13 Wandern

September 28, 2014 at 4:06 pm (Indien&Nepal)

Schön ist es über Nepals grüne Hügel zu wandern. Üppige Vegetation, saubere Bäche, Wasserfälle, einen reißender Strom, winzige Dörfer und noch so viel mehr – all das sah ich heute. Ziel der Wanderung war das allmählich in sich zusammen fallende Barockschlösschen Ranighat, ein eher trauriger Ort inmitten wunderschöner Natur. Gegen halb sieben Uhr morgens ging der Marsch los. Durch noch dichten Nebel stieg ich steile Wälder hinab und gelangte bald in ein Talbecken, dessen taunasse Reisterrassen in der Morgensonne in funkelndem Hellgrün erstrahlten. Ich überquerte eine kleine Brücke und stieg einen grünen Grat empor. Immer wieder begegneten mir Einheimische. Mein Weg führte mich vorbei an einzelnen Bauernhäusern und winzigen Weilern. Es war jededmal das selbe schöne Spektakel. Die Kinder grüßen mich schon aus der Ferne mit einem enthusiastischen „Namaste! „, die Älteren erkundigen sich freundlich nach meinem Weg und vergewissern sich, dass ich weiß, wo es lang geht. Oft zögern die hiesigen Kinder auch nicht, ihre an der Schule frisch gelernten Englischkenntnisse an mir auszuprobieren und fragen nach meinem Woher und Wohin. Sie haben sichtlich Spaß dabei. Manch Jugendlicher, dem man auf dem Weg begegnet, erzählt stolz vom geplanten Bildungsweg, von Management-Schulen und Computer-Kursen. Über die Englischkenntnisse der Einheimischen, vor allem der Kinder, kann man nur staunen. Es herrscht hier eine Art von Bildungshunger, von Aufbruchsstimmung und Optimismus, wonach man in Europa lange suchen muss. In all den vielen Begegnungen des heutigen Tages, hat mich nicht ein einziger Mensch um Geld gebeten. Ich erfuhr Freundlickeit und Hilfsbereitschaft in Reinkultur. Ein paar Augenblicke Dorfidylle blieben mir besonders gegenwärtig: Das kleine Mädchen im roten Kleid, das am Brunnen Zinnkrüge putzt, der Junge, der mit dem Rindergespann die steile Bergwiese pflügt, die alte Frau mit dem Besen, die mich wissend anlächelt, als ich ihr ein Namaste zurufe. Schön waren auch die großen Bodhi- , Banyan- und Mangobäume, unter denen es sich so angenehm rasten lässt.

Gegen halb elf Uhr vormittags erreichte ich nach steilem Abstieg das Ufer des wasser reichen Kali Gandaki. Eine 222 Meter breite Hangebrücke (nur für Fußgänger, Autos kommen nicht einmal in die Nähe dieser Gegend) überspannt den reißenden Strom. Und wunderbar idyllisch am Ufer gelegen steht hier der Palast von Ranighat mit seiner traurigen Geschichte. Sein Erbauer, kunstbeflissen und politisch aktiv, wollte hier im Jahre 1896 ein Paradies für sich und seine Gattin schaffen. Britische Architekten aus Kalkutta wurden mit der Planung beauftragt. Keine Kosten wurden gescheut. Doch die Gattin starb. So wurde der Bau mehr zum Mausoleen, als zum Ort der Freude. Wegen politischer Intrigen in Katmandu kam es nun auch dazu, dass der unglückliche Erbauer ins indische Exil gehen musste. Der einstige Wubschtraum stand nun leer, wurde geplündert und schleichendem Verfall preisgegeben. Ein geradezu melancholisches Gefühl überkommt einen, wenn man durch die kühn geplanten Räume schleicht, auf den Balkonen die Aussicht betrachtet und aus dem runden Dachbodenfenster lugt.
Natürlich besuchte ich auch die nahe Hangebrücke, stand lange in ihrer Mitte und blickte hinüber auf Ranighat, hinauf zu den Hügeln und hinab in die reißende Strömung. Ich war ganz alleine hier. Wie viele Welten lagen doch zwischen diesem friedlichen Ort und dem Treiben von Delhi und Varanasi.

Der Rückweg führte mich durch ein grünes Tal und dann steil hinauf nach Tansen. In Wasserfällen und im sprudelnden Bach gönnte ich mir Kühlung. Einige Ziegenhirten, die ihre Herden talabwärts trieben, begegneten mir. Gegen Abend erreichte ich müde doch froh meine Herberge.
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