39 Darjeeling

Oktober 25, 2014 at 3:31 am (Indien&Nepal)

Früh morgens schlich ich aus meinem Hotel und wanderte durch leere Straßen. Ich folgte dem Hügelkamm in Richtung Norden zum Observatory Hill. Der Name trügt. Vom Hügel hat man keine Aussicht, wohl aber von der autofreien Straße, die ihn umrundet. Hier gibt es zahlreiche Aussichtspunkte. Hier erlebte ich einen der bisher schönsten Sonnenaufgänge dieser Reise. Hauptattraktion war dabei nicht die Sonne selbst, sondern Khangchendzonga und seine Nachbargipfel, eine hohe, zackige, weiß leuchtende Wand, die scheinbar sehr nahe dem Betrachter in die Höhe ragt. Zum ersten Mal ein Stück Himalaya ganz wolkenfrei und wunderschön. Der dritthöchste Punkt der Erde in voller Pracht.
Längst war ich nicht mehr der einzige an der Straße nördlich des Hügels. Viele Inder joggten an mir vorüber, machten Dehnübungen und andere Varianten des Morgensports. Plötzlich herrschte reges Treiben.
Ich flüchtete auf den Observatory Hill, der rein gar nichts mit Beobachtung zu tun, handelt es sich dabei doch um einen religiösen Ort. Der beschauliche Hügel verfügt über einen Shiva Tempel, eine kleine Höhle mit Schrein, viele Stupas und tausende dicht an dicht gespannte Gebetsfahnen. Hinduisten und Buddhisten ist der Ort heilig. Er ist außerdem Refugium für tausende Affen, die man in allen Richtungen sieht. Schilder warnen davor, sich nicht von ihnen bestehlen zu lassen. Schon so mancher Besucher hat wohl sein Smartphone an einen Affen verloren. Scheu haben die Tiere kaum. Einer drückte mich frech zur Seite, als ich ihm im Wege stand.
Da ich nicht schnell genug floh, fiel ich einem Sadu in die Hände, der mich einmal mehr mit Tika auf der Stirn, sowie mit rotem Band am rechten Handgelenk und zahlreichen Segnungen ausstattete, natürlich im Austausch gegen baksheesh.

Östlich des Hügels führt ein Pfad steil hinab zur Bhutia Busty Gompa, einem schönen tibetischen Tempel vor dem dramatischen Hintergrund Khangchendzongas. Im Inneren gibt es schön Wandmalereien. Unweit des Tempels ist eine von vielen Refugien für tibetische Flüchtlinge, die hier traditionelle Handwerkswaren herstellen (Teppiche, Holzschnitzereien, etc.)

Da ich allmählich hungrig wurde, erklomm ich den Hügelkamm und gönnte mir ein gutes Frühstück in Darjeeling, natürlich mit Tee. Danach schlenderte ich in Richtung Tiergarten. Dieser, anscheinend „one of the finest zoos in India“ ist, wie alle Zoos, ein eher trauriger Ort. Rastlos schreiten Tiger, Nebelleopard, Schakal und schwarzer Panther die Gitterstäbe, die ihre viel zu kleine Welt begrenzen, auf und ab – als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. Immerhin, der Zoo brüstet sich damit, erfolgreich seine Schneeleoparden- und rote Pandapopulation vermehrt und teilweise in freie Wildbahn entlassen zu haben. Am beeindruckendsten waren wohl die Tiger, deren schiere Größe staunen lässt.

Um einiges schöner und bewegender als den Zoo, empfand ich das auf dem selben Gelände platzierte Himalayan Mountaineering Institute, das sich in zwei Stockwerken zum Einen der faszinierenden Geographie des Himalaya, zum Anderen der heroischen Geschichte seiner Besteigung widmet. Wirklich gut gemacht. Auf einer großen dreidimensionalen Karte kann man per Lämpchen leicht die einzelnen Gipfel und Gewässer identifizieren. Das tibetische Plateau, die schiere Höhe von Himalaya und Karakorum – alles wird einem viel stärker bewusst. In der Historie der Besteigungen tauchen natürlich auch bekannte Namen wie Reinhold Messner und Hermann Buhl immer wieder auf. Hauptaugenmerk ist allerdings die Erstbesteigung des Mount Everest – nicht zuletzt weil einer der Mitbegründer des Museums kein geringer war als Tenzing Norgay, der viele Jahre lang in Darjeeling lebte. Vor dem Museum zeigt seine Statue den heroischen Moment von 1953. Daneben ist die Plattform, auf der sein Körper verbrannt wurde. Viele Bilder dokumentieren das Leben dieses anscheinend überaus sympathischen Sherpas.

Vom Zoogelände ist es nicht weit bis zum Rangit Valley Ropeway. Diese etwas ineffiziente Seilbahn (nur acht kleine Gondeln zwischen denen je über hunderte Meter Abstand ist ?) führt weit hinab, hoch über schöne Teegärten hinweg, in ein kleines Dorf. Die gewohnte Ausrichtung einer Seilbahn ist hier invertiert. Die Zivilisation ist oben und nicht unten. Jedenfalls war die Aussicht von der Gondel auf die grünen Täler wunderschön. Das Dorf am Fuße der Seilbahn ist winzig. Es gibt eine Kirche und ein paar Häuser, keine richtige Zufahrtsstraße, nichts, was die Existenz der Seilbahn funktional rechtfertigen würde. Fast alle Besucher fahren herab und gleich wieder hinauf. Ich blieb eine Weile, verfolgte einen schwarzen Ziegenbock  durch Teegärten und aß in einem kleinen Restaurant zu Mittag.
Wieder oben angelangt folgte ich der Straße in Richtung Darjeeling. Ich kam an einem riesigen palastartigen Gebäude mit blitzsauberem Swimming Pool vorüber. Die ganze Anlage war menschenleer. Es handelte sich um kein Luxushotel, auch um keine Residenz der Reichen und Mächtigen, sondern um ein renommiertes Jesuitengymnasium. Dieses und bis zu vier weitere katholische Bildungseinrichtungen in der nahen Umgebung sind wohl Mitursache für den relativ hohen Prozentsatz an Christen in der Region. Es gibt zahlreiche Kirchen und sogar Mariendenkmäler am Wegesrand. Unweit daneben findet man dann wieder Shiva und Vishnu. Welch ein Kontrast.

Ich verließ die Straße und stieg einen schönen Tiergarten hinab zum Happy Valley Tea Estate, dessen Produkte zum Teil im Harrod’s in London landen. An anderen Tagen kann man hier auf einer Gratis-Führung die diversen Schritte der Teeproduktion studieren, heute war wegen Diwali geschlossen.

Vom Feiertagstreiben bekam ich auch bei meiner anschließenden Wanderung steil hinauf durch ein eher ärmlicheres Viertel einiges mit. Wie in Nepal beim Dasain Fest vergnügt sich auch hier die ganze Familie am Feiertag beim Glücksspiel, ob mit Karten, beim  Steinchenwerfen, beim Brettspiel oder bei einer Art Gruppen-Sudoku. Irritierend war nur jenes Haus, vor dem nicht gespielt wurde, doch dafür ein Bibelspruch auf dem Vordach verkündete, dass kein anderer Glaube zum Segen führte. Seufz.

Ich beendete das Sight Seeing des Tages mit einem Spaziergang im steilen botanischen Garten. Einige Locals spielten westliche Lieder auf der Gitarre. Abends gab’s gute bengalische Küche in Darjeeling.

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