86 Mumbai I

Dezember 15, 2014 at 3:26 pm (Indien&Nepal)

Nach erholsamem Schlaf erwachte ich kurz vor Einfahrt des Zuges im Chhatrapati Shivaji Terminus (kurz CST, weiland Victoria Terminus). Das Innenleben des Bahnhofs verrät fast nichts von Zauber, Prunk und Pracht seines Äußeren. Ich brachte meinen Rucksack in die Gepäckaufbewahrung und stürzte mich sogleich hinaus in die Straßen der Morgendämmerung. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was für wunderbare Gebäude!

An erster Stelle stand natürlich jenes, das ich eben verlassen hatte. Würde man die Wahrheit nicht kennen, man würde glauben, es sei ein Königspalast oder eine riesige, mehrschiffige Kathedrale. Weder noch. Dieses 1887 vollendete, gewaltige gotische Weltkulturerbe ist der Bahnhof der größten Stadt Indiens, von außen wohl der schönste Bahnhof der Welt. Es lohnt, ihn mehrfach zu sehen: Tags im Licht der Sonne, nachts in prächtiger Beleuchtung. Riesengroß und atemberaubend schön.

Der CST ist aber nur eines von vielen Gebäuden dieser Stadt, die mich staunend verharren ließen. Während ich in der Morgendämmerung langsam nach Süden spazierte und der Mond über die Dächer der Bauten kroch, blätterte ich immer wieder in meinem Reiseführer, um herauszufinden vor welchem Prachtgebäude ich nun wieder stand. Die meisten werden darin nicht einmal erwähnt, da es sich um einfache Wohn- oder Behördengebäude handelt. Das kathedralenähnliche Gebäude gleich gegenüber des CST ist etwa nur eine Behörde, das Schloss am großen Kreisverkehr weiter südlich ist nur das Polizeihauptquartier. Jedes einzelne dieser Gebäude wäre in einer anderen Stadt wohl eine Hauptattraktion.

Vorbei am schönen Flora Brunnen gelangte ich bald zum (neben dem CST) wohl beeindruckendsten Gebäude Mumbais, dem High Court. Selten erzielt Architektur eine derartige Strenge. Das riesige neogotische Gebäude ist Inbegriff von Autorität und wirkt abweisend und wunderschön zugleich. Nach einer gründlichen Sicherheitskontrolle durfte ich das Gelände betreten und durch die finsteren Korridore und über enge Wendeltreppen wandern. Fotografieren war leider nicht erlaubt. Man kann sich vorstellen, wie arme Kläger hier auf Gerechtigkeit hoffen und an der Strenge der Mauern im Labyrinth der Korridore verzweifeln. Kafka hätte seine Freude mit diesem Gebäude gehabt. Noch nie war ich an einem Ort, der derart die Stimmung von „Das Schloss“ wiedergibt, wie der High Court von Mumbai es tut. Und das trotz der Palmen im Garten.

Unweit, in der schönen St. Thomas Kathedrale, kann man viele faszinierende Grabinschriften betrachten, die meisten von Männern der East India Company, deren Zentrale lange Zeit in Mumbai war. Ich betrat die noch dunkle Kathedrale als erster und einziger, nur wenige Minuten nach der Öffnungszeit um sieben Uhr morgens. Beschaulich. Auch der nahe Horniman Circle, ein riesiger Kreisverkehr, dessen Insel ein umzäunter Botanischer Garten mit mächtigen Banyan-Bäumen ist, sowie die imposante Town Hall an seiner Ostseite waren einen Besuch wert.

Wunderschön ist auch die gotische, palmengesäumte University of Mumbai mit ihrem achtzig Meter hohem Glockenturm. Leider darf man als Tourist das Gelände seit den Anschlägen von 2008 nicht mehr betreten und kann nur durch den Zaun hindurch spähen. Gegenüber befindet sich die große, gräserne Fläche des Oval Maidan. Viele Bewohner der Stadt nutzten die Kühle der Morgenstunden, um hier zu joggen oder Cricket zu spielen. Ich setzte mich auf eine Parkbank, sah dem bunten Treiben zu und hoffte, von keinem Cricket-Ball getroffen zu werden.

In einem modernen Café in der Nähe einer himmelblauen Synagoge nahm ich dann ein ausgiebiges Frühstück ein. Und weiter ging der Morgenspaziergang. Vorbei an den schönen Fassaden der David Sasson Library und des Elphinstone Colleges gelangte ich zu einem weiteren architektonischem Höhepunkt, dem 1923 zu Ehren von King George V vollendeten Chhatrapati Shivaji Maharaj Vastu Sangrahalaya (weiland Prince of Wales Museum). Die weiße Kuppel und der schöne Mix aus islamischer, hinduistischer und britischer Architektur ist ein Augenschmaus. Den Museumsbesuch verschob ich auf morgen.

Schon jetzt hatte mich Mumbai begeistert. Eine Stadt, in der die prächtigsten Bauten nicht Tempel, Kirchen oder Paläste sind, sondern Bahnhöfe, Universitäten und Museen, kann mir nur schwerlich missfallen.

Vorbei an weiteren Prachtbauten erreichte ich schließlich das Meer. Hier endet die Straße in einem großen Triumphbogen, dem Gateway of India. Erbaut wurde dieser anlässlich des Besuchs von King George V im Jahre 1911, fertiggestellt aber erst 1924. Vierundzwanzig Jahre später patrouillierte hier das letzte britische Regiment auf indischem Boden.

Der schöne Bogen wirkt aber recht klein, vergleicht man ihn mit dem Gebäude, das dahinter steht. Das riesige Taj Mahal Palace Hotel kennen wohl viele noch aus den Medienberichten von 2008, als Rauch aus den Fenstern stieg und muslimische Terroristen das Gebäude besetzen. Es gab Dutzende Tote. Das Hotel wurde zudem schwer beschädigt und konnte erst zwei Jahre später wieder öffnen. Der direkt am Meer gelegene Koloss von einem Hotel ist jedenfalls ein sehr imposanter Anblick.

Einen Besuch in der exklusiven Hotelbar vetschob ich auf morgen. Heute hatte ich nämlich ganz andere, recht unindische Pläne. Nahe dem CST gab es nämlich etwas, das ich schon seit etwa zwei Monaten suchte, doch bisher in Indien nicht finden konnte, zumindest nicht in leicht erreichbarer Lage. Hier gab es ein Kino, das nicht nur Bollywood spielte, sondern auch einen westlichen Film. Dieser war kein anderer als „Interstellar“, Meisterregisseur Christopher Nolans neustes Werk, ein Muss für mich als Filmfreund und als Physiker. Der Film lief schon um 11:45 Vormittags. Es war die einzige Vorstellung am Tag. Zum Vergleich: Der neue Bollywood Streifen „Action Jackson “ läuft im selben Kino ca. zwanzig Mal pro Tag.

Schön war’s, wieder einmal im Kino zu sitzen. Für die Eintrittskarte zahlte ich ein bisschen weniger als €1,5.  Nach einer Flut von Werbeanzeigen in Hindi – die meisten davon priesen Aktienfonds und Hautcreme – hieß es plötzlich „Please rise for the National Anthem“ und der ganze Saal erhob sich während auf der Leinwand die indische Flagge wehte und aus den Lautsprechern die Hymne erscholl. Man stelle sich dergleichen in Deutschland oder Österreich vor. Dann endlich ging es los.

Ein schöner Film. Natürlich muss der Physiker hin und wieder schmunzeln, wenn die „Experten“ auf der Leinwand in hellster Aufregung die elementarsten Sachverhalte erläutern. Doch das ist schon in Ordnung. Der Film bleibt dabei im grünen Bereich (nicht so z.B. der abgrundtief schlechte Film „2012“, welcher gänzlich Physik verfälscht). Die alte Frage „Was ist im Zentrum eines Schwarzen Lochs?“ mit „Der Bücherschrank in einem Kinderzimmer“ zu beantworten, hat etwas ungemein Poetisches.

Gelöst, begeistert und dezent der Gegenwart entrückt trat ich drei Stunden später wieder auf die belebten Straßen Mumbais hinaus. Bei „Badash Snacks & Drinks“ stillte ich meinen Hunger und genoss außerdem einen Falooda, die flüssige Spezialität des Hauses und eines der seltsamsten Getränke, das ich je getrunken habe. Schmeckt ausgezeichnet.

Ich schlenderte durch den überdachtem Bazaar-ähnlichen Crawford Market, der das hiesige Gegenstück des New Market von Kolkata ist. Es gibt nur wenige Dinge, die man hier nicht kaufen kann. Etwas später erreichte ich einmal mehr den CST, wo mein Rucksack auf mich wartete. Es war Zeit mein Hotel aufzusuchen. Erst zum zweiten Mal auf dieser Reise hatte im Voraus gebucht. Hotel und dessen Lage, wie auf booking.com beschrieben, klangen akzeptabel. Vom CST aus, musste ich lediglich die S-Bahn nehmen und zwei Stationen nach Norden fahren. Nichts leichter als das.

Leider war alles ein bisschen schwieriger. Vielleicht habe ich schon einmal erwähnt, dass sich hierzulande  Imbisbuden und Restaurants oft auch als Hotel bezeichnen, obwohl sie keines sind. An der auf booking.com angegeben Kartenposition, anhand derer ich die Unterkunft ausgewählt hatte, fand ich nun eine heruntergekommene Imbisbude vor, die den gleichen Namen trägt wie mein Hotel. Letzeres war anscheinend ganz woanders, nur wo? Zumindest kannte ich den Wortlaut der richtigen Adresse, doch nicht einmal die Taxifahrer wussten, wo genau die entsprechende Straße sich befand. Es begann eine kleine, etwa vierzigminütige Odysee im Gassengewirr eines belebten muslimischen Viertels. Ich fragte an die zehn Leute, wurde von allen freundlich in stets andere Richtungen geschickt und stand schließlich endlich vor meinem Hotel. Diese kleine Odyssee schaffte es jedenfalls nicht mir die gute Laune an diesem unerwartet schönen Tag zu verdrießen. WLAN und warmes Wasser versöhnten mich mit dem Hotel (das nichts dafür kann). Nur booking.com wird ein böses email von mir kriegen. Sonst werden noch ein paar Reisende vom Schlag getroffen, wenn sie sich ein komfortables Hotel erwarten und plötzlich vor besagter Imbisbude stehen, welche den Schriftzug „Hotel Al Madina“ trägt.

Spät abends ging ich noch einmal auf die Straßen hinaus. Vorbei an zwei wunderschön erleuchteten Moscheen gelangte ich durch das Chaos belebter Straßen zu einem guten Restaurant und verschlang ein schmackhaftes Dosa. Die Straßen dieses Viertels ließen Erinnerungen an Alt-Delhi wach werden. Wie lange her das schon ist…

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