95 Khajuraho I

Dezember 23, 2014 at 1:39 pm (Indien&Nepal)

Die wunderschöne Tempellandschaft von Khajuraho entstand während der Herrschaft der Chandela Könige von anno 950 bis 1050. Was diese Herrscher hier binnen nur hundert Jahren schufen, zählt zurecht zu den schönsten Schätzen, die Indien zu bieten hat. Dank der entlegenen Lage von Khajuraho (heute ein kleines 22,000 Einwohner Dorf) wurden die Tempel von späteren muslimischen Eroberern nicht zerstört und überdauerten nahezu unberührt die Jahrhunderte. Berühmt sind sie vor allem für ihre kunstvollen Gravuren, die Kriegsszenen, Alltagsszenen, vor allem aber auch viel Sex und Erotik zeigen, ganz ähnlich dem Sonnentempel von Konark.

Nach einem bekömmlichen Frühstück mit Tempelblick, betrat ich schon früh das umzäunte Gelände der westlichen Tempelgruppe. Ein gut gemachter Audioguide führte mich mit Pausen fast drei Stunden umher. Es wird nie langweilig. Die Kunstfertigkeit der Erbauer und die Wahl der Motive ist erstaunlich. Gegenüber einem kleineren Schrein, der Vishnu in seiner dritten Inkarnation als Wildschwein zeigt, befindet sich der mächtige Lakshmana Tempel. Rund um den Sockel findet man allerhand. Kriegsszenen mit Elefanten und Pferden, die explizite Darstellung einer Orgie zu neunt, zwei Männer, die Sex mit einem Pferd haben, und, und, und. Weitaus kunstfertiger sind aber die Gravuren an den Außenwänden des Tempels selbst. Die grazilen Figuren der tanzenden Surasundaris mit ihrem detailliert dargestellten Körperschmuck sind ein Blickfang. Das Schönheitsideal der damaligen Zeit glich anscheinend dem heutigen. Doch auch die Darstellung der verschiedenen Götter, vor allem des tanzenden Ganeshas umgeben von glücklichen Pärchen, sind faszinierend. Im Inneren des Tempels findet man schließlich den Hauptschrein, wo Vishnu durch die diversen Lichtschächte zauberisch beleuchtet wird.

Vom Lakshmana Tempel hat man gute Sicht auf den eher simplen Matangesvara Tempel außerhalb der Umzäunung. Dieser wird als einziger Tempel hier noch aktiv zur Shiva-Verehrung genutzt. Glockenläuten und Gesänge drangen aus dem Hauptschrein während einzelne Shivaverehrer die steilen Stufen erklommen.

Weiter westlich findet man den größten und schönsten Tempel von Khajuraho, den Shiva geweihten Kandariya-Mahadev Tempel. Es gibt keine Stelle seiner Außenwand, die nicht von Statuen und Ornamenten verziert ist. Die Gestaltung des höchsten der vier verbundenen Türme, die den Tempel bilden, zieht den Blick immer wieder zu sich herauf.
Die meist einen Meter großen 872 Statuen ringsum zeigen faszinierende Szenen einer verlorenen Welt. Etwa die Frau, die sich von ihrer Zofe einen Dorn aus der Fußsohle ziehen lässt; der Mann, der mit einem Stock einen Affen vertreibt, während eine Dame sich ängstlich an ihn schmiegt; das ausgelassene Pärchen, das sich unter einem Baum betrinkt, in welchem Vögel singen; das Mädchen, das träumerisch lächelnd einen Liebesbrief schreibt; die Frau, die weinend flieht, als sie ihren Geliebten mit einer anderen erwischt; die sich schminkende Frau mit dem Spiegel; die Flötenspielerin und noch so viel mehr. Zusätzliche sieht man natürlich auch viele fantasievolle und sehr akrobatische Sexstellungen, etwa eine unmöglich anmutende Handstandposition. Meine Lieblingsgravur von Khajuraho ist jene eines Elefanten. Mehr als alle anderen drückt sie den Humor der Künstler von damals aus. Unterhalb der großen Statuen des Kandariya-Mahadev Tempels gibt es rundum eine lange Folge von Elefantenköpfen, welche alle streng nach vorn blicken – nur einer nicht. Ein einziger Elefant blickt freundlich lächelnd nach links, wo ein menschliches Pärchen gerade Sex hat. Dieser lachende Elefant, der zugleich Natürlichkeit und Harmlosigkeit all dessen ausdrückt, erscheint mir eine wunderbare Verdeutlichung der Anschauungen, die hier vor tausend Jahren herrschten.

Unter den vielen informativen und amüsanten Bemerkungen, die der Audioguide von sich gab, amüsierten mich vor allem jene, in denen aus den Briefen und Aufzeichnungen der britischen Entdecker zitiert wurde. Für diese viktorianisch-prüden Gentlemen des neunzehnten Jahrhunderts waren die erotischen Motive auf den Tempeln von Khajuraho ein wahrer Schock. Herrlich, wie sie sich im Dünkel überlegener Moral kritisch über die Könige der Chandela Dynastie äußern, die den moralisch verkommenen Baumeistern so unsägliche Freiheiten erlaubt hätten. Die Tempel von Khajuraho werden als obszöner und zutiefst unanständiger Schandfleck bezeichnet. Man hat das Gefühl, dass jene britischen Entdecker am liebsten alles niedergerissen hätten.

Eine Skulptur, die rund um die westlichen Tempel mehrfach zu finden ist, ist jene eines mythischen Tieres, halb Menschen und halb Löwe, das einen Löwen streichelt. Eine dieser Skulpturen bewacht den Eingang zum kleinen Mahadeva Tempel gleich neben dem Kandariya-Mahadev Tempel.

Der Devi Jagadamba Tempel daneben ist Kali geweiht und weist neben den üblichen erotischen Motiven auch einige schaurige Skulpturen der Totenkopfgöttin auf. Der dem Sonnengottt Surya (derselbe wie in Konark) geweihte Chitragupta Tempel weiter nördlich und der Vishvanath Tempel östlich davon sind ebenfalls beachtliche Bauwerke mit einer Vielzahl von interessanten Skulpturen. Mit den erstgenannten Tempeln können sie aber nicht mithalten. Bemerkenswert ist der schöne Nandischrein gegenüber des Vishvanath Tempels mit seinem riesigen Stier.

Genug Tempel für den heutigen Tag. Die östliche und südliche Tempelgruppe konnten bis morgen warten. Die verbleibende Tageshälfte läutete allerdings schon das Programm für morgen ein. Als Tourist braucht man in Khajuharo starke Nerven. Die konstante Aufmerksamkeit von Händlern, Trickbetrügern und Tuktukfahrern ist extrem. Läuft man die Hauptstraße entlang kommt man aus dem „No, no, no“ Sagen und Kopfschütteln gar nicht mehr heraus. Das konstante „Hey, my friend! “ der ein Gespräch suchenden Betrüger geht einem mit der Zeit so richtig auf den Geist. Unmöglich ist es, zu beurteilen, wem man hier trauen kann und wen nicht. Manoj überzeugte mich dann doch.

Ich hatte nach dem Tempelbesuch gerade mit Blick auf den See von Shiv Sagar gespeist und war auf dem Rückweg zum Hotel. Da sprach mich der neunzehnjährige Manoj an und bot mir eine Tour zu den östlichen Tempeln ins alte Dorf von Khajuraho an. Wie üblich wollte ich ihn abwimmeln. Er wollte aber kein Geld für seine Dienste, sondern etwas ganz anderes: Worte. Er zeigte mir ein sauber geführtes Notizbuch mit einer Liste englischer Worte. Von mir wollte er nun die Aussprache der deutschen Entsprechungen wissen. Ziel war natürlich das nötige Know-How, um in Zukunft leichter das Vertrauen deutschsprachiger Touristen zu gewinnen. Dennoch reizte mich die Vorstellung, in Worten zu bezahlen. Das machte irgendwie Spaß. Wir einigten uns auf eine dreistündige Vormittagstour durch Dorf und östliche Tempellandschaft im Austausch für zweihundert Wörter und ein paar Sätze und vereinbarten einen Treffpunkt für morgen früh. Das versprach, interessant zu werden.

Zurück im Hotel genoss ich eine einstündige Ayurveda-Massage. Dies hatte ich schon am Vorabend mit dem hoteleigenen Masseur vereinbart. Der Mann schien authentisch und der Preis von sieben Euro die Stunde war deutlich billiger als ich es von diversen Angeboten in Kerala kannte. Wieso also nicht? Der Masseur hatte außerdem ein paar spannende Geschichten auf Lager, die man glauben kann oder nicht. Seine Ausbildung habe er im Süden Keralas erhalten, gar nicht so weit weg von Varkala. Er arbeite seit fünf Jahren im Hotel Zen. Davor habe er ein halbes Jahr in Paris gelebt! Er hat dort einen Freund, der Taxifahrer ist. Da die Wohnungskosten in Paris natürlich viel zu hoch für ihn waren, haben sein Freund und er ein halbes Jahr lang im Taxi übernachtet. Im Massagestudio, in dem er in Paris gearbeitet hat, habe man für eine einstündige indische Aryurveda-Massage etwa einhundert Euro verlangt, wovon er selbst recht wenig gesehen hat. Anscheinend bekam ich hier für sieben Euro denselben Service, wie Leute in Paris vor fünf Jahren für hundert Euro.

Mir fehlt die Expertise, um die Qualität der Massage selbst zu beurteilen. Sie war jedenfalls mindestens so gut, wie jene von Kambodscha und Thailand vor fünf Jahren und vielleicht nicht ganz so gut, wie jene in Laos. Sehr entspannend jedenfalls. Und irgendwelche Aryurvedaöle gab’s auch. Davor und dach spendierte mir das Hotel noch einmal gratis Früchte und Zitronentee. Ich versprach einen lobenden Eintrag auf Tripadviser zu schreiben. In ein paar Monaten wird der Masseur übrigens heiraten. Da seine Eltern noch in Verhandlungen mit den Eltern infragekommender Bräute sind, kennt auch dieser Inder seine Braut noch nicht.

Etwas später kaufte ich mir den anscheinend einzigen Schlafsack, den es in ganz Khajuraho zu finden gab. Die Nächte waren einfach zu kalt geworden und die Decken in den Hotels reichten oft nicht aus. Zudem standen mir auch noch einige nächtliche Zugfahrten bevor. Nachdem die ersten drei Läden nichts dergleichen im Angebot hatten, führte mich ein vierter Ladenbesitzer in Laden Nummer fünf. Dessen Besitzer verschwand für fünf Minuten im Obergeschoss und kehrte schließlich mit einem modernen Schlafsack zurück, der genau meinen Vorstellungen entsprach. Schwarz war er auch. Ich konnte den Preis auf ein Niveau herunterhandeln, das wohl leicht unter dem heimischen Verkaufspreis lag. Ein guter Kauf. Kein Frieren mehr. Angenehme Nächte.

Wie am Vortrag angekündigt bekam ich abends im Hotel gratis Thali. Bei Kerzenschein im Garten mundete das Mahl. Hier kam ich dann mit Ranej ins Gespräch, der anscheinend auch für das Hotel arbeitete, halbtags auch am Flughafen. Er lud mich für den morgigen Abend zu sich und seiner Familie in sein Haus im Dorf südlich der Tempel ein. Sonnenuntergangssicht vom Hausdach, „organic food „, Dorfidylle. Und der Preis von alledem? „No money. It depends on your heart.“ Das klang verdächtig, sogar sehr verdächtig. Dennoch: ich hatte für morgen Abend noch nichts vor. Und der Umstand, dass Ranej mit meinem freundlichen Hotel afiliiert war, minderte das Risiko. Ich willigte ein und wir vereinbarten ein Treffen um vier.

Gespannt, was die beiden Termine des nächsten Tages bringen würden, legte ich mich im warmen Schlafsack zur Ruh.

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