89 Ellora

Dezember 16, 2014 at 12:25 pm (Indien&Nepal)

Die Höhlentempel von Ellora und Ajanta stehen beide auf der Liste des UNESCO Weltkulturerbes und gehören wohl zu den faszinierendsten Orten, die Indien zu bieten hat. Ellora befindet sich 28 km westlich von Aurangabad, Ajanta 104 km weiter nördlich. Es genügt keineswegs nur eine von beiden Stätten zu sehen. Beide Orte sind einzigartig. Während die Höhlen von Ajanta vom 2. vorchristlichen bis zum 6. nachchristlichen Jahrhundert gefertigt wurden, stammen jene von Ellora vom sechsten bis zum elften nachchristlichen Jahrhundert. Die  Kultstätten koexistierten nur ganz kurz. Die eine löste die andere ab. Elloras Aufstieg war Ajantas Untergang. Spannend ist vor allem die Frage, welcher Religion an beiden Orten gehuldigt wurde. Während alle Höhlen Ajantas buddhistische Motive zeigen, ist dies in Ellora nur bei den früheren Höhlen der Fall. Im siebten Jahrhundert begann der wesentlich ältere  Hinduismus sein triumphales Comeback gegen den damals dominanten Buddhismus und verdrängte ihn schließlich ganz. Zugleich kam es ab dem achten Jahrhundert zu einem kurzen jainistischen Zwischenspiel. Alle drei Religionen koexistierten anscheinend ein paar Jahrhunderte lang friedlich nebeneinander. Davon zeugen die Höhlen Elloras: 12 buddhistisch, 18 hindi, 5 jainistisch und davon viele aus der selben Zeit.

Während Ajanta vor allem durch seine teils zwei Jahrtausende alten, gut erhaltenen Fresken glänzt, besticht Ellora mit seinen Skulpturen, vor allem aber mit Höhle Nr. 16. Diese ist nämlich keine Höhle mehr, sondern die größte monolithische Skulptur der Welt. Doppelt so groß wie der Parthenon in Athen wurde hier ein riesiger Tempel aus der Felswand gehauen und mit detailreichen Gravuren und Skulpturen verziert. Nichts wurde gebaut. Alles ist aus dem selben Stein gehauen. Der Tempel, die Türme, der schwebende Steg, der Elefant. Von oben hat man sich in zwei Jahrhunderten Bauzeit langsam nach unten gegraben, hat 2 lakh Tonnen Stein beiseite geschafft und das, was blieb, wundersam verziert. Ein überwältigender Anblick.

Doch gehen wir chronologisch vor: Ich ließ mir per Zimmerservice ein gutes Frühstück bringen, nahm ein Tuktuk zum Busbahnhof und von dort einen Bus nach Ellora. Auf der Fahrt passierten wir das düstere Fort auf dem Hügel über Dalautabad. Mehr davon später. Ich erreichte Ellora und begann sogleich mit der Erkundung der Höhlen. Mehr oder weniger regelmäßig klaffen die oft schön verzierten Eingänge im Stein der sich von Nord nach Süd erstreckenden Felswand. Ich hob mir Nr. 16, den Höhepunkt des Tages, für später auf und begann mit den drei hinduistischen Höhlen gleich südlich davon. Der Begriff „Höhle“ vermittelt auch hier ein falsches Bild. Die bis zu dreistöckigen Säulenhallen mit all ihren kunstfertigen Gravuren und architektonischen Finessen laden zum Herumklettern ein. Die hinduistische Figurenwelt mit Shivas Tanz, Parvatis Dämonenbezwingung und anderen Motiven sind sehr viel lebhafter als die eher statischen Motive der buddhistischen Zeit. In der buddhistischen Höhlengruppe weiter südlich hat mich vor allem Höhle Nr. 10 begeistert. Das Rippengewölbe mit der großen Buddhaskulptur ist faszinierend. Schön ist auch der kleine Wasserfall der vom überhängenden Fels über den Höhleneingängen in die Tiefe stürzt.

Nachdem ich die fünfzehn Höhlen südlich davon erkundet hatte, kam „Cave 16“ an die Reihe, der Kailasa Tempel. Der Begriff Höhle ist, wie schon erwähnt, völlig fehl am Platz. Bevor ich die größte Monolithskulptur der Welt betrat, erklomm ich zuerst den Fels aus dem sie gehauen wurde.

32 Meter über dem ergrabenen Boden blickte ich auf die Türme, Säulen und Figuren der vom Stein befreiten Struktur. Wie genau geplant dieses Projekt gewesen sein musste. Kein Meißelschlag konnte rückgängig gemacht werden. Alles musste bei ersten Versuch stimmen. Über hundertfünfzig Jahre Bauzeit. Ob es wohl einen einzigen Architekten gegeben hat oder mehrere?

Viele der Gravuren im Tempel und an den Außenwänden zeigen Szenen aus Ramayana, Mahabharata und aus dem Leben Krishnas. Einiges kam mir sehr bekannt vor. Überall dieselben Geschichten. Erstaunlich.
Sehr schön sind auch die vielen Elefantenköpfe, die den Haupttempel verzieren und die Säulengalerie im Fels, die den Tempel umgibt.

Auch nördlich des Kailasa Tempels gibt es noch ein paar erstaunlich schöne Höhlentempel. Südlich von „Cave 29“ und den jainistischen Tempeln war der Pfad entlang der Felswand leider gesperrt. Mit ein bisschen Klettergeschick kommt man aber doch vorbei und erspart sich den Umweg entlang der Straße. Die etwas abseits gelegene jainistische Tempelgruppe weist einmal mehr faszinierende Gravuren auf. Beim Betrachten der diversen Motive wurde mir bewusst, wie wenig ich über diese eigenartige Religion weiß. Der Jainismus ist etwa gleich alt wie der Buddhismus. Im Unterschied zu diesem preist der Jainismus aber nicht den „Weg der Mitte“ als Pfad zum Seelenheil, sondern die radikale Askese. Hinzu kommt das Prinzip kompletter Gewaltlosigkeit, welches etwa auch fordert, vor den eigenen Füßen den Weg zu kehren, um keinen Käfer zu zertreten. Etwa 0.4% der Inder sind heute noch Jainisten, das sind immerhin an die fünf Millionen Menschen.

Von den vier jainistischen Tempeln im Norden Elloras nahm ich mir ein Tuktuk zurück zum Eingang, aß ein spätes Mittagessen und quetschte mich in einen vollen Jeep zurück nach Aurangabad. Aufgrund eines Verkehrsunfalls steckten wir recht lange im Stau. Dies ließ mir Zeit, um vom Fenster aus das nahe Fort von Daulatabad zu betrachten. Die Geschichte des Ortes ist hochinteressant. Im Jahre 1328 hatte der Sultan von Delhi die etwas verrückte Idee, seine Hauptstadt hierher, ins 1100 km weiter südlich gelegene Daulatabad zu verlegen. Delhis ganze Bevölkerung musste die weite Strecke (eher gezwungenermaßen) zurücklegen. Delhi wurde zur Geisterstadt. Nach einer Weile wurde allerdings klar, dass die Wasservorkommen rund um Daulatabad bei weitem nicht ausreichten. So mussten alle einmal mehr die weite Strecke zurück nach Delhi zurücklegen. Sehr beliebt war der Sultan nach dieser Aktion bei seinen Untertanen wohl nicht mehr.

Wieder Aurangabad spazierte ich ein wenig durch die weitläufige Stadt. Auch sie war geschichtlich nicht unbedeutend. Dreihundert Jahre nach dem Daulatabad-Debakel hatte Aurangzeb, der letzte bedeutende Moghulenkönig, seine Haupstadt von Delhi nach Aurangabad verlegt. Zahlreiche alte Stadttore erinnern an jene Zeit. Und dann ist da das Bibi-qa-Maqbara, das mich beeindruckte und amüsierte. Aurangzebs Sohn hatte hier wohl seinem Großvater, Shah Jahan, dem Erbauer des Taj Mahals, nacheifern wollen. Er hatte ihn gewissermaßen kopieren wollen, indem er jenes weltberühmte Mausoleum von Agra einfach noch einmal bauen ließ und zwar im Gedenken an seine verstorbene Mutter. Sein Vater hat ihm dann aber den Geldhahn zugedreht. Und so wurde aus dem Bibi-qa-Maqbara so etwas wie eine billigere Kopie des Taj Mahal. Über die genauen Unterschiede kann ich erst sprechen, wenn ich das Original gesehen habe. Dort ist wohl weit mehr aus Marmor gefertigt als hier. Beide Bauwerke sehen sich jedoch verblüffend ähnlich. Hätte man mich einfach hierher gebeamt und mir erzählt, ich stünde in Agra vor dem Taj Mahal, ich hätte es wohl geglaubt, auch wenn ich leicht enttäuscht gewesen wäre.
Nach einem bekömmlichen Mahl im Restaurant neben meinem Hotel legte ich mich schlafen.

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