56 Kolkata III

November 12, 2014 at 12:52 am (Indien&Nepal)

Ich begann den Tag mit einer Fahrt in Kolkatas einziger Metrolinie, welche sehr sauber, schön und übersichtlich gestaltet ist. An einer zweiten und dritten Linie wird eifrig gebaut. Das tägliche Verkehrschaos der Stadt wird dadurch in Zukunft wohl wesentlich entschärft werden.

Ich fuhr nach Süden und fand im Gassengewirr östlich dem Kanal von Tolly’s Nullah schon bald den Tempel von Kalighat, dem wichtigsten Ort für Hindus in ganz Kolkata. Wie der Name schon sagt, wird hier die Göttin Kali verehrt. Zehntausende kommen täglich hierher, drängen sich vor das eiserne Gitter, hinter dem ein kleines dreiäugiges Kaliabbild steht und streuen Rosenblüten darüber. Aber Kali will auch Blut sehen. Ein paar Ziegen werden täglich geopfert. Aber Kali (oder viel mehr die Hindupriester) wollen auch Geld sehen. Sonst holt einen Kali.

Überraschend war, wie ähnlich das ganze Prozedere eines Besuchs in Kalighat dem im Hazrat Nizam-ud-din Daragh von Dehli ist. Dasselbe Gedränge, dasselbe Rosenopfer. Dabei ist das eine Heiligtum doch muslimisch, dies hier hinduistisch.

Ein kurzer Spaziergang nach Süden führte mich in ganz andere Gefilde, nämlich ans ruhige Ufer eines schönen Sees inmitten eines grünen Parks mit dem klingenden Namen, Rabindra Sarovar. Hier saß ich lang im Schatten, las und bestaunte die mächtigen Bäume des Parks.

Es wurde Mittag. Eine weitere Metrofahrt brachte mich wieder ins Zentrum. Hier aß ich fürstlich auf der Dachterasse eines noblen Hotels und genoss fast dreihundertsechzig Grad Rundumsicht auf Kolkata. Direkt unter mir lag der überdachte New Market. In der Ferne sah ich Howrah Bridge und das Victoria Memorial.

Nach dem Essen wurde ich Zeuge einer politischen Kundgebung. Auf einer Bühne zappelte ein Mann mit Mikrophon herum und hielt recht aufgebracht und ein bisschen heißer in sein Mikro brüllend eine Rede. Eine große Menschenmenge jubelte ihm zu. Viele schwangen große Fahnen mit den Farben der indischen Flagge und einer Handfläche in der Mitte. Ich bin mir nicht sicher, welche Partei dies wahr. Das einzige Wort des Redners, das ich verstand, war Kolkata. Dies sagte er recht oft. Die Szene erinnerte mich gleich an Chaplins „Der große Diktator“. Dann sah ich das Schild mit dem Namen der Straße, in welcher sich all dies abspielte. Herrliche Parodie des Zufalls. Ich befand mich doch tatsächlich in Kolkatas Charly Chaplin Street.

Ich ging an vielen politischen agitierten Menschen vorüber und erreichte die nächste Attraktion. Im weißen, imposanten Gebäude der Town Hall besuchte ich das etwas kitschige Kolkata Panorama Museum. Mechanisch bewegte Puppen stellen historische Ereignisse dar. Abstruses Highlight: eine lebensgroße Puppe Rabindranath Tagores, die den Kopf wiegt, die Arme hebt und den Mund bewegt, während eine Originaltonaufzeichnung des auf Bengalische singenden Poeten erklingt. Einige bengalische Museumsbesucher stimmten mit ein.

Von der Town Hall schritt ich weiter nach Norden zum großen Wasserreservoir von BBD Bagh. Es wird von einigen imposanten Kolinialgebäuden gesäumt, etwa dem Writers‘ Building und der St Andrews Church. Im chaotischen Vierte nördlich von hier, stößt man auf einige alte Synagogen. Einst hatte Kolkata eine jüdische Gemeinde von bis zu dreißig tausend Gläubigen. Heute sind es nur mehr etwa vierzig und die Synagogen verfallen zunehmend. Auch eine alte armenische Kirche findet man hier, angeblich das älteste christliche Gebäude der Stadt.

Nahe der Howrah Bridge querte ich ein Bahngeleis und erreichte den Blumenmarkt von Mullik Ghat. Hunderte Händler sitzen hier auf dem Boden und haben vor sich ein farbenfrohes Blumenmeer ausgebreitet. Im Unterschied zu Europa fehlen die Stiele. Für die hat man hier keine Verwendung. Der Markt ist ein schöner Ort, einer der wenigen, in denen Duft Gestank dominiert.

Am Mullik Ghat selbst hatte ich schöne Sicht auf Howrah Bridge und den Sonnenuntergang am anderen Ufer. Lange saßen ich auf den Stufen und sah einigen Indern beim Baden zu. Ein Mann hatte Mühe, sich die herangetriebenen Plastikflaschen vom Leibe zu halten. Wie heilig kann sich ein Gewässer noch anfühlen, wenn es dich ständig mit Müll umspült? Der Sonnenuntergang war schön. Morgen, bei Sonnenaufgang, würde ich schon viel weiter im Süden sein, in einer Gegend, wo man nicht mehr Bengali, sondern Odia spricht.

Bevor ich Richtung Bahnhof aufbrach, musste ich noch zurück ins Hotel, um meinen Rucksack zu holen. Dazu wollte ich die Straßenbahn ausprobieren, doch schon nach wenigen Blocks gab ich auf. Das Ding kam im dichten Abendverkehr kaum vom Fleck. Auch alle anderen Fahrzeuge steckten im Stau. Obwohl schon müden Schritts bahnte ich mir also zu Fuß meinen Weg. Nach kurzer WLAN Pause im Hotel erreichte ich per Taxi und Fähre schnell und mühelos den riesigen Bahnhof von Howrah. Dort speiste ich zu Abend, stieg in meinen Zug, trank dort einen Tee, sah nach Abfahrt noch den Mond durchs Fenster scheinen und schlief ein. Trotz Licht und Lärm und harten Betten schlafe ich in indischen Zügen immer noch hervorragend.

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