47 Pelling

November 6, 2014 at 9:41 am (Indien&Nepal)

Nach einem Frühstück mit tibetischem Brot in Ravangla verbrachte ich den Vormittag großteils in Jeeps. In drei Etappen gelangte ich durch wunderschöne Landschaft nach Pelling. Wie üblich galt es jedes Mal zu warten, bis der Jeep voll wahr. Mitsant dem Fahrer quetscht man stets elf Erwachsene und ev. noch ein paar Kinder in so ein Fahrzeug. An der Ausschmückung des Jeeps lässt sich immer gleich die Religion des Fahrers ablesen. Buddhistische Jeeps haben ein Mantra auf der Windschutzscheibe. Davor steht dann meist eine kleine Buddhaskulptur flankiert von einer Mini-Gebetsmühle und einem vielarmigen Bodhisatwa. Auf christlichen Jeeps stehen meist lustige Sachen wie „Lovely Jesus“ oder „Jesus love you“ (Ich glaube, da fehlt ein „s“). Hinter der Windschutzscheibe baumelt ein Kreuz. Mein gestriger Taxifahrer war Hindu. Eine kleine Ganeshaskulptur verriet ihn. Der geruhsame elefantenhäuptige Gott scheint bei Autofahrern recht beliebt zu sein. Sähe  ich seinen Vater Shiva hinter der Windschutzscheibe, würde ich mir das Einsteigen wohl noch einmal überlegen. Ein Zerstörer- und Todesgott hinter der Windschutzscheibe sagt nichts Gutes über die Mentalität des Fahrers aus.

Mit dem ersten Jeep des Tages gelangte ich von Ravangla nach Legship. Während ich noch über die traurige Selbstverständlichkeit nachdachte, mit der ein Mädchen neben mir, ihre leere Kekspackung hinaus auf die Straße warf, platzte ein Reifen. Wir stürzen nicht in den Abgrund, nur fast. Der Reifen war schnell ausgewechselt und die Fahrt ging weiter. Während wir in Legship auf die Abfahrt des nächsten Jeeps warteten, lud mich ein netter Typ aus der Gegend auf eine Tasse Tee ein. Wir plauderten über die Berge. Er kam ursprünglich aus Nepal. Und weiter ging die Fahrt nach Geyzing. Von dort brachte mich ein dritter Jeep nach  Pelling. Diese letzte Etappe verbrachte ich eher am Jeep dranhängend als drinsitzend. Hat Spaß gemacht.
Schnell war ein nettes Hotel gefunden und ich begann die Gegend zu erkunden.

Unweit von Pelling, auf etwa 2100 Meter, liegt das abgeschiedene Kloster von Pemayangste. Viele Mönche leben hier. Eben waren einige Umbauarbeiten im Gange. Buddhistische Mönchsroben und Bauwerkzeuge sind eine seltsame Kombination. Die ersten zwei Stockwerke des Klostergebäudes waren nicht weiter aufregend. Buddhas, Bodhisatwas, das übliche. Doch dann, im hölzernen Dachgeschoss, stieß auf etwas Außergewöhnliches. Fotografieren war nicht erlaubt und mir fehlt das rechte Vokabular dieses Ding zu beschreiben. Jedenfalls meine ich, nicht zu übertreiben, wenn ich sage, dass es eines der schönsten von einem einzelnen Künstler geschaffen Werke ist, das ich je betrachtet habe. Noch in keinem Museum habe ich vergleichbares gesehen. Fast sein ganzes Leben lang arbeitete ein 1980 verstorbener Mönch an diesem vier Meter hohen Ding, schnitze und bemalte es in tausendfältigem Detailreichtum. Man kann es tagelang umkreisen und immer noch Neues entdecken. Halb Berg, halb Wagen, mit hunderten Höhlen, Türmen und Kammern mit tausenden Figuren aus buddhistischer Sagenwelt hat mich dieses Kunstwerk restlos begeistert. Fast eine Stunde verbrachte ich allein in diesem Raum. Die metaphysische Komponente interessiert mich nicht. Ich spreche hier von der reinen Ästhetik der Farben, der Formen, und der Geschichten. Um es noch einmal zu sagen: Das Pema Thaway Shimkhang von Serdup Dungzin Jigme Wangchuk Rinpoche in der Pemayangste Gompa nahe Pelling ist eines der schönsten von Menschenhand geschaffen Werke der bildenden Künste, das ich in meinem bisherigen Leben sehen durfte (und ich habe schon einiges gesehen). Kommt nach Sikkim, Leute, sonst ist es zu spät. Es braucht nur einen Blitz, der in das Kloster einschlägt, und alles ist verbrannt.

Unterhalb des Klosters führt ein beschaulicher Waldweg mit amüsanter Beschilderung der Archeological Survey of India zu den Ruinen von Rabendtse, der alten Hauptstadt Sikkims. Diese war 1814 in einem nepalesischen Überraschungsangriff dem Erdboden gleichgemacht worden. Viel ist tatsächlich nicht übrig. Nadelbäume wachsen auf atmosphärischen Ruinen aus Stein. Das schönste an Rabendtse ist die Aussicht. Man blickt weit über die grünen Hügel und tiefen Täler im Norden, Osten und Süden. Ravangla scheint angesichts der langen Jeepfahrt des Vormittags unverschämt nah. Im Südosten kann man die große Shiva Statue von Namchi erkennen. Im Norden sah ich das kleine Tashiding, das ich in ein paar Tagen von Yuksom erwandern würde. Die löchrige Wolkendecke erzeugte ein sonderbares Spiel von Licht über der Landschaft.

Durch kühlen Nadelwald stieg ich zurück hinauf nach Pelling. Auf dem Weg machte ich in der kleinen Lotosbäckerei am Straßenrand halt und genoss Tee und Kuchen. Die Einkünfte der Bäckerei gehen direkt an ein Waisenhaus.

Der Abend im kleinen, charmanten Pelling schenkte mir noch ein schönes Naturschauspiel. Die Wolkendecke lichtete sich und ich sah alle Gipfel des Khangchengdzongamassivs. Schnee und Felsen färbten sich orange und rot im Licht des Sonnenuntergangs.

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