54 Kolkata I

November 10, 2014 at 3:08 am (Indien&Nepal)

Als ich in meiner Koje zu mir kam, ging eben die Sonne auf. Der Zug fuhr noch. Da die Planankunft halb fünf Uhr morgens gewesen wäre, hieß dies, dass wir Verspätung hatten. Inzwischen war der Waggon halbleer geworden. Ich genoss es einmal mehr, zähneputzend in der offenen Zugtür zu stehen und die Landschaft vorbeiflitzen zu sehen. Die Sonne schien mir ins Gesicht. Wir fuhren immer noch nach Süden. Plötzlich war unter mir ein breiter Fluss. Den Ganges hatten wir schon viel weiter im Norden überquert, in tiefer Nacht. Der war auf diesen Breiten längst in Bangladesch. Dies musste der Hooghly sein. Kolkata war wohl nicht mehr weit.
Die Landschaft wurde allmählich urbaner. Immer wieder hielt der Zug. Es war interessant auf diese Weise, aus dem halbleeren Waggon, das Vorortleben zu studieren.  Erst kurz nach acht Uhr morgens erreichten wir Sealdah, einen der drei großen Bahnhöfe der Stadt. Der Testa Torsa Express hatte nach sechzehnstündiger Fahrt also gerade einmal dreieinhalb Stunden Verspätung. Dies störte mich nicht im Geringsten, war acht Uhr doch eine weitaus bequemere Ankunftszeit als vier Uhr dreißig.
Nach sieben Stunden im Bus und sechzehn Stunden im Zug hatte ich Lust auf ein bisschen Bewegung. Ich ließ alle Taxi- und Rikshafahrer links liegen und bahnte mir mit Kompass und Karte selbst meinen Weg durch das chaotische Treiben der morgendlichen Gassen zum Hotel meiner Wahl. Nach einer halben Stunde war ich da.

Schon bald zog es mich wieder hinaus. Es galt eine Millionenstadt, die zweitgrößte Indiens, zu erkunden. Zu den ersten Beobachtungen gehörten, dass hier alle Taxis gelb sind und dass es hier noch viele klassische Rikshas gibt, bei denen der Lenker nicht in die Pedale tritt, sondern auf Schusters Rappen läuft und zieht. In Delhi oder Varanasi sah ich diese Variante nicht. Mit seinen Bürgersteigen und Fußgängerampeln wirkt Kolkata dabei um einiges urbaner als Dehli.

Mein Weg führte mich bald auf den Maidan, eine riesige Grasfläche zwischen Zentrum und Hooghly, einst und teils immer noch militärische Sperrzone. Der Maidan ist eine Art Freizeitzone für die Bevölkerung von Kolkata – und doch kommt kein Park-Feeling auf. Im Schatten der Bäume am Rand eines Wasserreservoirs ruhten Menschen im Elend. Die Leute baden im Becken, in dem wenige Meter daneben andere ihre Notdurft verrichten. Sterbende Hunde und hungernde Menschen säumen den Weg. Weiter im Innern des Maidan nutzen zahlreiche Hirten den Park als Weidefläche für ihre Ziegenherden. Gleich neben den Ziegen (und ihnen irgendwie ähnlich) exerzieren Soldaten in Reih und Glied. Pferde traben reiterlos über das Feld. Im Westen sieht die hohen Pfeiler der Vidyasagar Setu-brücke hinter den Bäumen. Und im Süden erhebt sich in monumentaler Manier das Victoria Memorial, dem ich Schritt für Schritt näher kam. Lonely Planet beschreibt den Bau treffend als Hybrid von US-Congress und Taj Mahal. Der ganze Stolz und Prunk des britischen Imperiums steckt in diesem Gebäude, dem Denkmal der Jahrhundertkönigin Victoria. Ein Vierteljahrhundert nach Fertigstellung stand es in einem Land, das mit Britannien nichts mehr zu tun hatte. Irgendwie amüsant. Im Unterschied zu manch anderen Bauten der Briten wurde das Memorial aber nicht dem Verfall überlassen. Dazu ist es einfach zu schön, zu monumental. Gehegt und gepflegt in brunnenreicher Parkanlage erstrahlt das Bauwerk wie zu britischen Zeiten und erinnert an die sittenstrenge Monarchin. Die Deckenfresken in der Kuppel zeigen Stationen ihres Lebens, Statuen lassen sie streng in alle Richtungen blicken. Zahlreiche große Wasserbecken erlauben das Memorial samt Spiegelung zu sehen, ähnlich wie beim Taj.

Auch von Innen ist der Bau sehr sehenswert. Mehrere Ausstellungen zeigen Interessantes, etwa die frühen naturalistischen Darstellungen indischer Gegenden, Tempel und Burgen von britischen Landschaftsmalern, die im achtzehnten Jahrhundert den ganzen Subkontinent bereisten und seine Schätze portraitierten. Auch die Ausstellung zur Geschichte der Stadt, gegründet 1690 von Job Charnock, Händler der East India Company, ist sehr sehenswert. Vor den Briten waren übrigens schon die Portugiesen, die Holländer und die Armenier (!) in der Gegend gewesen und hatten Handelsniederlassungen gegründet, keine so erfolgreich wie Kolkata.  Die Ausstellung legt viel Gewicht auf das geistige Leben der Stadt. In der Tat scheint die bengalische Sprache sehr literaturaffin zu sein und hat mit der Zeit einige große Dichter und Denker zum Schreiben verleitet, allen voran Kolkatas berühmtesten Sohn Rabindranath Tagore. Aber auch schon im neunzehnten Jahrhundert gab es hier eine ganze Generation von bengalischen Humanisten und Aufklärern, die Ost mit West verbanden, Bildung verbreiten, Witwenverbrennungen bekämpften und vor allem die Keimzelle der starken bengalischen Unabhängigkeitsbewegung waren. Mit Freude erfuhr ich, dass hierbei auch das Theater in bengalischer Sprache eine Rolle gespielt hat. Doch eben die lang ersehnte Unabhängigkeit und die daraus resultierende bedauernswerte Teilung des Landes versetzte Kolkata einen Dolchstoß, von dem es sich bis heute nicht erholt hat. Wenn man einer Millionenstadt von einem Tag zum anderen fast ihr ganzes Hinterland wegnimmt (das heutige Bangladesch) und dabei zusätzlich ihre Einwohnerzahl beinahe verdoppelt, dann ist das Elend vorprogrammiert.

Eine dritte Ausstellung im Victoria Memorial widmet sich dem Leben von Exilindern in den USA. Ich erfuhr, dass es dort Indern und anderen nicht weißen Einwanderern bis in die späten dreißiger Jahre nicht möglich war, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Als ein Punjabi Sikh und Kriegsveteran in den Zwanzigern klagte und das Argument brachte, dass er als Nordinder sehrwohl indogermanischen Ursprungs sei und daher unter die Kategorie „caucasian“ falle, verengte der Supreme Court den Gesetzestext auf „white“.

Gleich neben dem Memorial steht die imposante St. Paul ’s Cathedral. Der auffallendste Unterschied zu europäischen Kirchen sind die vielen Deckenventilatoren.

Kurz nach Mittag besuchte ich dann das nahe Birla Planetarium und dachte dabei an meinen letzten Planetariumsbesuch vor neun Monaten in der wunderbaren Academy of Sciences in San Francisco. Die Show in Kolkata war etwa hundertmal schlechter. Statt den großen Rätseln des Kosmos gab’s Kindergartenastronomie. Der Sprecher hatte dabei derart starken Akzent, dass sein Englisch kaum verstehbar war. Am liebsten hätte ich ihm das Mikro aus der Hand gerissen und es selber gemacht.  Erfreulich war aber der große Andrang indischer Besucher. Die sieben täglichen Vorführungen, abwechselnd in Bengali, Hindi und Englisch, scheinen allesamt gut besucht. 

Nach einem kurzen Abstecher in den eher unspektakulären Aurobindo Bhawan erreichte den wunderbaren South Park Street Cemetery, einen der beschaulichsten Friedhöfe, die ich je gesehen habe. Die Gräber sind hauptsächlich aus der Zeit Mitte achtzehntes bis Mitte neunzehntes Jahrhundert und bergen die Überreste der britische Oberschicht jener Jahre. Interessant ist das weitgehende Fehlen christlicher Symbolik. Die Gräber sind hauptsächlich hohe Obelisken, steinerne Pavillons, riesige Sarkophage auf steinernen Plattformen und betretbare Mausoleen. Schlichte englische Aufschriften erinnern an die Verstorbenen. Mit seinen wuchernden Bäumen und hunderten Nebelkrähen, deren Rufe beständig über den Friedhof schallen, ist es der perfekte Ort, um einen schaurigschönen Film zu drehen. Gleichzeitig scheint der alte britische Friedhof auch beliebter Treffpunkt indischer Pärchen zu sein, da man sich hier ungestört küssen kann.

Ein Stück weiter nördlich fand ich schließlich das Gebäude, in dem Mutter Teresa lebte, wirkte und starb. Ihre Ordensschwestern hausen immer noch hier. Ein kleines Museum mit vielen fragwürdigen Zitaten beleuchtet das Leben der glühenden Katholikin aus Skopje. Es ist klar, dass durch das Wirken der Friedensnobelpreisträgerin Zehntausenden Menschen in Kolkata geholfen wurde und das sie Inspiration, Trost und Stütze für noch viel mehr Menschen war. Dennoch darf man nicht zu unkritisch sein. Oft scheint die Konversion zum Katholizismus Bedingung für Hilfeleistung gewesen zu sein. Außerdem scheint das Ideal der Armut im Werken Teresas derart idealisiert worden zu sein, dass mancher Weg zur Lebenserleichterung vieler absichtlich nicht gewählt wurde. Neben dem Museum sieht man das kleine Zimmer, in dem Schwester Teresa viele Jahre lang lebte und starb. Ihr Grab ist auch hier. Viele christliche Pilger besuchten eben den Ort. Einer schien großen Wert darauf zu legen, auszusehen wie Jesus. Ein paar Ordensschwestern beteten Rosenkränze am Grab. Letztlich ist einer der Hauptpunkte, der mich an diesem Ort störte, jener, dass an allen Wänden und Schildern und in jedem Zitat Teresas suggeriert wird, dass nur der Glaube dazu fähig mache, anderen Menschen Mitgefühl, Beistand und  Hilfe zu zollen. Dagegen sträube ich mich zutiefst. Moralität ist (wie Dawkins, Pinker oder Schmidt-Salomon nicht müde werden, zu schreiben) nun einmal nicht an Religion gebunden, sondern besteht auch ohne.
Vorbei am Fleischmarkt (Ich sah ein Hirn voller Fliegen) erreichte ich mein Hotel. Abends gönnte ich mir ruhi kalia und doi begun mit Reis, gefolgt von süßem mishti dhoi und rasgulla, allesamt Spezialitäten der bengalischen Küche. Was für ein Tag!

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