69 Varkala II

November 24, 2014 at 4:58 pm (Indien&Nepal)

Ein stiller Tag der Rekonvaleszenz. Nachdem ich so spät wie noch nie auf dieser Reise (Es war schon halb zehn!) erwachte, begann ich den Tag vorsichtig mit Snickers und Sprite. Es folgten angenehme Stunden auf schattiger Terrasse mit Blick auf das Meer. Ich nahm meine Medizin, nutze das WLAN, las Mahabharata, plante den weiteren Verlauf meiner Reise, buchte Züge und Nationalparks und erfreute mich allmählich wiederkehrender Kraft und wachsenden Appetits. (Interessanterweise muss man beim Buchen einer Besuchsbefugnis für die Nationalparks von Madhya Pradesh den Vornamen des Vaters angeben.)

Schön ist es, stundenlang aufs Meer hinaus zu blicken, dies Wechselspiel von Licht und Farbe zu betrachten, an dem man sich nie sattsehen kann. Unweigerlich kamen mir Ramon Sampedros wunderbar traurige Worte „Mar Adentro, mar adentro“ in den Sinn, welche auf Deutsch die folgenden sind.

Ins Meer hinein, ins Meer,
in seine schwerelose Tiefe,
wo die Träume sich erfüllen,
und Zwei in einem Willen sich vereinen,
um zu stillen eine große Sehnsucht.

Ein Kuss entflammt das Leben
mit einem Blitz und einem Donner,
und sich verwandelnd
ist mein Körper nicht mehr Körper,
als Dräng ich vor zum Mittelpunkt
des Universums.

Die kindlichste Umarmung
und der reinste aller Küsse,
bis wir beide nicht mehr sind
als nur noch eine große Sehnsucht.

Dein Blick und mein Blick
wortlos hin und her geworfen,
wie ein Echo wiederholend: tiefer, tiefer,
bis weit jenseits allen Seins,
aus Fleisch und Blut und Knochen.

Doch immer wach ich auf
und immer wär ich lieber tot,
um endlos mich mit meinem Mund
in deinen Haaren zu verfangen.

Inspirierend. Es ist zu lange her, dass ich selber Gedichte geschrieben habe. Fast sieben Jahre lang gab’s nur Theaterstücke und Romane. Wieso eigentlich? Keine Ahnung. Die rechten Funken fehlten. Was hat sie ausgelöscht? Gammastrahlen?
Ich blicke hinaus aufs Arabische Meer und denke: Es ist wieder Zeit, Gedichte zu schreiben. So wie früher. So wie …

Gleich wie der Wind sich ewig bewegen
Niemals ein Stein, den die Erde verschlingt
Mit eisigen Bächen die Zeit zu durchfließen
Niemals erstarren. Immer im Wald.

Gleich wie der Wind, zu fliegen, zu fliegen
Niemals zu landen um Nester zu bauen
Dem Neuen entgegen sich lachend bewegen
Im Winde zu leben und ungezähmt sein.

Niemals zu warten, kein Felsen zu werden
Steine sind Staub, wenn die Zeit sie zerfrisst
Ewig zu werden, kein Sein zu erreichen
Dem Wasser zu folgen und zu vergehen.

Zu fließen, zu fliegen, zu atmen, zu singen
Auf neuen Wegen, die unbekannt sind
Auf alten Pfaden, die Sonne zu jagen
Die Sterne zu sehen und Lieder zu hörn.

Niemals sich binden, an irdische Ketten
Niemals sich legen in giftigen Staub
Lieber ins Gras, wo der Tau mich verzaubert
Lieber am Strand nah dem lachenden Meer.

Sich ewig zu wandeln und immer zu werden
Sich nie zu vollenden und nie ganz zu sein
Sich ewig bewegen, stets weiter zu schweben
Zu fließen, zu fliegen. Zu sein wie der Wind.

Und schließlich zu sterben, den Fluss zu verlassen
Doch nicht zu erstarren im Stein grauer Gräber
Lieber verdampfen, dem Nichts mich ergeben
Werdend vergehen und nimmermehr sein.

Vielleicht sollte man öfter krank sein,
(wie Nietzsche es war)
Öfter aufs Meer hinaus blicken,
(Lost on a painted sky)
Öfter zur Tatenlosigkeit genötigt werden.
Man besinnt sich dabei auf das Wesentliche
Auf die Lyrik des Lebens

Hm.
Also doch wieder Kalamari zum Abendessen.
(Gelächter im Publikum. Der Narr verlässt die Bühne. Vorhang.)

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