12 Berge

September 27, 2014 at 3:19 pm (Indien&Nepal)

Wunderschön war es heute Morgen, als aus der grauen Nebelsuppe über dem Flachland plötzlich die Umrissene von Bergen herauswuchsen. Besser noch: Es waren nicht irgendwelche Berge, sondern die südlichen Ausläufer des Himalaya. Howard Shore in den Ohren betrat ich eine Geheimniswelt aus tiefen grünen Schluchten und aus großer Höhe herabstürzender Wasserfällen. Der Bus, in dem ich saß, wurde auf dem nur teils asphaltierten Siddharta-Highway ordentlich durchgeschüttelt. Nach kurzweiliger Fahrt erreichte ich das steil in den Berghang gebaute Bergdorf Tansen, eine schöne Basis für einige Wanderungen der nächsten Tage. Der alte Mohan, der hiesige Tourismuschef, hieß mich gleich willkommen und versorgte mich mit Unterkunft, Kartenmaterial und allen nötigen Informationen. Während ich zu Mittag aß, beobachtete ich einen wunderschönen, fast handtellergroßen Schmetterlinge, der in nächster Nähe von Blüte zu Blüte flog.
Nach geruhsamer Mittagsruhe in meinem geräumigen Zimmer (zwei Betten, drei Sofas, vier Fenster, vier
Euro die Nacht) begab ich mich auf eine
erste kleine Wanderung und erklomm den nördlich von Tansen gelegenen Shreenagar Hill. Was ich von Anfang
an an diesem Ort genoss, ist das kühlere Klima. Ich bin hier über tausend Meter höher als Lumbini. Wieder ohne Ventilator schlafen können. Wieder schweißfrei spazieren können – was für eine Wohltat. Leider war inzwischen Nebel aufgezogen und versperrte mir die Aussicht. Ansonsten hätte ich vom Hügel aus bereits ein paar Achtausender gesehenen, allen voran das mächtige Annapurna Massiv (8091m) und den Dhaulagiri (8167m).
Stattdessen sah ich Nebelschwaden über die Hügel ziehen – aber auch das hatte seinen Reiz. Auf dem grünen Shreenagarhügel gibt es ein paar Sehenswürdigkeiten, darunter eine Buddhastatue, eine Statue von Hanuman, dem mutigen, affenartigen Begleiter Ramas aus der Ramayana, sowie einen halbfertigen Aussichtsturm, der ein bisschen an Mordor erinnert.
Oben am Hügel hatte ich ein amüsantes Gespräch mit einem jungen Mathematiklehrer der hiesigen Schule. Sein Englisch war eher dürftig, dafür war er umso redseliger und plauderte gute zwanzig Minuten lang mit expressiver Gestik vor sich hin, über Nepal, dessen böse Politiker, die schlechte Infrastruktur, etc. Mitunter zeigte er eine Neigung zum Philosophischen. „Nature is not man. Man is better. And better is bad. “ Das klang schon fast wie Kirilow in Dostojewskis Dämonen. Schön war auch die Entgegnung, als ich angab allein zu reisen. „That is good. Nature his way. Because alone we are bored (ich glaube, er meinte ‚born‘). And alone we go to dead.“ Das Verhältnis von Mathematik und Physik, kommentierte er damit, dass ersteres ‚imagination‘ und letzteres ‚proof‘ sei. Ich überlegte kurz, ob ich ihm die zu meinen Studienzeiten beleibte Metapher erläutern sollte, welche besagt, dass sich Physik zu Mathematik ebenso verhält, wie Sex zu Selbstbefriedigung, ließ es dann aber doch bleiben. Witzig war auch, dass mir dieser Mathematiker während seiner Ausführungen mindestens zehnmal die Hand schüttelte, ganz so, als ob er immer wieder unter Beweis stellen wollte, dass er dieser europäischen Begrüßungsformel auch mächtig sei. Ich verabschiedete mich mit einem ordentlichen Namaste plus Händefalten und wanderte weiter durch Nebelwälder.
Wenn man durch die steilen Straßen von Tansen wandert, wird man der allgemein vorherrschenden Freundlichkeit rasch gewahr. Die
Menschen lächeln einen an, die Kinder grüßen mit einem fröhlichen Namaste. Eine Weile lang saß ich noch auf der Dachterasse meines Hotels und tauschte Reiseerfahrungen mit einer alleinreisenden Dame aus Lyon aus. Auf dem Dach gegenüber versuchten zwei Kinder einen Drachen zum Fliegen zu bringen.

Morgen wage ich mich an eine
neunstündige Wanderung zu einem verlassenen Palast. Wenn mir das Wetter hold ist, kann ich vielleicht einen ersten Blick auf das Annapurna-Massiv erhaschen.
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