93 Kanha National Park

Dezember 19, 2014 at 2:41 pm (Indien&Nepal)

Kurz vor sechs Uhr morgens verließ ich mein Zimmer und setzte mich in den eiskalten dachlosen Jeep. Über mir glänzten noch die Sterne. Der Becher Tee, den ich trank, während mein Fahrer die restlichen Einlasspapiere ausfüllte, war äußerst wohltuend. Kurz vor sieben ging es dann los. Die Tore öffneten sich und wir fuhren in den 940 Quadratkilometer großen Kanha National Park. Im Jeep waren wir zu dritt. Mein Fahrer, mein Guide und ich.

Im Licht der Morgendämmerung fuhren wir durch schöne Mischwälder und über weite Grasflächen. Gelegenheit hielten wir und blickten tigersuchend umher. Auch die Geräusche waren wichtige Indizien, hatten doch viele der gejagten Tiere ihre speziellen Warnrufe für nahende Tiger und Leoparden. Schön war das Licht der Sonne zwischen den Bäumen. Schön war es auch zu sehen, wie der Morgennebel sich lichtete. Schön war es zu fühlen, wie die Welt wieder wärmer wurde.

Wir sahen viel. Am zahlreichsten waren die kleinen, gefleckten Axishirsche. Interessant ist, dass diese sich gerne unter Bäumen aufhalten, auf denen Affen herumturnen. Diese werfen gelegentlich ein paar schmackhafte Blätter aus der Höhe hinab. Eine Weile beobachten wir diese Zwischenspiel.
Ungleich beeindruckender als die Axishirsche fand ich die großen Sambarhirsche (neben Elch und Rentier die größte Hirschart), welche majestätisch über die Wiesen stolzierten. Die kleinen Muntjaks konnte man immer wieder einmal hören, aber nicht sehen. Ihr Ruf klingt wie ein Bellen. Daher nennt man sie auf Englisch auch „barking deer“. An einer Stelle begegneten wir einer Gruppe von Hochlandbarasingas. Diese Spezies gibt es nur mehr im Kanha Nationalpark. Nahebei lagen zwei Schakale faul im Gras. Ein Höhepunkt der Safari kam, als wir plötzlich einen ausgewachsenen männlichen Gaur direkt neben der Straße im Wald bemerkten. Drei Minuten lang sahen wir dem riesenhaften Tier beim Kauen zu. Da es hier keine wilden Elefanten gibt, sind Gaure die größten Säugetiere von Kanha. Auch viele Lemuren und ein paar Eulen konnten wir erspäen. Beindruckend waren auch die vielen riesenhaften Termitenhügel.

Und die Tiger? Die hielten sich leider verborgen – auch wenn Zeichen ihre Gegenwart verrieten. Einmal sahen wir frische Spuren von Tigertatzen im Schlamm neben der Straße, einmal Kratzspuren in der Rinde eines Baumes. Am nähesten kamen wir einem Tiger jedoch, als plötzlich der Warnruf der Axishirsche erscholl. Wir waren gerade beim Gaur und fuhren nun schnell zurück zu der nahen Stelle, wo wir vorhin eben eine Gruppe Hirsche gesehen hatten. Sie waren fort. Und der Tiger, der sie verjagt hatte, war auch nirgends mehr zu sehen.
Jedenfalls war es auch ohne Tigersichtung ein schönes Safarierlebnis.

Gegen elf Uhr vormittags war ich zurück im Motel Chandan, genoss noch ein gutes Paneer-Gericht und plauderte mit einem Pärchen aus London, das nach der Rückkehr in die Heimat gemeinsam Schauspiel studieren wollte. Sie hatten gestern und heute ihr Tigerglück versucht, beide Male erfolglos. Auch einer Gruppe Inder war es so ergangen. No tiger. Kurz nach Mittag stieg in den Bus nach Jabalpur.

Die etwa fünfstündige Fahrt erwies sich als ausgesprochen kurzweilig, nicht wegen der Strecke, sonder aufgrund meines Sitznachbarn, einem neunundzwanzigjährigen Mann namens Pankaj aus Patna im berüchtigten Bundesstaat Bihar. Binnen fünf Stunden ergründeten wir die Probleme der Gegenwart und verglichen unsere Weltanschauungen sowie Politik und Gesellschaftsstruktur unserer Heimat.

Das überraschende war, wie einig wir uns waren und wie sehr unsere Weltanschauung sich glich. Ich fand in Pankaj einen modern und kritisch denkenden Atheisten und Humanisten ersten Ranges vor, welcher mit der Utopie einer geeinten Menschheit liebäugelt. Pankaj hatte einen Master in – ich weiß nicht mehr was – und arbeitete seit ein paar Jahren für eine lokale Regierungsbehörde in Bihar. Als ich ihn mit dem schlechten Ruf seines Bundesstaates konfrontierte (Gewalt gegen Frauen, Gewalt zwischen Kasten, Überfälle auf Touristen, Armut, mangelnde Hygiene, etc.), gab er der korrupten Politik vergangener Jahrzehnte und dem Kastensystem die Schuld. Letzteres sei in Bihar noch stärker verankert als sonst wo in Indien. Seit dem letzten Regierungswechsel befinde sich Bihar aber auf dem steilen Weg der Besserung und habe nach Gujarat das zweithöchste Wirtschaftswachstum in Indien. Speziell Patna entwickle sich zur modernen Metropole. Man baue sogar schon an einer U-Bahn.

Stolz erzählte Pankaj, dass es in seiner Familie schon zwei kastenübergreifende Heiraten gegeben habe. Bei allem Unglauben und aller Weltoffenheit war Pankaj dennoch tief verstrickt in die sozialen Zwänge seiner Heimat. Irgendwie tat er mir leid. Er wusste jetzt schon, dass er im Oktober heiraten würde. Er wusste aber nicht wen. Dies würden seine Eltern und die Eltern einer infragekommenden Braut entscheiden. Gespräche liefenn. Er selbst müsse die Entscheidung im Nachhinein akzeptieren. Obwohl Pankaj klar sagte, dass ein selbstständiges Zueinanderfinden zweier Menschen besser sei, schien er über sein Los nicht im geringsten betrübt. Auf sich allein gestellt würde er wohl keine finden, meinte er. Er sei nicht gut in diesen Dingen. Praktisch also, dass seine Eltern das für ihn erledigten. Naja.

Jedenfalls lud mich Pankaj dazu ein, ihn und seine noch unbekannte Frau bei meiner nächsten Indienreise besuchen zu kommen. Wir tauschten whatsapp  Kontaktdaten aus. Falls ich auf meiner verbleibenden Reise in irgendwelche Schwierigkeiten geraten sollte, könnte ich mich jederzeit an ihn wenden. Er würde das regeln. Ein wertvoller Kontakt.

Es war schon dunkel, als wir in Jabalpur ankamen. Pankaj verließ den Bus am Bahnhof. Wir verabschiedeten uns herzlich. Dann begab ich mich auf die Suche nach einem Hotel.

Der Verlust meines Kompass (Er war mir höchstwahrscheinlich in Alt-Goa aus der Tasche gerutscht.) bewirkte, dass ich in die falsche Richtung lief und – da das im Reiseführer gelobte Hotel  nicht auftauchen wollte – eben ein anderes nahm. Es war ja nur für eine Nacht. Leider erwischte ich eine äußerst dürftige Unterkunft. Es war eiskalt in dem Zimmer. Die Temperatur lag nachts nur mehr knapp über dem Gefrierpunkt. Trotz der Kälte plagten mich die Moskitos. Eine schreckliche Nacht. Wenigstens hatte ich mir zuvor ein richtig gutes Abendessen gegönnt.

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