60 Chennai I

November 17, 2014 at 7:20 am (Indien&Nepal)

Mit nur einer Stunde Verspätung fuhr der Zug nach einundzwanzig Stunden Fahrt im schönen Bahnhofsgebäude Chennai Central ein. Zuvor erlebte ich noch schöne Sicht auf in der Sonne blitzende Felder und Wasserreservois, sowie ein paar kurze heftige Regenschauer im Morgengrauen. Zum ersten Mal auf meiner Reise fand ich das Hotel meiner Wahl bereits voll belegt vor. In nächster Nähe gab es aber auch andere Optionen, die Platz für mich hatten. Zu Mittag speiste ich im Hotel Saravana Bhavan. Dies ist kein Hotel, sondern eine vegetarische Restaurantkette mit gutem, günstigem südindischen Essen. In ganz Chennai gibt es etwa zwanzig Filialen. Diese dosas, idlis und vadas … Und erst das rasam … Einfach hervorragend. Man würde sich eine Filiale in der Heimat wünschen.

Per Stadtbus gelangte ich schnell und unumständlich in den südlichen Stadtteil Mylapore. Dieser ist bedeutend älter als das übrige Chennai. Hier an diesem dafür so unwahrscheinlichen Ort stößt man auf das angebliche Grab des Apostel Thomas (jener, der so vorbildhaft an der Himmelfahrt l zweifelte), welcher hier 72 nach Christus den Märtyrertod gestorben sein soll, erstochen mit einer Lanze. Selbige und auch ein Knochen des Thomas  (die übrigen sind im Lauf der Jahrhunderte irgendwie nach Italien gelangt) kann man in einer Kapelle unterhalb der strahlend weißen, neogotischen St. Thome Kathedrale bestaunen. Diese (von den Portugiesen 1523 erbaut, dann niedergerissen und in der jetzigen Form 1890 von den Briten errichtet) brüstet sich stolz, mit der Kathedrale von Santiago di Compostella und dem Petersdom eine  von drei Kirchen weltweit zu sein, die auf einem Apostelgrab steht.

Wie man sich denken kann, sind die historischen Belege hierfür äußert dürftig. Dass Thomas, falls es ihn wirklich gab, vierzehn Jahrhunderte vor Vasco da Gama, den Weg nach Indien gefunden haben soll, mag sehr weit hergeholt klingen. Ganz so unwahrscheinlich ist es aber doch nicht. Mylapore ist sehr alt und trieb erwiesenermaßen Handel mit dem antiken Griechenland und Rom. Ptolemäus erwähnt den Ort in seinen Schriften und in Mylapore fand man römische Keramik. Und auf den Wegen, wo Keramik wandert, kann auch ein Mensch weit kommen. Viel unwahrscheinlicher, als dass es einen frühen Missionar hierher verschlagen hat, finde ich den Umstand, dass Lanze und Knochen nach fünfzehn Jahrhunderten ohne Christentum noch auffindbar waren. Eine DNA Analyse wäre hier spannend.

Unweit von St. Thome befindet sich ein religiöses Bauwerk ganz anderer Art. Der hinduistische Tempel Kapaleeshwarar zeigt, dass hier im Süden ganz andere architektonische und künstlerische Traditionen vorherrschen. Bunter geht es nicht. Der hohe Torturm allein mit seinen Hundertschaften an farbenfrohen Figuren ist ein Augenschmaus. In die innere Säulenhalle dürfen nur Hindus, doch eine Umrundung lohnt sich sehr. Hinter dem Tempel findet man schließlich einen großes, schön verziertes Wasse
rbecken, Parvati gewidmet.

Wieder ein paar Straßen weiter betrat ich die ruhigen, grünen Gefilde des Sri Ramakrishna Math. Hier haust und wirkt ein Mönchsorden, der sich auf den Guru Ramakrishna aus dem neunzehnten Jahrhundert beruft. Einige Cartoons an den Wänden lehren recht fragwürdige Lektionen des Gurus, welcher sich selbst für eine Inkarnation hielt, dem Namen nach wahrscheinlich von Vishnu. Die Mönche sind sehr freundlich, die Bauten eindrucksvoll. Einer der Mönche kam mir sogar nachgelaufen, als er sah, dass ich mich nicht in die hinteren Räume der Haupthalle gewagt hatte. Es war ihm wichtig, dass ich alles sah, auch die seltsame Puppe des Gurus.

Per Riksha ließ ich mich an Chennais  breiten Sandstrand bringen. Kaum jemand badet hier. Dafür ist

die Strömung zu gefährlich und der Strand zu verdreckt. Dennoch ist der Ort voller Leben. Es herrscht Jahrmarktsatmosphäre. Händler verkaufen Popcorn und andere Snacks. Es gibt improvisierte Schießbuden, wo man mit Darts oder Luftdruckgewehr auf Luftballons zielt und sogar ein kleines Karussell mit hölzernen Pferden. Menschen spielen Cricket und Fußball. Andere lassen Drachen steigen. An manchen Stellen spielen Musiker ihr Lied. Und all dies wird untermalt vom ständigen Grollen der Brandung.

Während ich dort durch das bunte Treiben spazierte ging über dem Land die Sonne unter. Vorbei an der Baustelle des Super Multi Specialized Hospital (die Indern stehen auf solch Übertreibung) erreichte ich bald meine Bleibe, aß einmal mehr im Hotel Saravana Bhavan und setzte dem Tag ein Ende.

image

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: