58 Konark

November 14, 2014 at 7:08 am (Indien&Nepal)

An diesem Tag besuchte ich die wichtigsten historischen Stätten und Sehenswürdigkeiten der Umgebung von Puri im Rahmen einer ganztägigen Bustour der Odisha Tourism Development Corporation. Ein Minibus mit nettem Guide chauffierte uns für etwa fünf Euro den ganzen Tag durch die Gegend. Wiewohl der Bus voller Touristen war, war ich der einzige nichtindische Tourist an Bord. Wohlhabende Inder gönnen sich gerne Urlaub im eigenen Land. So plauderte ich mit einigen Odisha-Touristen aus Kerala und Kolkata.

Nach zwei kurzen, eher unspektakulären Stopps an einem kleinen Tempel und einem schönen Strand erreichten wir um acht Uhr morgens schon das Highlight des Tages, UNESCO Welterbe und – wie Lonely Planet schreibt – raison d’être Odishas: Wir erreichten den Sonnentempel von Konark.

Dieser stammt wie Jagannath Mandir aus dem dreizehnten Jahrhundert, ist aber im Unterschied zu letzterem nicht mehr in Betrieb. Ein Grund dafür ist der Einsturz des Hauptturmes Ende des sechzehnten Jahrhunderts. Doch auch der Rest ist monumental genug. Eigentlicher Schatz sind dabei die in faszinierender Detailgenauigkeit in den Stein geschnitzten Figuren und Geschichten, die alle Wände ausfüllen. Ich nahm mir einen Guide und ließ mir binnen einer Stunde viel erklären. Einiges lässt staunen.

Den Eingang des Komplexes bewachen zwei Löwen, die unter sich zwei Elefanten zerdrücken, welche wiederum zwei Menschen in ihren Rüsseln erwürgen. Elefanten und Löwen symbolisieren einerseits Reichtum und Macht, die beide vermögen, den Menschen zu beugen. Anderseits kann das Besiegen des Elefanten durch den Löwen auch auf die wiedergewonnene Dominanz des Hinduismus gegenüber dem Buddhismus anspielen. Das erste Gebäude des Tempels, die dancing hall, zeigt dreihundert oder mehr detailierte Gravuren von Frauen, die die dreihundert oder mehr Tanzfiguren der damaligen Zeit zeigen. Tanz war hier im dreizehnten Jahrhundert so richtig in.
Noch viel imposanter ist das teils leider eingestürzte Hauptgebäude, das als ganzes einen von sieben Pferden gezogenen auf vierundzwanzig Rädern fahrenden himmlischen Wagen darstellt. Die Sieben steht für die Tage der Woche oder auch, wie mein Guide sagte, für die sieben Farben der Sonne. Die Pferde sind leider nur mehr teilweise erhalten, die mächtigen Räder sind noch fast alle da. Einige von ihnen dienen als sehr präzise Sonnenuhr mit Minutenskala. Erstaunlich genau. Dann gibt es noch drei schöne Granitstatuen der Sonnengöttin Surya, die Morgen, Mittag und Abend symbolisieren. Wahres Highlight sind aber die tausenden Gravuren im Stein. Viele davon zeigen Alltagsszenen aus dem dreizehnten Jahrhundert. Von vielen kann man über jene Zeit lernen. Die Geschichten im Stein erzählen von Frauen, die damals schon prunkvollen Ohrschmuck und sogar Stöckelschuhe trugen. Sie freuen sich, wenn der Mann von der Jagd nach Hause kommt, machen sich Sorgen, wenn er fern bleibt und schneidem ihm wutentbrannt die Haare ab, wenn sie ihm mit einer anderen erwischen. Von den Bildern im Stein weiß man auch, dass man damals schon Moskitonetze benutzte und Handel mit Afrika trieb. Auf einem Bild wird nämlich eine Giraffe eingekauft. Auch gezeigt wird, wie sich eine Frau nach ihrer Niederkunft zur Desinfektion über das offene Feuer stellt, in wilden Südwesten Odishas und in Indiens Nordostprovinzen bis heute mangels Krankenhäusern gängige Praxis, so sagte mein Guide.

Die tausenden Abbildungen am Sonnentempel sollen das ganze Leben darstellen, zum Großteil aber (mehr als 50%) zeigen sie vor allem eins: Sex. Die Künstler des dreizehnten Jahrhunderts waren äußerst kreativ. Ob homo oder hetero, ob Zweier, Dreier, Vierer, Fünfer, ob mit Ziege, Hund und Katz, die Wände des Sonnentempels sind ein einziger Porno, Apotheose der Ausschweifungen. Sehr erheiternd waren die lakonischen Umschreibungen meines guides. „Here you see woman enjoying with dog. Here one woman, three men. She looking very happy. And here, this position only possible when woman is pregnant.“ Es war ein sehr interessanter Tempelbesuch.

Der nächste Stopp zeigte mir nichts Neues. Nach jenen von Lumbini, Pokhara und Darjeeling besuchte in Dhauli die nun schon vierte japanische Weltfriedenspagode dieser Reise. Hernach gab’s zur Stärkung ein gutes Thali.

Wir näherten uns Bhubanesvar, der Hauptstadt Odishas. Haupattraktion ist hier der riesige Lingaraj Mandir. Anders als in Puri wird hier nicht Jagannath oder sonst irgendeine Vishnuinkarnation verehrt. In Bhubanesvar dreht sich alles um Shiva, waren dem Zerstörergott hier in dieser zweitausend Jahre alten Stadt doch einst mehr als siebentausend Tempel geweiht. Der vierundfünfzig Meter hohe Lingaraj Mandir und die vielen kleineren Bauten, die ihn umgeben, sind immer noch in Verwendung. Nur Hindus dürfen hinein. Als einziger Nicht-Hindu in unserer Gruppe musste ich also draußen bleiben, konnte aber von einer Viewing platform über die Mauer spähen. Ein Hindu-Priester zeigte mir den Weg. Natürlich wollte er dafür eine Spende haben. Stolz erklärte er mir, dass nicht einmal die früheren Premierminister Indira Gandhi und Manmohan Singh in den Tempel durften. Letzterer war Sikh, erstere war zwar Hindu, aber in Italien geboren. Das geht anscheinend auch nicht. Jedenfalls hatte ich wunderbaren Blick auf den Tempel.

Hernach besuchten wir noch den nahen Mukteswar Tempel, welchen sogar ich betreten durfte. Einmal mehr sah ich schöne Figuren im Stein. Die Nagakönigin sieht aus wie eine Meerjungfrau.

Eine weitere spannende Attraktion nahe Bhubanesvar sind die Höhlen von Udayagiri und Khandagiri. Die beiden Hügel bergen dutzende Höhlen mit schönen Einkerbungen, manche aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Damals gruben jainistische Asketen die Höhlen in den Stein um hier Askese zu betreiben. Manche tun das auch heute noch. Ich kletterte auf beiden Hügel herum und bestaunte zum Einen Höhlen, Inschriften, tigerkopfförmige Höhleneingange und schöne Aussicht, zum Anderen die possierlichen schwarzgesichtigen Affen, die hier überall herumturnen und sich kaum von den vielen Menschen stören lassen. Ein Affe saß bananeessend auf der Mauer. Ich setzte mich direkt neben ihn. Er reagierte nicht einmal. Ich gab ihm ein Kokoskeks. Er sah mich prüfend an und nahm es. Eine indische Schulklasse kam des Weges. Die Kinder zückten ihre Kameras. Der Affe murrte und verschwand im Baum. Die Schüler kamen näher. Der Affe war ihnen egal. Sie wollten ein Foto mit mir. Als ich sagte, sie sollten doch besser die Höhlen fotografieren, kam der Lehrer auf mich zu. „Please sir, it is very strong desire for them to take group picture with you.“ Ich gab nach und ließ mich umrundet von Schülern fotografieren. Einer wollte hernach noch ein Autogramm auf seine Hand geschrieben. Bin ich hier so ein Kuriosum?

Auf dem Gipfel des Khandagirihügels steht ein jainistischer Tempel neuerer Zeit. Man muss alle Ledergegenstände ablegen, um hinein zu dürfen. Als ich festgestellte, dass dies auch meine Geldbörse betraf, wurde mir das Ganze zu umständlich und ich floh vor Affen, Jainisten und Schulkindern zurück in den Bus.

Der letzte Halt des Tages war der Zoo von Nandankanan. Traurig blickt der alte, einsame, einzige Orang Utan Indiens vor sich hin. Tiger und Löwen haben es besser. Ihre Gehege sind riesig. Man steht nicht am Rand, sondern fährt mit einem vergitterten Bus mitten hindurch. Interessant waren auch die kleinen, neugeborenen Krokodile.

Gegen sieben, lange nach Einbruch der Dunkelheit, war ich zurück in Puri und genoss köstliches Mushroom Butter Masala mit reichlich Roti.

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