06 Nach Osten

September 22, 2014 at 5:30 am (Indien&Nepal)

Nach der fünften Nacht verließ ich mein inzwischen lieb gewonnenes Hotelzimmer und ließ mich von einer Autoriksha zur New Delhi Railway Station bringen. Auf dem sah in den Straßen Alt-Delhis eine Menschenmenge, die sich um einen Seiltänzer versammelt hatte. Der Mann hatte einen riesigen aufgemalten Schnurrbart im Gesicht und balancierte mit einem Holstab in der Hand auf einem in etwa drei Metern Höhe gespannten Seil. Die Szenerie erinnerte mich sehr an Nietzsche und Also sprach Zarathustra. Ich war viel zu früh am Bahnhof, aber an Sehenswürdigkeiten hatte ich schon alles gesehen, was mich interessierte. Eine Weile lang genoss ich die bunte Bahnhofsatmosphäre. An einer Säule gelehnt am Boden sitzend betrachtete ich das rege Treiben von Reisenden aus dem ganzen Subkontinent. Kaum wo (vielleicht nirgendwo) sind die Menschen so bunt wie in Indien. Menschen aller Altersgruppen, vieler verschiedener Religionen, aller Bezirke Indiens liefen an mir vorüber oder saßen wartend um mich am Boden. Manche trugen eher moderne Kleidung, andere wirkten sehr traditionell. Frauen mit extrem farbenfrohen Kleidern und offenem Haar, Frauen in Ganzkörperburka, junge Männer mit Anzug, Krawatte und glattgegelten Haaren, Greise mit langem Bart und rotgefärbten Haar – die Kontraste sind einmalig. Gelegentlich warf ich einen Blick auf die Anzeigetafel, die Züge in alle Teile des Landes ankündigte: nach Amritsar, Mumbai, an die Adaman Küste. Durch ein Gitter hindurch, sah ich die Züge kommen und gehen. Mein Zug stand noch nicht auf der Anzeige.
Es blieb noch Zeit. Ich folgte einer Lonely Planet Empfehlung und suchte Sam‘ s Cafe auf . Hier sitze ich nun im kühlen Raum, schlürfe Lassi und habe gute Aussicht auf das Treiben in den Straßen unter mir. Schräg gegenüber ist ein kleiner Ganesha-Schrein. Eine Maus klettert auf Ganesha herum und sucht nach Essbarem.

Endlich sitze ich im Zug. Durch meinen Fensterschlitz sehe ich den roten Feuer Ball der untergehenden Sonne während wir den breiten Yamunastrom uberqueren. Wie breit wird erst der Ganges sein? Mit Musik in den Ohren ist alles gleich doppelt schön. Yann Tiersen und der Yamunastrom. In Delhi sah ich am Weg zurück zum Bahnhof noch einen farbenfrohen Umzug. An die zehn von Rindern gezogene Festwägen zeigten stellten verschiedene Göttergeschichten dar. Dazwischen spielten indische Musikgruppen auf Trommeln und Blasinstrumenten. Kinder tanzten. Ein schöner Abschied von Delhi.
Ich bin in meinem Waggon der einzige Nicht-Inder. Hoffentlich geht alles gut. Draußen ist bald tiefe Nacht. Mein Rucksack ist an meinem Bett festgekettet. Die wirklich wertvollen Wertsachen sind an mir festgekettet. Dank meinem online-Ticket konnte ich den Sitzplatz schnell finden. Nur der Bahnsteig war schwer ausfindig zu machen, schien der Zug auf der fehlerhaften Anteigetafel erst gar nie auf. Wenn morgen die Sonne aufgeht, werde ich schon nahe Varanasi sein. Mir gegenüber ist ein sympathischer Inder mit seinem kleinen Sohn, dem das Zugfahren offensichtlich viel Spaß macht. Die beiden bleiben bis zur Endstation im Zug, fahren also nicht wie ich vierzehn, sonderlich ganze dreißig Stunden. Ein Junge teilt an alle Passagiere Leintücher, einen Polster und eine Decke aus. Die Betten sind etwas kurz. Wenn ich die Beine aus Strecke, läuft mir jeder Vorbeikommende gegen die Füße. Gute Nacht, Welt.

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