57 Puri

November 14, 2014 at 7:06 am (Indien&Nepal)

Ich erwachte, als wir den Bahnhof von Bhubanesvar verließen. Von hier waren es noch etwa zwei Stunden bis nach Puri. Allmählich wurde es hell. Ich sah Palmen im Morgennebel. Dahinter ging die Sonne auf.

Ich bahnte mir meinen Weg aus dem Bahnhof von Puri und wies per Kopfschütteln und „No, I’m walking.“ Varianten etwa hundert Angebote von Rikshafahrern ab. Schon bald erreichte mein freundliches Hotel und gönnte mir eine erholsame Dusche in bltzsauberem Bad. Dann ging ich ans Meer.

Mit weitem, sauberem Sandstrand und dem einladenden Grollen beachtlicher Brandung grüßte mich der Golf von Bengalen. Das letzte Mal am Meer stand ich Ende Februar, als ich an einem nebeligen Morgen dem Pazifik den Rücken kehrte und meinen Chevy in Richtung Death Valley lenkte. Und nun war ich hier und sah sie hohen Wellen der indischen Ostküste. Sie luden dazu ein, sich hineinzustürzen. Zuvor schlenderte ich eine Weile den Strand entlang, dessen Sauberkeit erstaunt. Ein paar Kids sprangen durch die Wellen, andere spielten Cricket.

Am Weg zurück ins Hotel sah ich neben der Straße zahlreiche Jagannath Tempel. Jagannath ist eine Gottheit, eigentlich eine Inkarnation des Vishnu, die hier in Puri in nahezu monotheistischem Eifer verehrt wird. „Welcome to the land of Jagannath, Lord of the Universe“ steht am Ortseingang von Puri. Das Skurrile dabei ist Jagannaths Aussehen, das nicht sehr antropomorph ist. Mit seinen riesigen runden Kulleraugen wirkt er wie einem Kindercartoon entsprungen. Das seltsame Männchen, das das Universum beherrscht, steht als Glücksbringer auch hinter mancher Windschutzscheibe.

Schließlich sprang ich selber eine Weile durch die warmen Wellen des Golfs von Bengalen. An mir vorbei, am Strand entlang,  zog indes ein Pilgerstrom tausender, teils „Hare Rama, hare Krishna“ singender und mit Trommeln bewaffneter Hindus. Zu Mittag gönnte ich mir frischen Fisch, sehr scharf zubereitet.

Nach einigen geruhsamen Stunden ließ ich mich von einem Rikshafahrer zum großen Haupttempel der Stadt bringen, dem Jagannath Mandir. Von der Riksha aus sah ich viele schöne Rinder, welche großteils unbewegt und seelenruhig im dichtesten Verkehr herum stehen. Sie wissen, dass die meisten Leute hier wohl eher gegen eine Wand fahren würden, als es zu wagen, die Ruhe eines heiligen Rinds zu stören. Mit ihren mächtigen Hörnern und ihren Höckern sind die vielfarbigen Rinder Odishas besonders imposante Erscheinungen. Fast wie in einer Parallelwelt geistern unberührt von menschlichem Treiben umher.

Den mehr als achthundert Jahre alten Jagannath Mandir dürfen nur Hindus betreten. Vom Dach der nahen Bücherei hat man allerdings hervorragende Sicht auf das Treiben am Tempelgelände. Der freundliche Bibliothekar, dessen Englisch schwer zu verstehen ist, zeigte mir ein Buch, in welchem sich alle Besucher des letzten Jahrzehnts mit Namen und Herkunft verewigt hatten. Auch Hindus aus der Gegend waren dabei. Diese dürfen den Tempel zwar betreten, aber drinnen keine Fotos machen. Wir blätterten eine Weile im Buch, bis wir einen Besucher aus Österreich fanden. Die Aussicht vom Bücherturm ist wirklich hervorragend. Der Jagannath Tempel mit seiner Umwallung, dem achtundfünfzig Meter hohen Turm, auf dem Vishnus Flagge weht und seinem steinlöwenbewachten Eingangstor (samt Polizei und Metalldetektor) ist ein erstaunliches Bauwerk voller Leben. Der gesamte Pilgerbetrieb beschäftigt in Tempel und Umfeld an die zwanzig tausend Menschen. Und das alles für den kleinen, schwarzen Kauz mit seinen weißen Kulleraugen.

Zum Abschied warnte mich der Bibliothekar noch, ich solle niemanden auf der Straße Geld geben, der sich als Spendensammler für die Bücherei oder sonst etwas ausgab. Als ich bei meinem etwas stürmischen Verlassen des Gebäudes mit einem Händler kollidierte, sodass ein paar seiner Süßkrapfen zu Boden fielen, wollte ich ihm natürlich eine Entschädigung zahlen. Beim Zücken meiner Geldbörse zeigte der Mann jedoch ablehnende Gesten und auch die übrigen Händler riefen „No Sir. No money.“ Das soll noch einer verstehen. Die Menschen sind hier wirklich anders als in Delhi oder Uttar Pradesh.

Nach einem Sonnenuntergangsbesuch am Strand beendete ich den Tag mit hervorragenden Garnelen in scharfer Masala Sauce und Reis, dazu ein kühles (und wirklich gutes) Haywards 5000.

Später half mir ein Hotelangestellter noch beim Montieren eines großen Moskitonetzes über meinem Bett. Darauf sollte man hier keinesfalls verzichten. Odisha ist ein Hochrisikogebiet für Malaria und Dengue Fieber. Ich rüste mich, so gut es geht. Schon vor zwei Tagen habe ich mit der Einnahme der Malaria Prophylaxe Pillen begonnen, bisher ohne spürbare Nebenwirkungen. Dazu kommt das mehrmals tägliche Einsprühen mit giftigen 50% DEET Spray. Bin gespannt, ob all dies etwas nützt. In zwei Tagen bin ich zum Glück wieder in malariafreien Gefilden. Da dürfen die Moskitos wieder kosten.

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