73 Fort Cochin I

November 28, 2014 at 1:43 pm (Indien&Nepal)

Beim Frühstück auf der Dachterasse in Alleppey traf ich einen älteren Mann aus dem östlichen Ungarn, der recht passabel Deutsch sprach. Als ich ihm von Varkala erzählte, erkundigte er sich vorsichtig, ob es dort nicht viele Russen gäbe. Er habe schon ein großen Bogen um Goa gemacht wegen den vielen Russen dort. Ich versicherte ihm, dass ich in Varkala nicht einen einzigen Russen gesehen hatte und er war erleichtert, nun doch dorthin fahren zu können. Seltsam. Auch wenn mir die Politik einer Nation noch so zuwider ist, der Gedanke deshalb in Drittländern die Urlauber von dort zu meiden, liegt mir fern.

Ich ließ mich zum Bahnhof bringen, hüpfte schon fünf Minuten später in den nächsten Zug und erreichte  Ernakulam (Fahrzeit 1h30m, Preis etwa 20 Cent). Wieder einmal alle Tuktuk Fahrer ignorierend marschierte ich binnen zwanzig Minuten zur Fährstation und ließ mich nach Fort Cochin übersetzen, wo ich mir eine Unterkunft suchen wollte.
Schon auf der Fähre sprach mich ein etwas wortkarger, älterer Inder an. Er vermiete ein paar Zimmer. Da Preis (~€3,–) und Lage stimmten und er zusätzlich anbot, mich in seinem Auto vom Fährhafen ins Zentrum zu bringen, sagte ich nicht Nein. Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass seine Tochter mit einem Österreicher verheiratet ist und in Feldkirch lebt. Er selbst sei schon dreimal dort gewesen und erzählte begeistert vom schönen Lindau am Bodensee. Klein ist die Welt. Mein Zimmer befindet sich in einem etwa dreihundert Jahre altem Haus, das von den Holländern erbaut wurde.

Fort Cochin ist ein ungemein atmosphärischer Ort, reich an Geschichte. Portugiesen, Holländer, Chinesen, Briten, Juden, Christen und Muslime – alle haben hier ihre Spuren hinterlassen. Vierhundert Jahre alte Synagogen und fünfhundert Jahre alte Kirchen stehen neben holländischen Herrenhäusern und britischen Palästen nebst riesigen Fischernetzen aus China. Und im Hintergrund hört man den Muezzin singen. Bunt und schön ist es hier.

Als erstes besuchte ich die Franziskuskirche. Von den Portugiesen im Jahre 1503 erbaut, ist sie wahrscheinlich die älteste von Europäern errichtete Kirche auf dem indischen Subkontinent. Vasco da Gama, der hier in Fort Cochin verstarb, lag vierzehn Jahre lang in dieser Kirche begraben. Die schlichte Grabplatte im Boden ist kaum mehr lesbar. 1538 brachte man die Überreste dieses großen Seefahrers, der vollbrachte, was Cristobal Colón (zu deutsch Kolumbus)  eigentlich vollbringen wollte, zurück nach Portugal. Dort liegt er heute im wunderschönen Monasteiro dos Jerónimos von Belém. Erst in dem Moment, da ich die Kirche verließ, fiel mir ein, dass es noch nicht einmal sechs Monate her ist, dass ich dort war und vor da Gamas neuer Ruhestätte stand. Ich bin dieses Jahr so viel herum gekommen, dass ich selbst den Überblick verliere. Irgendwie schön.

Beim Verlassen der Kirche hörte ich so gar nicht indische Musik. Auf dem Sport- und Paradeplatz neben der  Kirche probte eine Blasmusikkapelle, bestehend aus lauter jungen Indern. Sie spielten und exerzierten mit erstaunlichen Körpereinsatz. Der Taktstockträger zeigte viel Akrobatik.  Die Lieder reichten von Marschmusik bis „An den Ufern des Mexico river“. Es hätte mich nicht gewundert, wenn auch noch der Radetzkymarsch erklungen wäre.  So unindisch kann Indien sein.

Am Ufer sah ich dann die großen, katapultartigen Chinesischen Fischernetze, erstaunliche Konstruktionen aus Bambus. Mit Steinen als Gegengewicht senken die Fischer die riesigen auf eine Balken hängenden Netze ins Meer, um sie dann mit meist kümmerlicher Ausbeute wieder aus den Fluten zu heben. Rentabel ist das Ganze wegen der  Überfischung schon lange nicht mehr. Elf Netze sind noch übrig und locken Touristen aus aller Welt an. Es ist schön, am Ufer zu sitzen und den Fischern beim Bedienen der großen Netze zuzusehen, während im Hintergrund noch viele größere Tanker und Containerschiffe durch den engen Kanal zwischen Fort Cochin und der Insel Vypeen gleiten. Die Vertikalbewegung der Netze vor der Horizontalbewegung der Schiffe ist ein reizvoller Anblick.

Spannend ist die Geschichte der Netze. Während klar ist, dass das Design aus China kommt, ist es recht ungewiss, wie und wann sie an die südwestindische Künste gelangt sind. Eine Theorie besagt, dass die Portugiesen das nötige Know-How aus ihrer Kolonie in Macau mitgebracht haben. Eine weitere sieht die Ankunft der Netze schon ein Jahrhundert früher, als die Mongolen unter Kublai Khan über China und weite Teile Asiens herrschten. Eine dritte Theorie meint, der chinesische Entdecker Zheng He habe die Netze hierher gebracht. Es ist schon eine Weile her, dass ich mich mit chinesischer Geschichte beschäftigt habe (und eben hab ich kein Internet), aber wenn ich nicht irre, war Zheng He jener mutige Entdecker (und Eunuch), der zur Zeit der Ming Dynastie die Weltmeere befuhr und Handelswege bis in den Persischen Golf und nach Afrika erschloss. Ach, Geschichte ist immer wieder toll.

Das Prozedere, wenn man hier Abends Fisch essen möchte, ist übrigens das Folgende: Man wartet vor den Netzen auf den nächsten Fang, sieht zu, wie die Fische ausgeweidet werden, sucht sich den Fisch seiner Wahl, bringt ihn selbst in eines der Restaurants und lässt ihn sich mit gewünschten Beilagen zubereiten.

Ein Ort, den ich an diesem Tag auch noch besuchte, ist der alte holländische Friedhof des Ortes. Die Holländer lösten hier recht bald die Portugiesen als dominante Macht ab. Die meisten alten Häuser hier – und auch das, in dem ich wohne – sind holländischen Ursprungs.

Wenn man aber schon von den Häusern spricht, so muss man auch von den Bäumen sprechen. Noch nie habe ich einen Ort mit so vielen alten wunderschönen Baumriesen gesehen wie Fort Cochin. Die Kurven mancher Äste sind atemberaubend. Manche Kronen wölben sich in immenser Höhe über die Straßen.

image

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: