10 Nach Norden

September 26, 2014 at 2:55 am (Indien&Nepal)

Lange Stunden verbrachte ich am Bahnhof von Varanasi. Der Zug, der kurz nach elf Uhr abends hätte abfahren sollen, tat dies erst kurz vor drei. In der Zwischenzeit machte ich Bekanntschaft mit einem irisch-englischen Pärchen, zwei Brasilianern und einem sehr sympathischen Israeli. Letzterer hatte ständig herrliche gesellschaftspolitische, zynische Bemerkungen parat und kletterte zur allgemeinenen Erheiterung einfach mal zwischen den Tanks eines Güterzuges herum, bis alle Inder am Bahnsteig ihn entgeistert ansahen. Endlich kam der Zug. Ich fand rasch Schlaf und erwachte erst, als der Morgen längst da  und der Zug schon angenehm leer war. Das Ziel der Fahrt war der Ort Gorakhpur, von wo es einen Bus zur Grenze geben sollte. Es war schwer zu sagen, wie weit das noch war. Zähneputzend in der offenen Zugtür stehend, sah ich die grüne Landschaft des nördlichen Uttar Pradesh an mir vorüber gleiten. Als wir einmal mehr an einem kleinen Bahnhof hielten, erscholl eine Lautsprecherdurchsage in Hindi und das Gros der Leute im Zug stieg ins Freie. Ich brachte in Erfahrung, dass der Zug am Nachbargleis früher nach Gorakhpur führe und wechselte ebenso. Am chaotischen Bahnhof von Gorakhpur fand ich rasch einen Bus ans Grenzdorf Sunauli. Drei unbequeme Stunden saß in diesem vollgepferchten Fahrzeug. Die Sitze waren nicht wirklich für Menschen meiner Größe konzipiert. Der Abstand von Lehne zu Lehne war zum Beispiel kleiner als die Länge meines Oberschenkels. Hinzu kam, dass der Typ neben mir ständig auf meiner Schulter einnickte und mein T-Shirt ansabberte. Ich war froh, als wir endlich Sunauli errreichten. Die Grenzbeamten beider Seiten waren unerwartet freundlich und gut gelaunt. Problemlos und schnell ließ ich Indien vorerst hinter mir und bekam ein 30 Tage Visum für Nepal in den Pass geklebt. Ein Rikshafahrer brachte mich vier Kilometer nach Westen. Dort stand ein Bus bereit, mit dem ich weiter bis nach Lumbini, dem Geburtsort Buddhas, gelangte. Neben mir saß ein junger Mann aus der Gegend. Wir kamen rasch ins Gespräch. Er sei Muslim, absolviere gerade einen Studienlehrgang in Computerkunde und besuche demnächst ein Praktikum in Saudi-Arabien. Vor allem freue er sich darauf, Mekka zu sehen. Er fragte mich, ob ich Christ sei. Ich verneinte und erläuterte in kurzen Sätzen mein agnostisch-atheistisches Weltbild. Das war ihm sichtlich unangenehm.
Endlich erreichte ich Lumbini, fand sogleich ein nettes Zimmer, aß zu Abend und legte mich schlafen.
Berge sieht man hier übrigens nirgendwo. Die sind erst weiter im Norden. Nepals Süden ist flach und fast auf Meeresniveau.

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