16 Fischschwanz

Oktober 1, 2014 at 4:25 pm (Indien&Nepal)

Ich erwachte, als die Stadt noch schlief, und begann den Tag mit einem Morgenspaziergang am Seeufer. Da sah ich zum ersten Mal klar und deutlich die schneebedeckten Achtausender leuchten, während die übrige Welt um mich noch im Schatten lag. Ursprünglich wollte ich den Vormittag auf einem Boot im See verbringen. Da der Paragleitbetrieb aber während der Feiertage eingestellt wird, beschloss ich dieses Wagnis gleich heute in Angriff zu nehmen. Gemeinsam mit den erfahrenen Gleitern von Sunrise Paragliding und sechs kichernden Chinesinnen fuhr ich in einem Jeep den Hügel von Sarangkot hinauf. Auf der Fahrt hatte ich besseren Blick auf die Berge als je zuvor. Dominiert wird das dramatische Panorama klar vom nur 6997 Meter hohen Machhapuchhare, der wie eine spitze Pyramide matterhornartig in die Höhe ragt. Dieser imposante Berg hat etwas, das ihn vor allen anderen Gipfeln Nepals auszeichnet: Er wurde noch nie bestiegen. Anscheinend weniger aus Gründen der Heiligkeit, sondern mehr aus dem Wunsch heraus, sich einen letzten jungfräulichen Berg zu bewahren, ist es per Gesetz verboten, den Machhapuchhare zu erklimmen. Der Boss von Sunrise Paragliding, ein sympathischer Nepali Anfang fünfzig, erzählte mir aber, dass es neulich erst dank extrem guter Thermik einem Paragleiter gelungen sei, nur einige hundert Meter unterhalb des Gipfels zwischenzulanden. Auf diese Weise wird der Machhapuchhare vielleicht in naher Zukunft zwar nicht bestiegen, doch zumindest erflogen werden. Eine der Chinesinnen fragte schließlich, welcher dieser vielen schneebedeckten Gipfel denn der „Himalaya“ sei. Facepalm.
Am Startplatz – einem steilen Hang nahe dem Gipfel des Sarangkot – herrschte reges Treiben. Alle zwei Minuten startete ein Tandemflug. Die professionellen Flieger sind keineswegs alle Nepalis. Anscheinend haben einige Europäer in Pokhara eine neue Heimat gefunden und verdienen sich ihr Geld mit Paragliding. Ich sah Briten, Franzosen und – am Akzent unverkennbar – einen Österreicher, mit dem ich vor dem Flug ein bisschen plauderte. Er komme aus Salzburg, lebe schon seit fünf Jahren in Pokhara und hege derzeit keine Ambitionien wieder zurück nach Hause zu gehen. Dazu sei das Leben in Pokhara einfach zu „geil“, die Leute zu nett. 
Nachdem die sechs Chinesinnen allesamt kreischend abgehoben waren, kam ich an die Reihe. Ich flog mit einem jungen, kompetenten Nepali namens Milan, der unter seinen Kollegen anscheinend recht angesehen war. Und schon ging es los. Ich war überrascht wie einfach und leicht Start und Landung waren. Der Flug selber bot wunderschöne Aussicht auf den See und die Berge. Auf der Suche nach der richtigen Thermik, die uns weiter nach oben trieb, folgten wir den Greifvögeln. Es war ein schönes Gefühl nur Meter neben sich einen Geier im selben thermischen Strudel gleiten zu sehen. Milan erzählte mir in der Luft einige Geschichten und nannte mir die sichtbaren Gipfel. Als ich angab, dass mein Magen es noch zuließ, machte Milan über dem See noch ein paar „acrobatics“ . Wir schlugen Loopings und drehten uns wild nach allen Seiten. Kinderleicht schien die Landung im nahen Feld.

Nach mittäglicher Rast bestieg ich gegen drei Uhr nachmittags ein Boot und paddelte allein mit einem Ruder in den See hinaus. Ich kam überraschend schnell voran. Zweimal links, zweimal rechts. Geht doch. Im Süden die Weltfriedenspagode, im Norden den Machhapuchhare und das Annapurnamassiv vor Augen war ich bald von weitem Wasser umgeben. Mein Boot, in dem locker acht Menschen Platz gehabt hätten, war sehr geräumig. Ich legte das Ruder weg, ließ Arme und Beine ins Wasser hängen oder stand auffrecht inmitten des Sees. Langsam senkte sich die Sonne und der Tag ging zu Ende. Kurz vor Sonnenuntergang erreichte ich das Ufer. Bei einem fruchtigen Smoothie saß ich dort noch lange und wusste nicht, wohin ich blicken sollte – nach Westen zur untergehenden Sonne oder nach Norden zur leuchtenden Spitze des Machhapuchhare.
Morgen werde ich den See umwandern.

Und falls sich jemand fragt, warum die Überschrift zu diesem Tag „Fischschwanz“ lautet, so sei noch schnell gesagt, dass dies die Übersetzung von Machhapuchhare ins Deutsche ist. So ein unpassender Name für so einen schönen Berg.
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