46 Namchi

November 4, 2014 at 9:41 am (Indien&Nepal)

Mein bisher schönster Tag in Sikkim begann früh. Nach ungestörter Nachtruhe im stillen Dorf verließ ich meine Unterkunft noch vor Sonnenaufgang und erklomm abermals die Stufen hinauf zur buddhistischen Gompa, die ich schon von gestern kannte. Doch nun war alles anders. Wolken und Nebel waren fort und ich genoss wunderbare Sicht auf das Khangchengdzongamassiv. So nah war ich den schneebedeckten Gipfeln noch nie. Nach und wurden die weißen Spitzen vom Licht der Sonne berührt. Atmosphärisch untermalt wurde diese monumentale Naturkulisse vom Singsang der Mönche in der nahen Gompa. Nun erst sah ich die zweiundvierzig Meter hohe Buddhastatue des nahen, brandneuen Sakyamuni Komplexes. Am Vortag hatte der Nebel sie verborgen. Das Tor war noch geschlossen, die Statue noch im Schatten. Ich würde den Hügel wohl heute noch einmal erklimmen. Zuvor galt es aber, noch andere Riesenstatuen zu besuchen.

Nach gutem Frühstück in Ravangla, nahm ich mir einen Jeep ins nahe Namchi. Schon auf der Fahrt sah ich den Riesenshiva von Char Dham auf seinem Hügel. Zuerst aber ließ ich mich von einem freundlichen Taxifahrer nach Samdruptse bringen. Hier, auf dem Gipfel eines bewaldeten Hügels, blickt die 45 Meter hohe Statue des buddhistischen Gurus Padmasanbhava strengen Blickes nach Süden. Beieindruckend. Man kann die Statue betreten und bis zu ihren im Schneidersitz verschränkten Beinen emporklettern. Hinzu kommt wunderbare Aussicht in tiefe grüne Täler. Irgendwo auf einem Hügel im Süden vermutete ich Darjeeling. Schon von dort hatte ich diese riesenhafte Statue am Horizont gesehen.
Bevor wir weiter zum hinduistischen Tempelkomplex von Char Dham fuhren, lud mich mein Taxifahrer auf eine Tasse Tee ein. Wir plauderten ein bisschen über Sikkim. Sein Heimatdorf lag im Norden. Ich beklagte, dass es als alleinreisender Tourist unmöglich war, dort hinzukommen. „It’s near border, you know. Very sensitive.“

Char Dham liegt auf der anderen Seite von Namchi und zieht hinduistische Pilger aus ganz Indien an. Hier befindet sich nicht nur eine imposante, dreiunddreißig Meter hohe Shiva Statue. Vor Shivas finsterem Blick erstreckt sich eine ganze Tempellandschaft mit Nachbildungen der wichtigsten hinduistischen Tempel des Subkontinents. Beeindruckend und farbenfroh. Am Schönsten fand ich die kunstvollen Reliefs im Innern der Shivastatue. Sie zeigen Szenen aus verschiedenen Legenden rund um den Zerstörergott, der hier klar mächtiger gesehen wird als Brahma und Vishnu. Man sieht Szenen seiner Hochzeit mit Parvati, einer Begegnung mit Rama, Shiva beim Niederbrennen ganzer Städte und – ein Highlight – „Shiva and Vishnu doing water sports“, ein riesiges Relief, das beide Götter beim fröhlichen Spiel im Wasser zeigt.

Zurück in Namchi aß ich ein paar Momos und trat dann die einstündige Jeepfahrt zurück nach Ravangla an. Hier stand ich wenig später wieder bei der nun schon sehr vertrauten Gompa. Immer noch sangen die Mönche. Ich schritt durchs Tor der weitläufigen Sakyamuni Anlage mit ihrem riesenhaften Buddha, der klar beindruckendsten der drei Riesenstatuen des heutigen Tages, vor allem wegen ihrem architektonisch reizvollen Innenleben. Schmale Gänge winden sich hinauf, während schöne, künstlerisch hochwertige Wandmalereien vom Leben des Sakyamuni berichten. Allen Sehenswürdigkeiten des heutige Tages ist übrigens gemein, dass keine älter als zehn Jahre ist. Angesichts des Elends in anderen Teilen Indiens eine riesige Geldverschwendung. Sikkim kann es sich leisten. Und das Geld für die buddhistischen Bauten kommt wohl sowieso nicht aus Indien. Immerhin: der Reisende verharrt staunend. 

Ich verbrachte den Spätnachmittag lesend auf dem grünen Gelände zwischen Buddhas Füßen und einem großen Springbrunnen. Eben betrat Krishna das Geschehen. Die Mahabharata ist wahrlich ein Lesevergnügen.

Abends besuchte ich noch das einzige Internetcafé des Ortes und erfuhr, dass meine Inszenierung der Antigone den Tiroler Volkdbühnenpreis gewonnen hat. Was will man mehr? Ein schöner Tag ging zu Ende.

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