Reise 2005: England, Schottland, Wales

März 6, 2011 at 5:54 pm (Allgemein)

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Meine Reisen

– Prolog

Es war ein Sommer, auf den ich mich lange gefreut hatte. Die kalten Jahreszeiten waren lang und hart gewesen. Acht Monate lang hatte ich mich in den Fängen des österreichisches Bundesheeres befunden, war bewaffnet durch den Schnee gekrochen, hatte an der Staatsgrenze gefroren und vielen sinnlosen Befehlen gehorcht. Doch es war mir auch gelungen, diese Zeit für mich zu nutzen. Während all dem Salutieren, all den Märschen und dem Frieren hatte ich in meinem Kopf eine Geschichte heranreifen lassen und kaum war ich wieder freier Zivilist, machte ich mich sogleich daran all diese Gedanken zu Papier zu bringen. Das Abrüsten kam zu Beginn des warmen Monats Mai und ich stürzte mich sogleich in die Arbeit. Zwei Monate lang schrieb ich. Ich widmete jeden Tag mehrere Stunden meiner Geschichte, deren erster Ansatz mir fast ein ganzes Jahr zuvor am Meer von Tunesien in den Kopf geflogen war, die sich später in Italien und Griechenland weiter verdichtet hatte, deren wesentlicher Aufbau mir in den acht Monaten des Heeres nach und nach klar wurde. In diesen zwei Monaten von Mai bis Juni schrieb ich all dies nun nieder. Ich schrieb meinen ersten großen Roman, der zwei Jahre später das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollte. Im Sommer 2005 schrieb ich „Auf See“

Und dann – es war in den ersten Julitagen – war ich plötzlich fertig. Die letzten Sätze waren geschrieben. Der Poet starb. Der Steuermann warf die blaue Karaffe ins Meer und verließ diese Geschichte. Ich war fertig. Auf acht Monate Präsenzdienst waren weitere zwei Monate harter Arbeit gefolgt – diesmal allerdings geistiger Natur. Nun, nach all den vielen Taten mit und ohne Sinn hatte ich vor, mich mit einer Reise zu belohnen. Es schien so viel länger her zu sein als bloß ein Jahr, da ich alleine durch Italien und Griechenland gereist war. Diesmal sollte es nach Norden gehen. Ich wollte auf die grüne Insel Großbritannien.

Sie hatte mich schon seit langem fasziniert. Zum einen war da die enorme Geschichtsträchtigkeit dieses Ortes. Frühe Megalithkulturen, Bretonen, Römer, Sachsen und Normannen – sie alle hatten dort ihre unverkennbaren Spuren hinterlassen. Einst war diese Insel ferner Außenposten des mächtigen Roms gewesen, viele Jahrhunderte später war sie lange Zeit Zentrum der Welt, pulsierendes Herz des britischen Empires. Ich freute mich auf all die Zeugen der Jahrtausende, auf Steinkreise und Grabhügel, auf Römerstraßen und den Hadrianswall. Ich war gespannt auf die vielen strengen Kathedralen, die sich so sehr von jenen Italiens unterscheiden. Ich blickte mit Freude den vielen Burgen des Mittelalters entgegen und auch den vielen Häfen der Küstenstädte, von denen man hinaus gefahren war in die Welt und sie wie Francis Drake umrundet und anschließend erobert hatte. Doch es war bei Weitem nicht nur die Geschichte, die mich reizte. Mehr noch freute ich mich auf die Natur, die auch ohne Menschen da sein würde: Die kargen Moore von Nordengland, das Schottische Hochland, die schroffen Küsten von Cornwall, die Berge von Wales – dies alles wollte ich sehen, wollte ich erkunden und dort wandern gehen. Ich war kein großer Freund der Städte. Vor allem wollte ich Landschaften erleben. Was mich weiters noch an Großbritannien reizte, war seine Literatur. Ich würde an das Grab von Shakespeare pilgern, dessen Tragödien ich allesamt gelesen hatte. Ich fuhr in die Heimat von Robert Louis Stevenson, von Dylan Thomas und Virginia Woolf. Auch das war schön. Auch das war ein Grund mehr dorthin zu wollen.

Drei Tage lang saß ich also Anfang Juli 2005 fast pausenlos vor dem Computer, stöberte in Reiseführern, führte Buchungen durch und legte mir meine Route zurecht, eine Route, die mich in möglichst kurzer Zeit – denn mehr Zeit war mir nicht gegeben – die ganze Vielseitigkeit der Insel erleben lassen sollte, vom Süden bis zum hohen Norden, von England bis nach Wales und Schottland. Ich verzichtete auf Vieles und pickte mir jene Kostbarkeiten des Landes heraus, welche zu sehen mich am meisten verlangte. Und ich tat auch, was mir besonders wichtig war: Ich plante Zeit ein für so manche Wanderung. Und schließlich war alles getan und geplant. Es konnte endlich losgehen.

Dann knallte es. Am 5. Juli detonierten in London drei Bomben und rissen 35 unschuldige Menschen in den Tod. Dies hielt mich keineswegs von meiner Reise ab. In London war ich schon gewesen, London war mir schon bekannt. Ich suchte nach ganz anderen Orten.

– Tag 1

Am Nachmittag des 7. Juli begann meine Reise. Nach langen harten Monaten und vielen schönen Buchstaben stieg ich in einen Zug und erlebte wieder einmal die jedes Mal so wunderschönen Augenblicke, wenn sich das erste Transportmittel einer langen Reise endlich in Bewegung setzt, wenn man Alltag und Vertrautheit verlässt und auf ins Abenteuer bricht. Ich fuhr nach Salzburg, stieg in einen Flieger der Ryan Air und landete kurz vor Mitternacht in London Stansted. Für diese Nacht war kein Schlaf vorgesehen. Mein erstes Ziel war, den Umkreis Londons so schnell wie möglich zu verlassen. Zwei Züge brachten mich an mein erstes Ziel dieser Reise. Um ein Uhr morgens war ich dann schon da. Ich stand am Bahnhof der altehrwürdigen Universitätsstadt Cambridge.

Es hat durchaus einen großen Reiz, eine Stadt bei Nacht zu erkunden. Man sieht so viel, das am Tage verborgen bleibt. Man streift durch die dunklen, meist leeren Straßen und kann ungestört die Atmosphäre der Umgebung in sich aufnehmen. Besonders schön ist dies, wenn man in einer Stadt wie Cambridge ist, einer der zwei großen Studentenmetropolen Englands, wo eine der besten und ältesten Universitäten der Welt bis heute die Genies von morgen ausbildet. Nach einem kurzem Spaziergang entlang der nächtlichen Straßen, vorbei an zahlreichen lauten Bars und feiernden Studenten, gelangte ich schließlich ins alte Herz der Stadt. An der Round Church bog ich in die St. John’s Street ein, wo dicht an dicht die altehrwürdigen Türme und Mauern der Colleges empor ragten und ihre Schatten warfen. Um mich war es still geworden. Ich stand allein im Licht der Straßenlaternen inmitten jener Bildungsstätte, die im Verlauf der Jahrhunderte einige der größten Genies der Menschheit hervorgebracht hatte: Künstler, Wissenschaftler und Politiker.

Inzwischen war es zwei Uhr morgens. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich schließlich gegenüber dem Trinity College in einen kleinen Park setzte, welcher irgendein Denkmal gleich neben der Kirche Great St. Mary’s umgab. Dort saß ich wohl fast eine ganze Stunde lang, überblickte die dunklen Gemäuer, schrieb in mein Reisetagebuch und las in meinem Reiseführer nochmals nach, wer hier aller in den Gebäuden gleich neben mir studiert und gewirkt hatte – eine illustre Liste: Isaac Newton, Lord Byron, Wordsworth, Bertrand Russel, Ludwig Wittgenstein, Lord Rutherford, Christopher Marlowe, Vladimir Nabukov, Nehru und viele mehr hatten hier jenes Wissen erlangt und kultiviert mit welchem sie die Welt veränderten. Auch Könige und Premierminister hatten hier studiert. Lange saß ich dort in jenem kleinen runden Park und beobachtete die nächtlichen Straßen. Ich sah ein paar Katzen, die durch die Dunkelheit schlichen, ein paar Studenten auf dem Heimweg und noch andere Dinge. Schließlich stand ich auf und setzte meinen Spaziergang fort. Ich passierte King’s College und Queen’s College und überquerte schließlich die Brücke über den River Cam. Von hier aus konnte man auch die bizarre Konstruktion der Mathematical Bridge hinter dem Queen’s College sehen. Westlich des River Cam ging ich wieder nach Norden entlang der Backs, wo ich einen Blick auf die Rückfassade der Colleges werfen konnte. Im großen Park des Jesus Green ruhte ich mich schließlich aus, fand auf einer Parkbank eine Stunde Schlaf und wurde schließlich von den Strahlen der früh aufgehenden Sonne geweckt.

Cambridge am frühen Morgen war noch bizarrer als in der Nacht. Alles war hell. Ein gleichmäßig grauer Himmel erfüllte jeden Winkel der Stadt mit Licht. Und dennoch wirkte alles wie ausgestorben. Es waren noch weniger Menschen unterwegs, wie noch vor drei Stunden. Kein Geschäft hatte geöffnet. Kaum ein Fahrzeug fuhr durch die Straßen. Es war heller Tag, doch nichts rührte sich. Dies ist der Zauber der kurzen Nächte im Norden. Es war erst halb sechs Uhr morgens. Man hatte guten Grund zu schlafen, obwohl dem Stand der Sonne nach längst Tag war.

Ich schlenderte noch eine Weile durch die menschenleeren Straßen und entschied mich dann weiter zu reisen. Natürlich wäre es noch nett gewesen ein College auch von innen zu betrachten, doch sperrte man erst gegen zehn Uhr morgens auf. Ich wollte keine vier Stunden warten müssen. Mich reizten neue Orte. Cambridge hatte mir genug gegeben.

So kehrte ich zurück zum Bahnhof und nahm den nächsten Zug ins nahe Ely.

Ely ist ein kleines Städtchen inmitten der Sumpf- und Moorlandschaft der Fens, die sich einst über ganz East Anglia erstreckten. Der Grund, warum ich diesen Ort auf meine Route gesetzt hatte, war jener, dass dort eine der schönsten und gewaltigsten Kathedralen Großbritanniens steht. Nachdem sie England im 11. Jahrhundert erobert hatten, erbauten die Normannen dort auf der Stätte einer alten Abtei der Angelsachsen ein imposantes Gotteshaus, das sich schon aus weiter Ferne sichtbar über das Städtchen erhebt. Eine weitere Attraktion des Ortes ist das Haus von Oliver Cromwell, der bevor er sich im Jahre 1653 als Lord Protector an die Spitze des Reiches stellte, hier einst residiert hatte.

Die Kathedrale von Ely

Ich verbrachte einige Zeit auf dem Kathedralenareal, wanderte die umliegenden Wasserwege der Fens entlang und bestieg einen Hügel, von dessen Gipfel man eine wunderbare Aussicht auf Stadt und Kathedrale hat. Außerdem sah ich dort Ruinen und Mauerreste – womöglich noch aus der Zeit vor der normannischen Invasion. Die Landschaft um Ely war leer und schön. Derselbe uniform graue Himmel, der mich die nächsten Wochen über stets begleiten sollte, wölbte sich über das flache Sumpfland der Fens. Das Land war weit und frei. Es wurde Mittag. Ich stieg wieder in einen Zug und fuhr nach Norden, wo das nächste Ziel meiner Reise auf mich wartete. Dort würde ich über Nacht bleiben. Ich fuhr nach York.

Nun war ich endgültig im Norden Enlgands angekommen, dessen charmanteste Stadt York ist. Das große Münster, sowie die vielen engen Gassen der Altstadt, die gute erhaltene Stadtmauer und zahlreiche andere Überbleibsel aus verschiedenen Epochen der Vergangenheit machen York zu einem Ort der vielen Eindrücke und Erlebnisse. Nach meiner Ankunft spazierte ich entlang des River Ouse ein Stück weit hinaus aus dem Zentrum, um zu meiner Jugendherberge zu gelangen. Nachdem ich dort mein Gepäck losgeworden war, machte ich mich auf, die Stadt zu erkunden. Zuerst führte mich mein Weg natürlich ins mächtige Münster, eine der größten Kathedralen der Welt. Einst stand hier eine römische Festung. Über viele Jahr hinweg war York Hauptstadt der römischen Privinz Britannia gewesen. Mehrere Caesaren hatten einst hier residiert. Im Jahre 306 wurde Konstantin hier zum Kaiser Roms gekrönt. Nach dem Fall herrschten die Angelsachsen und begannen mit dem Bau der Kathedrale. Im neunten Jahrhundert wurde die Stadt dann von den Dänen erobert und zweihundert Jahre lang gehalten. Dann kamen die Normannen.

Das Münster ist ein gewaltiger Anblick. Die Größe seines Inneren ist immens. Die Lichtspiele, wenn die Sonne durch eines der Fenster aus vielfarbigen, dunklen Glas fällt, sind zauberhaft. In der Krypta und den noch tieferen Kellergemäuern, kann man noch die Überreste der römischen Festung von einst sehen und ein wenig darüber auch Reste angelsächsischer Bauten. Bemerkenswert ist, dass er Boden zu Zeiten der Römer viel tiefer lag als das heutige Niveau. Jahrtausende haben Staub und Erde auf die Welt gelegt, sodass der einstige Boden der Römer nun metertief unter der Erde liegt.

Nach einem Spaziergang entlang der alten Stadtmauern, die eine wunderschöne Aussicht bieten, gelangte ich in die engen, atmosphärischen Gassen der Shambles, wo seit Jahrhunderten geschäftiges Treiben herrscht. Mehrere Straßenkünstler zeigten ihr Können, Händler priesen ihre Waren an. In einem Supermarkt beschaffte ich mir Proviant für den nächsten Tag, denn ich wusste, dass ich morgen weit entfernt von allen Shops und Märkten sein würde. Neben Müsliriegeln und frischen Pfirsichen kaufte ich etwas, das ich zu Hause leider nirgendwo bekomme, nämlich köstliche, schwarze, britische Lakritze.

Auf den morgigen Tag freute ich mich schon sehr, doch noch war es nicht soweit. Noch war ich in York, noch wollte ich diese Stadt genießen. Ich ging zu Clifford’s Tower, einer imposanten Turmruine, die mehr oder weniger alles ist, was die Jahrhunderte von der alten Burg von York übrig gelassen haben. Bevor ich noch den Turm bestieg, legte ich mich am Fuße des Hügels, worauf dieser stand, für eine halbe Stunde in die zaghaft hinter den Wolken hervorlugende Sonne, aß genüsslich meine Lakritze und studierte in meinem Reiseführer die recht wechselhafte und auch traurige Geschichte des Turmes über mir. Anfang des zwölften Jahrhunderts hatte es hier antisemitische Hetzen gegeben. 150 Juden hatten sich im Turm verschanzt. Der Mob belagerte das Gemäuer. Angesichts der Wahl zwischen Hungertod und Ermordung durch die Christen entschlossen sich die Belagerten einen dritten Weg zu wählen. Sie begingen kollektiven Selbstmord und legten Feuer im Turm.

Von Clifford’s Tower führte mich mein Weg noch in die City Art Gallery, wo ich eine faszinierende Ausstellung über den Zauber des Waldes besuchte. Wie riecht ein Wald? Wie klingt ein Wald? Multimedial wurde hier in den Zauber der Natur eingeführt.

Es ist seltsam, wie manche Dinge in Erinnerung bleiben und andere nicht. Von meiner Zeit in York kann ich mich noch an eine Szene besonders klar erinnern. Wann und wo genau es war, weiß ich nicht mehr, doch ich habe noch genau die Bilder vor Augen. Da war ein kleiner Park, in dem Kinder und Jugendliche laut und lärmend spielten. Ich lehnte an einer Mauer und wartete auf irgend etwas. Da sah ich einen Greis, der langsam die Straße überquerte und an mir vorüber ging. Das Gehen schien ihm schwer zu fallen. Zwei Krücken stützten ihn. Seinem Gesicht konnte man ablesen, das jeder Schritt ihm große Schmerzen bereitet. Langsam kämpfte er sich die Mauer entlang. Die Kinder im Park lärmten unentwegt weiter. Manche bemerkten den alten Mann und machten sich laut lachend über ihn lustig. Ein Mädchen turnte über die Mauer und hüpfte mit spöttischen Blicken dem Greis vor der Füße, bevor sie wieder ihren Gleichaltrigen zu eilte. Der alte Mann fluchte und keuchte. Er warf den Kindern böse Blicke zu. Das Ende seiner Kräfte war nicht fern. Ich sah Schweißperlen auf seiner Stirn. Mit schwerem, rasselndem Atem setze er seinen langen Weg Schritt für Schritt fort. Kurz hielt er schließlich an und stützte sich rastend an der Mauer ab. Immer noch spähten die Kinder hämisch zu ihm hinüber. Auf der Mauer lag Abfall. Eine leere Burger-King Tüte und ein Plastikbecher standen dort. Der Greis holte plötzlich mit seiner Krücke zum Schlag aus und schleuderte den Müll auf die Straße. Dazu gab er einen Laut bittersten Ärgers und großer Verzweiflung von sich. Dann wandte er sich ab und humpelte Schritt für Schritt weiter. Ich weiß nicht, was ich damals über diese Szene dachte. Ich denke, man kann viel darin lesen.

Es wurde schließlich später Nachmittag und ich bekam Hunger. In einem Pub in den Shambles bestellte ich mir passend zur Region Yorkshire Pudding und verzehrte das blutwurstartige Gericht. Nach dem Essen machte ich schließlich noch bei einer weiteren Attraktion der Stadt mit. Ich besuchte eine Ghost-Walk. Ein mysteriöser Mann mit Zylinder und Mantel führte eine Stunde lang eine Schar von Touristen durch die engen Gassen der Dämmerung und erzählte zu mehreren Gebäuden eine schaurige Geistergeschichte. Etwa, dass dort an jenem kleinen, runden Fenster bei Vollmond hoch oben immer wieder das Gesicht eines vor hundert Jahren ermordeten Mädchens erscheint und ähnlichen Blödsinn. Dennoch war die Tour sehr charmant und der Führer ein hervorragender Schauspieler.

So ging ein langer Tag schließlich zu Ende. Müden Schrittes wanderte ich zu meiner Jugendherberge und ließ mich todmüde in mein Bett fallen. Ich war erst einen Tag unterwegs und dennoch schien mir diese Reise schon viel länger zu dauern. Wie reich und voll ein Tag sein kann. Ich hatte schon so viele Eindrücke und Erinnerungen gesammelt, Erinnerungen an Cambridge, Ely und York. Es war ein schöner, urbaner Tag gewesen. Doch morgen würde es ganz anders werden. Heute die Städte. Morgen das Land…

– Tag 2

In der Gegend nordöstlich von York erstrecken sich auf einer Fläche von über 1400 Quadratkilometern weite Hochmoorebenen – die North York Moors mit ihren menschenleeren Landschaften, uralten Wanderpfaden, steinernen Wegkreuzen, Grabhügeln und Römerstraßen. Dort wollte ich nun hin. Schon die Fahrt war ein Abenteuer. Es begann damit, dass in Middlesborough, wo ich eigentlich nur hatte umsteigen wollen, aus mir bis heute unbekannten Gründen der Bahnhof evakuiert wurde und ich eine Stunde lang im kalten Wind auf den Schienenersatzverkehr warten musste, der mich dann endlich zu einem Zug brachte, der Richtung Whitby fuhr. Das war aber nicht mein Ziel. Nach einer schönen Fahrt, durch das grüne Tal im Norden der Moors mit seinen vielen, kleinen Dörfern, Trockenmauern und Schafherden, verließ ich den Zug im winzigen Grosmont, von wo eine alte Privateisenbahn – North York Moors Railway – nach Süden mitten durchs Moor führte. Eine Dampflokomotive setzte laut schnaubend und pfeifend den Zug in Bewegung und ließ die urtümlichen Waggons durch die beginnende Moorlandschaft gleiten – auf Hügel hinauf, durch Tunnel hindurch. Ich fuhr aber nicht bis zur Endstation nach Pickering, sondern stieg im Dorf Goathland aus mit seinem wunderbar anzusehenden alten Bahnhof aus Backsteinen. Für heute hatte ich genug Zeit in Transportmitteln verbracht. Von jetzt an würde ich frei durch eine zauberhafte Landschaft wandern.

Mit der Landkarte in Händen und den Kompass stets griffbereit, führte mich mein Weg als erstes ein Stück nach Südwesten. Ich kam hinab zum naturbelassenen Bachbett des West Beck und folgte dessen Verlauf auf engen Pfaden durch nassgrüne Wälder stromaufwärts, vorbei am märchenhaften Wasserfall des Mallyan Spout. Wenn man durch die Wälder Englands wandert, dann wird einem leicht klar, warum man dort so viele Märchen von Feen und Kobolden kennt. Es liegt etwas Magisches in diesen Wäldern. Es tat gut sich in der freien Natur zu bewegen und endlich zu wandern. Ich hatte keine Ahnung, was dieser Tag mir noch geben könnte und wo ich die Nacht verbringen würde, doch eben dies macht den großen Reiz so einer Wanderung aus – die Ungewissheit, was als nächstes kommt. Bald verließ ich den kleinen Strom, bahnte mir meinen Weg über sanfte Hügel durch Weiden mit Schafen, über Trockenmauern hinweg und vorbei an Bilderbuch-Cottages, die eine weite Landschaft überblickten. Der Himmel war grau. Doch darunter war alles so saftig grün. Bald jedoch veränderte sich mein Umfeld ein wenig. Aus Wiesen wurden Moore und ich merkte, wie wichtig es war auf meinem Pfad zu bleiben, um nicht im trügerischen Boden zu versinken.

Schließlich erreichte ich die Reste der Römerstraße, die hier einst als eine Art Autobahn der alten Welt mitten durch das Moor geführt hatte. Welche Reisenden wohl einst hier unterwegs gewesen sind? Haben sie ihre Ziel erreicht? Es war ein erstaunliches Gefühl den alten Pfad entlang zu wandern. Viel hatten die Jahrtausende zerstört, doch noch immer konnte man die steinernen Entwässerungskanäle sehen, die die Straße auf beiden Seiten säumten. Einst waren hier Menschen unterwegs gewesen – zu Fuß oder auf Pferdegespannen – und waren den Geschäftigkeiten ihres Lebens nachgegangen, genauso wie es die Menschen heute tun. Und wie ich da stand, da dachte ich zurück an den vergangen Sommer, als ich zweieinhalb tausend Kilometer weiter südlich in der Wüste Tunesiens im Inneren des römischen Amphitheaters von El Jem gestanden hatte. Vom hohen Norden Englands bis zu den Wüsten Afrikas – alles war einst ein Reich gewesen. Und hier liegt die Straße – als großes Mahnmal der Vergangenheit.

Die Straße Roms

Der Uhrzeit nach war es bereits Abend, doch das späte Licht des hohen Nordens würde mir noch lange den Weg leuchten. Nachdem ich ein Stück weit der Römerstraße gefolgt war, stieß ich auf den Lyke Wake Walk. Es ist dies ein 64 Kilometer langer Weg, der von West nach Ost quer durch die Moorlandschaft führt. Die Strecke ist schon uralt und folgt den Spuren ganz früher Siedler, die auf diesem Weg ihre Verstorbenen ins Moor gebracht hatten, um sie dort zu begraben. Heute ist daraus ein beliebter Langstreckenwanderweg geworden, der von Osmotherly im Westen bis nach Ravenscar an die Küste führt.

Nach diesem Weg hatte ich gesucht. Er war mein Ziel. Er war eine Herausforderung, dich ich bereit war anzunehmen. Ich würde nach Osten gehen, immer weiter auf den schnurgeraden Horizont zu, zwischen Wolkengrau und Mooresgrün. Noch war kein Anzeichen davon zu erkennen, dass irgendwo dort vorne, ca. 30 km entfernt, das Meer auf mich wartete. Der Tag würde nicht mehr reichen um dorthin zu gelangen. Irgendwo auf diesem einsamen Wege, auf dem ich außer mir keinen einzigen Menschen sah, würde ich die Nacht verbringen müssen. Doch noch hatte ich Licht. Noch würde ich ein gutes Stück weit zurücklegen können. Auf nach Osten! Auf ans Meer!

Die von den Wolken verdeckte Sonne im Rücken, machte ich mich auf den Weg. Auf der Kuppe eines Hügels zeigte sich bald noch etwas Beeindruckendes. Hier traf ich auf Simon Howe – einem der vielen Grabhügel, die mir auf meiner Wanderung durchs Moor immer wieder begegneten. Es handelt sich dabei um nicht viel mehr als Steinhaufen, doch uralte Steinhaufen – viel älter noch als die Straßen der Römer. Was wohl hier schon geschehen war? Welche Zeremonien hier im Laufe der Jahrtausende gefeiert wurden? Um mich breitete sich das Moor in alle Himmelsrichtungen aus. Ich konnte so weit sehen. Doch das Meer sah ich nicht. Meine Reise ging weiter.

Nachdem ich als letztes Zeichen der Zivilisation noch einmal die Bahnlinie überquert hatte (natürlich ohne markierten Übergang. Ich schritt einfach über den einen einsamen Schienenstrang) geriet ich immer tiefer in das violett blühende Moor hinein. Ich erreichte die Sümpfe von Scarborough, traf Schafe und Eidechsen, aber keine Menschen. Schließlich holte die Dunkelheit mich ein. Es war kurz nach elf Uhr und ich beschloss mich zur Ruhe zu legen. Ich trug kein Zelt mit mir. Das brauchte ich auch nicht. Mitten auf dem Weg legte ich mich in meinen Schlafsack gehüllt auf den Boden, hoffte, dass keinerlei Getier meine Ruhe stören würde und schlief ein.

Im Moor

– Tag 3

Gegen vier Uhr früh wurde es bereits wieder hell. Doch das war gut so. Ich war begierig darauf weiter zu gehen und sehr froh einen Kompass bei mir zu tragen, denn es war schwer die rechte Richtung auszumachen. Das Moor sah nach allen Seiten hin gleich aus. Auch der Wege war in zahlreichen Verästelungen allmählich zu einem unüberschaubaren Labyrinth von kleinen Pfaden geworden, die alle in eine andere Richtung zu führen schienen. Neben meiner Kompassnadel war der Wind der einzige Indikator dafür, wohin ich mich wenden müsse. Denn er wehte stark von Osten her und brachte bereits einen Duft mit sich, aus dem man schon das Meer erahnen konnte. Munteren Schrittes brach ich dorthin auf.

Am Horizont erkannte ich schon bald einen großen Sendemasten, welcher die Aussicht mehr und mehr dominierend stetig näher rückte und gleichzeitig das Ende des Lyke Wake Walks markierte. Von der Kuppe des Hügels aus, auf welchem der Sendemast steht, sah ich dann endlich das Meer, das sich inzwischen durch immer stärkeren Duft und immer lauterem Möwengeschrei mehrmals angekündigt hatte. Nun hörte ich auch die Brandung gegen die Steilküste schlagen. Ich war also an der Nordsee angelangt. Vor mir lag ein kleines Küstendorf mit dem malerischen Namen Ravenscar. Ansonsten gab es nicht viel zu sehen. Der Lyke Wake Walk war zwar vorbei, meine Wanderung aber noch lange nicht. Es lag noch viel vor mir. Im Süden lag Scarborough, im Norden lag Whitby – beides etwa gleich weit von mir entfernt. Ich ging nach Norden.

An der englischen Nordseeküste

Eine Stunde oder mehr spazierte ich entlang der Robin Hood’s Bay – die bis auf ihren Namen rein gar nichts mit Robin Hood am Hut hat – und erreichte dann den gleichnamigen Fischerort, welcher vor hundert oder zweihundert Jahren wohl nicht viel anders ausgesehen hat, als heute. Abschreckendes Beispiel für eine ganz andere Art Urlaub zu machen waren die vielen hässlichen Campingsiedlungen, die ich hier und auch sonst an vielen Orten der Insel in erschreckender Anzahl passierte. Was soll daran noch schön sein? Ich ging vorüber und erfreute mich meiner Freiheit. Die Küste hatte einige schöne Felsformationen zu bieten, die in die wilde See hineinragten. Und über allem hallte das laute, doch angenehme Geschrei der Seemöwen, von welchen ich gewiss Tausende sah.

Gegen Mittag erreichte ich Whitby. Schon von weitem konnte ich auf der hohen Steilküste die mächtigen Überreste der Abtei sehen. Nur noch die Fassade ist übrig geblieben. Dort, wo einst wohl bunte Fenster waren, schien nun der graue Himmel hindurch. Ich stand vor dieser Ruine, blickte auf die nahe Stadt und mein Kopf war sogleich voller Geschichten. Schließlich war ich schon einmal in Whitby gewesen – aber nicht in der Wirklichkeit, sondern in einem der unheimlichsten Werke der Weltliteratur. An der Küste von Whitby war darin einst ein Schiff angespült worden, dass scheinbar kein einziges lebendiges Wesen mehr trug. Alle waren fort. Es hatte die weite Reise von Rumänien bis hierher zurückgelegt. Und im Laderaum fand man einen Sarg. Graf Darcula hat hier englischen Boden betreten, Lucy und Mina weilten hier, auch Van Helsing war da. Man erinnert sich an so viele Details einer Geschichte, wenn man selbst an dem Ort ist, an dem sie spielt.

Whitby Abbey

In der Wirklichkeit gab es freilich keinen Grafen Dracula, dennoch hat Whitby seine Helden vorzuweisen. James Cook erhielt hier seine Ausbildung. Auch lief sein Schiff – die berühmte Endeavour hier vom Stapel. Damit reiste er nicht nur nach Australien und Neuseeland, sondern entdeckte auch viele bis dato unbekannte Südseeinseln und suchte nach einer Nordwestpassage zwischen Pazifik und Atlantik – bis er dann auf Hawaii von den Einheimischen erschlagen wurde.

All dies erfuhr ich in Whitby – zurück unter Menschen – im Captain Cook Memorial Museum. Anschließend gönnte ich mir in einem Pub ein gutes Bier und Fish’n’Chips, bevor ich den nächsten Zug nach Norden nahm. Gewandert war ich für den Augenblick genug. Nun galt es wieder ein paar schöne Städte zu erkunden. „Oh, it’s you again“, sagte der alte, freundliche Schaffner im Zug nach Durham. Ihn kannte ich schon vom Vortag, als ich mit einem anderen Zug nach Grosmont gereist war.

Es gibt wohl kaum eine Stadt mit einer so malerischen Komposition aus Fluss, Burg und Kathedrale wie Durham. Dieses Bild ziert wohl die Vorderseite vieler Postkarten. Der Fluss Wear, die Bäume am Ufer, hoch über den Bäumen empor ragend – die Kahtedrale, und ihre Spiegelung im Wasser. Ein fantastisches Bild – noch fantastischer freilich ist es, wenn man wirklich dort steht, in dieser stillen, beschaulichen Schleife des Flusses, inmitten der Stadt. Im Vorhof der Kathedrale traf ich über hundert Männer in Matrosenuniformen an, die sich in Reih und Gleid die Rede einiger anscheinend wichtiger Persönlichkeiten anhörten. Wie ich in Erfahrung brachte, war dies die Besatzung eines Flugzeugträgers, die nun feierlich in ihren Einsatz verabschiedet wurde. Viele Leute der Stadt, vielleicht Familie und Freunde der Seesoldaten waren auch vor Ort. Es gab berührende Verabschiedungsszenen. Ein interessantes Schauspiel.

Auf der Suche nach einer Unterkunft für die Nacht suchte ich das Tourismusbüro der Stadt auf, wo mir sehr freundlich ein äußerst günstiges Einzelzimmer auf dem Burghügel in unmittelbarer Nähe der Kathedrale gegeben wurde. Nach einer kurzen Nacht auf dem harten Boden eines Moorweges, war dies ein traumhafter Ort um sich zu erholen. Als ich mein Zimmer betrat, fand ich sogleich eine weitere wunderbare Überraschung. Auf einem kleinen Tischchen stand ein Teekocher, dazu Teebeutel, Milch und Zucker. Ich trank an diesem Abend sicherlich vier Tassen guten englischen Tees oder mehr, so gut war dieser. Nach einem Spaziergang durch die Altstadt, einem zweiten Besuch in der Schleife des Flusses mit Kathedralenblick und einer weiteren Tasse Tee, schlief ich schon bald tief und fest ein. Ein Tag kann so reich sein.

Durham Cathedral

– Tag 4 –

Ich begann den Tag, wie ich den letzten beendet hatte – mit einer Tasse Schwarztee mit Milch. Gestärkt und munter verließ ich sodann meine Residenz und wanderte mit einem letzten Blick zurück auf die Kathedrale zum Bahnhof, wo mich ein Zug schon bald zu neuen Orten führte. Ich verließ England. Von nun war Schottland das Land meiner Reise und als erstes wollte ich dessen Hauptstadt besuchen. Am frühen Vormittag erreichte ich Edinburgh, das gewiss viel mehr zu geben hätte, als ich in der kurzen Zeit meines Aufenthaltes aufnehmen konnte.

Ich mochte die Royal Mile – jene Hauptstraße der Altstadt, die Burg und Schloss der Könige miteinander verbindet. Dazwischen breiten sich in vielen beschaulichen Nebengassen, in Kirchen und Kathedralen all die vielen steinernen Zeugen der Geschichte dieser alten Stadt des Nordens am Firth of Forth aus.

Eine Attraktion, die ich neben anderen besuchte, war das Camera Obscura Museum, das neben anderen Ausstellungsstücken aus der Welt der optischen Täuschungen und Tatsachen auch eben eine echte Kamera Obscura beinhaltete – also einen kleinen Raum im obersten Stockwerk, durch dessen Decke mittels eines großen Spiegels all die Eindrücke des Treibens der Altstadt ringsum auf eine Fläche am Boden des Raumes projiziert werden konnte. In Echtzeit konnte man so – dank der Magie reiner Optik – den Menschen bei ihren geschäftigen Tätigkeiten zusehen – wie sie vor der Burg Schlange standen, wie sie durch die Straßen liefen etc. Und keiner weiß, dass er beobachtet wird.

Von der Royal Mile schlenderte ich dann südwärts zum Grassmarket, wo in früheren Zeiten das geschäftige Herz pochte. Vor zahlreichen Pubs, die dicht an dicht stehen, fuhren Postkutschen einst von hieraus ins ganze Land hinein. In dieser Umgebung suchte ich mir ein nettes Lokal und aß Haggis. Nichts lässt mich schließlich davor zurückschrecken, das Nationalgericht eines Landes zu verkosten – sei seine Zusammensetzung auch noch so eigentümlich und innereienreich . Es war gut gewürzt und schmeckte gar nicht so schlecht.

Sehr angetan war ich vom Royal Museum und dem dazugehörigen Museum of Scotland, in dem ich über zwei Stunden zubrachte. Die Ausstellung führte durch den vollen Reichtum der Geschichte dieses Landes – von der geologischen Bildung der Landmasse, über frühe Fauna und Flora bis hin zum Menschen und allen Wirrnissen seiner Geschichte. Es war faszinierend.

Zurück in der Royal Mile wanderte ich noch bis an ihr östliches Ende zum Holyrood Palace, dem einstigen Schloss der schottischen Könige. Maria Stuart hatte hier sechs Jahre residiert, bevor sie schließlich in England geköpft wurde.Viele andere Könige und Königinnen hatten ebenfalls zahlreiche Nächte hier verbracht.

Ich erinnere mich noch, dass mir am Weg zurück zum Bahnhof schließlich ein Umzug entgegenkam. An die hundert Schotten in traditioneller Tracht zogen an mir vorüber und spielten alte Volksweisen auf ihren bag-pipes.

Es war schön. Und doch musste ich während meiner ganzen Zeit in Edinburgh daran denken, dass es mir im Grunde viel weniger Freude bereitete eine Stadt zu besichtigen, als wenn ich durch irgendwelche weite Landschaften wandern konnte. Das Moor von York hatte mir viel gegeben. Kann eine Stadt – ein Ort wo viele Menschen sind – mit dem Zauber der Natur mithalten? Ich freute mich schon auf meine nächste Wanderung. Doch bis dahin waren es noch einige Tage. Es wartete bereits der nächste geschichtsträchtige Ort auf mich. Ich stieg in den Zug und fuhr nach Stirling.

Kleiner aber deshalb nicht weniger beladen mit ereignisreicher Historie empfing mich Stirling unter einem Himmel, der genauso grau war, wie eh und je seit ich in Großbritannien weilte. Ich fand rasch Unterkunft der der lokalen Jugendherberge, die sich mitten in der Altstadt befindet und machte mich sogleich – befreit von der Last meines Rucksacks – auf den Weg zur Sehenswürdigkeit Nummer eins – der Burg. Dort verbrachte ich einige Stunden. Stirling Castle wusste viel zu erzählen. Zahlreiche Schautafeln und Ausstellungsstücke führten durch die bewegte Geschichte der Stadt und gaben Einblick in das Leben der Menschen, die hier vor vielen Jahrhunderten gehaust hatten. Das Burgareal ist weitläufig und bietet immer wieder Überraschungen – ob man nun über Holztreppen zu den hohen Thronhallen vordringt oder sich durch steinerne Schächte in die Keller, Küchen und Kerker vorwagt. Wunderbar ist auch die Aussicht auf das umliegende Land – auch hinüber auf die in der Ferne allmählich ansteigenden Highlands und den hoch aufragenden Turm des William Wallace Monuments.

Gleich neben der Burg gibt es noch einen alten Friedhof, der mich recht faszinierte. Es war interessant die vielen Aufschriften auf den alten Gräbern zu lesen. Ein Besuch auf diesem Friedhof lohnt sich allemal.

Nach einer kurzen Runde durch die Altstadt, zog ich mich schließlich in meine Jugendherberge zurück. Ich erinnere mich noch, wie ich dort durch Zufall im Leseraum auf ein kleines Büchlein stieß, das mich sehr amüsierte. Es war eine Kindergeschichte in englischer Sprache mit vielen bunten Bildern. Irgendein Detektiv musste mal wieder auf Schatzsuche gehen. Und sein Weg führte ihn diesmal ins finstere Österreich. Zuerst nach Klagenfurt, dann nach Reutte, wo eine Horde wütender Einheimischen den Helden mit Mistgabeln und Sensen verfolgt. Auch ein Drache war dabei. Ich hatte meinen Spaß damit.

In Vorfreude auf die kommenden Tag schlief ich schon bald ein.

– Tag 5 –

Schon früh am Morgen saß ich wieder einmal in einem Zug und ließ mich die schöne Nordseeküste von Grampian entlang in Richtung Norden tragen. Beim kleinen Fischerdorf Stonehaven – etwas mehr als 20 km südlich von Aberdeen – stieg ich aus. Lange wollte ich hier nicht verweilen, doch es gab in meinem Reiseführer ein Bild der ca. 3 km südlich von Aberdeen liegenden Ruinen von Dunnotar Castle, das mir beim ersten Anblick schon so sehr gefallen hatte, dass ich dort einfach hin musste. Ich begab mich also auf eine schöne morgendliche Küstenwanderung unter immer grauem Himmel vom Fischerdorf aus in Richtung Süden und erreichte schon bald die Ruinen, welche sich auf einem von der Brandung gepeinigten Felsen im Meer befinden, der nur durch einen schmalen Steinsteg vom Land aus erreichbar ist. In seinen Glanzzeiten muss das einstige Schloss einen imposanten Anblick geboten haben.

Auf dem Rückweg kaufte ich mir in Stonehaven in einer urigen Hafenbäckerei noch etwas Pastetengebäck, das ich anschließend im Zug verzehrte. Es schmeckte hervorragend. Vor meinem Abschied vom Fischerdorf genoss ich allerdings noch eine halbe Stunde lang die Atmosphäre des Hafens und sah so manchem Fischerboot dabei zu, wie es dem Städtchen Auf Wiedersehen sagten.

Ich fuhr an Aberdeen vorüber und erreichte dann am frühen Nachmittag die schöne Stadt Inverness am Firth of Forth – Hauptstadt der Highlands. Unweit liegt das berühmte Loch Ness. Und eben dieses hatte ich vor nun zu erkunden. Bald hatte ich mir ein Fahrrad ausgeborgt und fuhr die Landstraße entlang nach Südwesten. Schon bald sah ich links von mir das langgezogenen Loch Ness, dem ich bis an des Tages Ende weiter folgen sollte. An manchen Aussichtspunkten blieb ich stehen, blickte auf das straßenlose, bewaldete Ufer gegenüber, ließ meine Blicke natürlich auch über die Wasseroberfläche gleiten und radelte dann weiter, manchmal hinauf, dann wieder hurtig hinab ans Ufer.

Dass ich natürlich nicht an die Neolegenden vom Seeungeheuer glaubte, versteht sich von selbst. Schon damals hatte ich die Leichtgläubigkeit der Menschen zur Genüge kennen gelernt und hielt nichts von derlei Gespenstergeschichten.

Vorbei am Urquhart Castle nahe Drumnadrochit gelangte ich schließlich zu einer kleinen Jugendherberge direkt am Loch etwas nördlich der Stadt Invermorriston. Dort verbrachte ich die Nacht. Im Aufenthaltsraum stand ein Klavier. Da sonst gerade niemand da war, setzte ich mich davor und begann Beethovens Mondscheinsonate – die ich schon damals verinnerlicht hatte – zu spielen. Beim letzten Ton hatte ich bereits acht oder neun Zuhörer um mich geschart, die eifrig applaudierten. Mehr Leute waren damals nicht in der Nähe – wie es schien.

Hätte ich an diesem Tage nicht irgendwo am Loch meine Kamera verloren – er wäre beinah schön gewesen. Den Verlust kann ich mir bis heute nicht genau erklären. Es war wohl doch das Ungeheuer.

– Tag 6 –

Da ich versicherungstechnisch wegen des Verlustes der Kamera eine polizeiliche Anzeige machen musste und dies lokal nur in Drumnadrochit möglich war, blieb mir nichts anderes übrig als am nächsten Morgen, anstatt am höher gelegenen Kieswegen, erneut die Landstraße zurück nach Norden zu nehmen. Ein freundlicher Polizist half mir dort rasch weiter und erledigte rasch den nötigen Papierkram. Außerdem kam ich noch mit einem Jungen aus der Gegend ins Gespräch. Wir unterhielten uns über die Anschläge in London und darüber, ob ich in England gesteigerte Nervosität unter den Menschen bemerkt hätte. Ich hatte keine Vergleichswerte, erzählte ihm jedoch von der seltsamen Bahnhof-Räumungsaktion, die ich in Middlesborough erlebt hatte.

Nachdem ich mich noch mit frischem Proviant versorgt hatte, bestieg ich wieder mein Fahrrad und fuhr weiter in Richtung Inverness. Wenn das Loch Ness schon nichts Magischen an sich hatte, so kam mir zumindest diese Landstraße leicht verzaubert vor. Ich hatte am gestrigen Tage das Gefühl gehabt, das sie zwar stellenweise bergauf, viel häufiger aber bergab führte, was ein Fortkommen sehr angenehm machte. Am Rückweg hatte ich aber nun denselben Eindruck. Wieder schien die Straße vorwiegend bergab zu führen, was eine logische Unmöglichkeit darstellte. So leicht kann doch der Schein trügen. Dennoch dachte ich mir damals, dass ich bei allem Reiz des Radfahrens doch sehr viel lieber wandern ging.

Kurz vor Inverness überraschte mich ein heftiger, schottischer Regenschauer, der nicht von oben, sondern begleitet von kräftigen Böen waagrecht von der Seite zu kommen schien. Es war der erste Regen dieser Reise. In flüchtete mich in eine Gaststätte und trank eine herrliche Kanne köstlichen Tees mit Milch. Solchen Tee scheint man am Kontinent nirgendwo zu kriegen. Als kein Wasser mehr vom Himmel stürzte, wagte ich mich wieder nach draußen. Wie immer blieb der Himmel grau.

Nachdem ich in Inverness mein Rad zurückgegeben hatte, besichtigte ich noch ein wenig die Altstadt und setzte mich dann in den Zug. Es ging weiter hinauf in den einsamen Norden und ich freute mich schon sehr auf die Unterkunft der kommenden Nacht, welche äußerst spektakulär zu werden versprach.

Nahe der winzigen Ortschaft Culrain, die eigentlich nur ein Bahnhof ist, erwartete mich ein schönes Schloss names Carbisdale Castle, das der Besitzer vor einigen Jahren der internationalen Jugendherbergenorganisation gespendet hatte. Seither galt dieses Gebäude als die schönste Jungendherberge Schottlands und vielleicht der Welt. Dorthin fuhr ich nun.

Ein Wort zu meiner Lektüre. An die Fahrt von Inverness nach Culrain erinnere ich mich noch sehr gut. Auf der Fahrt nach Culrain las ich das erste Buch zu Ende, das mich auf dieser Reise begleitete – Houellebecqs „Elementarteilchen“. Es war erst der zweite Houellebecq, den ich gelesen hatte und schon damals faszinierte mich dieser Autor. Viel mehr allerdings sollte mich das zweite Buch dieser Reise in seinen Bann ziehen, das ich passenderweise an diesem Tag begann: Kafka’s „Das Schloss“.

„Schön“, dachte ich mir. „Heute lese ich das Schloss – und schlafe gleich darin.“

Ich staunte nicht schlecht, als ich schließlich vor dem Carbisdale Castle stand. Es war wirklich ein Schloss – groß und prunkvoll. Es gab darin enge Kammern, große mit vielen Leuchtern ausgestattete Hallen, weitläufige Treppenaufgänge, Türme, Passsagen, die fast wie Geheimgänge schienen, unheimliche Bilder an den Wänden – besonders jenes der soeben dem Wahnsinn verfallenen Lady Macbeth. Alles erinnerte stark an jenes düstere Herrenhaus im Film „Das Geisterschloss“.

Was für ein Ort um die Nacht zu verbringen. Und um welch günstigen Preis! Aber das Schloss selbst machte nur einen Teil des Zaubers aus. Wunderbar war auch die Lage. Abends stand ich allein in einem dunklen, hohen Saal mit düsteren Bildern und blickte durch hohe Fenster hinaus auf weite Wälder, die sich bis zum Horizont erstreckten, auf Hügel und das Tal von Loch Shin, durch welches sich auch die Eisenbahnlinie schlängelt. Und über der Landschaft schwebte der Mond.

Noch vor Einbruch der Dunkelheit hatte ich einen Spaziergang gemacht und in der urigen Herberge des nahen Invershin auf der anderen Seite des Tales etwas gegessen und das ein oder andere Pint getrunken. Man war hier wirklich weit auf dem Land und fühlte den Puls des schottischen Daseins. Was für ein Tag!

– Tag 7 –

Der siebente Tag meiner Reise durch Großbritannien – schwer zu glauben, dass es erst der siebte war und ich noch nicht einmal eine Woche unterwegs – begann mit einer kleinen, aber schönen Wanderung. Ich frühstückte in meiner schottischen Schlossherberge ein paar klassisch englische baked beans und Buttertoast, verließ dann dieses schöne Gebäude und marschierte durch eine saftig grüne Landschaft nach Norden in den Shin Forest hinein, wo ich schon bald auf die Falls of Shin stieß. Hier im engen Shintal, sollte man laut den Worten meines Reiseführes im Sommer Lachse sehen, die auf ihrer fast epischen Reise vom Meer die Flüsse und Bäche stromaufwärts sich plagend, hier die kleinen Wasserfälle empor springen mussten und dabei ein wundersames Schauspiel bieten sollten. Leider wartete ich an diesem Tag auf die Lachse vergebens. Dennoch war die Wanderung sehr schön gewesen.

Ein wenig später saß ich wieder im Zug und der einsame, dünn besiedelte Norden der Insel glitt hinter den Fenstern vorüber. Unmöglich sich satt zu setzen, an so viel Natur: Hügel, Wälder, wilde Flüsse. Der Norden Schottlands ist eine der verlassensten und wildesten Gegenden Europas. Ebenso zeigte er sich mir. Doch schließlich war die Bahnlinie zu Ende und mit ihr die Insel. Ich war in Thurso, einer kleinen Stadt von 9000 Einwohnern. Hier trafen sich Nordsee und Atlantik. Hier wird der Seewind frisch und wild. Hier war ich bereit das Meer zu überqueren – ein Stück weit zumindest – denn unweit liegen die Inseln von Orkney.

Die Orkneys am Horizont

Doch bis zur Abfahrt meiner Fähre vom Dorf Scrabster – etwas nördlich von Thurso – blieb noch Zeit, genug Zeit und ein wenig die schroffen Küste des hohen Nordens zu erkunden. Ohne zu wissen, was mich erwartet, wollte ich an Scrabster vorbei die Küste lang zum Holborn Head hinaus marschieren. Auf dem Weg beim Fährhafen vorbei, begegnete mir dann ein anderer Reisender, der wie ich aus Österreich kam. Martin Wendel war sein Name. Er war etwas älter als ich, hatte schon eine Weltreise hinter sich und erschien mir gleich im ersten Augenblick sympathisch. Auch ihn zog es zu den Orkneys hin. Warum also nicht gemeinsam dorthin reisen? Zuvor allerdings nutzten wir noch die verbleibende Zeit auf schottischem Boden, um wie geplant die Küste nördlich von Scrabster zu erkunden.

Es war ein Ausflug, der sich lohnte. Die schroffen Klippen mit ihren atemberaubenden Felsformationen waren ein natur-ästhetischer Hochgenuss. Immer wieder tat sich vor unseren Füßen der Boden, gab den Blick frei auf steile Schächte, auf deren Grunde man das Meer heftig gegen die Felsen schlagen sah. Es faszinierte, wie der Stein in zentimeterbreite, waagrecht liegende Scheiben geschichtet war. Das sah sehr kunstvoll aus, ganz wie von Menschenhand gemacht. So viel Struktur, so viele rechte Winkel – die Steine sahen wie Bauklötze aus. Schwer zu glauben, dass die Natur so etwas schaffen konnte. Obendrein waren jene Klippen auch ein Vogelparadies. In vielen Farben und Formen schwirrten schöne Flügelwesen über uns hinweg. Wir trafen einen einheimischen Vogelfreund, der darüber schwärmte, dass man sogar ‚puffins‘ sah. Zufälligerweise kannte ich das Vokabel und wusste, dass er die Vogelart der Papageientaucher meinte. Tatsächlich sahen wir auch davon das ein oder andere Exemplar sich blitzschnell hinab zum Meer hin stürzen und mit gefülltem Schnabel wieder nach oben steigen.

Nördlich von Thurso

Als es Zeit wurde, verabschiedeten wir uns von diesen recht spektakulären Klippen und nahmen die Fähre von Scrabster nach Stromness – einem kleinen Fischerhafen am südlichen Ende der Hauptinsel des etwa siebzig Inseln zählenden Archipels Die Fahrt ließ die schon von der schottsichen Küste aus am Horizont leicht erkennbaren Inseln von Orkney rasch näher rücken und führte uns vorbei an der Insel Hoy mit ihren steilen Klippen und dem säulenartig daraus hervortretenden Felsen – dem Old Man of Hoy. All dies bot natürlich schöne Aussichten.

In Gedanken an die Überfahrt erinnere ich mich noch, dass wir die Fähre mit einer Gruppe ausgelassener, junger Schotten teilten, die bereits recht angeheitert in den Feierabend aufbrachen und für einen beachtlichen Lärmpegel sorgten. Nebenbei war auch dies ein interessantes Schauspiel.

In Stromness gingen wir am frühen Abend schließlich an Land. Ein Bus brachte uns auf die andere Seite der Insel nach Kirkwall – Hauptstadt der Orkneys. Obwohl der Abend schon spät war, blieb es noch hell. Auf dem Breitengrad, auf welchen wir uns nun befanden, war die Nacht nur mehr ein sehr kurzes Phänomen, irgendwann zwischen halb zwölf Uhr abends und halb vier Uhr früh. Ansonsten blieb es immer hell, hell genug jedenfalls, um schon auf dieser Busfahrt einen ersten Blick über die weiten Grasebenen der Insel zu werfen, die wir morgen – großteils zu Fuß – erkunden wollten.

In meinem Reiseführer ist zu diesem Archipel des Nordens der folgende Satz zu finden. „Um 3000-4000 v. Chr. wurde Orkney von einem rätselhaften mediterranen Volk besiedelt, das Steinkreise, Gräber und ein Dorf hinterließ.“

Steinkreise, Gräber und ein Dorf aus uralten Zeiten – das versprach spannend zu werden.

Der hübsche Fischerort Kirkwall bot eine beschauliche Altstadt (Sie erinnerte mich stark an jene anfängliche Schilderung der Hafenstadt in Melville’s Moby Dick), eine recht angenehme Jugendherberge, sowie ein gutes Abendmahl.

– Tag 8 –

Da Martin an meinem Reiseplan nichts auszusetzen hatte, beschlossen wir an diesem Tage gemeinsam die interessantesten Orte der Hauptinsel der Orkneys zu erkunden. Am Morgen besichtigten wir nochmals Kirkwall und nahmen den Bus landeinwärts bis zu einer verlassenen Haltestelle nahe dem Weiler Stenness. Den Rest des Tages sollten wir mehr oder weniger wandernd verbringen. So groß ist die Insel nicht. Und ein paar Stunden Marsch durch die flache, von großen Seen (Lochs) verzierten Landstriche hatten auch ihren Reiz. Zu Beginn hatten wir allerdings nur wenige Schritte zurückzulegen. Schon vom Bus aus hatten wir ihn sehen können – den „Standing Stone“ – ein einzelner Menhir,der auf dem flachen Feld senkrecht vier oder fünf Meter weit senkrecht zum Himmel empor ragte. In Umgebung nichts als weite Ebenen, im Hintergrund eine Herde schwarzer Kühe, wirkte dieser große Stein als mysteriöses Fremdobjekt. Seit wie vielen Tausend Jahren stand er wohl hier. Man sagt es seien circa fünf bis sechs. Warum hat man ihn aufgestellt? Welchen Zweck hatte wohl dieser eine, große, schmale Stein, der seit so langer Zeit hier unbewegt im Boden steckt – während die ganze Welt um ihn herum sich in ständiger Bewegung wieder und wieder verändern musste? Viele Fragen.

Nicht weit von diesem „Standing Stone“ entfernt, stießen wir auf den Grabhügel von Maes Howe. Dies ist nicht nur ein Hügel, sondern ein sogenanntes „begehbares Kammergrab“. Durch einen Schacht gelangte man ins Innere des Hügels. Darin fanden wir eine Sammlung mysteriöser Runen vor – Schriftzeichen einer längst verschwundenen Kultur, die diese Inseln vor fünf bis sechs Jahrtausenden ihre Heimat nannte – lange bevor Pikten und Wikinger kamen. Eine Hinweistafel bot sogar eine mögliche Übersetzung der Runenschrift. Alte Geschichten längst vergessener Schreiber boten uns ihre Rätsel dar. Scheinbar ohne Sinn und voller offener Enden. Ich erinnere mich nur dunkel. Es war die Rede vor irgendeinem Koch. Es war auch Gift im Spiel, doch das ist nur eine Vermutung.

Wir wanderten weiter, entlang einer schmalen Landzunge zwischen dem Loch of Harray und dem Loch of Stenness. Viele Spuren der Vergangenheit zeigen, dass diese schmale Passage – an manchen Stellen nur so breit, dass gerade noch die Straße Platz hat – auch in früheren Zeiten von Bedeutung war. Gleich zu Beginn erheben sich rechterhand die Stones of Stenness aus dem Boden – von gleicher Form und Größe wie der zuvor erwähnte Standing Stone, nur sind es derer mehr, die einen Kreis bilden. All dies ist nicht so imposant wie Stonehenge und dennoch möchte ich behaupten, dass das Erlebnis schöner ist. Man steht nicht mit hundert Menschen oder mehr im Kreise um das Monument herum, dem man sich nicht einmal auf mehr als fünfzehn oder zwanzig Meter nähern kann. Man ist allein oder zu zweit in einer weiten Landschaft, ist direkt dort, berührt den kalten Stein, der vielleicht sogar noch ein wenig älter ist als jener weltbekannte Cromlech in England und spürt hautnah das Alter längst vergangener Kulturen.

One of the stones of Stenness

Unweit der Stones of Stenness, ein wenig weiter die Landzunge entlang in Richtung Nordwesten, findet man den Ring of Brodgar, ein weiterer Steinkreis – im Radius viel größer als Stonehenge und die Stones of Stennness – mit genau 60 Steinen. Ein imposanter Anblick. Sehr eigenartig, mysteriös, fast unheimlich. Man fühlt sich wie die Affen in Kubricks Odessey 2001 und bestaunt das scheinbar außerirdische Objekt. Und die Frage: Wozu um alles in der Welt sollte jemand so ein Monument errichten? Vielleicht des einen Wunsches wegen, die Zeit zu überdauern?

Wir gingen weiter. Über uns: der immergraue Himmel. Links und rechts von uns – ein Loch. Und dahinter: weites gelbgrünes Sumpf- und Weideland.

Etwas mehr als eine Stunde später erreichten wir das Meer. Und dort an der Küste erwartete uns die Hauptattraktion der Inseln, das Steinzeitdorf von Skara Brae – auch dieses etwa fünftausend Jahre alt. Wie es schien, hatte der Sand des Meeres dieses Dorf irgendwann einmal verschüttet – vielleicht im Zuge einer Naturkatastrophe. Jahrtausendelang lagen die Gebäude vor den Augen der Menschen verborgen unter dem Strand, welchem das Meer immer wieder Sand hinzugab und entzog. Niemand fand es, bis dann das Meer selbst sein Geheimnis lüftete und Teile des Dorfes auf natürliche Weise wieder frei gelegt wurden. Den Rest erledigten die Archäologen. Teils auf Stegen wandert man zwischen den Häusern auf und ab und blickt von oben in die Räumlichkeiten, deren jeweiligen Zweck man immer noch erkennen kann. Und all dies: fünftausend Jahre alt. Faszinierend.

Unweit Skara Brae überragt noch ein altes Herrenhaus die Landschaft – die Heimat längst verstorbener Adeliger. Auch dieses Haus kann man besichtigen, was wir auch taten. Es war ein eigenartiger Kontrast zum eben erkundeten Steinzeitdorf.

Es war inzwischen später Nachmittag geworden und wir machten uns Gedanken, wie wir nun zurück nach Kirkwall kommen sollten. Zuvor wollten wir allerdings noch einen Abstecher nach Stromness machen, das nun geradewegs südlich von uns lang – allerdings nicht allzu nahe. Es war Samstag und leider fuhren deshalb keine Busse mehr. Eine Zeit lang wanderten wir auf recht müden Füßen nach Süden, beschlossen aber schon bald, dass wir beim nächsten vorbeikommenden Fahrzeug die Hand heben und unser Glück versuchen wollten. Vielleicht blieb ja jemand stehen.

Bald hörten wir, wie ein Auto sich näherte. Martin hob die Hand und der Wagen blieb stehen. Der Fahrer erkundigte sich freundlich nach unserem Ziel und brachte uns dann dorthin. Schnell wie der Wind waren wir also in Stromness.

Dort gab es allerdings nicht viel zu sehen. Da auch nach Kirkwall kein Bus fuhr, hob ich auf der Straße meine Hand mit erhobenen Daumen und wieder – das erste Fahrzeug, das vorbei kam, nahm uns mit. Wir kamen mit dem Fahrer ins Gespräch, der uns seine Theorie anvertraute, dass im United Kingdom die Häufigkeit des gelingenden Autostoppens mit dem der geographischen Breite korrelierte. Demnach blieb im Süden England niemand stehen, in Nordengland jeder dritte, in Schottland jeder zweite und auf den Orkneys eigentlich jeder – die motorisierten Touristen aus Südengland ausgenommen.

Aus Südengland stammte übrigens auch unser etwas schrulliger Zimmergenosse, den wir in der Jugendherberge in Kirkwall wieder trafen – ein Mann aus Littlehampton. Ich zitiere: „Most people think there’s just Southhampton and Northhampton. But no, there’s also Littlehampton. And that’s where I come from.“ Er war etwa um die fünfzig und glaubte, das Österreich irgendwo in der Nähe von Finnland sei. Er redete auch sonst recht wirres Zeug, aber ansonsten war er ganz nett. Bis auf die Tatsache, dass er die ganze Nacht lang laut schnarchte. Sehr laut.

Den Schlaf erschwerte außerdem, dass es nur sehr kurz dunkel war, doch was soll’s. Wir mussten ohnehin früh aufstehen. Die Orkney’s hatten wir gesehen. Am nördlichsten Punkt meiner Reise war ich angelangt. Es ging zurück in den Süden. Es wartete das nächste schottische Abenteuer.

The Orkneys

– Tag 9

Das Beste an Tag neun war die Vorfreude auf Tag 10, der mir den Beginn der schönsten Wandeung dieser Reise bringen sollte. Ansonsten verlief der Tag reicht ereignislos. Es galt große Strecken zurückzulegen – Strecken, die man bereits kannte. Wer per Bahn in den einsamen Norden Großbritanniens reist, befindet sich auf einer Einbahnstrecke, die man früher oder später auch in die andere Richtung zu bereisen hat. Gemeinsam mit Martin verließ ich am frühen Morgen die Stadt Kirkwall – bis heute der nördlichste Punkt an dem ich je gewesen bin (außer in Flugzeugen). Wir nahmen den Bus nach Stromness, von dort die Fähre zurück nach Scrabster, wo wir uns zwei Tage zuvor zum ersten Mal begegnet waren. In Thurso kauften wir noch Proviant ein – dann brachte uns eine vierstündige Zugfahrt zurück nach Inverness. Noch einmal sah ich dieselben Landschaften am Zugfenster vorüberziehen: der hohe Norden der Insel, die Flüsse und Hügel, den Kyle of Shin, Carbisdale Castle und schließlich Inverness. Während alldem hatte ich viel Zeit um zu lesen. Kafkas Schloss zog mich immer tiefer in seinen Bann. Obwohl es warm war, wo ich mich befand, wurde mir beim Lesen beinahe zu kalt. Was für ein Leiden. Was für eine absurde Welt. Und niemand scheint etwas dabei zu finden. Faszinierend.

In Inverness stiegen wir um und fuhren nach Süden. Endlich wieder Landschaften, die mir noch unbekannt waren. Vor vier Tagen war ich entlang der Ostküste von Grampian nach Inverness, der Stadt am Ende des Great Glenn, den ich mit dem Fahrrad schon ein Stück weit erkundet hatte, gefahren. Nun brachte uns ein Zug direkt nach Süden, hinein in das wilde Herz des schottischen Hochlands, wo mich das kleines Bilderbuchdorf Pitlochry erwartete – umringt von den Grampian-Mountains. Am Bahnhof dieses Ortes hieß es Abschied nehmen von Martin Wendel, der nun seit drei Tagen mein Reisegefährte gewesen war. Ihn zog es nach Süden in Richtung Hadrianswall, den er von der Ostküste nahe Newcastle bis zur Westküste entlang wandern wollte. Wir wünschten einander alles Gute für die bevorstehenden Abenteuer. Ich stieg aus dem Zug und dieser fuhr weiter.

So war ich denn also wieder allein unterwegs. Ich spazierte durch das schöne Pitlochry und fand rasch in der netten Jugendherberge des Ortes eine Unterkunft. Die ganze Zeit über freute ich mich auf den nächsten Tag.

Von einer Episode – oder vielmehr einem Gesicht – das sich irgendwie in meiner Erinnerung eingebrannt hat, möchte ich noch rasch berichten: Am Abend fand ich im Dorfzentrum eine beschauliche Fish’n’Chips-Bude, wo ich dieses mir hervorragend mundende Gericht auf beste britische Weise serviert bekam. Ich erinnere mich noch an das Gesicht des Imbissbudenkochs. Selten hatte ich so markante, charakteristische Züge gesehen. Der Mann war noch jung, doch sein Gesicht so hart und urtypisch schottisch keltisch, dass ich es am liebsten fotografiert hätte. Damals wusste ich noch nicht wie Samuel Beckett aussah, doch als ich ein paar Monate später ein Bild von diesem Dichter sah, da musste ich gleich an den Mann in der Fish’n’Chips-Bude von Pitlochry denken.

Und da beginnen die Erinnerungen: Beckett. Nur sieben Monate später würde ich beginnen für „Warten auf Godot“ zu proben – meine erste Inszenierung. Damals ahnte ich rein gar nichts davon. Ich hatte noch keinen Schimmer, dass das kommende Jahr mir eine neue Leidenschaft – das Theater – bringen und von da an mein Leben so stark prägen sollte. Nichts davon war abzusehen. Die Karten waren noch nicht gelegt. Ich wusste bereits, dass ich im Herbst eine Rolle im Stück „Nathan der Weise“ spielen würde – doch selber Regie führen … das lag so ferne. Ich hegte noch keinerlei Wunsch dies je zu tun. Kein Gedanke galt dem. Die Idee war fremd. Ich hatte noch nie damit gespielt. So rasch kann die Zeit die Dinge verändern.

So aß ich meine Fish’n’Chips, las noch ein wenig „Das Schloss“ und legte mich dann schlafen. Morgen würde ein schöner Tag sein.

– Tag 10 –

Recht früh begab ich mich am zehnten Tage meiner Reise zum Postamt von Pitlochry. Dort wartete ich nicht etwa auf einen Bus, sondern wirklich auf den Postboten, der für ein paar Pfund die gelegentlich an dieser Strecke interessierten Reisenden nach Westen mitnahm, bis hin zur entlegenen Rannoch Station, etwa 50 km westlich von Pitlochry inmitten der Highlands. Die Fahrt dauerte sehr lange. Schließlich war es ein Wagen der Post, der immer wieder bei vielen Anwesen und kleinen Weilern halte musste, um seinem uralten Gewerbe nachzugehen und Briefe und Pakete zu überbringen. Auf diese Weise bekam ich sehr viel Gegend zu sehen – sehr schöne Gegend: Schafherden, Trockenmauern, Seen, alte Dörfer und mehr. Unsere Route führte entlang des Rummer Tummel zum gleichnamigen Loch Tummel an dessen Ende die winzige Ortschaft Tummel Bridge lag. Von dort ging es weiter, am Dunalastair Water vorbei zur Ortschaft Kinnloch Tummel, endlich dann das langgezogene, beschaulich gelegenen Loch Rannoch entlang und noch ein Stück weiter bis zu einem einsamen Bahnhofsgebäude – der Rannoch Station.

„This is the end of the road“, verkündete mir der Postbote. Und so war es auch. Ich befand mich am entlegensten Bahnhof Großbritanniens, mitten im Nirgendwo. Von hier führte keine Straße weiter nach Norden, nach Osten oder Süden. Die Straßen endeten. Der Bahnhof war umgeben vom Rannoch Moor, das keine Straßen duldete. Was blieb, waren Fußpfade und eine einsame Bahnlinie, die sich durch ein weites, leeres Tal nach Norden schlängelte. Nur ein bis zweimal täglich verkehrte hier ein Zug. Der nächste würde erst in Stunden an der Rannoch Station sein. Dies störte mich nicht sehr, war ich doch nicht gekommen, um in einen Zug zu steigen. Ich wollte wandern. Und so wanderte ich also. Es sollten die schönsten Momente meiner ganzen Reise werden.

Denn weit war ich noch nicht gekommen, da sah ich mich um und sah nichts mehr, das nur irgendwie an Menschen zu erinnern schien. Keine Straßen, keine Strommasten, keine Häuser, Hütten und Zäune, selbst die Bahnlinie hatte sich vor mir versteckt. Es war unfassbar still geworden. Nur den Wind hörte ich hin und wieder über die baumlosen Grashügel blasen.

Solitude

Mein Weg führte mich nach Norden. Ich stieg an der Ostflanke des Tales allmählich höher die Hügel hinauf. Zu meiner rechten hatte ich einen schönen Gipfel nach dem anderen – ich befand mich schließlich im Gebiet der Morrays – der Berge von Schottland. Zu meiner Linken erstreckte sich das Tal, wo in der Ferne irgendwo die Bahnlinie verlief und hin und wieder sichtbar wurde.

Und da lichteten sich plötzlich die Wolken und ich sah am zehnten Tage meiner Wanderung zum ersten Mal seit ich in Großbrittannien war – das Blau des Himmels. Was mir auch sehr große Freude bereitete, war die Orientierung mit Hilfe meiner Wanderkarte. Wie sehr gefielen mir all die alten keltischen Namen der Berge und Flüsse, die ich darauf lesen konnte: „Meall na Mucarach“, „Allt Gormag“, „Sròn Smoeur“, „Leacann nan Giomach“, „Gualainn Chlachach“ oder „Leitir Dhubh“. All das klang so fremd, so unvertraut und doch so lockend – als liefe man durch das weite abenteuerliche Land irgendeines Fantasy-Romans. Das Highlight in der Namensgebung, war jedoch ein kleiner Bach, den ich kreuzte mit dem wohlklingenden Namen „Allt a Choire Odhair Bhig“.

Hin und wieder stieß dann aber doch wieder auf Spuren des Menschen, doch frische Spuren waren es nicht. Ich fand Ruinen, die letzten Reste der Grundmauern vereinzelter Gebäude, die hier irgendwann errichtet und irgendwann zerfallen waren. .

Ich zitiere eine Stelle aus meinem schwarzen Reisetagebuch:

Ich sehe Berge, Täler, Seen, Hügel, Moore, Schluchten, Wiesen, Flüsse, Bäche, weiße Wolken, blauen Himmel. Alles da – sogar die Sonne. Ich kann ganz weit sehen. Doch ich sehe keine Häuser, keine Straßen, keine Autos, keine Strommasten, keine Schilder, keine Zäune, keine Mauern, keine Menschen nicht. Und ich kann auch keine hören, nur die Insekten und meine Schritte auf diesem grünen einzigen aller Pfade – und Wind. Ich atme tief und wähne mich im Paradies. Doch dann kommt ein Flugzeug geflogen und verdirbt mir diese Welt. Schade.

Mein Ziel war Loch Ossian, ein entlegener See, zu dessen westlichem Ufer ebenfalls keine Straße führte. Jedoch befand sich dort eine sogenannte Öko-Jugendherberge, die gänzlich ohne Strom auskam. Noch war ich allerdings nicht dort. Noch befand ich mich auf dieser schönen Wanderung, unter diesem erstmals blauen Himmel. Die hügelige Landschaft zeigte vielfältige, doch niedrige Vegetation – und mit niedrig sei gemeint, sie sie mir nicht höher als bis zu den Knien reichte. Die Hügelwiesen zeigten sich in verschiedensten Farbtönen: grün, rot, gelb und alles was dazwischen liegt. Manchmal war der Boden fest, dann wieder sumpfig. Der Pfad vor mir war manchmal schwer zu finden, recht verwildert und nie breiter als meine Schultern.

Der Pfad

Schon lange war mir auf meiner Karte, ein Schriftzug aufgefallen, welcher sich dadurch auszeichnete, dass er einer der wenigen war, die ich verstehen konnte. Mitten auf meinem Weg, zwischen „Meall na Lice“ und „Meal na Leitire Duibhe“ lag Peter’s Rock, dem ich mich nun am Nachmittage näherte. Im Norden konnte ich unter mir bereits die bewaldeten Ufer des Loch Ossian erkennen. Es war ein schöner Abstieg und plötzlich hatte ich vor meinen Füßen „Peter’s Rock“, ein einzelner Felsen, kleiner als mein Rucksack, der dort am Wegesrand aus dem Boden ragte und folgende wunderschöne Aufschrift trug:

I have a friend a song and a glass

Gaily along life’s road I pass,

Joyous and free out of doors for me

Over the hills in the morning.

Darunter standen Jahreszahlen und ein Name. An dieser Stelle schrieb ich in mein Tagebuch:

„Eben fand ich einen Stein im Nirgendwo. Eines Toten wird gedacht, der hier wohl starb. Ich kenne dich nicht Peter Trowell, doch du hast ein schönes Gedicht auf deinem Felsen stehen. Du wurdest nur 29 Jahre alt. Ich gehe weiter. Du bleibst hier.“

Dieses Gedicht erheiterte mein ohnehin schon frohlockendes Gemüt an diesem Tag noch mehr. War dies denn verwunderlich, dass die erste Spur von Menschenhand, dich ich hier wieder fand, aus Poesie bestand? Aus freudiger, lebensbejahender Poesie obendrein. Ich war inspiriert, meine Gedanken rasten und ich stellte fest, dass ich in meinem Leben noch viel zu wenig oft gewandert war. Wie viel schöner waren doch diese gräsernen Pfade durch dieses weite Land, als jede Stadt, jedes Museum, jede steinerne Kathedrale. Wie viel reicher an Eindrücken ist doch der Wanderer als der Tourist.

Jahre später sollte ich bei Peter Singer lesen: „… und doch habe ich in keinem einzigen Museum Erlebnisse gehabt, die meine ästhetischen Sinne in dem Maße erfüllt hätten, wie wenn ich in der Natur wandere und verweile, um den Blick von einem Felsgipfel über einem bewaldeten Tal schweifen zu lassen, oder wenn ich an einem Bach sitze, der über moosbewachsene Steine inmitten hoher Baumfarne, die im Schatten des Walddaches wachsen, hinabfließt.“

Eben dies empfand ich damals. Und ich beschloss an diesem Tage, dass, wohin auch immer der nächste Sommer – der so ferne lag – mich führen sollte, er sollte mich wandernd dorthin führen – weder in Bussen, Zügen oder Flugzeugen, sondern nur auf meinen eigenen Füßen. Und so würde es geschehen.

Noch ein Wort zu Peter’s Rock und dem Gedicht darauf. Vier Jahre später – ich hatte Jahre nicht daran gedacht – sollten mir jene Verse ohne ersichtlichen Grund plötzlich wieder ins Bewusstsein dringen und mich zu einer Erzählung inspirieren, die ich sogleich auch niederschrieb – eine Märchenerzählung mit dem Titel „Es war einmal im Weidenland“ – Teil eines bisher unveröffentlichten Zyklus. Peter – wer immer er war – ist darin eine der Hauptfiguren. Und er lebt sein Gedicht. Joyous and free.

Es dauerte nicht mehr lange und ich erreichte das in der Sonne glitzernde Wasser von Loch Ossian. Die sich leicht im Wind kräuselnde Oberfläche des Sees strahlte mir wie tausend kleine Sonnen entgegen. Eher auf einer Insel – als am Ufer – mit diesem nur durch einen kleinen natürlichen Steg verbunden, lag die Unterkunft, die mir heute Nacht Ruhe gewähren sollte – eine der entlegensten Jugendherbergen Großbritanniens. Und ihre Umgebung machte sie auch zu einer der schönsten.

Loch Ossian

Da noch Zeit blieb und die Sonne sich erst spät zum Horizont hin neigte, spazierte ich am Abend noch einmal rund um das Loch Ossian herum, sah den Wildenten zu, wie sie vor mir flohen, lauschte den Insekten und kehrte schließlich in meine Herberge ein, die ich mir an jenem Abend mit einer schottischen Familie aus Edingburgh teilte. Man war ganz stolz auf den fünfjährigen Sohn, der an diesem Tage seinen ersten Morray bestiegen hatte. Der Vater war schon einmal auf Urlaub in Österreich gewesen und sprach ein paar Worte Deutsch. Es waren nette Menschen.

Da Hinweisschilder davor warnten, das Wasser aus der Leitung der Herberge ungekocht zu trinken, nützte ich die Zeit vor dem Schlafengehen, um meinen Wasservorrat für den nächsten Tag aufzustocken. Unglücklicherweise füllte ich das soeben erhitze Wasser etwas zu früh in eine meiner Plastikflaschen ab, woraufhin sich diese wie vor Schmerzen krümmte, sich verformte und jämmerlich zu Grunde ging. Bei den anderen Flaschen war ich vorsichtiger und wartet noch eine Viertelstunde.

Müde, doch zufrieden, schief ich alsbald ein. Ich hatte mich noch nicht entschieden, ob auch der nächste Tag, ein Wandertag sein würde. Denn der Weg war weit und einsam. Vielleicht gefährlich?

– Tag 11

Der Tag begann mit einer Frage, die ich dem Betreuer der Jugendherberge stellte. Ich sagte ihm, dass ich die Absicht habe, vom Loch Ossian aus weiter nach Westen über einen recht entlegenen Pass nach Fort William zu wandern. Der Mann wirkte recht erstaunt über mein Vorhaben. „To Fort William? In one day?“ Er sei den Weg zwar nie gewandert, meinte aber, dass man dafür mindestens zehn bis zwölf Stunden benötigte.

Dies schreckte mich ab. Hinzu kam, dass das Wetter nicht sehr vielversprechend aussah. Noch war der Himmel des Vormittags zur Hälfte blau. Doch schwere Wolken nahten. Ich befand mich also in der Schwebe was meine Entscheidung betraf, wie ich den heutigen Tag verbringen sollte. Nicht weit von der Jugendherberge entfernt liegt eine einsame Bahnstation. Es wäre auch möglich mit dem Zug nach Fort William zu kommen. Doch war nicht eigentlich der Weg das Ziel. Wehmütig dachte ich zurück an die wunderschöne Wanderung des vergangenen Tages. Könnte ich so etwas nicht an diesem Tage noch einmal erleben? Andererseits wollte ich mich nicht unnötig in Gefahr begeben. Also, was tun?

Immer noch unentschlossen kehrte ich dem schönen Loch Ossian den Rücken zu und wanderte auf einem Geröllpfad Richtung Westen. Bald stand ich an einer Gabelung, rechts der Weg zur Train Station, links der Weg in die Wildnis, der Weg, der mich auf einsamen Pfaden fern aller Straßen über einen für Fahrzeuge unpassierbaren Pass nach Westen ans südliche Ende des Great Glen bringen sollte, wo die Stadt Fort William lag. Und traf den Entschluss, den ich in ähnlichen Situationen noch auf so vielen Reisen wählen sollte, ich entschied mich gegen die Sicherheit und marschierte los ins Abenteuer. Bisher habe ich dies noch nie bereut, da mir das Abenteuer immer weniger Gefahr als befürchtet und stets mehr Schönheit als erhofft gebracht hat.

Voller Erinnerungen blicken ich eben auf die schönen Bilder jenes Tages. Gegenden, noch einsamen als jene des Vortags. Ein weiter Horizont reich an baumlosen Grashügeln ein vereinzelten Felsen, Dazwischen einzelne Seen. Ein einsamer Pfad der durch diese urtümliche Landschaft führt. Und auf diesem Pfad bin ich marschiert. Was war dies für ein wunderschöner Tag. Daran konnte auch das bisschen Regen, das irgendwann auf mich hernieder fiel, nichts ändern.

Vom Loch Ossian aus, wanderte ich etwa eine Stunde lang nach Nordwesten, bis ans südliche Ufer des Loch Taig. Kurz bevor ich dieses erreichte, musste ich die Bahnlinie queren. Ich stieg einfach über die Gleise hinweg. Da ich nicht widerstehen konnte, legte ich mich auf den Boden und horchte am kalten Metall, ob sich denn ein Zug näherte. Alles war wunderbar still. Die Gleise unter mir waren wieder einmal das einzige Werk von Menschenhand, das ich um mich sah.

Mein Pfad führte mich ein Stück das südliche Ufer des sich weit nach Norden hin erstreckenden Lochs entlang, vorbei an einer weiteren Ruine und dann hinein in das Tal des Abhainn Rath – eines Zuflusses des Loch Taig.

Die Highlands und ich

Mein Weg führte mich stetig ansteigend, immer in der Nähe des Baches, den ich an einer Stelle über Stepping Stones querte, vorbei an malerischen, kleinen Wasserfällen. Zu beiden Seiten wuchsen die Hügel allmählich zu Bergen empor. Und wiederum trugen sie unaussprechliche, doch zauberhaft wirkende Namen: „Creag Ghuanach“, Beinn nan Each“ und so weiter. Ich war etwa zwei Stunden lang dieses unberührte Tal entlang gewandert – ohne einer Menschenseele zu begegnen – als ich plötzlich Schreie hörte. Irgendjemand schrie. Die Stimme schien von allen Seiten her zu kommen. Ich konnte ihren Ursprung vorerst nicht erkennen. War ich der Adressat? Rief mir jemand eine Warnung zu? Da erkannte ich, wie weit oben, knapp unterhalb der Gipfel der Berge auf den Hochweiden, eine große Schafherde allmählich nach Osten zog. Nach einer Weile erkannte ich schließlich auch einen Hirten, der sie führte und den Schafen, oder seinen Hunden, die ich aber weder sah noch bellen hörte, irgendwelche Kommandos zurief. Seine Stimme wurde von der Umgebung seltsam verstärkt und dröhnte durch das ganze Tal. Ein einsamer Hirte mit seinen Schafen. Was er rief, schien mir nichts mit englischer Sprache zu tun zu haben – es musste wohl eine ursprüngliche keltische Mundart sein. Ich wanderte weiter.

Highlands

Allmählich verlor sich der Bach des Abhainn Rath in einem flaschen Sumpfgebiet. Auch mein Weg verlor sich darin, doch ich fand immer wieder eine trockene Passage, die mich weiter nach Westen führte, bis der Boden unter meinen Füßen wieder als Weg zu interpretieren war. Diese Suche nach dem Pfad genoss ich sehr. Ich war nun wieder gänzlich alleine. Der Hirte war weitergezogen. Die Landschaft war baumlos und karg wie eh und je. Hier machte ich Rast und verschlang einen Teil meines Proviants. Seit Loch Ossian war ich erst drei einhalb Stunden gewandert. Und doch schien es mir, da ich auf meine Karten blickte, dass ich einen Großteil des Weges bereits zurück gelegt hatte. War das Urteil des Mannes in der Jungendherberge über die Länge des Weges so falsch gewesen? Oder wanderten Schotten so langsam? Ersteres war wohl eher der Fall.

Ich ging weiter. Das Tal begann sich nun leicht abwärts zu neigen und bald entsprang aus dem sumpfigen Untergrund ein neues Gewässer, ein Bach – diesmal einer, der nach Westen floss. Sein Name war „Water of Nevis“. Was ich nun erlebte, war einer der erstaunlichsten Klimaunterschiede, die ich je erlebte. Als überschritte ich eine Grenze, die nur wenige hundert Meter breit war, stolperte ich vom Klima des kargen, baumlosen Hochlands, in ein üppiges grünes Tal, reich an Vegetation. Plötzlich waren überall Bäume und saftige Wiesen. Alles zeigte sich in einem intensiven Grün, wie ich es seit Tagen nicht gesehen hatte. So etwas hatte ich damals noch nie zuvor erlebt. Wie sich in wenigen Minuten die Natur um mich herum von Grund auf verändern konnte. Es war faszinierend.

Die Seite des Tales, auf der ich mich nun befand, steht wohl im Einfluss des Atlantiks, von dem aus der Wind andauernd feuchte, regenreiche Luft gegen die Hänge dieser Hügel trieb.

Klimawandel

Mit der Vegetation kamen kurioserweise auch die Menschen wieder. In den vergangenen Stunden hatte außer jenem weit entfernten Hirten niemanden gesehen. Nun begegnete ich erst einer kleinen Gruppe von Wanderern, dann der nächsten und plötzlich passierte ich im Minutentakt den einen oder anderen Touristen. Bald auch im Sekundentakt. Es war ein richtiger Stau auf den Wanderpfaden. Doch niemand kam von dort her, woher ich nun kam. Alle kamen sie vom Westen her, wo ich schon bald auf einen großen Parkplatz stieß. Ich war ins Gebiet, des Glen Nevis vorgedrungen, das mit seiner üppigen Vegetation, seinen steilen Felswänden und vielen Wasserfällen eine der Hauptsehenswürdigkeiten der Region um Fort William war.

Ich genoss die schöne Natur und wanderte schließlich bei leichtem Regen, entlang der am Parkplatz endenden Straße hinab in Richtung Fort William. Dabei kam ich am Ort eines Unfalls vorbei. Ein PKW war von der Straße abgekommen und hing gleich unterhalb des Fahrbahnrandes in den Bäumen des steilen Abhangs. Die Insassen hatten sich bereits befreien können. Nun wartete man auf den Abschleppdienst.

Nach einem kurzen Fußmarsch weiter hinab ins immer enger werdende Tal erreichte ich die Jugendherberge von Glen Nevis, welche für diesen Tag mein Ziel gewesen war. Nach Fort William war es von hier nur mehr eine halbe Stunde die Straße entlang, wobei man auch den Bus nehmen könnte. Für heute hatte ich genug. Ein ruhiger Abend in der Herberge war alles, was ich momentan wollte. Ich hatte eine schöne Wanderung hinter mir. Zehn bis zwölf Stunden sollte sie nach Meinung des Schotten bei Loch Ossian dauern. Ich hatte den Weg in knapp sechs Stunden zurückgelegt und jeder andere, der halbwegs bei Kondition ist, kann dies auch.

Hoffend blickte ich abends hinaus auf den inzwischen wolkenverhangenen Himmel. Immer wieder regnete es. Ich hoffte sehr, dass sich das Wetter bis morgigen Tage bessern würde. Wenn ich auf dieser Reise je wirklich gutes Wetter nötig haben würde, dann am morgigen Tag.

An diesem Abend sah ich zum ersten Mal seit vielen Tagen wieder die Weltnachrichten. König Fahd ibn Abd al-Aziz von Saudi-Arabien war gestorben, ansonsten alles wie gehabt. Immer noch regnete es. Das Wetter passte zu „Das Schloss“, das ich an jenem Abend mit Begeisterung weiter las.

– Tag 12  –

Der Tag beginnt mit schlechtem Wetter: Regen, Wolken, Kälte, Nebel … – viele gute Gründe jedenfalls, meinen Plan, den höchsten Berg Großbritanniens zu besteigen, zu verwerfen. Dabei war ich immer noch in Wanderlaune. Ich hatte vorgehabt, den 1344 Metern hohen Ben Nevis nicht auf dem breiten Pfad, den mein Reiseführer „Fußgängerautobahn“ nannte, zu erklimmen, sondern über einen anspruchsvolleren Steig entlang der Nordflanke. Daraus wurde leider nichts. Ich fragte ein paar Locals nach ihrer Meinung, doch sie alle rieten mir ab, bei diesem Wetter den Ben Nevis zu bezwingen. Nicht weil es gefährlich, sondern einfach nur uninteressant wäre, bei diesem Wetter am Gipfel zu stehen. Schön wäre ja vor allem die Aussicht. Der Berg an sich hatte schließlich nichts besonderes an sich, bis auf die Tatsache, dass er nun einmal der höchste der Insel war. Hinzu kam, dass mich als Alpenbewohner, ein 1344-Hügel nur in Maßen begeistern konnte.

Ich blieb also im Tal. Der Tag, der so ereignisreich hätte werden können, wurde vorwiegend ereignislos, doch mitunter auch sehr erholsam.

Ich verbrachte meine Zeit damit, die Straße entlang nach Fort William zu wandern, der ca. elftausend Einwohner zählenden „Hauptstadt“ der westlichen Highlands.

Auf der Landstraße stieß ich schon bald auf den Verlauf des West Highland Ways – eines der schönsten Weitwanderwege der Insel, welcher in Fort William sein nördliches Ende fand. Ich begleitete ihn das letzte Stück bis in die Stadt hinein.

Fort William bot mir neben schlechtem Wetter vor allem das sehr interessante West Highland Museum, das sich viel faszinierender zeigte, als ich mir das vorgestellte hatte. In Original-Gegenständen und Dokumenten wurde vom Leben der Völker in den rauen Highlands erzählt. Ich erfuhr auch von der tragischen Geschichte des nahen Glen Coe – dem schottischen Tal der Tränen – wo im Jahre 1682 eines der blutigsten und sinnlosesten Massaker in der Geschichte Schottlands verübt wurde. Sämtliche MacDonalds – Männer, Frauen und Kinder – wurden ermordet. Wer entkam, starb in dem Schneesturm, der im Tal wütete. Ursache dafür war lediglich der Umstand gewesen, dass der Chief der MacDonalds einen bestimmten Treueeid – verhindert durch schlechtes Wetter – einen Tag zu spät abgelegt hatte.

Nachdem ich also viele Eindrücke aus der Welt der Highlands gewonnen hatte, schlenderte ich noch ein wenig durch die Stadt, blickte in den Nebel sämtlicher Himmelsrichtungen und gönnte mir anschließend noch einen geruhsamen Abend. Morgen würde ich Schottland verlassen.

– Tag 13

Auch dieser Tag war reich an Regen. Eine lange, doch beschauliche Zugfahrt brachte mich zuerst ein Stück nach Norden, dann nach Osten, dann nach Süden. Ich sah die Landschaften der vergangen Tage an mir vorüber gleiten. Der Zug hielt auch in Rannoch Station, der Ort, wo vor drei Tagen bei herrlichem Wetter eine so wunderschöne Wanderung begonnen und ich zum ersten Mal auf dieser Reise einen blauen Himmel gesehen hatte.

Der Zug brachte mich nach Glasgow, der bevölkerungsreichsten Stadt des Landes, in welcher fast ein Drittel aller Schotten leben. Ich hätte sie mir ansehen können, doch mein Appetit auf Städte hielt sich in Grenzen. Zum anderen rief mich auch das nächste Highlight meiner Reise, welches wieder einmal Rom zu verdanken war. Nach einem kurzen Fußmarsch durch laute, dicht befahrene Straßen, die mich vom nördlichen zum südlichen Bahnhof von Glasgow brachten, stieg ich in den nächsten Zug, welcher mich weiter nach Süden brachte. Ich verließ Schottland, doch schon bald nach der Grenze machte ich wieder Halt um erneut den Zug zu wechseln. Eine kleine Regionalbahn brachte mich ich ein Stück weit nach Osten in ein sanftes, grünes Hügelland. Beim Ort Haltwhistle verließ ich den Zug und machte mich an einen etwa einstündigen Fußmarsch zum Dorf Greenhead. Und dann sah ich den Wall, den Kaiser Hadrian im Jahre 112 nach Christus erbauen ließ um diese alte Grenze – eine der entlegensten des römischen Reiches – gegen die Pikten im Norden besser verteidigen zu können. Man vergegenwärtige sich das schiere Ausmaß dieses Unternehmens: Binnen acht Jahren errichten die Römer von Küste zu Küste quer über die Insel einen 110 Kilometer langen Grenzwall, der stellenweise eine Höhe von bis 7 Meter erreicht. Alle 7 Kilometer wurden zusätzlich noch ausgedehnte Verteidigungsanlangen errichtet und viele Wachttürme dazwischen. Zusätzlich gab es dann auch noch einen bis zu 9 Meter breiten Graben, der gegen Norden hin den anstürmenden Feindesscharen zusätzliche Erschwernis brachte. Was für ein Bauwerk! Und vieles davon hat die Jahrhunderte überdauert. Ein Stück weit spazierte ich den Wall entlang, kletterte über diese einstige Grenze des römischen Imperiums und überblickte von einem Hügel aus den Verlauf des Walls nach Ost und West. Faszinierend. Welche Kämpfe hier wohl einst gefochten wurden?

Am Wall

Nachdem ich mich am Grenzwall, an den Ruinen einstiger Forts und anderen Überbleibseln dieses nördlichen Außenpostens des römischen Reiches satt gesehen hatte, trieb mich das schlechte Wetter schon bald in die Jugendherberge des kleinen Ortes Greenhead. Dort gab es ein überraschendes Wiedersehen.

Ich saß eben in der geräumigen Lounge und las in meinem Schloss, als ich plötzlich nahebei eine bekannte Stimme mit ein paar Engländern sprechen hörte. Es war Martin Wendell, der mir hier zum zweiten Mal auf dieser Reise zufällig über den Weg lief. Vor vier Tagen erst hatten wir uns in Pitlochry voneinander verabschiedet. Mir war bekannt gewesen, dass es sein Plan war, den Hadrianswall entlang zu wandern, doch der Weg war weit. Nie hätte ich gedacht ihn ausgerechnet an der Stelle, wo auch ich einen Blick auf den Wall warf, wieder zu sehen.

Wir brachten den Abend im Pub des Dorfes zu, tranken ein paar Pints des lokalen Ales und erzählten von unseren jeweiligen Wanderungen. Wir lachten auch noch einmal herzlich über die gemeinsame Zeit auf den Orkneys, die Autostopgeschichten und unseren Zimmergenossen aus Littlehampton. All das war erst fünf oder sechs Tage her. Trotzdem schien es mir wie „ancient history“. Ab morgen würden wir wohl gewiss endgültig getrennte Wege gehen. Martin zog es nach Irland in die damalige europäische Kulturhauptstand Cork. Ich hatte andere Pläne. So stießen wir nochmals auf den Zufall an und verabschiedeten uns voneinander. Diesmal endgültig.

Fünf Jahre später – ich war inzwischen Physiker geworden – sollte ich – wieder recht zufällig – erfahren, dass Martin der Cousin eines meiner Institutskollegen ist. So wird es mir denn ein Vergnügen sein, ihm diesen Reisebericht zukommen zu lassen, sobald er fertig ist.

In Gedanken an das ferne Amphitheater von El Jem in Tunesien, das vom selben Reiche (vielleicht sogar vom selben Kaiser?) erbaut worden war, wie jener Wall nur ein paar hundert Meter von mir, schlief ich ein. Das war Tag 13.

– Tag 14 –

Früh am Morgen nahm ich den erstbesten Bus zurück zum Bahnhof von Haltwhistle. In der Bäckerei der beschaulichen Kleinstadt gönnte ich mir ein herzhaftes Frühstück. Schon bald saß ich in einem Zug der mich zurück an die Westküste und anschließend weiter nach Süden brachte. Mein Ziel hieß Liverpool.

Diese Stadt, die nach früheren Epochen des Reichtums im zwanzigsten Jahrhundert stark von Armut und Arbeitslosigkeit gepeinigt wurde, bot mir ein überaus freundliches Willkommen. Die frisch renovierte Altstadt, die gleich vor dem Bahnhof begann, zeigte ein modernes und doch sehr charmantes Antlitz. Es gab viel, das ich mir dort hätte ansehen können – viele Museen vor allem. Gekommen war ich aber nur wegen einem einzigen, das ich schon seit längerer Zeit hatte sehen wollen. Immerhin befand ich mich in der Heimatstadt der wohl berühmtesten Band der Musikgeschichte. Hier gab es die legendäre Penny Lane und das Heim von Strawberry Fields. Ein kurzer Spaziergang führte mich von der Altstadt hinaus zu den Docks, wo ich schon bald fündig wurde und die nächsten zwei Stunden im Museum „The Beatles Story“ zubbrachte. Die Ausstellung

war überaus gelungen. Das lag vor allem auch an der Musikuntermalung, die jedem Raum seine eigene Emotion verlieh. Am stärksten blieb mir wohl der John Lennon Raum in Erinnerung. Das berühmte weiße Klavier aus dem Video stand dort. Und in Dauerschleife lief „Imagine“. Ein schöner Ort, um einfach einmal zehn Minuten oder mehr zu verharren und von der Verwirklichung schöner Utopien zu träumen. Above us only sky.

Bevor ich viele Gedanken später Liverpool wieder verließ, kaufte ich mir bei einem Straßenverkäufer noch ein gutes, klassisches Hotdog. Den Kopf voller Melodien, den Mund voll Ketchup und Mustard, stieg ich in den Zug und setzte meine Reise fort. Strawberry Fields forerver!

Wenig später war ich in Chester – ebenfalls eine sehr freundliche Stadt mit gut erhaltener Stadtmauser, schönen Fachwerkhäusern, mit Türmen, Kathedralen und allem, was dazu gehört. Hier verbrachte ich einen beschaulichen Nachmittag.

Doch die Zeit schwemmte mich schon rasch wieder in die Ferne. Noch am selben Tag verließ ich England wieder. Dazu musste ich allerdings nicht besonders weit reisen. Die Grenze nach Wales war schließlich sehr nah. Ich freute mich auf ein weiteres Land voll unaussprechlicher Ortsnamen.

In den frühen Abendstunden erreichte ich Conwy. Die kleine Stadt war wahrlich kein Verkehrsknotenpunkt. Man musste in der Bahn beim Schaffner eigens angeben dort aussteigen zu wollen. Ansonsten würde der Zug einfach daran vorbei rasen. Conwy war jedoch ein guter Ort um Halt zu machen. Die Stadt wird dominiert von seiner mächtigen Burg mit ihren acht Türmen – erbaut von Edward dem ersten im frühen 13. Jahrhundert. Und der Bahnhof dieser Stadt befindet sich unmittelbar an den Mauern dieser mächtigen Verteidigungsanlage. Schon von dort aus bietet sich dem Reisenden ein prächtiger Anblick. Hoch ragt im Süden die Burg auf. Im Osten sieht man eine mächtige Hängebrücke, die sich über ein breites Flussbett erstreckt. Direkt von den hohen Snowdonia Mountains im Süden kommend endet hier das Conwytal in der irischen See. Das Mündungsgebiet – die Conwy Sands – zeigt sich im Norden als weites, flaches Dünenland – ein Paradies für Seevögel.

Eine Weile stand ich da am Bahnhof von Conwy, blickte in alle Himmelsrichtungen und staunte, wie schön doch dieser Landstrich ist. Dann bahnte ich mir unter der Stadtmauer hindurch und an anderen Verteidigungsanalgen vorbei einen Weg durch die schmalen Gassen von Conwy. Ich stieg einen Hügel empor, der mir immer schönere Aussichten zeigte. Nachdem ich die Stadtmauer ein weiteres Mal passiert hatte, fand ich die lokale Jugendherberge. Vom Fenster meines Zimmer aus konnte ich abermals die Burg, das Conwy-Tal und die Sands hinauf nach Norden bis Llandudno überblicken. Morgen würde ich mir all dies näher ansehen. Für heute erwartete mich nur mehr wunderbare Ruhe und schöner Schlaf.

– Tag 15 –

Am nächsten Morgen erkundete ich als erstes das Conwy Castle. Dieses bot sich von innen betrachtet mindestens so imposant dar wie von außen. Es machte Vergnügen die Türme hinauf und hinab zu steigen. Die Aussicht, die sich oben bot, war wieder einmal wunderbar. Nach Norden hin sah man Lllandudno und die irische See, im Süden das Conwy-Tal und die Berge von Snowdonia. Nach Osten hin erstreckte sich die walisische Küste weiter bis zum fernen Holyhead, das ich von hier aus aber nicht sehen konnte.

Über Conwy und seine Burg findet sich in meinem schwarzen Reisetagebuch die folgende Passage:

Conwy – Mir ist auf dieser Reise bisher noch kein Ort begegnet, den im ersten Licht ich gleich so lieblich fand wie diesen hier. Die Häuser sind umwoben von den alten Mauern und der Burg,, die auch die Eisenbahn zu integrieren weiß. Ich mag diesen Ort sehr. Er hat etwas. Immerzu hört man das Meer. Die Wolken verheißen … . Man lebt. Die Brücke über den Fluss…. Was gibt es sonst noch für Orte wie diesen? Ein Ort jagt den nächsten. Ich habe Proviant gekauft. Tomaten. Ich kaufe Tomaten. Das ist seltsam. Schon länger sitze ich hier und sehe zu, wie Wolken, Fahrzeuge und Menschen vorüberziehen. Kinder sind beleidigt und schmollen. Andere brüllen „Fight! Fight! Fight!“ und spielen Ball. Vögel singen überall. Cymru ist auch nicht anders als andere Orte. Kein Ort ist anders als andere Orte. Es sind immer dieselben Worte. Lasst euch nicht stören.

Es war im hohlen Inneren eines alten Turms, in dem ich heute stehend fremde Lieder hörte. Der Turm war hohl und leer, doch in den vielen Nischen vieler Löcher seiner Wände hockten tausend Tauben. Im Chor hallte ihr Lied vorerst ins Ungekannte durch die Burg. Ach!

Zum Verständnis: „Cymru“ ist der walisische Name für Wales selbst. Außerdem sei bemerkt, dass ich bis zu jenem Tage noch nie den Geschmack von Tomaten hatte ausstehen können. Es gab nur sehr wenige Dinge, die ich damals nicht mochte (zum Essen – versteht sich) und Tomaten gehörten dazu. Dennoch – und vielleicht gerade deshalb – kaufte ich mir an diesem Tage drei große rote Tomaten, vor deren Anblick mir schauderte. Nun lagen sie in meinem Rucksack. Mal sehen, was damit geschehen würde.

Conwy Castle

Conwy verlassend, überquerte ich, das von drei Brücken (modern, historisch, Eisenbahn) überspannte, breite Conwytal und marschierte eine Landzunge entlang nach Norden, bis ich den Ort Llandudno (sprich Klandidno) erreichte – den Worten meines Reiseführers zufolge „das schönste viktorianische Seebad von ganz Wales. Berühmtheiten wie Bismarck, Napoleon III und zahlreiche englische Premierminister hatten hier Erholung gefunden und Meer und Sonne genießen können.

Recht lange saß ich am Strand, blickte hinaus in die irische See und entlang der breiten Strandpromenade bis zum mächtigen Hügelberg der Great Orme. Ich war erstaunt wie warm und angenehm das Klima hier war.

Stünde man am breiten Kiesstrand von Llandudno ohne zu wissen, wo man sich befände, hätte aber die Möglichkeit zu raten in welchem Land man denn sei – so täte man sich schwer. Der Ort sah in meinen Augen Nizza zum verwechseln ähnlich. Diese so viel weiter südlich gelegene Stadt hatte ich zwei Jahre zuvor besucht. Und nun, da ich auch dort gewesen bin, kann ich im Nachhinein feststellen, dass Llandudno auch sehr an das baskische San Sebastián erinnert – abgesehen von den viktorianischen Gebäuden und den unaussprechlichen Schriftzügen an so mancher Hinweistafel.

Nach einer guten Mahlzeit in Llandudno, nahm ich mir noch ein wenig Zeit dem Meeresrauschen zuzuhören. Dann machte ich kehrt und fuhr nach Süden. Mein Ziel war der Snowdonia-Nationalpark, welcher sich mit 2170 Quadratkilometern Größe über weite Flächen des nördlichen Wales erstreckte. Diese Landschaft ist für England einzigartig. Auch der Steinadler – im übrigen Großbritannien längst ausgestorben – soll hier noch seine Runden drehen. Ins Herz dieser rauen Berglandschaft führt eine einsame Bahnlinie von Llandudno aus durch das Conwytal bis nach Blaenau Ffestiniopg – mitten im Gebirge. Ich fuhr bis zur Ortschaft Betws-y-Coed, von wo ein kleines Tal nach Westen hin zu den schönsten Gipfeln der kargen Snowdonia Berge führte. Vielleicht würde mir ja hier mein Gipfelsieg dieser Reise gelingen.

Zur Aussprache des Walisischen sei noch gesagt, dass ich am Bahnhof von Llandudno mit einem freundlichen Waliser ins Gespräch kam, der mir die korrekte Ausprache einiger Ortsnamen beibrachte und mir erklärte wie die vielen „Ll“s „Ff“s „w“s und andere Buchstabenkombinationen, deren es im Walisischen viele gab, denn auszusprechen seien. Darauf, dass ein Doppel-L, wie ein K und ein L ausgesprochen wird, wäre ich alleine wohl nicht gekommen.

Am frühen Abend brachte mich dann die Snowdonia Railway nach Betws-y-Coed. Ich wanderte ein Stück weit das Tal nach Westen Richtung Capel Curig und fand schon bald am Wegesrand eine urige Jugendherberge, die mich zwei Nächte lang beherbergen sollte. Nahebei prasselten die üppigen Wasserfälle des Swallow.

Der Abend brachte Wolken mit sich, denen es beinahe gelang mir die gute Laune zu verderben. Sollte es mir auch hier so ergehen, wie am Ben Nevis und die Witterung mir den Gipfel rauben? Voller Hoffnung auf gutes Wetter für den morgigen Tag legte ich mich schon bald schlafen.

– Tag 16 –

Ich erwachte und blickte sogleich aus dem Fenster. Das Wetter war herrlich. Voller Freude packte ich das Nötigste in meinen kleinen Zweitrucksack, ließ das übrige in der Herberge und machte mich auf den Weg. Endlich wieder eine Wanderung durch einsame, weite Gegend.

Die höchste Erhebung der fast baumlosen Berge von Snowdonia ist der Berg Snowden mit seinen 1085 Metern. Er war ganz in meiner Nähe und dennoch nicht mein Ziel. Viele Menschen würden dort sein. Die allermeisten, die nach Snowdonia reisten, kamen hierher um den Snowdon zu bezwingen. Ich hatte mir aber einen anderen Berg erwählt, dessen Beschreibung mir gefiel – den Moel Siabod.

„Moel Siabod is a solitary mountain, seperated from all the other high peaks of northern Snowdonia and standing in its own space to the south-west of Capel Curig.“

Dieser Satz, auf den ich bei der Planung meiner Reise im Internet gestoßen war, hatte mich sogleich für diesen einsamen Berg begeistert. Die Route auf den Gipfel (872m) wurde durch folgende Charakteristika beschrieben: Lentgh: 5.5 miles – 9 km; Ascent: 2400 ft – 735 m; Grade: Hard.

Das war ein Berg nach meinen Geschmack. Bereits wenige Minuten nachdem ich am Morgen meine Herberge verlassen hatte, sah ich ihn zu meiner linken über dem Tal in die Höhe ragen. Das war also mein Ziel. Dorthin wollte ich.

Moel Siabod

Es war ein heißer, harter Aufstieg unter einem fast wolkenlosen Himmel. Anfangs brachte mich der Weg noch recht eben dem Berg entgegen. Durch Felder dichten, gelblichen Gestrüpps näherte ich mich dem Gipfel. Der Pfad schien sich bis dorthin fast unendlich weit zu strecken. Desto näher ich dem eigentlichem Berge kam, umso höher wuchs dieser vor mir empor. Außer mir gab es nur wenige Wanderer, die sich dasselbe Ziel gewählt hatten. Nach etwa zwei Stunden erreichte ich den spiegelglatten Bergsee von Llyn y Foel. Bald danach schmiegte sich der Pfad eng an die Ostflanke des Berges und führte mich über sehr steile, felsige Passagen hinauf zum Gipfel, den ich schließlich erreichte.

Llyn y Foel

Die Aussicht hatte etwas Wunderbares an sich. Nach allen Richtungen hin bot sich mir Fantastisches. Im Westen sah ich ein Tal mit blau schimmernden Seen, über welchem sich das mächtige Massiv des Snowdon auftürmte. Im Süden sah ich nur menschenleere Berge. Weit im Norden sah ich das Meer. Ich sah Wanderfalken kreisen. Nahe dem Gipfel ließ ich mich in der warmen walisischen Sonne auf den Felsen nieder, holte meinen Proviant hervor und verschlang die saftigen Tomaten, welche ich am Vortag gekauft hatte. Seit diesem Tag mag ich diese gern, denn jedes Mal erinnert mich der Geschmack frischer Tomaten an den wunderbaren Ausblick vom Gipfel des Moel Siabod über die Berge des nördlichen Cymru.

Snowdonia Mountains

Unweit des Gipfels schrieb ich in mein schwarzes Reisetagebuch:

Weit, weit unter mir funkelt ein Bergsee in der Sonne. Es ist schön Gipfel zu besteigen. Man sollte es öfter tun. Es gibt viele neue An- und Aussichten – und es fordert. Doch wenn man erstmals oben ist, so findet man reiche Entschädigung, Befriedigung und Luft. Wenn nur die Straße dort unten nicht so lärmen würde. Fort mir ihr. Schön glitzert die See in der Ferne. Ich wandere weiter auf einem steinigen Grat. Fern sieht man das Meer, wo ich gestern noch war. Oben aß ich Tomaten. Es ist schön hier.

Wie es geschrieben steht, wanderte ich einen steinigen Grat entlang nach Norden, der mich allmählich wieder dem Tal entgegen führte. Ich verirrte mich etwas, doch schließlich erreichte ich wieder die Straße und den Bach, dessen Namen ich nicht mehr weiß. Hier streifte ich mir meine Kleider vom Leib und badete erstmals in dem kühlen Gewässer. Nach einem kurzen Abstecher nach Capel Curig führte mich der nahende Abend schließlich wieder meiner Herberge entgegen. Im nahen Pub aß ich noch gut und trank das ein oder andere Pint. Und somit nahm. ein weiterer, wunderschöner Wandertag sein Ende.

– Tag 17 –

Der Morgen eines sehr langen Tages brach an. Er sollte mich zurück nach England und zurück in die Städte bringen. Vorerst jedoch erwachte ich noch im Herzen des walisischen Gebirges, aß von meinen Vorräten und machte mich dann auf, den etwa halbstündigen Weg zum Bahnhof zurück zu legen. Dies blieb mir jedoch unverhofft erspart. Ohne dass ich aktiv darum gebeten hätte, hielt plötzlich ein Wagen neben mir an und ein freundlicher Waliser fragte mich, ob er mich zum Bahnhof mitnehmen sollte. Wie nett! Wie aufmerksam und freundlich. Ich nahm gerne an und gewann so ein wenig Zeit um das schöne kleine Betws-y-Coed noch ein wenig zu erkunden. Dann brachte mich ein Zug zurück an die Küste und von dort dann ein zweiter zurück nach Osten. Mein Ziel für diesen Tag war Stratford-upon-Avon, William Shakespeares Geburts- und Sterbestadt.

Es war mir wichtig diesen Ort zu besuchen. Anders als die meisten Touristen, die dort in Scharen durch die Gassen laufen und sich in ahnungsloser Ignoranz zwischen den Überresten der vermuteten Lebensstationen des Königs der Dramatiker herumführen ließen, hatte ich mich mit Shakespeare ernsthaft befasst. Ich kannte damals schon seine vier großen Tragödien. Nicht nur einmal sondern mehrmals hatte ich sie gelesen, hatte sie studiert und interpretiert, sowie die Interpretationen anderer gelesen. Über diese Tragödien und insbesondere über Macbeth hatte ich schließlich die für meine Matura geforderte Fachbereichsarbeit geschrieben. Etwas mehr als ein Jahr war es nun her, dass ich zum krönenden Abschluss meiner mündlichen Maturaprüfung den Vorsitzenden und übrigen Anwesenden die donnernden Worte eines der letzten Monologe des sterbenden Macbeth entgegengeschmettert hatte.

Life’s but a walking shadow, a poor player,

That struts and frets his hour upon the stage,

And then is heard no more: it is a tale

Told by an idiot, full of sound and fury,

Signifying nothing.

What memories! Zwei Jahre später – und davon ahnte ich nun freilich noch gar nichts – sollte ich für eine Theaterproduktion die folgenden Worte über Shakespeares Leben schreiben:

„Ein paar Jahre nach Shakespeares Tod im Jahre 1616, veröffentlichen seine ehemaligen Theaterkollegen eine erste Gesamtausgabe seiner Werke. Der zu jener Zeit sehr populäre Dichter Ben Jonson – einst ein Konkurrent Shakespeares – fand im Vorwort folgende Worte der Anerkennung:

Triumph my Britain,

thou hast one to show

To whom all scenes of Europe homage owe.

He was not of an age, but for all time!

Jonson sollte rechte behalten. Viel ist vergessen vom Leben und Denken des elisabethanischen Englands, doch den Namen Shakespeare kennt heute fast ein jeder. Wer war dieser Mann, dessen Stücke auch vierhundert Jahre nach ihrer Uraufführung Horden von Zuschauern in die Theater dieser Erde strömen lassen. Worin besteht sein Geheimnis?

Shakespeare (1564 – 1616) stammt aus recht einfachen Verhältnissen. Sein Vater war Handwerker und höchstwahrscheinlich Analphabet. Der Widrigkeit der Umstände zum Trotz besucht William in seiner Heimat Stratford-upon-Avon die Grammar-School, wo er klassische Autoren wie Ovid und Horaz studieren durfte. Mit dem Theater war er wahrscheinlich schon als Kind vertraut gewesen. Kleine durchs Land reisende Schauspieltruppen waren im England des 16. Jahrhunderts weit verbreitetet. Viel ist nicht bekannt über die frühen Jahre des Dichters. Erst um 1592 taucht sein Name wieder in den überlieferten Dokumenten auf. Man mokiert sich über einen jungen Emporkömmling vom Lande der sich anmaße Stücke in Blankvers zu schreiben. Bereits zwei Jahre später ist Shakespeare einer der führenden Schauspieler Londons. Später wird er auch Mitbesitzer des Globe Theatre. Unter der Protektion von Elisabeth I. und später König James I. tun sich ihm viele Türen auf. Shakespeare schreibt nicht nur, er inszeniert auch und steht in vielen seiner Stücke selbst auf der Bühne. Nach vielen erfolgreichen Jahren zieht er sich im Jahre 1613 in seine Heimatstadt Stratford-upon-Avon zurück, wo er drei Jahre darauf stirbt. Er liegt in der Holy Trinity Church begraben.

Ein Grund für Shakespeares immensen Erfolg liegt sicherlich in der Vielseitigkeit seines dramatischen Schaffens. Er beherrschte das ganze Spektrum seiner Kunst, von der blutgetränkten tieftraurigen Tragödie bishin zur beflügelnd leichten Komödie.

Man vergleiche nur die dunkle, schwere Anmut seiner großen Tragödien wie Macbeth und Hamlet mit der grazilen Leichtigkeit von Ein Sommernachtstraum und Viel Lärm um Nichts. Es scheint schwer zu glauben, dass diese Stücke von ein und derselben Person geschrieben wurden.

Ein weiterer Grund für die gewaltige Anziehungskraft von Shakespeares Werken liegt gewiss auch darin, dass seine Stücke für jedermann geschrieben wurden. Man muss kein Philosoph sein, um mit Shakespeares Helden lachen und weinen zu können. Die Bandbreite der Sprache des Dichters reicht von wunderschönen Versen bishin zu derben Späßen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Für alle wird etwas geboten.

Der Name Shakespeare ist unsterblich geworden. Mit Hilfe seiner Kreativität, seiner Feder und einer kleinen Theatergruppe gelang es ihm in den Olymp der Dichter aufzusteigen.“

Mit entsprechenden Empfindungen wandelte ich an diesem Tag also durch Stratford-upon-Avon. Es gibt dort einen schönen Park verziert mit vielen steinernen Statuen, welche Figuren aus Shakespeares Stücken darstellen. So grüßte ich dort durch den Park wandelnd viele bekannte und noch unbekannte Charaktere seiner Welt: Falstaff, Othello, Hamlet, King Lear. Und ringsum: Brunnen, kleine Wasserläufe, Brücken, Schwäne… Ein schöner Ort.

Selbstverständlich besuchte ich auch Shakespeares Geburtshaus (zumindest vermutetet man, dass es das ist), sowie die Holy Trinity Chruch, in der der Meister begraben liegt (dies zumindest ist gewiss).

Nachdem ich alles gesehen hatte was für mich von Interesse war, besuchte ich noch einen lokalen bookshop um mich mit neuem Lesestoff einzudecken. Kafkas Schloss hatte ich mit Frösteln zu Ende gelesen. Nun konnte ich mich nach neuen Edelsteinen in der Schatzkiste der Literatur umsehen. Es musste etwas Englisches sein. Man konnte schließlich nicht durch ein an Literatur so reiches Land reisen und dabei nur französische und deutsche Autoren lesen. Da sie mir bisher noch fremd war, mich aber einigermaßen interessierte, entschied ich mir für Virginia Woolf. Ich kaufte „To the lighthouse“, das mich für den Rest dieser Reise begleiten sollte. Faszinierender Stil des inneren Monologs bei wechselnden Charakteren. Wie ein Ding von zwei Menschen so ganz verschieden betrachtet werden kann. Zauberhafte Subjektivität.

So schön Stratford-upon-Avon an diesem Tag auch für mich war, es bot mir keine Bleibe für die Nacht – zumindest nicht in meiner Preiskategorie. So beschloss ich also weiterzuziehen und die Nacht wenn nötig auch wach zu durchleben. Ich war schließlich noch jung. Nicht jeder Tag musste mir Schlaf bringen. Ohne feste Ziele stieg ich in den nächsten Zug. Ich war gespannt, wo ich wieder aussteigen würde.

Es sollte Warwick sein. Das Bild der mächtigen Burg in meinem Reiseführer hatte mich verführt dort auszusteigen. Durch die unübersichtlichen Gassen bahnte ich mir meinen Weg zum Ufer des Avon, von wo man den besten Blick zum Warwick Castle hat, das eine der größten Burgen Englands ist und heute ein Wachsfigurenkabinett beheimatet. Ich kam pünktlich zum Sonnenuntergang, dessen Licht die Burg in ein tiefes Rot tauchte. Dann war die Sonne weg, das Spiel war aus und ich stand ohne Unterkunft am Ufer des Avon und fragte mich, ob ich die Nacht wartend oder wandernd verbringen sollte.

Ein kleiner Holzpfeiler mit einer daran befestigen Wanderkarte traf für mich die Entscheidung. Darauf sah ich nämlich einen Wanderweg angedeutet, welcher von Warwick aus entlang des Avon nach Norden bis ins circa zehn Kilometer entfernte Leamington Spa führte. Dies reizte mich. Eine Nachtwanderung auf unbekannten Wegen … Wie konnte ich da widerstehen.

Ich war gut ausgerüstet für die Nacht. Licht hatte ich zwar keines. Dafür aber eine Flasche Dr.Pepper, die ich mir in Stratford gekauft hatte – Happy memories of Texas. Dazu gab es diese köstlichen, mürben Kekse, die man scheinbar nur in England bekommt. Ich war bereit. Die Nacht konnte kommen. Noch in Warwick schrieb ich in mein schwarzes Reisetagebuch:

Kaum zu sehen ist die magere Mondsichel, wie sie allmählich weichend mir noch strahlt. Warwick. Nun sitze ich hier auf dieser Bank am Ufer des stillen Stroms Avon, warte auf die Nacht und auf den Tag. … Wenn dann der Morgen kommt, will ich ein Schild erreichen, das mir das altvertraute Schild „Station“ zeigt. Noch ist der Himmel eher blau als schwarz. Keine Wolken. Es wird Sterne geben. Enten schnattern, ein Flugzeug fliegt vorüber, auch Straßenlärm und Plätschern. Ich stand heut schon an Shakespeares Grab. Ich hatte ihm nur seine eigenen Worte zu sagen. Sonst fiel mir nichts ein. „Sleep soft, sweet prince.“ But no sleep for me.

Ich wanderte los – zuerst noch ins Lichts der Dämmerung, dann in schwarze Finsternis gehüllt. Trotz des bewaldeten Flussufers war die Gegend, durch die mein Weg führte vorwiegend urban. Immer wieder hörte ich den Lärm der Straßen und sah die verschiedensten Lichter zwischen der Vegetation grell zu mir herüber straheln. Mein Weg aber war unbeleuchtet. Oft blieb ich stehen und lauschte auf die Tiere, die mich umgaben. Ein Rascheln im Gebüsch. Der Jagdruf einer Katze. Vogelwarnrufe, leises Plätschern im Wasser. Dann wieder kreuzte ich eine Straße und sah aus der Ferne die Häuser, in denen die Menschen friedlich schliefen. Es hat einen ungeheuren Reiz in der Nacht die Welt zu durchstreifen.

Kurz nach Mitternacht erreichte ich den Grand Union Canal – einen für Boote und kleinere Schiffe befahrbaren Wasserweg, der wie eine Brücke den Avon kreuzt – ein Wasserlauf, der über einen anderen führt ohne ihn zu berühren. Hier hätte ich abbiegen müssen um statt dem Avon nun dem Canal zu folgen. In der Dunkelheit war mir dies aber nicht klar. So folgte ich also weiter dem Avon und verirrte mich. Damit hatte ich aber kein Problem. Das Verirren war einkalkuliert. Ansonsten wäre ich womöglich zu früh ans Ziel gelangt. In der Irre fühlte ich mich wohl. Eine jede Abzweigung brachte Ungewissheit mit sich. Und Ungewissheit ist etwas sehr Spannendes. Ich musste nur die Bahngeleise finden. Wenn ich ihnen dann folgte, würde irgendwann ein Schild vor mir leuchten, das die Aufschrift „Station“ trägt.

Und weiter ging die Wanderung durch die Nacht, irgendwo zwischen Warwick und Leamington. Bei der nächsten Brücke überquerte ich den Avon, schritt durch ein Feld auf eine Siedlung zu, passierte Baugerüste, durchstreifte eine reiche Wohnsiedlung voller alarmgesicherter Villen und erreichte schließlich beim ersten fahlen Licht des Morgens das Zentrum von Leamington Spa. Es war noch sehr früh. Die Stadt schlief. Bis auf ein paar verdächtige Gestalten war ich der einzige auf den Straßen. Und schließlich leuchtete vor mir das lang ersehnte Schild. „Station“. Im schwarzen Reisetagebuch steht geschrieben:

Die Nacht ist fast vorüber. Ich bin in der Station. Station, Bahnhof. In diesen Worten steckt Wärme. Hat man die Station erreicht, so ist die Ferne nah. Denn so abgelegen und fremd die Gegenden, in denen man friert, auch sind, am Bahnhof rückt die ganze Menschenwelt gleich näher. Diese unscheinbaren Schienen dort am Boden, sie sind die Fäden eines großen Netzes, das sich über Welten hin erstreckt. Keine Berge, keine Wüsten, keine Winter scheuend verbindet die Schiene, was sie erreicht – sogar das Meer ist ihr kein Hindernis. Ein Bahnhof hat viele Gesichter. Der Tag erwacht. Es wird Morgen.


– Tag 18 –

Mit dem Morgen kam ein Zug, der mich mit sich nahm. Ich war wieder auf dem Weg. Der Zug brachte mich in eine der geschichtsträchtigsten Städte des westlichen Englands – in die Universitätsstadt Oxford – Cambridges größerer Schwester. Nach einem bekömmlichen Frühstück in den alten Gassen wanderte ich schon bald entlang der prachtvoll verzierten Mauer der über dreißig Colleges. Seit über acht Jahrhunderten wird hier das Wissen der Welt gelehrt und gelernt. Vielen großen Geistern der Vergangenheit wurde hier das Werkszeug für ihre späteren Taten vermittelt. Ich schlenderte von College zu College und dachte daran, wer hier aller studiert hatte. Große Wörterschmiede wie J.R.R Tolkien, T.S. Eliot und Oscar Wilde, Philosophen und Revolutionäre wie Percy Shelly, den man hier sogar von der Universität verstieß, weil der mit seinem Traktat „The Necessity of Atheism“ seiner Zeit ein Stück weit voraus war. Die Architektur der prachtvollsten Colleges von Oxford ist zum Teil von Christopher Wren geprägt – ein Name, auf den man in England in vielen bedeutenden Städten trifft. Auch die Saint Paul’s Cathedral in London geht auf sein Konto.

Oxford

Den ganzen Vormittag über durchwanderte ich das studentische Treiben von Oxford und besuchte seine schönsten Orte. Ich bestieg, den Turm der Universitätskirche Saint Mary’s, blickte hinab auf die mit tausend Türmchen verzierten Außenmauern University College. Besonders beeindruckend war außerdem das an Florenz erinnernde kreisrunde Bibliotheksgebäude der Redcliff Camera im Renaissancestil – wahrscheinlich der schönste Bibliothekslesesaal der Welt. Auch an der Bridge of Sigh – der britischen Kopie der Ponte dei Sospiri in Venedig.

Ich ließ den Vormittag auf einem kleinen grünen Platz inmitten der Altstadt ausklingen, wo ich mich ein wenig zur Ruhe legte. Ringsum ragten alte Mauern in die Höhe. Musikanten spielten in der Nähe. Ich saß lange dort, sprach sogar mit ein paar Menschen und sah den Leuten beim Leben zu. Es war schön und ungemein friedlich an jenem Ort. Das war also Oxford. Würde mich vielleicht mein Studium irgendwann einmal wieder hierher führen. Ich wusste es nicht, weiß es noch heute nicht. Und genau da liegt der Reiz begraben. Im Unbekannten.

Am frühen Nachmittag verließ ich die Studentenmetropole Oxford und fuhr weiter nach Südwesten, wo mich ein besonderes Juwel unter den englischen Städten erwartete: Bath.

In meinem Reiseführer steht geschrieben, die Stadt Bath gehöre zu den schönsten Orten Großbritanniens und sei zusammen mit Salisbury die herausragende Stadtattraktion im Süden Englands. Dem ist teilweise zuzustimmen, verkörpert diese Stadt doch einen gewissen antiken Reiz – wenn auch die Orte des hohen Nordens stets eine größere Faszination auf mich gehabt haben, als jene des Südens. Jedenfalls ist Bath überdies UNESCO Weltkulturerbe.

Es waren die Römer, die hier in den vierziger Jahren des 0-ten Jahrhunderts heiße Quellen entdeckten und sogleich ein prachtvolles Badehaus errichteten – mitsamt Fußboden- und Wandbeheizung. Fast vier Jahrhunderte lang war Bath ein beliebtes Kultur- und Wellnesszentrum im römischen Reich. „Über den Quellen von Aquae Sulis (Bath) regiert Minerva und in ihrem Tempel verglühen die ewigen Feuer niemals zu Asche“, soll ein römischer Reiseschreiber festgehalten haben. Doch die Welt ist im Wandel. Als die Römer dann abziehen mussten, verfiel schon bald der Prunk und Reichtum des Ortens. In den dunklen Jahren der Auseinandersetzungen zwischen Briten, Angelsachsen und sogar Westgoten wurde die Stadt mehrmals geplündert.

Ich erreichte Bath in der Blüte eines herrlichen Nachmittags. Die Sonne strahlte und verscheuchte die letzte Erinnerung an die kalte Wanderung der vergangen Nacht. Ironischer Weise fand ich eben hier den Fluss Avon wieder, dem ich vor Stunden in der Dunkelheit gefolgt war.

Bevor ich mich an die Erkundung von Bath machte, wollte ich zuerst meinen Rucksack loswerden und begab mich auf die Suche nach der hiesigen Jugendherberge. Wie mir schon mehrmals auffiel haben es solche Herbergen an sich, des öfteren weit oben auf irgendeinem Hügel über den Städten zu liegen. Der Weg dorthin führte mich mit leichten Irrwegen auf schönen, sonnigen Pfaden in die Hügel östlich der Stadt. Eine Zeit lang wanderte ich auch entlang der recht faszinierenden Schleusenanlage mittels welcher die Schiffe vom Avon hinauf auf höhere Gefilde gelangen konnten.

Endlich fand ich die Jugendherberge, legte mein Gepäck ab und machte kehrt. Zurück über die Wiesen und Hügel, zurück entlang der Schleusen hinab zum Avon und hinein in das Herz der Altstadt von Bath.

Es gab dort viele sehr reizvolle Dinge zu sehen. Den Höhepunkt boten freilich die im Grunde sehr gut erhaltenen Heißwasserbäder der Römerzeit. Ein wunderbares Stück erhaltener Antike mitten in England. Es war unvermeidlich an die Ruinen der römischen Bäder der Antoninus Pius nahe Karthago in Tunesien zu denken, die ich etwa ein Jahr zuvor gesehen hatte.

Steht man in den Galerien am großen Zentralbecken des Bades und richtet seinen Blick in die Höhe, so wird man die hohen Gemäuer der Bath Abbey sehen, welche die Bauten der Römer überragen. Auch die Besichtigung dieser alten Abtei war sehr interessant. Zu erwähnen sei schließlich noch die Pulteney Bridge, „einer der drei Brücke in der Welt, die rechts und links mit Geschäften bebaut sind“ , wie es in meinem Reiseführer heißt. Die zweite der drei Brücken ist natürlich die Ponte Vecchio in Florenz. Wo die dritte sich befindet, wusste ich damals nicht und weiß es bis heute nicht.

Pulteney Bridge

Schön ist vor allem auch, wie sich das Wasser des Avons flussabwärts der Pulteny Bridge. In eliptischen Kaskaden zur Mitte des Gewässers hin nach unten ergießt. Dies trägt zusätzlich zum großen Reiz dieser Stadt bei.

Nach einem schmackhaften Essen in den alten Gassen, bestieg ich einmal mehr die Hügel und kam bei Einbruch der Dunkelheit im Bett meiner Jugendherberge zu liegen. Eine durchwachte Nacht zeigt immer wieder, wie schön es doch ist zu schlafen. Man kann sich so richtig darauf freuen, so richtig das Hinlegen und Einschlafen genießen. Und eben dies tat ich nun und erwachte frisch und munter bei Anbruch des neuen Tages.

– Tag 19 –

Am nächsten Morgen fuhr ich nach Salisbury – der angeblich schönsten Stadt im Süden Englands. Ich besichtigte die imposante Kathedrale, die mit ihrer Weitläufigkeit und ihrem mächtigen 120 Meter hohen Turm wohl eine der schönsten Kathedralen dieser Reise war – ein gotisches Wunderwerk sondergleichen, kunstvoller als die Kathedrale von Ely, nicht ganz so verspielt und verschnörkelt wie das Münster von York. Man kann Stunden in den alten Gemäuern des Gotteshauses oder auf der großen Grasfläche, die es umgibt, verbringen und wird immer wieder Neues finden. In einem Seitentrakt der Salisbury Cathedral befindet sich eines der wenigen erhaltenen Examplare der Magna Charta aus dem Jahre 1215 – einer der ersten Meilensteine in Richtung Demokratie und Menschenrechte.

Auch abseits der Kathedrale bot Salisbury einiges zu sehen. Ich wanderte durch die beschaulichen Altstadtgassen und genoss das südenglische Flair der Stadt. Auf einem kleinen grünen Platz hinter einen Kirche – ich glaube es war der Saint Thomas Square – saß ich eine Weile und dachte über mein Leben nach. Dort war auch eine Sonnenuhr unter der passenderweise die folgende Weisheit zu lesen war: „Time speeds up until it is nothing – therefore use it before it is gone.“ Wohl wahr.

Auf besagtem Platz kam ich auch mit einem Einheimischen ins Gespräch, der mir einfach so ein wenig über Leben und Geschichte Südenglands erzählte. Als er nach fünf Minuten Gespräch plötzlich fragte, wo aus Amerika ich eigentlich herkam, fühlte ich mich einerseits geehrt, dass der texanische Einschlag in meinem Englisch meinen deutschen Akzent so sehr verdeckte, anderseits auch dazu bewegt, in Zukunft zu versuchen mein Englisch wieder ein wenig vom Amerikanischen Einschlag zu befreien. Man wollte ja nicht überall für einen Amerikaner gehalten werden (besonders nicht in den Bush-Jahren).

Von Salisbury aus nahm ich schon bald einen Bus, der mich zum 15 km weiter nördlich gelegenen Stonehenge brachte, der wohl bekanntesten Sehenswürdigkeit der Insel. Stonehenge stimmte mich irgendwie traurig. Es war so übervoll mit Touristen. Die meisten kamen nach Stonehenge nur um Stonehenge gesehen zu haben und wussten dabei rein gar nichts über die Tiefe der Rätsel und Mysterien, die diesem uralten Bauwerk anhafteten. Sie wollten es wahrscheinlich nicht einmal wissen. Etwa, dass Stonehenge nicht – wie oft angenommen – keltischen Ursprungs war, sondern viel weiter in die Vergangenheit zurrück reichte – in die Zeit einer frühen Megalithkultur. Die ältesten Bestandteile des Bauwerks datiert man heute auf die Jahre um 2800 vor Christus.

Von ferne – denn näher durfte man nicht treten – beäugte ich gemeinsam mit hundert anderen Leuten den berühmten Cromlech und stellte fast, wie viel größer die Sensation doch bei den Steinkreisen von Stenness und dem Ring of Brodgar auf den Orkneys gewesen war. (Wie lange schien dies schon wieder her zu sein.) Dort war man allein auf weiter Flur gewesen, hatte so nah wie man wollte an die Steine der Vergangenheit herantreten können und dabei viel mehr den Zauber ihres Altertums gespürt.

Nicht hier. Die Menschen schubsten einnander beiseite um ein möglichst gutes Foto zu schießen. Das war alles, was zählte. Kaum einer ließ den Ort auf sich wirken. Dies war auch schwer möglich.

ein paar Steine

In meinem schwarzen Reisetagebuch ist zu lesen:

In gewisser Weise sind diese Steine uns überlegen. Sie stehen noch, werden auch mich überleben. Werden sie uns alle überleben? Stolz steht ihr da nach all diesen Jahren, nach Kelten, Römern, Sachsen, Normannen und Touristen. Ihr steht noch. Doch ihr seid unser Werk, unsere Baumeister haben euch errichtet, euch aus den Bergen gestohlen, hierher verschleppt und schließlich aufgestellt, aufdass ihr zu mehr wurdet als Felsen. Wir waren es. Über Jahrhtausende kamen Menschen auf ihren Reisen hier vorbei und blieben stehen. Sie blieben stehen.

Den Rest dieses Tages füllte eine lange Zugfahrt aus. Ich hatte vor noch einen Abstecher nach Cornwall zu machen. Doch der Weg dorthin – in den äußersten Südwesten der Insel – war noch weit. Lange saß ich in vielen Zügen, blickte auf das Leben hinter den Fenstern und las nebenbei Virginia Woolf. Spät in der Nacht – etwa gegen ein Uhr früh – erreichte ich schließlich die Stadt Penzance – mit seinen 20.000 Einwohner der letzte größere Ort vor Land’s End – dem westlichsten Punkt der Insel. Ich genoss das Flair der Nacht, ging ein wenig in der Stadt spazieren, erreichte das Meer und legte mich schließlich hinab auf den Strand um ein wenig zu schlafen. Im Osten sah ich die Lichter der Felseninsel von Saint Michael’s Mount und am Himmel leuchteten die Sterne.

„Poor Man“ sagte ein Mann, der mit seinem Freund gegen halb zwei auf dem Nachhauseweg an mir vorüber ging und mich im Schlafsack dort am Strand liegen sah.

– Tag 20 –

Irgendwann wurde es dann wieder Tag. Ich saß am Strand, bemerkte, dass die Flut im Anmarsch war und die Wellen mir bei weitem näher kamen, als zu der Stunde, als ich mich hier schlafen legte und sah im Osten einen wunderbaren Sonnenaufgang. Im meinem Reisetagebuch steht geschrieben:

Selten sah ich einen Sonnenaufgang so schön und farbenfroh wie diesen heute, als die Sonne hinter dem Saint Michael’s Mount empor stieg. Soviel Blau-, soviel Weiß- und soviel Rottöne – die schönsten Kontraste, auch wenn die meisten Wolken nur Kondensstreifen sind. Immer noch grau, ragt unweit gleich einer verwunschenen Insel aus unserer Fantasie Saint Michael’s Mount aus dem Meer heraus. Nur ein Umriss und ein Schattenspiel, Chimäre und Phantasmagorie, ein Märchen.

Der Tag begann also gut. Ich machte mich sogleich auf die Suche nach der hiesigen Jugendherberge um dort meinen Rucksack zu lassen um die Abenteuer dieses Tages mit leichtem Gepäck genießen zu können. Die Herberge lag – schon wieder – auf einem Hügel hoch über Penzance. Als ich auf dem Weg dorthin durch die schmalen Altstadtgassen streifte, erlebte ich eine interessante Begegung, die mich in ihrer Freundlichkeit so sehr verwunderte. Eine junge Frau bog plötzlich um die Ecke, sah mich – den Rucksackreisenden – und erkundigte sich gleich nach meiner Herkunft. Danach tauschten wir unsere Namen aus und sie erzählte mir, dass sei ein wenig Deutsch könne, dass sie irgendwann einmal nach Österreich wolle, dass sie mit ihrer Familie hier in Penzance lebe und so weiter und so weiter. Schließlich fragte sie mich, wo ich denn vor hätte die Nacht zu verbringen, ob ich nicht Lust hätte zum Mittagessen bei ihrer Familie vorbeizuschauen und vielleicht auch dort übernachten wollte. Das würde sie nämlich sehr freuen.

Man kann es mir wohl kaum zum Vorwurf machen, dass ich ein wenig misstrauisch wurde. Lud man einfach so einen wildfremden Menschen zu sich ins Haus ein und bot Speise und Bett an? Ich nahm damals das Angebot nicht wahr und lehnte dankend ab mit der Begründung, andere Pläne zu haben.. Die junge Frau beschrieb noch mal genau, wo ich denn ihr Haus fände, falls ich meine Meinung doch noch ändern würde. Ich glaube heute, dass mein Misstrauen damals unbegründet war. Mehrere Reisen haben mir immer wieder gezeigt, wie freundlich gesinnt man an manchen Orten uns Rucksackreisenden ist. Weltweit kann man in der community der backpackers mit Freundschaft und Hilfe rechnen. Man ist bemüht stets das Gute im anderen zu sehen und in den meisten Fällen liegt man damit richtig. Ich verpasste an diesem Tag wohl die Gelegenheit die Leute des Landes ein wenig besser kennen zu lernen als der typische Tourist. Am nächsten Tag würde ich anders handeln, doch dazu später.

Nachdem ich also meinen Rucksack in der Herberge losgeworden war, lieh ich mir – wie zuletzt am Great Glenn in Schottland – ein Fahrrad aus. Damit wollte ich nach Land’s End fahren. Und schon ging es los.

Ich radelte die malerische Küstenstraße von Penzance entlang nach Süden. Nach einer ersten Anhöhe ging es flott bergab bis zum Dorf Moushole, wo ich eine erste Rast einlegte. Moushole ist ein unglaublich ursprüngliches Küstendörfchen, das dem Ansturm der Touristen standhält, in dem es sich eben diese Ursprünglichkeit auch weiter bewahrt. Hier lebt und stirbt man mit der See, die seit Jahrhunderten den Rhythmus aller Dinge bestimmt.

Some Cornish Coast

Nach Moushole ging es steil bergab. Es war sehr heiß und anstrengend. Schon bald kehrte ich der Küsten den Rücken zu und fuhr auf schmalen Straßen durchs Landesinnere nach Westen. Die Landschaft war malerisch: saftige Felder, kleine Wälder, von Baumkronen überragte Straßen, das Klima teils mit einem Hauch von Mittelmeer. Bald ging es wieder hinab ins Lamorna Valley, über den Lamorna hinweg und wieder hinauf auf das nun flache Reststück des Weges bis zum westlichsten Ende der Insel. Ich passierte ein paar kleine Dörfer und erreichte schließlich Sennen Cove, wo ich mein Rad liegen ließ und hinab zum Meer ging. Da war er also, der Atlantik – kalt und rau. Vom Strand von Sennen Cove aus führt ein wunderschöner Pfad die schroffe Steilküste entlang nach Süden. Tief unten brauste das türkisblaue Meer. Die Luft war erfüllt vom Rufen der Seevögel, die hier überall ihre Nistplätze pflegten. Gewaltige Gesteinsformationen vervollständigten das wunderbare Erlebnis der etwa halbstündigen Küstenwanderung zum Land’s End. Was einen dort allerdings erwartet, zerstört leider den Charme jenes Ortes und zeigt, welch schlechte Idee es doch ist, solch Orte zu kommerzialisieren und die Gewinnmaximierung wüten zu lassen. Aus Land’s End ist so etwas wie ein Vergnügungspark geworden – mit teurem Eintrittspreis, viel Lärm und Schabernack, mit Kino und Karussell. Darauf konnte ich gerne verzichten und genoss noch einmal die Wanderung entlang der Küste zurück nach Sennen Cove.

Ebenso genoss ich die Fahrt mit dem Rad zurück nach Penzance, wo ich mir ein gutes Seafood-Dinner gönnte und bald darauf in der Jungendherberge Schlaf fand.

Land’s End und ich

– Tag 21 –

Ein wohl sehr zukunftsweisender Tag brach an. Er begann mit einer langen, erholsamen Zugfahrt von Cornwall zurück nach Osten. Dort besuchte ich die Hafenstadt Portsmouth. Von hier war man einst ausgefahren um die Welt zu erobern. Und man hat sie erobert. Am History Dockyard kann man die prachtvollen Schiffe vergangener Zeiten noch heute bewundern – allen voran die HMS Victory. Dieses einstige Flaggschiff der britischen Armee, das wie es scheint bis heute seetüchtig ist, hat 1805 bei der Schlacht von Trafalgar wohl wesentlich mitentschieden was die Geschicke der kommenden Zeiten betraf. Des Empires oberster Stratege, Admiral Nelson, ließ damals sein Leben. Nahebei steht die stählerne HMS Warrior – ein Schiff späterer Zeiten – das einen faszinierenden Kontrast zur Victory bietet. In einer Halle aufbewahrt werden außerdem die Überreste der Mary Rose, dem stärksten Kriegsschiff zur Zeit von Henry VIII, das im Jahre 1545 bei der Ausfahrt aus Portsmouth gesunken war und im Jahre 1982 dem Meer wieder entrissen wurde.

Es ist in Portsmouth schwer, sich nicht von einer leicht verklärenden Seefahrts- und Seeschlachtsromantik hinreißen zu lassen. Einen literarischen Kontrast dazu bietet das Geburtshaus von Charles Dickens (dem Shakespeare unter den Romanciers), dessen Monumentalwerk David Copperfield ich kurz zuvor gelesen hatte.

Ohne noch genau zu wissen, wohin ich wollte verließ ich Portsmouth wieder. Ich erinnere mich noch an eine Schar Kinder, die im Zug mit gekonnter Schauspielerei den Schaffner darüber hinwegtäuschen wollten, dass sie keine Fahrkarte hatten. Sie erfanden die amüsantesten Ausreden. Es half jedoch nichts. Bei der nächsten Haltestelle flogen sie raus.

Und nun kommt Winchester. Ich verlasse hier den üblichen Verlauf dieses Berichtes und zitiere einen Text, den es nur drei Jahre später in der Broschüre meiner Inszenierung von „Viel Lärm um Nichts“ zu lesen gab.

„Hätte mich mein Weg im Sommer 2005 nicht zufällig in die südenglische Stadt Winchester geführt, wir würden heute sicherlich nicht „Viel Lärm um Nichts“ spielen.

Es war ein heißer Sommer und ich befand mich auf einer Reise durch Großbritannien. Ich war alleine unterwegs. Per Zug und zu Fuß war ich bereits vier Wochen durch das Land gereist, hatte die nordenglischen Moore erkundet, war über schottische Highlands gewandert und hatte schöne Städte gesehen. Auch an Shakespeares Grab in Stratford-upon-Avon war ich gepilgert. Zwei Tage vor dem Ende meiner Reise befand ich mich nach einem kurzen Abstecher nach Cornwall nun spät Nachmittags in Portsmouth und studierte meine Karte, wohin ich denn noch reisen wollte. Das kleine mittelalterlich anmutende Städtchen Winchester lag auf meiner Route, und da es vom Zugfenster aus noch genauso interessant und beschaulich wirkte wie in meinem Reiseführer, stieg ich aus.

Das schönste an jenem Ort ist wohl seine imposante Kathedrale, die steinern und streng wie viele englische Kathedralen unübersehbar die Landschaft ziert. Eigentlich wollte ich nur kurz bleiben, die Atmosphäre auf mich wirken lassen und dann auf der Suche nach dem erstbesten Schlafplatz weiterziehen, doch als ich mit meinem Rucksack die Außenmauern der Winchester-Cathedral entlang spazierte, da stieß ich plötzlich auf eine kleine Bühne.

Eine durchs Land reisende Schauspieltruppe hatte sich hier niedergelassen und beabsichtigte an jenem Abend ein Stück von William Shakespeare aufzuführen und zwar kein anderes, als seine Komödie „Much ado about Nothing“ – Viel Lärm um Nichts.

Shakespeare war mir damals nicht fremd. Die meisten seiner Tragödien kannte ich in und auswendig. Ein Jahr zuvor hatte ich mit einer Fachbereichsarbeit über seine vier großen Trauerspiele, insbesondere Macbeth maturiert. Schon damals wusste ich viel von Shakespeare, doch eine seiner vielen Seiten war mir völlig unbekannt. Ich hatte bisher nur Shakespeare, den Tragödiendichter kennen gelernt. Ich kannte seine blutgetränkten Trauerspiele und das qualvolle Leiden seiner Helden. Shakespeares Kunst der Komödie war mir bis zu jenem Tage fremd gewesen.

Es wurde Abend und das Schauspiel begann. Im Licht des Sonnenuntergangs, das beieindruckende Schatten auf die alten Gemäuer der Kathedrale warf, genoss ich einen der schönsten Theaterabende meines Lebens. Mittelalterliche Lieder untermalten das spannende Geschehen auf der Bühne, wo sich die Schauspieler in original-elisabethanische Gewänder gekleidet durch das aberwitzige Verwirrspiel der Komödie bewegten. Schon bald hatte mich der zauberhafte Klang der Sprache in ihren Bann gezogen. Scheinbar mühelos artikulierten sich die Darsteller in ach so wohlklingenden zehnfüßigen Jamben des Shakespearschen Blankverses. Es war ergreifend. In manchen Szenen konnte sich das Publikum vor Lachen nicht mehr halten, dann herrschte wieder Grabesstille.

Was mich an „Viel Lärm um Nichts“ gleich von Anfang an fesselte, war die ungeahnte Bandbreite der darin evozierten Emotionen. Man springt regelrecht von höchster Freude in einen Pfuhl der Verzweiflung um dann wieder freudig nach oben zu schweben. Ich war gefangen.

Nach Vorstellungsschluss ließ ich seltsam bewegt die Kathedrale von Winchester hinter mir und fand schon bald im Sternenlicht einen Platz zum Schlafen.

Ich beschloss damals dieses Stück eines Tages auf die Bühne zu bringen. Nun, drei Jahre später, ist es soweit.“

Damals ahnte ich von all dem freilich nichts. Der Gedanke, nur sieben Monate später bereits meine erste Regiearbeit für „Warten auf Godot“ zu beginnen, war noch längst nicht gedacht worden. Noch nicht einmal der Wunsch dazu existierte. Doch an diesem Abend in Winchester war ein Funke übergesprungen, welche später ein reges euer zünden sollte.

Am Ende des Zitats aus der Broschüre von „Viel Lärm um Nichts“ habe ich übrigens gelogen. Ich legte mich nicht unter Sternen schlafen, sondern stieg in den letzten Zug und fuhr nach London, wo ich gegen ein Uhr von einem freundlichen Sicherheitsbeamten aus der Waterloo Station geworfen wurde. Es war mir recht egal. Meine gute Shakespeare-induzierte Laune konnte mir heute niemand mehr nehmen.

Da stand ich nun also in der Tiefe der Nacht an irgendeiner Bushaltestelle nahe der Waterloo Station. Mein Plan war der folgende: Ich hatte vor, die nächsten paar Stunden hier auf den Straßen zu überdauern, bis um vier Uhr der Bahnhof wieder aufsperren würde. Dann wollte ich mit der frühest möglichen Verbindung noch einen Abstecher nach Kent machen, wo die beiden Städte Canterbury und Dover als letzte Etappen meiner Reise auf mich warteten. London selbst wollte ich erst am Folgetag noch einmal genießen. Schließlich kannte ich die Stadt ja schon von einer früheren Reise. Alles kam aber anders.

In der Bushaltestelle, wo ich also wartend stand, hielt sich auch ein Typ namens Jamie auf und stopfte Potato Wedges in sich hinein. Da sich sein Hunger in Grenzen hielt, bot er mir die restlichen Wedges an und ich sagte nicht nein. Zusammen mampften wir also wedges und kamen dabei näher ins Gespräch. Es war eine Art déja vu des vorigen Tages, als ich in Penzance jenem Mädchen begegnet war. Nach kurzem Gespräch, bot mir Jamie plötzlich an, in der Wohnung zu übernachten, die er mit seiner Freundin teilte. Und falls ich Lust hätte, könnte ich die beiden am nächsten Tag auch gleich zu der Geburtsparty einer Freundin in Essex begleiten, da diese und deren Gäste nur allzu gern Bekanntschaft mit Leuten wie mir machen würden.

Diesmal sagte ich nicht nein.

Mit einem Bus fuhren wir in ein recht wohlhabendes Wohnviertel irgendwo in den westlichen Bezirken Londons und schon bald schlief auf einer gemütlichen Wohnzimmercouch ein.

– Tag 22 –

Ich verbrachte die ersten Minuten nach dem Erwachen mit dem Betrachten von Jamie’s umfangreicher DVD Sammlung welche das Wohnzimmer zierte. Dann ging ich in die Küche und machte mir Frühstück. In der Nacht hatte mir mein ‚Gastwirt‘ noch gezeigt, wo ich alles fände. Ich ließ mir meine Cereals schmecken und überlegte, wie ich denn den Tag verbringen sollte. Mein ursprünglicher Plan war es gewesen den nächsten Zug nach Südosten zu nehmen und auch Canterbury und Dover noch einen Besuch abzustatten. Wenn ich denn dies tun wollte, so konnte ich – so hatte mir Jamie es gesagt – einfach gehen. Oder ich wählte den Alternativvorschlag, welcher darin bestand, Jamie und seine Freundin Karen auf eine Geburtsparty von einer Bekannten irgendwo in Essex zu begleiten.

Nach einer zweiten Schüssel Cereals entschied ich mich für letzteres. Dover und Canterbury würde es auch in hundert Jahren noch geben. So eine Einladung vielleicht nicht.

Ich legte mich also noch einmal kurz hin bis auch Jamie und Karen erwacht waren. Bevor wir nach Essex aufbrachen, machten wir noch einen morgendlichen Sprung in das zur Wohnanlage gehörige Schwimmbad mitsamt Sauna, was sehr angenehm war. Wir sprachen über das System der Gastfreundschaft und darüber, ob Jamie nicht Angst hatte, dass ich ihn ausrauben könnte, hatte er mich doch ohne mich zu kennen, irgendwo in London von der Straße aufgelesen und kurzerhand zu sich eingeladen. Woher nahm er nur das Vertrauen? Seine Antwort verblüffte und inspirierte mich. Natürlich könnte ich ein Halunke sein, der ihm bei Gelegenheit schaden würde. Doch unter all den Menschen, die er und Karen schon auf diese Weise kennen gelernt hatten, war noch nicht ein solcher Fall aufgetreten. Und selbst wenn es einmal dazu käme, so wären die vielen schönen Bekanntschaften, die inzwischen gemacht wurden, das Risiko auf jeden Fall wert. Und außerdem: Wie kann ein backpacker wie ich schon Böses im Schilde führen? „It is always good to get to know new people, isn’t it?“ Indeed, it is.

Nach der Erfrischung im Pool fuhren wir in irgendeine Ortschaft nach Essex, wo uns ein Freund des Mädchens, das Geburtstag hatte, am Bahnhof abholte und zum Ort der Feierlichkeit brachte. So fand ich mich denn inmitten einer netten kleiner Party wieder. Es wurde gegrillt, getrunken und Snooker gespielt. Die Gesellschaft nahm mich freundlich auf. Ich wurde allerseits freundlich empfangen und gliederte mich mühelos ein. Sehr interessante Menschen traf ich an jenem Nachmittag. Die meisten besuchten irgendeine Theateruniversität. Ich fand also ausreichend gemeinsame Interessen und Gesprächsthemen vor. Keiner fand etwas Merkwürdiges daran, dass ich – als der Typ, den Jamie um zwei Uhr früh an der Waterloo-station getroffen hatte – mit auf der Party war. Ganz im Gegenteil. Man fand meine Geschichte interessant und wollte wissen, wo in England ich schon überall gewesen war. Mehrere Stunden lang spielten wir Snooker und sprachen über alles mögliche. Zurückblickend denke ich mich mir eben: Schade, dass es damals noch kein Facebook gab. Man stünde ansonsten vielleicht heute noch in Kontakt.

Wie dem auch sei. Als es allmählich Abend wurde, fuhren Jamie, Karen und ich zurück nach London. Dort verabschiedete ich mich von den beiden und machte natürlich das Angebot dass – falls es sie irgendwann nach Innsbruck verschlagen sollte – sie dort natürlich gerne bei mir übernachten durften. Wir erfanden sozusagen einen Prototyp des heute so beliebten Couch-Surfing.

Zurück in London checkte ich in einer Jugendherberge ein und dachte bei mir, wie seltsam und so anders doch dieser schöne Tag gewesen war.

– Tag 23 –

Und dann war der letzte Tag meiner Reise gekommen. Es wäre müßig zu erwähnen, was ich in London alles sah. Das übliche eben. Ich war schon einmal dort gewesen, kannte bereits das Wesentliche. Das war gut so. So hat man Gelegenheit zu selektieren und sich die schmackhaftesten Rosinen rauszupicken. Trafalgar Square faszinierte mich einmal mehr in seiner Monumentalität. In der Tate-Gallery sah mir über Stunden hinweg die neue Ausstellung an. Beeindruckend war auch die momentan nahe der Tower-Bridge aufgebaute Freiluftausstellung „The world from above“. Selten hatte ich so faszinierende Bilder gesehen. Da ich leider keine Karten mehr für ein Musical oder Theater bekam und dergleichen Aufführungen an Samstagen in London scheinbar recht rar sind, gönnte ich mir zum Abschluss noch den neuen Lars von Trier Film im Kino. Ich genoss noch einmal die Großstadt in all ihrem Charme, fand diesen sehr schön und sehnte mich doch nach der Weite der nordenglischen Moore oder des schottischen Hochlands. Dann, gegen Mitternacht, nahm ich den letzten Zug nach Norden zum Stanstead Airport, wo ich es mir bis zum Morgengrauen in der großen Wartehalle bequem machte und dann meinen Flug zurück nach Salzburg nahm.

Und somit endete meine Großbritannienreise im Jahre 2005 und ein neue Lebensphase – die Studienzeit – brach an. Diese Reise hatte mir viel gegeben und vieles herbeigeführt, das mein Leben für die nächsten Jahre entscheidend mitbestimmen sollte. Den Funken Theater, welcher Feuer fing, habe ich schon oft genug erwähnt. Dies ist das eine. Das andere ist der Funken der Freiheit, der im Wandern auf einsamen Wegen liegt. Die schönsten Momente dieser Reise waren doch jene gewesen, die mich fern der Städte ins Herz der Natur geführt hatten. Und somit fasste ich schon in den letzten Zeilen, die ich am Ende dieser Reise in mein Tagebuch schrieb, den Entschluss, dass, wohin mich mein Weg auch das nächste Mal führen würde, es nicht nicht in Flugzeugen, Bussen und Zügen, sondern auf meinen eigenen Füßen geschehen sollte. Ich wollte wieder wandern. Wandernd würde ich meine nächste Reise in Angriff nehmen. Wandernd würde ich die Welt betrachten. Und so sollte es auch geschehen.

Es folgte ein stürmisches Jahr voller neuer Gesichter, voller neuer Faszinationen und Gedanken. Ich begann Physik und Philosophie zu studieren. Als Saladin herrschte ich über Jerusalem. Dann kam meine erste Inszenierung. Ich wartete auf Godot und es war schön zu warten. Ich schrieb zwei Theaterstücke und fand viele neue Freunde. Und dann kam irgendwann der nächste Sommer und ich begann etwas, das ich nach wie vor noch nicht beendet habe und das mich noch viele Jahre begleiten wird. Ich begann meine Wanderung auf dem E4. Ich reiste auf meinen eigenen Füßen, irgendwo dort draußen.

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1 Kommentar

  1. Alexandra said,

    wow

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