55 Kolkata II

November 11, 2014 at 3:44 am (Indien&Nepal)

Früh auf die Straßen hinaustretend passierte ich den alten Uhrturm von New Market und erreichte kurz darauf eines von vielen verbliebenen Prunkgebäuden aus britischer Zeit, das beeindruckende Metropolitan Building, das im Kontrast mit dem halbverfallenen Bau gleich daneben noch imposanter wirkt. Nahebei ist die Tippu Sultan Moschee mit ihren vielen kleinen Türmen. Vorbei an einem Lenin- Denkmal und einem 48 Meter hohen Turm, der an den Sieg der Briten über Nepal von 1814 erinnert, erreichte ich den Regierungssitz von Raj Bhavan, der wie das Weiße Haus in Washington aussieht. Kontrastreicher kann ein Morgenspaziergang kaum sein.

Ich rastete im grünen Hof der kleinen Johanneskirche, auf deren Gelände auch das Mausoleum von Job Charnock, dem Gründer Kolkatas, zu finden ist. Gleich daneben erinnert das Black Hole Memorial an die Tragödie von 1756, als ein Moghulensultan die noch kleine Stadt eroberte und britische Aristokraten zuhauf in eine luftarme Zelle sperren ließ, sodass über Nacht an die vierzig von ihnen erstickten.

Vorbei am imposanten Gebäude des High Court erreichte ich das Ufer des Hooghly und nahm mir eine Fähre ans andere Ufer zum großen Bahnhof von Howrah, von wo ich morgen Abend abreisen würde. Die Fährfahrt bot freie Sicht auf die imposante, über siebenhundert Meter lange Howrah Brücke. Der Hooghly selbst ist extrem verdreckt. Der Müll sammelt sich in kleinen Inseln, die träge an mir vorbei in Richtung Ozean trieben. Dennoch sah ich hunderte Inder an beiden Ufern im Fluss baden.

Am großen Bahnhof von Howrah gönnte ich mir ein Frühstück mit gutem Ananaslassi und nahm dann eine weitere Fähre weiter stromaufwärts nach Bagbazar. Von hier wollte ich zu Fuß zurück ins Zentrum gelangen. Ich passierte das Viertel von Kumartuli, in dem dutzende Handwerksläden dicht an dicht an denselben Produkten arbeiten: den Abbildern und Skulpturen verschiedener Figuren der hinduistischen Götterwelt. Man kann dabei zusehen, wie auf die teils lebensgroßen Figuren auf Pappbasis Lehm aufgetragen wird, auf den später Farbe kommt. Überall liegen Torsos, Arme und Köpfe herum. Nach den vielen Skulpturen von Shiva, Vishnu, Parvati und Co herrscht große Nachfrage, ist es doch essentiell für viele Familien diese zu religiösen Festen in den Hooghly zu tauchen.
Unheimlich wirkte die Müllhalde missglückter Figuren. Arme und Gesichter ragen aus dem Schutt heraus.

Ein kurzer Spaziergang nach Süden brachte mich zu einem Highlight des heutigen Tages, dem Haus von Rabindranath Tagore, Literat, Humanist, Maler, Stückeschreiber, Schauspieler, etc. Zu Beginn meiner Reise hatte ich mit Begeisterung sein Gitanjali gelesen. Dazu liest man auf einer Tafel im Museum: „1911 übersetzte Rabindranath ein paar seiner Gedichte ins Englische. Die Europäer waren davon so gerührt, dass sie ihm ein Jahr später den Nobelpreis für Literatur gaben.“ Man muss Bengali lernen, um das umfangreiche Werk Tagores nur annähernd erfassen zu können. Vielleicht sollte ich einmal eines seiner Theaterstücke inszenieren. Im Museum sah ich viele Fotos, die Rabindranath gemeinsam mit Intellektuellen aller Welt zeigen, unter anderen auch mit Albert Einstein oder Gandhi. Mit seinem langen weißen Haar und Rauschebart war Rabindranath auch rein optisch eine imposante Erscheinung. Wunderschöne Zitate aus seinem Werk zieren die Wände des Raums, in dem er 1951starb. „And my parting word shall be: In this playhouse of infinite forms, I had my play.“

Unweit südlich stößt man in einer Seitenstraße auf den „Marmorpalast“, ein imposanter Prunkbau eines einstigen Rajas. Das Gebäude ist extrem schwer zu besichtigen, benötigt man dazu doch die schriftliche Erlaubnis des Tourismusbüros, die zwei Tage im Vorhinein zu besorgen ist. Da Palast und Büro aber auch an manchen Tagen geschlossen haben, klappt dies logistisch nur, wenn man (Vorraussetzung drei Tage Aufenthalt)  an Dienstagen oder Donnerstagen in Kolkata ankommt. Auch ein Foto von außerhalb des Tores war nicht möglich, da der alte Wächter mit seinem Speer etwas dagegen hatte.

Ich schritt weiter nach Süden, passierte die beachtliche Nakhoda Moschee und tauchte ein ins arme Viertel, das einstmals Chinatown war. Chinesen gibt es hier kaum mehr. Die flohen allesamt während des sino-indischen Kriegs von 1962. Das Viertel ist heute klar in muslimischer Hand. Nur die Architektur erinnert teils noch an China. In den engen Gassen sieht man viele Muslime beim Verkauf aller möglichen Dinge. Holz, abgehackte Tierhufe, Ziegenköpfe, Fisch. Erstaunlich, dass man den Menschen hier ihre Religion  auf den ersten Blick ansieht. Kaum ein Muslim ohne Vollbart und Haube, kein Sikh ohne Turban. Vor allem hier in Chinatown fiel mir dies einmal mehr auf. Ich ging weiter. Ein einstmals in den zwanziger Jahren berühmtes chinesisches Restaurant, das Nangking, ist heute Ruine und Müllhalde. Arme Kinder und Hunde durchsuchen die Müllhaufen nach Essensresten. Ein trauriger Anblick. Nur ein paar Meter weiter steht man wieder vor britischem Kolonialprunk.

Ein solcher Prunkbau ist das heutige Indian Museum. Mehr als die Hälfte aller Ausstellungungsräume war zur Zeit meines Besuches geschlossen. Dennoch gab es viel zu sehen. Der  Archäologieflügel glänzt mit vielen schönen Statuen aus der langen Geschichte Indiens, ist aber bei weitem nicht so gut strukturiert und informativ wie das Nationalmuseum in Delhi. Der Zoologieflügel zeigt hunderte Tiere, meist ausgestopft. Aber auch das Skelette eines Wales, riesige Elefantenschädel und missgebildete Embryonen sind vorhanden. Die Ziege mit einem Kopf und acht Körpern ist bizarr, jene mit zwei Köpfen ebenso. Der mit Abstand modernste Sektor des Museums – sehr gut gemacht und absolut state of the art – ist erfreulicherweise jener, in dem die Evolutionstheorie erklärt und beleuchtet wird.

Nach dem Museumsbesuch gönnte ich mir ein wenig Nachmittagsruhe in meim Hotel und verließ es erst wieder in der Abenddämmerung. Mein Weg führte mich abermals über den Maidan, der mich aufs Neue überraschte. In der abendlichen Kühle hatten sich hier tausende Menschen versammelt, vor allem zum Sport. Ringsum spielte man Fußball, Cricket oder andere seltsame Sachen mit Ball. Die Cricketschläger krachten, die Bälle flogen mir um die Ohren … gelegentlich wird hier sicher jemand davon erschlagen. Besonders atmosphärisch: viele junge Leute ließen Drachen steigen. Hundert und mehr flogen hoch über dem Maidan. Vorbei am Victoria Memorial erreichte ich die Academy of Fine Arts. Die Ausstellungsräume im ersten Stock, wo auch Werke von Rabindranath Tagore hängen, waren leider geschlossen. Dafür gab es im Erdgeschoss einige hervorragende Werke zeitgenössischer Künstler zu sehen. Frappierend gut, die meisten säkular, andere mit Elementen der Götterwelt spielend.
Wenig später besuchte ich die Sound und Light Show auf dem Gelände des Victoria Memorials. Inzwischen war es Nacht geworden. Während das Memorial im Licht bunter Scheinwerfer passend erstrahlte, erzählte eine tiefe Stiefe von der Geschichte der Stadt. Auch die Stimmen historischer Personen kamen zu Wort, manchmal sehr zum Schmunzeln anregend. Charnock: „Oh, what a fine place to build a city.“ Die Show war gut, besser als in Delhi, aber doch ein bisschen selbstherrlich. „Und Kolkata ruft hinaus in die Welt: Kommt zu mir und ich gebe euch Leben! “ Letztlich war es einfach schön, das Memorial (und sein Spiegelbild im Teich) bei Nacht zu sehen.

Auf dem Heimweg gönnte ich mir noch eine kulinarische Spezialität. Bei einem kleinen (lonely planet empfohlen Straßenstand) kaufte ich mir köstliches, gemüsegefülltes fried roti.
Der Weg zum Hotel war ein bisschen traurig. Man muss auf den Bürgersteigen stets aufpassen, wohin man trifft. Überall liegen Menschen.

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