der anderen Seite. Der Wald am Boden der Schlucht,war dicht mit Moos bewachsen, die Steine, die Stämme, alles war bemoost. Ich überquerte die Lyonne und machte mich an den Aufstieg, den steilen Hang des Léoncel-Tales entlang. Inzwischen schien die Sonne wohltuend zu mir herab. Der schmale Pfad bot viele schöne Aussichtsstellen und einen wunderbaren Blick hinab in die Schlucht. Schließlich erreichte ich eine Straße und durchstreifte schon bald die weiten Weiden von les Granges. Ich begegnete einigen Kuhherden und verlassenen Gebäuden, von denen teils nur die überwucherten Ruinen blieben. Es war schön durch die mittlerweile trockenen Wiesen den Berg hinauf zum Grat zu wandern. Ein warmer Wind wehte und die Aussicht nach Norden hinunter in die Täler war wunderschön.

Felsen an der Mündung von Lyonne und Léoncel

Am Grat angekommen, wählte ich mir in einem Waldstück eine Lichtung nahe der Ruinen des Maison-Brun. Hier breitete ich meine Wäsche, mein Zelt und all das zum Trocknen aus, was sonst noch in den letzten Tag nass geworden war. Fast zwei Stunden verbrachte ich auf dieser Lichtung, las, aß und genoss die Sonne. Schließlich als Licht, Wind und Wärme alles getrocknet hatten was zu trocknen war, setzte ich meinen Weg fort, den Grat entlang und dann wieder hinab zum Rivière de Léoncel, den ich schließlich überquerte und vorbei an Ruinen weiter talaufwärts zum gleichnamigen Ort Léoncel, den ich gegen fünf Uhr nachmittags erreichte.

Ein Blick zurück nach Norden

Léoncel liegt auf 913 Meter auf einer Hochebene und besteht fast nur aus einer alten Abtei aus dem Jahre 1137, einem Restaurant und drei oder vier anderen Gebäuden. Esel und Schafe weideten in der Nähe. Nur wenige Fahrzeuge verkehrten auf der Straße. Ich fand eine Herberge direkt in den Gemäuern der Abtei. Den Schlüssel dazu konnte ich mir bei der Auberge de Léoncel – dem kleinen Landgasthaus – abholen, wo ich ein wenig später zu Abend aß. In meiner Unterkunft – einem Raum mit elf Betten gleich neben der Kirche blieb ich allein. Kein anderer Wanderer kam. Ich genoss noch einen schönen ruhigen Abend in Léoncel, gönnte mir ein Glas Wein und kaufte ein paar lokale Spezialitäten als Proviant. Als ich gegen zehn Uhr am Kirchtor vorbei zu meiner Unterkunft schritt, weckten seltsame Gesänge meine Aufmerksamkeit. Die Stimmen kamen aus der Kirche. Ich blickte durchs Tor und sah eine Gruppe von etwa zehn Personen – die Dorfbewohner? – um den Altar versammelt. Sie sangen, oder murmelten viel mehr, eine seltsame Folge von Worten – Latein wie ich glaubte. Kerzenlicht beleuchtete die Kirche. Niemand sah mich. Sie hatten dem Eingang den Rücken zugewandt. Es war mehr unheimlich als beschaulich, doch vor allem interessant, was hier in dieser alten Abtei des Nachts passierte. Unbemerkt zog ich mich in meine Gemächer zurück und legte mich zur Ruhe.

Die Abtei von Léoncel

Tag 36

Es ist faszinierend, wie schnell man von einer klimatischen Region in die andere gelangt. Ich hatte mir den Übergang gradueller vorgestellt, nicht so, dass sich sozusagen von einem Hügel zum nächsten ein raues Alpenklima in eher mediterran anmutende Gefilde verwandeln könnte. Der Übergang war wirklich sehr abrupt. Am frühen Morgen von Léoncel aufbrechend, befand ich mich noch in gewohntem Klima. Ich durchstreifte das Hochplateau, stieg auf den Hügel von Chaffel und wanderte einen Kamm entlang – dem Montangne du Vellan – weiter nach Süden. Als ich acht Kilometer später dessen südliches Ende, den schroffen Rocher du Vellan mit seinem hohen eisernen Kreuz erreichte, hatte sich das Klima völlig verändert – ganz gemäß den Worten meines Reiseführers „gagnat Léoncel il [le GR 9] aborde une zone méridionale, très différente“. Fauna und Flora hatten sich von Grund auf verändert. Immer häufiger wurden Zypressen und niedrige Nadelhölzer. Saftige Wiesen gab es nur mehr wenige. Der Boden war trockener und rissiger geworden. Ein ganz neuer Duft lag in der Luft, der mich eher an meinen einwöchigen Kroatienaufenthalt des vergangenen Sommers am Meer erinnerte, als an die Alpen.

Der Blick in ein anderes Klima

Ich stand also da, am Rocher de Vellan unter dem hohen Kreuz und überblickte eine weite Landschaft ganz anderer Art, als ich sie bisher von meiner Wanderung her kannte. Es war ein wunderbarer Aussichtspunkt, man sah bis zu den fernen Gipfeln der Trois Becs am Forêt de Saou, bereits jenseits der Drôme. Ich konnte somit die ganze Wanderstrecke der kommenden Tage überblicken. Gleichsam würden mir die nächsten Tage immer wieder den Blick zurück zum Rocher de Vellan gewähren, mit seinem eisernen Kreuz.

Zum Vormittag sei noch zu erwähnen, dass während ich den Montagne de Vellan entlang marschierte, gleich dreimal derselbe Hubschrauber über mich hinweg flog. Es war stets derselbe, kleine, schwarze Helikopter – möglicherweise sogar ferngesteuert – der im Spionagestil dicht am Boden entlang das Tal Gervanne entlang flog und doch über den Hügelkamm hinweg meinen Weg kreuzte. Dreimal. Ich hatte jedesmal den Impuls, mich im Buschwerk zu verstecken.

Der Rocher de Vellan

Am frühen Nachmittag stieg ich dann schließlich hinab vom Rocher de Vellan mit seinem Kreuz zum Dorf Plain-de-Baix an dessen Fuße. Der Tag war drückend heiß geworden. Es hatte wohl an die fünfunddreißig Grad. Die Sonne brannte. Da das Dorf wie ausgestorben war, legte ich mich ein Stück weiter südlich für eine Stunde in den schmalen Schatten einer Hecke und setzte dann meinen Weg fort.

Gegen vier Uhr gelangte ich allmählich absteigend in Richtung des Beaufort sur Gervanne auf das Gelände der Farm de la Belonne. Hier warnte mein Reiseführer, recht schnell vorüberzugehen und nicht stehen zu bleiben, da die Farm Privatbesitz sei. Ich blieb dennoch dort, sehr lange sogar, denn aus der ferme de la Belonne war ein kleiner Campingplatz mit Restaurant und Schwimmbad geworden, alles sehr ursprünglich und wenig touristisch. Nur eine Handvoll Menschen waren dort. Es gefiel mir sehr.

In der Sonne bei diesem wunderbaren südlichen Klima baute ich mein Zelt auf und sprang schon bald in das Piscine (den Pool). Es gab auch einen kleinen Laden, wo ich mir frisches Obst aus gutsseigenem Anbau kaufen konnte. Ich genoss ein paar weiße Pfirsiche und anschließend ein wunderbares Abendmahl. Es gab Ente und dazu einen Viertel Liter Wein – ebenfalls aus eigenem Anbau. Als Vorspeise köstliche Oliven, als Nachspeise Käse und Minzeis. Es war wirklich hervorragend.

Gesättigt und vollends zufrieden zog ich mich schließlich in mein Zelt zurück. Vor drei Tagen in Pont-en-Royan war es mir nachts im Schlafsack sogar mit Thermounterwäsche ein wenig zu kalt geworden. Nun war es mir im Zelt beinahe zu warm. Gegen Mitternacht legte ich mich ein wenig in Freie und genoss den Anblick eines wunderbaren Sternenhimmels. Ich kann mich nicht erinnern in Europa jemals so viele Sterne – einen so ungetrübten Nachthimmel – gesehen zu haben. Nirgendwo gab es ein störendes Licht. Es war keine größere menschliche Niederlassung im Umkreis vieler Kilometer. Das weiße Band der Milchstraße konnte man klar erkennen. Die Sterne waren so zahlreich, dass es mir schwer fiel manche Sternbilder wegen der Überfülle zu erkennen. Kurzum – es war ein wunderschöner Anblick. Man muss nicht Astrophysiker sein um so etwas einfach nur schön zu finden.

Wind in my hair, I feel part of everywhere
underneath my being is a road that disappeared
late at night I hear the trees
they’re singing with the dead
overhead…
Leave it to me as I find a way to be
consider me a satellite for ever orbiting
I knew all the rules but the rules did not know me
guaranteed…
Eddie Vedder

Tag 37

Am siebenunddreißigsten Tage meiner Wanderung seit dem Abmarsch in Bregenz war es sehr heiß. Am Vormittag erreichte ich schon bald den schönen Ort Beaufort sur Gervanne, der auf einem Hügel gelegen ist und immer noch mehr oder weniger die Grenzen seiner mittelalterlichen Stadtmauern einhält. Am Vorplatz des Kernes der Altstadt fand ich einen Obst- und Gemüsemarkt vor, an dem ich mich reichlich bediente. Über die Hügel führte mein Weg dann weiter. Der Tag wurde immer heißer, das Klima immer mediterraner. Ich passierte den kleinen Weiler Vaugelas und stieg dann den staubigen Weg zum Col de la Croix hinauf. Es war Mittag und die Hitze war so groß geworden, dass ich nicht anders konnte, als mich für zwei Stunden in den Schatten zu legen. Schwer zu glauben, wie nass und kalt es noch vor drei Tagen gewesen war – und wie anders das Klima sich damals noch gezeigt hatte.

Eines der wenigen E4 Schilder in Beaufort-sur-Gervanne

Über trockene Hügel mit niedrigen Nadelhölzern stieg ich schließlich herab zur Kapelle Saint-Christophe und weiter hinab über den Col de Pourcheton ins Tal der Drôme. Im Süden sah ich den ganzen Tag über die Berge von Saou beständig näher rücken, hinter denen der Wald von Saou lag. Dort würde morgen mein Weg zum letzten Mal auf dieser Etappe über tausend Höhenmeter hinauf führen. Zurückblickend nach Norden, konnte ich immer wieder den Rocher de Vellan mit seinem Kreuz sehen, der stetig ferner rückte.

Etwa in der nähe der Kapelle änderte sich die Art der Wegweiser. Ich hatte die Grenze des Parc naturel régional erneut überschritten und war drauf und dran das Vercors nun endgültig hinter mir zu lassen. Die Berge des nächsten Tages gehörten bereits zum Massiv von Diois. So hatte ich denn seit Saint Nizier du Moucherotte insgesamt acht Tage im Vercors verbracht. Im Vergleich dazu waren es nur drei in der Chartreuse gewesen und insgesamt siebzehn im Jura.

Die Kapelle von Saint-Christophe mit den Montanges de Saou im Hintergrund

Gegen fünf Uhr Abend erreichte ich, nachdem ich ausgedehnte Weinhänge durchschritten hatte, schließlich den Fluss Drôme, der nur sehr wenig Wasser führte. Vor mir lang die Stadt Saillans – mit Abstand wohl die größte Siedlung seit Grenoble, die ich passiert. (viel kleiner natürlich als Grenoble). In der Altstadt schien gerade eine Art Flohmarkt stattzufinden. Über hundert Händler boten ihre Waren an. Bei einem kleinen Imbiss-Restaurant wollte ich mir vor der Herbergssuche eine Erfrischung gönnen und begegnete sogleich einer interessanten Facette französischen Gesetzes. Der Kellner erklärte mir nämlich, dass es ihm verboten sei mir un panache (einen Radler) zu bringen, solange ich nicht auch etwas zu essen nähme. Die Gaststätte hatte nämlich nicht den Status einer Bar und dürfe daher keinen Alkohol ausschenken, wenn nicht etwas dazu gegessen wurde. Ich verdrehte die Augen und trank eine Cola.

Bald darauf hatte ich in der Wanderherberge des Ortes ein Zimmer für mich alleine. Ich verbrachte noch einen netten Abend in Saillans. Die Drôme war nur knietief. Ich versuchte also zum Spaß hindurch zu waten, was angesichts rutschiger Steine und der doch recht starken Strömung schwieriger war, als ich gedacht hatte. Hinzu kamen die Kajaks, die regelmäßig meine Bahn kreuzten. Ich machte mir die Hose nass, was angesichts des heißen, trockenen Klimas aber kein Problem darstellte, war sie doch gleich wieder trocken.

Nachdem ich gegessen hatte, zog ich mich schon bald in meine Unterkunft zurück. Es sollte bis zum Ende dieser Wanderetappe meine letzte Nacht in einem Bett sein. Dies wusste ich freilich noch nicht, doch von nun an wurde ich mein Zelt jeden Tag in Anspruch nehmen.

Am nächsten hatte ich viel vor. Es wartete der letzte wirklich große Anstieg dieser Reise, die letzte hohe Alpenpassage auf dem E4. Hoch türmten sich die Berge südlich des Tales der Drôme auf. Ich freute mich darauf, sie zu besteigen.

Durch Weingärten zu den Bergen von Sâou

Tag 38

Nach einem guten Frühstück in der Herberge brach ich auf. Ich überquerte die Drôme und machte mich entlang von Weinbergen an den steilen Aufstieg zum Forêt de Saou. Saillans liegt auf 262 Metern. Die höchsten Punkte meines Weges lagen an diesem Tag auf beinahe 1400 Metern. Es galt hoch zu steigen, doch die vergangenen Tage hatten mir viel Kraft und Ausdauer gegeben. Der steile Aufstieg fiel mir beinahe leicht. So kam es denn, dass ich schon gegen halb elf den „pas de la Motte“ passierte und hinabblickte auf den vor mir liegenden unberührten Wald von Saou, welcher ein besonderes Biotop war – geschützt durch den großen Felszirkel der Montagne de Saou, die in ihrer Form an ein großes Schiff erinnerten das nach Osten fuhr und zum Tal der Rhone hin – nach Westen – sein Heck hatte. Dieses Schiff hatte ich soeben Backbord-seitig betreten und wanderte nun die stetig ansteigende Reling entlang Richtung Bug. Gegen Norden hin zeigte sich mir eine wunderbare Aussicht hinab ins Tal der Drôme und viel weiter zu den Bergen des Vercors hin. Immer noch konnte ich den Rocher de Vellan sehen, auf dem ich vor zwei Tagen gestanden hatte. Ja ich sah sogar bis zum Hochplateau oberhalb der Rochers de Laval, wo ich vor vier Tagen so nasse, regenreiche Stunden verbrachte. All das lag weit im Norden, weit hinter mir. Ich kletterte weiter einen schmalen Pfad den Grat (oder die Reling) meines Felsenschiffes entlang bis zu den schroffen Felsen des Rocher de la Laveuse. Neben der immer noch wunderbaren Aussicht (bis Crest, bis zur Rhone im Nordwesten und bis Die im Nordosten) boten sich mir nun steile Felswände dar, auf deren Kante ich stand. Schön war vor allem das Trou de la Lavause – ein Loch in einer Felsenwand vor mir, die mir an einer Stelle die Sicht nach Norden versperrte. Steht man an der richtigen Stelle, so kann man durch dieses Loch genau auf Saillans hinab blicken.

Impressionen von Sâou

Nahe des Trou de la Laveuse machte ich Pause, schenkte all diesen Ausblicken dann ein letztes Mal meine Aufmerksamkeit und stieg dann hinab in die Wälder von Saou.

Ein eher unspektakulärer Forstweg führte mich zum Steuerbord des Felsenschiffes, wo ich beim Porte de Barry die Reling überstieg und hinab auf neue Gegenden blickte.

In den Wälder von Saou war das Klima wieder ein wenig feuchter geworden – ähnlich den nördlichen Alpen. Nur grüßten mich wieder extrem trockene Hügel und mediterrane Nadelhölzer. Auch Ölbäume gab es. Die Landschaft erinnerte mich teilweise an Andalusien. Unweit der Pforte in dieses neue Gebiets bei der Hütte Fonderesse begegnete ich bereits zum vierten oder fünften Mal an diesem Tag einem älteren Wanderer. Abwechselnd hatten wir uns an diesem Tag in den Bergen von Saou immer wieder überholt. Zuerst war ich nahe des Rocher de la Laveuse an ihm vorbei marschiert, dann als ich Pause machte, hatte er mich wohl überholt, bevor ich ihn am Forstweg, dann wieder hinter mir ließ. Am Porte de Barry, wo ich kurz gerastet hatte, war er wieder an mir vorbeigezogen. Dieses Spiel sollte sich bis zum Abend noch mehrmals wiederholen. Nun standen wir beide bei der Fonderesse und befragten Karten und Wegweiser, welcher Weg denn nun der richtige sei. Ich stellte amüsiert fest, dass er denselben Wanderführer wie ich bei sich hatte. Wir kamen ins Gespräch und unterhielten uns ein paar Minuten recht holprig auf Französisch über den Weg und das Klima, bis er mich schließlich fragte, ob es mir was ausmachte Englisch zu reden, da ihm das leichter fiele. Und mir erst recht. Der Mann war Belgier (klarerweise aus dem flämischen Teil) und folgte dem GR 9 seit ein paar Tagen Richtung Brantes im Süden, welches sein Ziel war.

Nach einer Weile setzte jeder für sich seinen Marsch fort. Natürlich hätte man auch gemeinsam weitergehen können, aber dazu bestand nicht der Wunsch. Man war schließlich hier um allein zu wandern. Es blieb dabei, dass man gelegentlich den anderen bei einer Rast überholte und anschließend wiederum selbst überholt wurde. Nach einigen Stunden in heißem Klima mit schönen Ausblicken über die Hügel erreichten wir schließlich fast zeitgleich die Stadt Bourdeaux. Am Ortseingang sah ich den Belgier zum letzten Mal.

Die Gegend von Bourdeaux

Beim Tourismusbüro erkundigte ich mich nach Übernachtsmöglichkeiten und entschied mich für den zentralen Campingplatz, dessen freundlicher Besitzer mir den letzten Platz gab, den er noch hatte. Ich sprang kurz in das kühle Wasser (viel Wasser war es nicht) des Baches Roubion, welcher auf dem Weg zum Tal der Rhone Bourdeaux durchfloss. Dann machte ich mich daran die schöne Altstadt zu erkunden, die auf einem Hügel über den übrigen Häusern thronte und neben beschaulichen Gassen und schönen Türmchen auch die hoch aufragenden Ruinen einstiger Verteidigungsanlagen bot.

Nach einem guten Ravioli à la crème, sah ich zu, wie große, schwarze Wolken sich von Südwesten her näherten und sich sehr schön im roten Licht des Sonnenuntergangs über die Altstadt wölbten. Schon bald, nachdem ich mich in meinem Zelt zur Ruhe gelegt hatte, begann der Regen – lang und heftig. Es dauerte bis ich einschlafen konnte, doch es gelang. Auf den nächsten Tag freute ich mich, würde er mir doch einen lange vorhergesehen Abschied bringen. Bald würde ich den GR 9 endgültig verlassen.

Die Burg von Bourdeaux im Morgengrauen

Tag 39

Die Nacht war nass, doch der Morgen brachte einen wolkenlosen Himmel. Bald würde alles wieder trocken sein. Ich baute mein Zelt ab, machte mich marschbereit und stieg schon bald nach Süden hin die Hügel über Bourdeaux hinauf, bis ich dann gegen zehn Uhr die Kirche von Comps erreichte – ein sehr altes Gebäude aus dem zwölften Jahrhundert. Ich sonnte mich nahe dem Gemäuer der Kirche und stärkte mich mit einem Frühstück. Zwischen dicht bewaldeten Hügeln ging es dann hinab zur Stadt Dieulefit, die ich um die Mittagszeit erreichte. Es war die letzte Stadt und auch das letzte Dorf, das bis zum Abend des nächsten Tages erreichen würde. Demgemäß stattete ich mich in der langen Altstadtgasse in verschiedenen Läden noch mit genügend Proviant aus und nahm noch einen Liter Milch, sowie zwei Croissants zu mir.

Zu Dieulefit ist noch zu sagen, dass es nett war, wie der Weg von den Hüglen von Comps her kommend lange nichts von der nahenden Stadt verrät, bis man dann um Ecke biegt und sich plötzlich unvermutet inmitten der Altstadt befindet. Kurz davor erblickte ich am Wegesrand einen kleinen Skorpion, der sich nicht mehr rührte, als er mich wahrnahm. Sogar Skorpione gab es hier also schon. So sehr hatte sich auch die Fauna verändert.

Gestärkt und gerüstet, für das, was da kommen mochte, verließ ich Dieulefit. Ich wusste noch nicht, wie weit mein Weg mich an diesem Tag noch führen sollte. Es war mein Ziel am Abend des nächsten Tages den Fluss Rhône zu erreichen. Dazu musste ich heute bis in den Abend hinein marschieren, um so weit wie möglich zu gelangen. Irgendwo würde ich dann mein Zelt aufschlagen.

Nach einem wegen der Hitze des frühen Nachmittages recht anstrengenden Aufstiegs, erreichte ich schließlich den Col de Dieu-Grâce – einen Ort von entscheidender Bedeutung. Zum einen verlief hier die alte Grenze zwischen Dauphiné und Provence (Dies sind nicht die heute geltenden Grenzen von Regionen und Departments, sondern jener historisch relevanter Gegenden. Die südliche Grenze des Departements Drôme und der Region Rhône-Alpes – in der ich mich seit meiner Ankunft in Frankreich stets befunden hatte, ist weiter südlich.) Zum anderen markierte die Col de Dieu-Grâce den endgültigen Abschied  zwischen E4 und Sentier de Grande Randonnée 9, dem ich seit dem fernen Col de la Faucille nun insgesamt etwa einundzwanzig Tage lang gefolgt war. Er hatte mich in viele verschiedene Landschaften geführt, über die französischen Jurahöhen, hinab ins obere Rhône-Tal, hinauf durchs Massif von Chartreuse bis Grenboble und über die Massive von Vercors und Diois bis hierher zu diesen verlassenen Pass südlich von Dieulefit. Der GR 9 war somit der längste Teilabschnitt des E 4 auf einem einzigen nationalen Weitwanderweg und das würde er auch wohl einige Zeit lang – vielleicht bis zum Ende bleiben. Dem Bodenseerundwanderweg war ich vier Tage lang gefolgt, dem Jurahöhenweg zwölf Tage, dem GR 9 wie gesagt einundzwanzig. Von nun würde der E4 recht unregelmäßig verschiedenen nationalen Wegen folgen, dem GR 429, dem GR 42, dem GR 4, dem GR 44, dem GR 72, dem GR 7, dem GR 71 und schließlich dem GR 36, der mich bis an die spanische Grenze hoch in den Pyrenäen bringen würde.

Den GR 9 ließ ihn nun zurück. Er führte vom Col de Dieu-Grâce aus weiter nach Süden über Nyons und Brantes in die Vaucluse und weiter durch die Provence bis zum Golf von Saint-Tropez, wo er am Meer sein Ende fand. Ich aber änderte meine Richtung. War ich die letzten Wochen über – im Grunde seit der Schweiz –  vorrangig nach Süden geschritten, so markierte der Col de Dieu-Grâce auch eine generelle Kehre des E4, der von hier an nun vorrangig nach Westen führte, zur Rhône, in die Ardèche hinein und weiter nach Westen. Dorthin wollte ich. Das Meer würde ich erst viel später erreichen, im fernen Katalonien, doch das war noch weit.

Abschied vom GR 9

Nach einundzwanzig Tagen sagte ich dem GR 9 nun denn Adieu und folgte meinem neuen Weg, dem GR 429, welcher mich zuallererst durch einen dichten Wald bei großer Hitze steil bergauf zum Mont Rochas führte, welcher knapp 900 Meter hoch war. Die Temperaturen machen den Anstieg viel schwerer, als er eigentlich war. Mitten im Wald, der viel zu wenig Schatten spendete, kam mir plötzlich ein Motorradfahrer entgegen, der den schmalen Weg den Berg hinab fuhr. Ich hatte ihn kommen hören, er mich freilich nicht. Als er mich sah und scharf bremste, hätte es ihn fast den Hang hinab geworfen, aber nur fast.

Kurz nach drei Uhr stand ich neben der Funkanlage am Mont Rochas und blickte in die Weite. Im Norden sah ich noch die Montagnes de Saou, im Südosten die Berge, denen der GR 9 dort nun begegnete. Und nach Westen führte mein Weg einen Hügelkamm entlang auf stetig niedrigeren Höhen, bis dann irgendwann das Rhône-Tal käme. Windräder kreisten in der Ferne. Wie weit würde ich heute wohl noch gelangen?

Der Weg über die Hügel nach Westen

Bis etwa vier Uhr rastete ich im Schatten des kleinen Häuschens neben der Funkanlage am Mont Rochas, während mein Zelt, das durch das abendliche Gewitter des Vortages noch nass war, in der Sonne trocknete. Dann wagte ich mich weiter, durch Wälder und Weiden immer nach Westen.

Um sechs Uhr Abend erreichte ich die Ruinen der Prieuré d’Alyerac – einer großen Kirche aus dem dreizehnten Jahrhundert, die einst von Bedeutung gewesen, doch dann in den Wirren des dreißigjährigen Krieges zerstört worden war. Geblieben waren die Mauern. Dort wo der Altar gewesen war, befand sie nun ein Graben mit einem kleinen Teich. Nur der Friedhof war noch intakt und wie es schien noch in Verwendung. Die jüngsten Gräber waren gerade einmal fünfzig Jahre alt.

Nahe der Ruine kreuzte der GR 429 eine Straße und verlief dann weiter auf dem Kamm der Montagne de la Serie. Es war hier, dass ich mein Zelt aufschlug. Der Platz, den ich wählte, war gleich neben dem Schotterweg, der die Berge entlang führte, der aber von niemandem außer mir an diesem Abend und dieser Nacht begangen wurde. Die Straße war nicht allzu fern, sodass ich Fahrzeuge der lauten Art noch hören konnte. Irgendwo musste ein Grundstück in der Nähe sein, dessen Haushund hin und wieder bellte. Ansonsten blieb es die ganze Nacht ruhig. Es fiel auch kein Regen. Ein sehr heißer Tag ging zu Ende und ich freute mich darauf morgen die Rhône zu erreichen.

Die Ruine von Alyerac

Tag 40

Am frühen Morgen schritt ich weiter nach Westen, immer auf die Windräder zu, die sich dort unermüdlich drehten und die Welt mit Strom versorgten. Windräder hatte ich immer gemocht. Sie erinnerten mich an Galizien, wo ich zum letzten Mal so viele aus der Nähe gesehen hatte. Die Ansicht, dass sie die Landschaft verunstalten, teile ich nicht. Ich finde sie haben etwas Ästhetisches an sich.

Mitten in einem kleinen Waldstück kam mir ein paar Stunden nach Marschbeginn eine von zwei Leuten geführte Schafsherde entgegen. Es war ein recht überraschender Anblick als ich um eine Kehre bog und plötzlich an die hundert Schafe munter auf mich zuströmen sah. Vom Wegesrand beobachtete ich den Viehtrieb wie er an mir vorüber zog.

Nachdem ich ein paar Wälder und kaum bewohnte Weiler passiert hatte, erreichte ich am späten Vormittag das Kloster von Aiguebelle, wo ich neben alten Mauern auch einen kleinen Brunnen fand, der mir Trinkwasser gab. Das wurde auch höchste Zeit, denn mein Vorrat ging zur Neige. Die drei Liter, die ich bei Gelegenheit immer wieder auffüllte, waren seit Dieulefit sehr rasch leer geworden, bis schließlich nichts mehr blieb. Ich war schon kurz davor meinen Notvorrat (bestehend aus einer 1/2-Liter Flasche in den Tiefen meines Rucksacks) zu öffnen, als nun endlich dieser Brunnen kam – für mich die Hauptattraktion des Klosters, das im übrigen noch im Betrieb ist. Gegründet im Jahre 1137 von den Zisterziensern, verfügt die Trappe d’Aiguebelle immer noch über etwa fünfundsechzig Mönche, die hier in aller Abgeschiedenheit leben und auch ein wenig Ackerbau betreiben. Natürlich gibt es auch einen Souvenir-Shop, in dem unter anderem der hauseigene Likör verkauft wird. Der Brunnen, an dem ich meinen Durst nun stillen durfte, trug übrigends eine in Stein gemeißelte Aufschrift. „PAX“ stand dort geschrieben. Und jeder, der meine Theaterstücke kennt, wird wissen, dass ich dabei natürlich gleich an „Der Held“ denken musste. Pax – Friede – ein schönes Wort um einen Brunnen zu zieren.

Beim Kloster von Aiguebelle

Vom Kloster aus führte mein Weg weiter nach Westen hinab in ein kleines Tal, wo plötzlich ein umgestürzter Baum den Weg versperrte. An den Seiten gab es kein Vorbeikommen. Ich musste als durch die Krone hindurch klettern, was auch gelang. Zwei weitere Stunden waren vergangen, als ich auf einen Hügel stieg und dort nun endlich zu Füßen jener Windräder stand, die ich seit dem Vortag immer wieder vor Augen gehabt hatte. In unmittelbarer Nähe gaben sie ein gut hörbares Surren von sich und spendeten auch ein wenig Wind, den die drehenden Räder auf den darunter stehenden Wanderer bliesen. Die Rhône konnte ich immer noch nicht sehen, doch vor mir lagen nun erneut die Lebensadern der Zivilisation – Zugstrecken und Autobahnen – die ich der Reihe nach zu queren hatte. Ich stieg den Hügel der Windräder hinab und erreichte als erstes die Schienen der TGV-Strecke zwischen Nîmes und Lyon. Kurz bevor ich diese durch eine Unterführung passieren konnte, zischte eben einer dieser Trains à grand vitesse (TGV) an mir vorbei. Es war beeindruckend wie schnell dieses Gefährt mit seinem futuristischen Äußeren in nicht einmal einer Sekunde an mir vorüber glitt. Ich ahnte noch nicht, dass ich eine Woche später auf meiner Rückreise eben hier in einem dieser Züge mit 320 Kilometern pro Stunde ebenfalls vorüber gleiten würde.

Gleich hinter der TGV-Strecke lag die Autobahn, die ich auf einer Brücke überquerte. Dreispurig und dicht befahren rasten unter mir die Fahrzeuge vorbei. Es war seltsam dort über der Schnellstraße zu stehen, mit meinem Rucksack und meinen Wanderstöcken, während gleich unter mir wohl zwanzig oder dreißig Menschen pro Sekunde in ihren Auto unter der Brücke hindurch fuhren. Da stehst du, Wanderer, der du eben erst von der Bergen herunterkamst und tagelang nur eine Handvoll Menschen sahst, da stehst, allein auf dieser Brücke, blickst hinab auf diese breite Straße und fragst dich: Wo wollen all diese Menschen nur hin?

Ich ließ auch die Autobahn hinter mir, durchquerte ein Gewergebiet und fand mich endlich in einem Wald wieder, den ich weiter nach Westen hin durchschritt. Viele Hochspannungsleitungen führten über meinen Weg hinweg nach Norden, wo ich von den Hügeln aus vor Stunden schon ein großes Atomkraftwerk gesehen hatte.

Gegen fünf Uhr nachmittags, sah ich dann endlich die Rhône. Ich stand auf einem letzten Hügel und blickte hinab auf den breiten Fluss, den der E4 schon einmal ein Stück weit begleitet hatte, viel weiter im Nordosten zwischen Culoz und Saint-Maurice-de-Rotherens. Vor achtzehn Marschtagen hatte ich die Rhône bei Culoz von West nach Ost überquert, vor sechzehn Marschtagen hatte ich mich dann vor ihr getrennt. Sie floss nach Westen nach Lyon – ich musste nach Süden. Nun war sie wieder da, bereit ein letztes Mal von mir überquert zu werden. Doch nicht heute.

Ich stieg die Hügel hinab, vorbei an den Burgruinen von Chateauneuf – du – Rhone und fand dort schon bald am lokalen Camping-Platz Ruhe.

Es war ein langer, heißer Tag gewesen. Nach einem guten Essen in der Altstadt schlief ich ein.

Die Kirche von Chateauneuf-du-Rhone

When you want more than you have
you think you need
and when you think more than you want
your thoughts begin to bleed
I think I need to find a bigger place
‚cos when you have more than you think
you need more space
society, your’re crazy breed
I hope your’re not lonely without me
sodiety, crazy and deep
I hope you’re not lonely without me.
Eddie Vedder

Tag 41

Am einundvierzigsten Tage meiner Wanderung überquerte ich zum zweiten Mal die Rhône und verließ damit das Departement Drôme. Von nun an befand ich mich in der Ardèche, benannt nach dem gleichnamigen Wasserlauf, den an diesem Tag noch zu erreichen ich erpicht war. Früh morgens verließ ich also Chatauneuf-du-Rhone, überquerte die Gleise der Regionalbahn und erreichte die große Hängebrücke, die in der Nähe den breiten Strom überspannt. Stromaufwärts vereinigten sich zwei Arme des Flusses, die sich viele Kilometer weiter nördlich getrennt, stromabwärts floss das Wasser ruhig entlang steiler Küsten weiter nach Süden in Richtung Avignon. Am Westufer wartete die pittoreske Stadt Viviers auf mich, die anmutig auf einen Hügel gelegen, die Gegend überragt. Ich marschierte eine Weile das Flussufer entlang vorbei an den Hafenanlagen Richtung Norden und erreichte dann über eine schöne Allee, das Herz der Stadt. Nordwestlich von Viviers – nahe einer alten, immer noch befahrbaren Bücke aus der Römerzeit (die sie natürlich nicht über die Rhone sondern über einen kleinen Bach erstreckt) fand ich schließlich das Ende des GR 429. Ich hatte nicht einmal zwei volle Tage gebraucht um ihn in voller Länge zu bestreiten. An seinem Ende fand ich den GR 42, welcher von Norden her kommend hier zum E4 wird und weiter nach Süden führt. Außerdem begegnete mir an diesem Morgen auch noch der Jakobsweg, den ich zum letzten Mal viel weiter nordöstlich bei Saint-Maurice-de-Rotherens gesehen. Bis zum Abend sollte er den E4 Richtung Süden begleiten.

Viviers

Über bewaldete Hügel erreichte ich schon das hübsche kleine Dorf von Saint-Montan mit einer alten Kapelle und kleinen Gassen. Mein Weg führte nun in den Bois du Laoul (den Wald von Laoul), der mich sehr plagte. An keinem Ort meiner Wanderung waren die Insekten so lästig wie hier. Ich weiß nicht, ob es Mücken oder kleine Fliegen waren. Sie stachen jedenfalls nicht. Doch unablässig, was ich auch tat um sie loszuwerden, schwirrte ein Schwarm dieser kleinen Biester um meinen Kopf herum. Ständig flogen mir die Viecher ins Gesicht, setzten sich auf meine Brille, flogen beim Atmen in meinen Mund oder in meine Nase. Dass Insekten so lästig sein konnten. Die vollen zwei Stunden, da ich durch diesen Wald wanderte machten sie mir das Leben schwer. Erst am Nachmittag, als ich nördlich von Saint Marcel d’Ardèche den Wald verließ und wieder eine Straße erreichte, blieben die Biester zurück. Ich war heilfroh.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass eine gewisse Unklarheit vorherrscht, was in dieser Region den genauen Verlauf des E4 betrifft. Die eine Möglichkeit wäre, dass er im Wald von Laou vom GR 42 abweicht und entlang des GR 4F nördlich der Schluchten der Ardèche bis nach Salavas führt. Dies müsste laut lokaler Wegbeschilderung wohl die richtige Variante sein. Die andere Möglichkeit wäre, dass er dem GR 42 bis zur Brücke über die Ardèche bei Saint Martin d’Ardèche folgt und von dort am GR 4 südlich der Schluchten der Ardèche weiterführt bis Salavas weiter führt, wo sich beide Varianten wieder treffen. Dies kostet etwa einen Tag mehr Zeit müsste laut dem „Handbuch für die Europäsischen Fernwanderwege“ die korrekte Route sein. Da ich mir erhoffte auf der südlichen Route mehr von den Schönheiten der Gorges d’Ardèche zu sehen, entschied ich mich für die zweite Möglichkeit – auch wenn es der längere Weg war.

Außerdem war ich an der Stelle, wo sich beide Varianten trennten ohnehin umgeben von einer Wolke lästiger Insekten, die mich ziemlich gleichgültig stimmte, welchen Weg ich wählen sollte, Hauptsache ich würde diese Plage bald los.

Als die Luft um mich am Nachmittag dann endlich wieder frei war, wanderte ich noch durch den ein oder anderen Weiler und Weinberg, trennte mich in der Nähe von Saint Marcel d’Ardèche wieder vom Jakobsweg und erreichte schon bald Saint-Martin-d’Ardèche, wo ein reges Treiben herrschte.

Ein erster Blick auf die Ardèche

Die Ardèche ist nämlich einer der meist befahrenen Wasserwege der Welt. Täglich treiben im Sommer an die dreitausend Kajaks den Bach hinab, durch die Schluchten hindurch. Manche sind viel weiter nördlich gestartet und mehrere Tage lang unterwegs. Doch alle erreichen sie bei Saint-Martin-d’Ardèche das Ende ihrer Fahrt. Man kann sich vorstellen, dass dort viel los war. Ich überquerte die Ardèche auf der engen, einspurigen Brücke und schaffte es den letzten freien Fleck auf dem Campingplatz von Aiguèze zu ergattern. Mit dem Überqueren der Brücke hatte ich übrigens auch das Departement Ardèche kurzzeitig wieder verlassen und war in das Departement Gard vorgedrungen das bereits nicht mehr zur Region Rhône-Alpes gehört, sondern bereits zur weiter südwestlich gelegenen Languedoc-Roussillon. Die nächsten Tage über würde ich nahe der Grenze zwischen Ardèche und Gard bleiben und diese immer wieder einmal kreuzen.

Nach einer Abkühlung im Pool und einem guten Essen schlief ich bald ein. So weit wie an diesem Tag war ich in Kilometern gemessen, seit den fernen Passagen am Bodensee nicht mehr gewandert und das obwohl mir der Tag gar nicht so lang vorgekommen ist. Es liegt wohl daran, dass kaum mehr Berge zu bewältigen waren. Und das sollte auch die nächsten Tage über so bleiben.

Aiguèze

Tag 42

Entlang der Ardèche kam ich am frühen Morgen in den Ort Aiguèze, wo ich ein gutes Frühstück zu mir nahm, und dann weiter flussaufwärts hoch über den vielen Windungen und Kehren der Ardèche-Schlucht dahin schritt. Mein Weg verlief nicht am Rand der Schlucht selbst, sondern in einem Wald etwas davon entfernt, was mir nur selten Aussicht auf das Naturwunder gewährte. Immer wieder führten einzelne Pfade vom eigentlichen Verlauf des GR 4 (denn auf diesem Weg befand ich mich seit diesem Morgen) fort und hin zur Schlucht. Die Wanderung des Tages wurde somit ein wenig zur Lotterie, welche Wege man wählte, denn diese waren nicht sehr gut beschildert. Man hätte sich den ein oder anderen Wegweiser gewünscht, der klar sagte: „Aussichtspunkt, diese Richtung, so viele Meter“, doch leider war dem nicht so. So musste man raten und auf sein Glück vertrauen. Manche Wege führten einfach immer weiter ohne irgendwo anzukommen, andere verloren sich nach einer Weile. Manche aber führten zu wunderschönen Aussichten, hinab in die tiefe Schlucht der Ardèche, wo man tief unten im Wasser immer und überall die orangefarbenen Kajaks sehen konnte, die dort ruhig dahin trieben. Nicht auf jeden Pfad schleppte ich meinen Rucksack mit. Meist ließ ich diesen irgendwo in den Büschen zurück, war erstaunt wie leicht und schnell es sich ohne ihn lief und war doch immer froh ihn dann wiederzufinden.

Ardèche-Impressionen

So ging der Tag dahin. Auf meinem Weg traf ich niemanden. Alle Menschen schienen dort unten in der Schlucht auf ihren Kajaks zu sein. Hier oben war niemand. Es war still im Wald. Hin und wieder blieb ich stehen, sodass das Geräusch meiner Schritte verschwand und ich nur die Stille hörte, das leichte Rascheln der Blätter im Winde, das Knacken der Äste, wenn irgend ein Tier im Dickicht nahte und langsam heran schlich. Ich stellte mir vor, wie es wohl war, ein Reh zu sein, immer Angst haben zu müssen, immer zu horchen auf verdächtige Geräusche der nahenden Feinde, der zahlreichen Karnivoren, die im Wald überall lauern mochten. Waren sie bereits da? Lugte irgendwo hinter den Büschen und Bäumen bereits ein Paar Augen hervor und beobachteten das Opfer. Und dann war ich wieder laut, machte selbst Lärm, denn ich war ein Mensch und kannte keine Feinde hier im Wald.

Gegen drei Uhr erreichte ich den abgelegenen Campingplatz von Mas de Serre nahe am Rand der Schlucht. Hier ließ ich mich nieder. Die Besitzer stammten aus England. Beim Abendessen gab es ein großes vegetarisches Buffet, an dem ich mich gerne beteiligte.

Weit war ich an diesem Tag nicht gekommen, doch er hatte mir schöne Aussichten geboten.

Be
as a page
that aches for a word
which speaks on a theme
that is timeless
Neil Diamond

Tag 43

Nach etwa einer Marschstunde erreichte ich an diesem Tag das Dorf Labastide-de-Virac, wo ich mich mit frischem Proviant versorgte und auf den Mauern des Friedhofs ein Frühstück einnahm. Dann beschloss ich ein Wagnis einzugehen und mich vorerst vom GR 4 zu trennen. Mein Reiseführer schlug nämlich eine Variante vor, die ausdrücklich als gefährlich und schwer begehbar bezeichnet wurde, doch auch sehr verlockend klang. Anstatt über ein paar Hügel direkt nach Salavas zu führen, wählte diese Variante einen nicht weiter markierten oder beschilderten Weg, der direkt hinab in die Schlucht der Ardèche und dort entlang des Wasserlaufs, vorbei am Pont d’Arc (einer der Hauptattraktion der Gegend) stromaufwärts führte, bis er dann Salavas wieder auf den GR 4 zurückkehrte. Das klang doch interessant.

Durchgang in Labastide-de-Virac

Ich hatte anfangs Schwierigkeiten den richtigen Weg zu finden, gab es doch keine Markierungen, doch schließlich stieg ich ein enges Tal hinab stand schon bald am Ufer der Ardèche. Unablässig zogen die Kajaks an mir vorüber. Am anderen Ufer gab es auch kleine Strände, wo die Menschen sich sonnten. Dort verlief ja auch eine Straße. Es gab Infrastruktur. Nicht jedoch auf meiner Seite des Flusses, auf der nur ein schmaler Fußweg weiter führte.

Nach einer Weile erreichte ich den Pont d’Arc – einen mächtigen steinernen Bogen, der sich über das Wasser der Ardèche spannte. Es war ein imposanter Anblick. Wie ich jedoch auf die andere Seite gelangen sollte, blieb mir vorerst ein Rätsel. Zu beiden Seiten grenzte das Wasser direkt an die aufsteigenden und sich über dem Wasser berührenden Felswände. Am anderen Ufer gab es freilich die Straße und einen Tunnel. Auf meiner Seite stand ich allerdings rätselnd vor den Felsen. Mein Reiseführer schrieb etwas von einer Höhle, durch die man hindurch gelangen könnte, was allerdings sehr schwierig sei. Tatsächlich fand ich am Fuße des Felsens einen Eingang, der mich allerdings um einige Felsen herum nur bis an den Rand des Wassers direkt unterhalb des Steinbogens führte. Nur ein kleine Öffnung führte weiter in den Fels hinein, wo allerdings alles dunkel war und ich außer Fledermäusen nichts weiteres vermutete. Gab es vielleicht weiter oben noch eine andere Höhle? Ein schmaler Pfad führte auf der einen Seite des Pont d’Arc weiter hinauf zum Felsbogen, wo ich tatsächlich eine zweite, höher gelegene Höhle vorfand. Diese führte tatsächlich bis auf die andere Seite, endete dort jedoch an einem jähen Abgrund, an dem es etwa fünfzehn Meter senkrecht bergab ging. Was dies die gefährliche Passage, die der Reiseführer meinte. Sollte man hier hinunter klettern? Rätselnd stand ich an der Felskante und blickte nach unten. Da war ein Baum, an dem man sich festhalten und ein Stück nach unten gleiten könnte, doch auch dort gab es keinen Halt. Selbst ohne schweren Rucksack wäre mir dieses Wagnis zu riskant gewesen. In Gedanken sah ich mich schon umdrehen, den Weg den ich gekommen war eineinhalb Stunden lang zurückgehen um doch auf dem regulären GR 4 mein Glück zu versuchen. Nein, das war zu weit. Irgendwie musste ich doch auf die andere Seite kommen. Notfalls musste ich halt die Passagiere eines der vorbeifahrenden Kajaks fragen, ob sie mich übersetzten. Mir kam eine Idee. Die Ardèche war an der Stelle, an der die erste Höhle direkt unterhalb des Bogens endete, nur etwa hüfttief. Wenn dies so blieb, würde ich vielleicht mit erhobenen Händen meinen Rucksack um den restlichen Felsen herumtragen können. Ich sprang also in die Ardèche und schwamm unter dem Pont d’Arc hindurch, was kein Problem darstellte. Mühelos erreichte ich die andere Seite, doch meinen Rucksack würde ich auf diesem Weg in trockenem Zustand nie herbringen können. Das Wasser war doch viel zu tief dafür. Was sollte ich also tun?

Der Pont d’Arc

Das paradoxe an der Situation war, dass um mich herum viele Menschen waren, die im Fluss schwammen, in Kajaks vorüber trieben oder am anderen Ufer in der Sonne lagen. Wie ich an ihren Stimmen hören konnte, waren es keineswegs alles Franzosen, sonder auch Deutsche, Holländer, Briten und andere. Einige sahen mir schon eine Weile dabei zu, wie ich rätselnd den Pont d’Arc umrundete. Nun war ich also auf der anderen Seite, auf die ich wollte, und fragte wie, wie ich wohl meinen Rucksack hier herüber brächte. Da fiel mir der Eingang einer Höhle auf. Sollte es doch einen Durchgang geben, den ich vorhin übersehen hatte? Ich stieg von dieser Seite in den Fels hinein, kroch durch eine sehr enge, dunkle Passage und erreichte tatsächlich die andere Seite, wo mein Rucksack lag. Die dunkle Öffnung, der ersten Höhle, wo ich vorhin keine Fortsetzung vermutet hatte, führte tatsächlich unter dem Fels hindurch. Mit etwas Mühe gelang es mir schließlich alle meine Sachen auf die andere Seite zu bringen. Welch ein Erfolgserlebnis. Es war geschafft. Ich konnte meinen Weg fortsetzen.
Es sollten weitere spannende Passagen auf mich warten. Nach etwa zwanzig Minuten erreichte die „Mauvais Pas“, die schlechten Schritte. Dies war die eigentliche gefährliche Passage, auf welche mein Reiseführer hinweisen wollte. Mein Ufer der Ardèche wurde zur Felswand an welcher kein Pfad mehr entlang führte. Zum Glück waren an der Wand ein paar Kletterseile angebracht. So schaffte ich es schließlich mit ein wenig Konzentration diese etwas dreißig Meter breite Stelle zu überwinden. Entlang weiterer schöner Wasserwege und vorbei an ein paar Höhlen gelangte ich schließlich nahe eines Campingplatzes zurück auf eine Straße, die mich in den Ort Salavas brachte. Dort fand ich nicht nur den regulären Verlauf des GR 4 wieder, sondern auch den GR 4F, der laut lokaler Angeben, den eigentlichen Verlauf des E4 markierte. Ab hier waren alle Wege wieder vereint und führten mich weiter nach Westen.

Zuvor blieb ich allerdings noch ein wenig in Salavas. Es war halb zwei Uhr nachmittas und eine gute Zeit zum Mittagessen. In einer Bar trank ich zuvor ein Panache. Der Besitzer sprach deutsch. Seine Frau – sie war nicht da – kam sogar ursprünglich aus Scharnitz in Tirol. Ich plauderte ein wenig mit den Leuten und erzählte von meiner Wanderung von Bregenz bis hier her. Der freundliche Besitzer der Bar fand dies so interessant, dass er sogar einen Menschen der lokalen Zeitung anrufen wollte, um ein schnelles Interview mit mir zu arrangieren. Dieser war allerdings nicht erreichbar, was mir nur recht sein konnte. Es war Zeit weiter zu gehen.

Ich verließ Salavas und stieg hinauf in die Wälder von le Montal. Der kleine Anstieg auf eine Höhe von 300 Meter (höheres gab es hier nicht) machte mir Spaß. Oben angekommen wich ich noch kurz vom GR 4 und besuchte den markanten Berg von Sampzon, der mir eine schöne Aussicht bot. Im Norden sah ich die weiten Ebenen des Departements Ardèche und in deren Mitte die Schlucht, welche sich von Salavas aus gleich einer Schlange allmählich nach Norden hinzog und dort in der Ferne verschwand. Nicht viel weiter weg im Norden lagen auch die Quellgebiete der Loire, doch dorthin würde mich mein Weg nicht führen. Für mich war besonders der Süden von Interesse, wo es endlich wieder Berge gab. Denn im Südwesten konnte ich schon die ersten Ausläufer der Cevennen erkennen, welche es galt in den nächsten Tagen zu erreichen.

Vom Rocher de Sampzon kehrte ich rasch zurück auf den GR 4 und folgte ihm tief in den Wald hinein. Es war bereits früher Abend und ich suchte nach einem Platz zum Schlafen. Ortschaft würde ich heute keine mehr reichen. An einer Kreuzung meines Weges mit einer Forststraße fand ich schließlich den idealen Platz um mein Zelt aufzustellen. Auf einer kleinen Lichtung hatte dort irgendjemand zwei Tische und ein paar Plastikstühle zurückgelassen. Die Überreste eines Lagerfeuers zeugten von nicht allzu weit zurückliegender Verwendung dieses Ortes. Heute war nur ich hier. Ich aß bei Stuhl und Tisch von meinem Proviant und schlug sodann mein Zelt auf. Ein paar Jogger liefen noch am nahen Weg vorbei, bevor ich mich hin legte. Die Nacht verlief still und ruhig. Nur einmal ratterte irgend ein Fahrzeug die Forststraße entlang. Sein Lärm verlor sich aber bald in den Tiefen des Waldes.

Der Rocher de Sampzon

Have no fear
For when I’m alone
I’ll be better off than I was before
I’ve got this light
I’ll be around to grow
Who I was before
I cannot recall
Eddie Vedder

Tag 44

Auch dieser Tag, war wie fast alle Tage dieser Wanderung, sehr warm und schön. Gegen acht Uhr morgens erhob ich mich von meiner Schlafstätte im Wald und wanderte bald weiter Richtung Westen, wo ich eine Stunde später auf das Ruinendorf von Chatelas (dem alten Gorg Pèira) stieß. Ein ganzes Dorf, mit zahlreichen Gebäuden und steinernen Straßen, war hier irgendwann einmal verlassen worden und wurde nun allmählich vom Wald verschluckt. Eine Weile lang wanderte ich durch die Gassen von einst und blickte durch steinerne Türrahmen in die verlassenen Häuser. Ich fühlte mich leicht erinnert an die Ruinen von Angkor in Kambodscha, die vor etwa einem Jahr erkundet hatte.

Eine Straße im Ruinendorf von Chatelas

Gegen elf Uhr vormittag verließ ich den Wald und erreichte das Dorf Comps. Von hier aus führte der Weg eineinhalb Stunden lang recht flach und eintönig über die Felder nahe einer Landstraße. Ich erinnere mich an einen Lautsprecherwagen, der immer wieder an mir vorüberfuhr und für irgendeine Zirkusveranstaltung im nahen Dorf Le Rouveyrolle warb. Dieses war aber nicht mein Ziel.

Nach einer Mittagspause im Dorf Berrias kam ich allerdings wieder in abwechslungreichere und schönere Gefilde. Nach einer schönen Wanderung entlang der Schlucht des Chassezac (eines Nebenflusses der Ardèche) gelangte ich in den Wald von Païolive, welcher berühmt ist für seine bizarren Felsformationen und sein märchenhaftes Aussehen. Die Schilderung trifft durchaus. zu Eine Stunde lang wanderte ich durch einen wahrhaften Märchenwald, in welchem nur noch die Kobolde und Elfen fehlten.

Die Schlucht des Chassezac

Beim Verlassen des Waldes passierte ich noch die pittoresk an einem Abgrund gelegene Einsiedelei von Saint-Eugène. Eine Stunde später stand ich bereits im Stadtzentrum von les-Vans, wo ich am Campingplatz schon bald mein Zelt aufschlug. Den Abend verbrachte ich in der Altstadt und gönnte mir ein gutes Essens – besonders erwähnt sei die hervorragende Crêpes d’Ardèche mit dieser köstlichen Nusscreme. Etwas wehmütig studierte ich mein Kartenmaterial für den morgigen Tag. Es würde der letzte dieser Wanderetappe sein. Am Abend des morgigen Tages plante ich Villefort zu erreichen, von wo  aus mich ein Zug nach Hause bringen würde. Zuvor allerdings würde ich noch einen Vorgeschmack auf die mich in zwei Jahren erwartenden Cevennen bekommen.

Die Einsiedelei von Saint-Eugène

Tag 45

Von les-Vans aus ging es endlich wieder einmal etwas weiter bergauf, zuerst auf etwa fünfhundert Meter in den Weiler Brahic, in ein schönes menschenleeres Tal hinein und dann hinauf zum Grat der Serre de Barre, deren erster Gipfel mit seinen 909 Metern mir eine schöne Aussicht hinab auf les-Vans und bis hin zu den Schluchten von Chassezac und Ardèche bot. Es tat gut wieder in den Bergen zu sein und solche Aussichten zu genießen. Mit dem Verlassen von les-Vans hatte ich nach drei Tagen auf dem GR 4 auch diesen hinter mich gebracht und befand mich nun auf dem GR 44, dem ich Bis Villefort folgen sollte, also nur einen Tag lang.

Cevennenland – Ein Tal in Richtung Süden

Ich wanderte den Grat entlang nach Nordwesten, stets mit schönen Aussichten – einmal nach Norden hin, dann in das schöne bewaldete Tal Richtung Süden. Das Klima war inzwischen wieder etwas feuchter geworden, erneut ähnlich den Alpen im Norden und nicht mehr so mediterran wie im Diois und am Unterlauf der Ardèche. Dennoch war es ein sehr heißer Tag, mit strahlend blauem Himmel.

Ich Schatten eines Waldes aß ich bald zur Mittagszeit meinen letzten Proviant. Ich würde keinen mehr brauchen. Ein Schild wies mich schließlich darauf hin, dass ich das Departement Lozère betreten hatte. Damit lag die Region Rhône-Alpes nun endgültig hinter mir. Von nun an würde ich mich viele Wandertage lang in der Languedoc-Roussilon befinden und diese erst wieder verlassen, wenn ich am Horizont schon die Pyrenäen sehen würde.

Im Hintergrund die Berge für 2012

Ich kam an diesem Tag zügig voran, legte gegen Abend hin aber immer öfter eine Pause ein, damit das Ende nicht allzu schnell käme. Sein Kommen ließ sich allerdings nicht verhindern. Plötzlich stand ich im Herzen Villeforts. Das war es also gewesen. Etwas wehmütig blickte ich nach Süden, wo ein kleines rot gelbes Zeichen auf den Verlauf des GR 72 hinwies. In zwei Jahren würde ich diese Straße entlang gehen, bald nach rechts von ihr abweichen und hinaufsteigen in die Berge der Cevennen. Weiter nach Süden, weiter nach Westen, weiter Richtung Spanien. Ich freute mich darauf. Doch auch die Heimkehr würde mir nun nicht schwer fallen. Ich war ausgeruht und bereit für viele neue Taten, die da kommen mochten.

Villefort bot mir ein kleines, feines Hotel. Bald lag ich in einem weichen Bett, was nach neun Nächten in Folge auf dem harten Boden meines Zeltes wahrlich eine Wohltat war. Am Abend nahm ich mir Zeit um die kleine Stadt zu erkunden, die an der Mündung zweier enger Täler liegt. Im Norden lag der große Stausee von Villefort, doch dieser war etwas zu weit um ihn noch zu erreichen. Stattdessen gönnte ich mir zum letzten Mal auf dieser Reise und gutes, französisches Abendmahl mit Wein und allem, was dazu gehört, bevor ich mich dann schlafen legte.

In meinem Kopf war ein Gedanke: In zwei Jahren würde ich hier wieder aufwachen. Aufwachen und weitergehen. Vielleicht sogar bis Carcassonne. Doch für erste war ich gespannt auf die lange, bunte Pause zwischen dem fünfundvierzigsten und sechsundvierzigsten Tage, die viele neue Dinge bringen würde.

Villefort

„Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen, denn als Wanderer, — wenn auch nicht als Reisender nach einem letzten Ziele: denn dieses gibt es nicht. Wohl aber will er zusehen und die Augen dafür offen haben, was Alles in der Welt eigentlich vorgeht; deshalb darf er sein Herz nicht allzufest an alles Einzelne anhängen; es muss in ihm selber etwas Wanderndes sein, das seine Freude an dem Wechsel und der Vergänglichkeit habe.“
Friedrich Nietzsche

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