88 Maharashtra

Dezember 15, 2014 at 3:30 pm (Indien&Nepal)

So ein reiner Reisetag (ganz ohne Weltkulturerbe) ist zwischendurch sehr entspannend – selbst dann, wenn man auf fahrende Züge springen muss. Der Vormittag galt der Aufgabe Mumbais Vorortbahnhog Lokmanya Tilak Terminus zu erreichen. Natürlich kann man einfach in ein Taxi steigen. Viel abenteuerlicher (und billiger) ist es aber, die S-Bahn zu nehmen. Ich habe mich wohl an manchen Stellen dieser Berichte aus Indien negativ über Delhi geäußert. In einem Punkt ist Indiens chaotische Hauptstadt den anderen Metropolen des Landes aber weit voraus. Delhis Nahverkehr, die Metro, ist topmodern, übersichtlich und sauber. Mumbais S-Bahn ist das Gegenteil. Was für ein Chaos! Für den Neuling ist es recht schwierig herauszufinden, welcher Zug wohin fährt. Ich benötigte ein paar Anläufe um ans gewünschte Ziel zu gelangen. Ohne Lautsprecherdurchsagen und Liniennetzkarten in den Zügen ist es beinahe unmöglich zu wissen, ob man sich noch auf der richtigen Strecke befindet. Einmal stieg ich aus, nur zum Zweck meine Position zu bestimmen. Ein andern Mal wollte ich aussteigen, scheiterte aber an der Flut von Indern, die in den noch fahrenden Zug sprangen und deren Strom nicht versiegte, bevor kein Platz zum Atmen mehr blieb. Etliche Passagiere hingen auch an der Außenseite des Zuges. Bei der nächsten Station gelang mir das Aussteigen dann doch. Ich fuhr eine Station zurück, stieg noch einmal um und erreichte schließlich jene Haltestelle, von wo ich in drei Gehminuten zum Lokmanya Tilak Terminal gelangen konnte. Es war ein recht unansehnlicher Bahnhof, doch nachdem man den CST gesehen hat, ist wohl jeder Bahnhof irgendwie unansehnlich. In Bälde saß ich im Zug und betrachtete die vorbeiziehende Landschaft des Bundesstaates Maharashtra. Vorbei war es mit den feuchten, tropischen Wäldern. Hier herrschte trockeneres Steppen- und Savannenklima. Besonders ansprechend war die Gegend rund um den Ort Igatpuri. Die schroffen Hügel erinnerten mich einmal mehr an Arizona. Kurz sah ich sogar einen Regenbogen. Als ich einem der vielen durch den Zug patrouillierenden Händler einen Becher Tee abkaufte, wollte der Mann mein Geld nicht nehmen, solange ich es ihm mit der linken Hand reichte. Natürlich war mir bekannt, dass es in Südasien üblich war, Geld und andere Sachen immer mit der rechten Hand zu reichen, während die linke Hand den rechten Ellbogen berührt. Vor allem in Nepal hatte ich mich auch stets daran gehalten. Da ich in Kolkata, Mumbai, Goa und Kerala aber gemerkt hatte, dass es den Leuten recht egal war, hatte ich es mir wieder abgewöhnt. Das Beharren des Teehändlers, nur mit rechts zu empfangen, faszinierte mich. Hat man den Tee erst einmal ausgetrunken, stellt sich das übliche Becherproblem. Wohin mit dem Müll? Bisher habe ich noch auf keinem indischen Zug einen Abfalleimer entdeckt. Für die Inder ist es reinste Selbstverständlichkeit, den auf Bahnreisen anfallenden Müll einfach aus dem Fenster zu werfen. Viel schwieriger, als Mülleimer in Zügen einzuführen, wäre es wohl, die Leute dazu zu bringen, diese auch zu nützen. Auf müllübersäten öffentlichen Plätzen sieht man recht häufig fast leere Mülleimer, auf denen ein flehender „Use me“ Schriftzug zu lesen ist. Jedenfalls sahen mich die Leute im Zug einmal mehr recht befremdet an, als ich den leeren Pappbecher und später eine leere Plastikflasche in meinem Rucksack verstaute. Am späten Nachmittag erreichte ich den Bahnhof von Manmad. Dieser Ortsname sagte mir zu. Ich hatte hier ein paar Stunden Aufenthalt, bevor die Reise weiterging. Obwohl ich nun schon lange in diesem Land bin, ist es immer noch befremdlich, wenn einem mitten auf dem Bahnsteig plötzlich ein Stier entgegen kommt. Kurz vor elf Uhr abends erreichte ich schließlich Aurangabad, das mir in den nächsten Tagen als Ausgangspunkt für die Erkundung der Höhlentempel von Ellora und Ajanta dienen sollte. Nach einem wohltuenden Spaziergang auf nächtlichen Straßen bar Gehsteig und Beleuchtung (Ich traf ein paar Rinder und Schweine.) erreichte ich das gesuchte Hotel und lag nach angenehmer Dusche schon bald im weichen Bett.

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