64 Pondicherry

November 21, 2014 at 5:06 pm (Indien&Nepal)

Der Tag begann mit einem weiteren Sonnenaufgang über dem Meer, den ich von meinem Balkon genießen konnte. Der Besitzer des „Freshly ’n‘ hot“ hat es  begriffen, dass er ein sehr gutes Geschäf macht, wenn er Frühstück schon ab sieben und nicht erst wie hier  üblich ab neun anbietet. Als ich  dort auf netter Terrasse inmitten anderer Reisender speiste, vernahm ich, dass man am Nebentisch zur Kommunikation eine dem Innschbruckerisch nahestehende Sprache nutzte. Ich outete mich jedoch nicht.

Per Bus gelangte ich binnen zwei Stunden problemlos nach Pondicherry, wichtigste Stadt des einstmals französischen Teiles von Indien. Bis 1957 war man hier Teil der Grande Nation. Viel geblieben ist nicht. Frankreichs Spuren sind stark verwischt und verwittert.

Ein paar kleine Ärgernisse erwarteten mich gleich bei meiner Ankunft. So haderte ich mit halsabschneiderischen Tuktuk Fahrern und dem in einigen Hotels vorherrschenden Verbot, sein Gepäck dort nach Checkout noch ein paar Stunden zu lagern. Unverständlich. Schließlich fand ich aber im Kailash Guesthouse alles, was der Backpacker braucht, sogar Gratis WLAN. Das erste Buch, das ich in der beschaulich eingerichtet Lobby auf einem der Tische liegen sah, war „Silentium“ von Wolf Haas. Österreich verfolgte mich heute. Dieser Brenner, wo sich der überall herumtreibt. Sogar in Pondicherry treibt er schon sein Unwesen.

Zum Mittagessen wurde mir im Restaurant Suguru das bisher beste und bunteste Thali dieser Reise serviert. Neun kleine Schalen voller Köstlichkeiten. Dazu reichlich Reis und Roti.

Es war ein ruhiger Nachmittag. Die meisten der wenigen Sehenswürdigkeiten Pondicherrys waren schnell besucht. Im Musée sah ich weitere Römerkeramik. Schautafeln geben an, dass es anscheinend tatsächlich Hinweise gibt, dass römische Schiffe nahe Pondicherry anlegten und Olivenöl und Wein ins frühe Indien brachten. Das römische Reich überrascht mich immer wieder. Im Obergeschoss des Museums werden schöne Möbel aus der Kolonialzeit, manche davon Eigentum des französischen Gouverneurs Dupleix, gezeigt. Auch die Karosserien mehrerer Kutschen stehen hier.

Nahe dem Museum findet man als Kontrastprogramm einen Ganesh geweihten Hindutempel mit vielen hingebungsvollen Gläubigen. Ein Stück weiter südlich gegenüber dem kanonenflankierten Eingang der neoklassischen Gouverneursresidenz, erstreckt sich die symphatische Parkanlage Barathi. Schattige Bänke und grüne Bäume laden zum Verweilen ein.
Östlich des Parks steht ein alter Leuchtturm. Gleich dahintererreichte ich beim großen, beachtlichen Gandhi Denkmal mit seinen vielen Säulen und der Statue des Vaters der Nation die Küste. Pondicherry hat keinen Strand, sondern eine breite Uferpromenade, die morgens und abends zur Fußgängerzone wird. Schwarze Felsblöcke, auf denen es sich bequem sitzen lässt, begrenzen die Promenade zum Meer hin. Das Baden ist wegen gefährlicher Brandung verboten. Immer wieder sterben hier Leute, die von den Wellen gegen die Felsen geschleudert werden. An sich wäre die Uferpromenade von Pondicherry ein recht pittoresker Ort, wäre da nicht der viele Müll, der überall zwischen den Felsen herumliegt. Ständig kann man beobachten wie Inder hier Papier, Essensreste und Plastikflaschen in vollster Selbstverständlichkeit zwischen die Steine werfen. Traurig.
Nahe dem Gandhi Denkmal und einem kaum minder imposanten französischen Weltkriegsdenkmal (Nummer 1) findet man direkt am Ufer einen weiteren Hinweis auf das verschwundene Frankreich. Im „Le Café“ gibt es hervorragenden Kaffee, Croissants, Frühstück, Eisbecher und mehr. Die Brandung lässt einen hin und wieder die Nähe des Meeres spüren, während man dort einen Hauch von Europa genießt.

Als ich später vorbei an Kunstatteliers und einem kleinen Theater durch die beschaulichen, verkehrsarmen Straßen der Rue Dumas, Rue Romain Rolland und Rue St. Laurent schlenderte, wurde ich plötzlich  und ganz spontan als Statist für den Dreh eines Films (oder Werbespots ?) engagiert. Auf der Straße spielten Kinder und ein Mann Fußball, während im Hintergrund ein paar Fahrradrikshas mit Touristen passierten. Mein gemütlicher Statistenjob bestand darin, in der Riksha zu sitzen und den Jungs beim Ballspiel zuzusehen. Da der Ball ständig in falsche Richtungen rollte, brauchten wir für diese paar Sekunden Film sicher zwanzig Takes. Es dauerte eine Weile. Endlich zeigte sich das große Filmteam zufrieden.

Nach dem Dreh besuchte ich noch die Kirche Notre Dame des Anges, eines von drei großen
Gotteshäusern, die die Franzosen der Stadt hinterlassen haben. Auf einer freien Fläche gegenüber der Kirche sah ich ältere Inder beim Pétanque-Spiel, untrügliches Zeichen französischer Vergangenheit. Ältere Herren beim Pétanque – das sieht man außerhalb Frankreichs auch in Laos und im übrigen Indochina. In Indien gibt es das wohl nur in Pondicherry.
Ich verbrachte einen gemütlichen Abend im Hotel.

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