42 Kalimpong II

Oktober 28, 2014 at 2:02 pm (Indien&Nepal)

Da ich am Morgen keinen Jeep nach Algarah zu den Ruinen fand, ließ ich mich stattdessen auf den etwa zehn Kilometer weit entfernten Deolo Hügel bringen. Vom grünen, blumenreichen Park am Hügel mit seinen vielen kleinen Pavillons hat man eine fantastische Aussicht zur Himalayakette im Norden. Weit unter sich sieht man den Grenzfluss nach Sikkim und die Brücke, die ich wohl morgen überqueren werde. Die Hügel im Osten markieren die nahe Grenze zum Königreich Buthan. Etwas nördlich davon liegt das Dreiländereck Indien-Buthan-China.
Bei dieser Aussicht saß ich lange am grünen Hügel, sah wie Khangchengdzonga sich hinter Wolken versteckte und wieder sichtbar wurde und las von der großen Schlacht um Lanka im Ramayana Epos. Was für ein unerwartetes Lesevergnügen. Die Dynamik, die diesem Werk innewohnt, erstaunt mich immer noch. Es würde mich sehr wundern, wenn Tolkien für seine Schlacht um Minas Tirith nicht wesentlich von der Ramayana inspiriert worden ist. Dasselbe Spiel von Aussichtslosigkeit und Hoffnung, von bitterer Enttäuschung und unerwarteter Wendung findet man in beiden Werken. Im Unterschied zu Tolkien wird in der Ramayana auch die Seite der Verlierer näher charakterisiert. Ravana, der nach und nach alles um sich sterben sieht und selbst die Schuld daran trägt, erinnert stark an den Macbeth des fünften Akts. Die Schlacht ist geschlagen, Ravana gefallen, Rama und Sita wieder vereint. Es fehlen nur noch ein paar Seiten. Als nächstes werde ich mich wohl dem zweiten großen indischen Epos widmen. Die Mahabharata ist schon auf meinem Kindle.

Vom Hügel aus abwärts schlendernd, lockte mich an der ersten Abzweigung ein Schild, das zu Speis und Trank einlud. Ich erreichte ein kleines, modernes Hotel. Der überaus nette Besitzer hieß mich herzlich willkommen. Obwohl ich nur für etwa drei Euro zu Mittag aß und dabei die herrliche Aussicht von der Dachterrasse genoss, zeigte mir der Mann nach gutem Chowmein  und Vanillepudding stolz sein ganzes Hotel, das erst seit einem Monat geöffnet hatte. Er erklärte mir die Hügel und Täler von Sikkim, zeigte mir die modern eingerichteten Zimmer und ein paar nette Aussichtspunkte in der Umgebung. Zu Österreich fiel ihm zweierlei ein: „The Sound of Music“ (Seufz) und Jörg Haider! (Mit Rechtsextremismus erlangt  man anscheinend bis ins nördliche Westbengalen Bekanntheit.)

Der stolze Hotelbesitzer zeigte mir noch einen weiteren Aussichtspunkt und ließ mich dort lesend zurück. Zuvor versprach ich noch, ein paar lobende Zeilen auf seiner Hotel-Homepage und auf Tripadviser zu schreiben. Dies schien ihm viel Wert zu sein.

Nach einer weiteren Ramayana-Stunde spazierte ich weiter abwärts. Es gab auch die Möglichkeit vom Hügel per Tandem-Paragliding zurück nach Kalimpong zu gelangen, aber heute war mir mehr nach Spaziergang.

Auf einer kleinen Anhöhe am  Wegesrand stieß ich wenig später auf ein großes, christliches Kreuz. Darunter, gegen das Kreuz gelehnt, saßen drei alte Inder (mindestens sechzig) und rauchten vergnügt Marihuana. Ich plauderte ein bisschen mit ihnen und setzte meinen Weg fort.

Bald erreichte ich Dr Graham’s Home, ein über hundert Jahre altes, christliches Internat und Weisenhaus. Gegründet von einem schottischen Missionar, wurde hier ein Stück Schottland geschaffen. Vor allem die gotische Kapelle und die Sauberkeit der ganzen Anlage lassen vergessen, dass man in Indien ist. Umgeben von hunderten meist ballspielenden Schülern in netten Uniformen durchquerte ich den waldreichen  Campus und erreichte bald die steilen Außenviertel von Kalimpong. Hier rastete ich noch eine Weile auf dem grünen Gelände eines buddhistischen Klosters. Abends gab’s gutes Paneer in Kalimpong.

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