81 Hubli Junction

Dezember 6, 2014 at 9:18 am (Indien&Nepal)

Nach Tagen voller Tätigkeit und einer bunten Flut an Impressionen ist es manchmal sehr erholsam, einen Tag lang nur zu reisen, aus Zugfenstern zu blicken, zu lesen, von den vergangenen Tagen zu schreiben und auf den nächsten Zug zu warten. So ein Tag war heute.

Nach einem Frühstück mit Craig dem Australier kam der frühe Abschied von Hampi. Ich ignorierte die Tuktuk-Fahrer und sprang in denselben Bus, der mich gestern erst hierher gebracht hatte. Bald saß ich auch schon im Zug nach Westen und sah die flache, grüne Landschaft des nördlichen Karnatakas an mir vorübergleiten. Nach drei Stunden erreichte ich den Bahnhof von Hubli. Da es reservierungstechnisch nicht anders möglich gewesen war und ich obendrein eine großzügige Verspätung einkalkuliert hatte, war mein Aufenthalt in dieser Stadt ohne Sehenswürdigkeiten auf ganze sieben Stunden bemessen.

Der supermoderne Bahnhof Hubli Junction bietet die idealen Voraussetzungen, um Zeit totzuschlagen. Dort gibt es nicht nur vorzügliche Verpflegung (Gebäck, Kaffee, Eis, Schokolade, Idlis, Dosas, Biriyanis, etc.), sondern auch einen komfortablen Warteraum mit sauberem Bad, Akkuladestation und sogar ein Internetcafé direkt in der Bahnhofshalle. Was will man mehr? Nur wenige europäische Bahnhöfe können da mithalten.

Die meiste Zeit befand ich mich in der Welt der Mahabharata. Alle Vorzeichen stehen auf Krieg. Letzte Vorbereitungen werden Getroffen. Generäle werden ernannt. Die Qualität der Erzählung wird einmal mehr durch leise, emotionale Szenen unterbrochen, die gekonnt in die martialische Schlachtvorbeteitung verwebt sind. Etwa die Szene, in der Kunti ihrem weggebenen Sohn Karna seine wahre Herkunft offenbart und er erkennt, dass seine Feinde in Wahrheit seine Brüder sind. Ein kleines Juwel ist auch die Nebenhandlung rund um Shikhandi, dessen Schicksal es ist, Bhishma zu töten, da dieser in Shikhandis früherem Leben als  Prinzessin Amba all ihre Träume zerstörte.

Ich las, schrieb und plante die nächsten Tage in Goa. Schnell verging die Zeit. Es wurde Nacht, ich bestieg meinen Zug und wurde schlafend nach Westen zur Küste getragen. Karnataka flüsterte ich noch ein ernst gemeintes „Auf Wiedersehen“ zu. Hampi könnte mich eines Tages – und sei es in mehreren Jahrzehnten, wenn ich so alt bin wie Craig der Australier – wieder zu sich locken.

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