96 Khajuraho II

Dezember 23, 2014 at 1:41 pm (Indien&Nepal)

Nach passablem Frühstück im Hotel traf ich mich mit Manoj. Während er mich per Motorrad zu den südlichen Tempeln brachte, erzählte er mir ein bisschen über die Situation der Dorfbewohner in Khajuraho. Anscheinend war es so, dass diese kaum vom Weltkulturerbe auf ihrem Boden profitierten. Die meisten Hotelbesitzer kämen aus den Städten. Das Eintrittsgeld der westlichen Gruppe flösse direkt an die Regierung. Das Dorf sähe nichts davon. Manoj sprach überraschend gutes Englisch. Als ich ihn danach fragte, gab er an, es auf der Dorfschule gelernt zu haben.

Wir erreichten den Duladeo Tempel, welcher in kleinerem Ausmaß Ähnliches bietet, wie die Tempel der westlichen Gruppe. Weiter ging’s zur Gruppe der jainistischen Tempel, welche ähnlich den jainistischen Höhlentempeln von Ellora besonders schöne Gravuren aufweisen. Der Parsvanath und der Adinath Tempel zeigen beide auch viel Ähnlichkeit zu den hinduistischen Tempeln. Immer noch aktiv ist der moderne Shanti Tempel mit seiner fast fünf Meter großen Adinath Statue im Hauptschrein. Interessant, dass man bei den Jainisten nicht nur Schuhe sondern auch Socken ausziehen muss, um die Tempel betreten zu dürfen.

Bei Verlassenen der Jain-Tempel kaufte ich einem der vielen Händler ein Spielkartenset mit den schönsten Motiven von Khajuraho für €1,30 ab. Manoj imponierte mir, indem er dem Händler nachjagte und mir die Hälfte des Geldes wieder zurückbrachte, da die Karten eben nur halb so viel wert waren. Interessant. Abgesprochen? Vielleicht.

Als nächstes wurde ich zu Fuß durch die engen Gassen des Dorfes geführt. Manoj zeigte mir ein paar beschauliche Schreine und Brunnen und erklärte ein paar Details. Die an vielen Hauswänden aufgemalte Lotosblume signalisiert etwa, dass die Bewohner die Partei von Nanendra Modi unterstützen.

Schließlich erreichten wir die Dorfschule, in der eben der Unterricht begann. Über hundert Schüler zwischen sechs und fünfzehn standen im Hof und sangen die Nationalhymne. Ich plauderte eine Weile mit dem 25jährigen Mathematik Lehrer. Schließlich stellte man mir den Direktor vor, der mir alle Räumlichkeiten zeigte und mir erklärte, wie man es dank niederländischer Kontakte und Spenden binnen zehn Jahren vom Freilichtunterricht in einem Innenhof zu diesem Gebäude und elf Lehrkräften gebracht hatte. Fotoalben belegten alles, was er sagte. Man versuche, die Kinder von der Straße wegzukriegen und ihnen eine Perspektive zu geben. Ein dickes, vollgeschriebenes Buch hielt die positiven Eindrücke hunderter Besucher der letzten Jahre fest.
Kurzum: das ganze konnte schwerlich Betrug sein und wenn doch, dann ist das ganze so aufwändig und gut inszeniert, dass sie sich meine €13 Spende trotzdem verdient haben. Auch die Homepage und die Biographie des Direktors stimmen zuversichtlich: „http://www.kashimandir.org/project/“

Der Grund für das ganze Misstrauen: Es gibt Berichte, dass Touristen in Khajuraho in „falsche Schulen“ geführt worden sind und dort von angeblichen Lehrern und einer handvoll angeblicher Schüler zum Spenden überredet wurden. Über hundert Schüler, elf Lehrer, authentischer Mathe-Unterricht, hunderte Fotos etc., haben mich aber von der Echtheit meiner Schule überzeugt.

Manoj führte mich weiter zum Javari Tempel, zum Vamana Tempel und schließlich zum kleinen Brahma Tempel am Ufer des beschaulichen Sees von Narora Sagar. Gleich gegenüber war das Haus von Manojs Familie. Wir konnten es aber nicht betreten, da anscheinend eben jemand duschte – oder so. Eine Stunde lang saßen wir auf den sonnigen Stufen des Brahma Tempels. Ich sprach die diversen deutschen Wörter vor. Manoj wiederholte und übertrug sie phonetisch in Hindi Schriftzeichen. Alte Männer in Boten befuhren indessen den See und ernteten „water chestnuts.“ Nach zweihundert Wörtern gab ich Manoj noch ein Tipps mit auf den Weg, wie er am besten das Gespräch mit Touristen suchen solle. Er wird wohl alles auswendig lernen und von seinen nächsten „Opfern“ mehr wollen, als nur Wörter. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß gehabt, hatte gesehen, was ich hatte sehen wollen und dafür in Worten bezahlt. Ich verabschiedete mich von Manoj und gönnte mir ein gutes Mittagessen. Was wohl der Abend bei Ranej bringen würde?

Nach einigen ruhigen Stunden im Hotel holte der Mann mich leicht verspätet ab. Zu Fuß führte er mich zu einer Wiese in der Nähe. Dort warte sein Freund Sanji mit seinem Motorrad. Zu dritt fuhren wir zum nahen Dorf. Tatsächlich bot das Dach von Ranejs Haus gute Sicht auf Tempel und Sonnenuntergang. Im Innenhof neben einem tiefen gemauerten Brunnen wuchs ein Zitronenbaum. Man forderte mich auf, ein paar Zitronen zu pflücken und bereite daraus Zitronentee zu, den wir  zu dritt auf einer Decke auf dem Dach sitzend tranken. Sehr idyllisch. Ebenfalls auf dem Grundstück anwesend waren Ranejs drei kleine Kinder, sein alter Vater und ein paar scheue Frauen, die mir nicht vorgestellt wurden. Bisher war das ganze ja recht nett. Natürlich war mir klar, dass eine Gegenleistung für die Einladung zum Essen erwartet wurde. Das war nur fair. Als mir Ranej also einen Sack voller Waren, die er auch am Flughafen verkaufte, vor die Füße schüttete, kaufte ich ihm ein nettes, kleines Souvenir ab. Ich feilschte nicht zu hart und gab ihm dafür eine Summe, die ihn für Essen, Sprit und was mir sonst zu Gute kam, locker entschädigte. Hätte er sich damit zufrieden gegeben, wäre es wohl ein netter Abend geworden. Dem war aber leider so. Es begann eine unsympathische Schmierenkomödie. Während sein Kumpel Sanji in der Rolle des Bürgen immer wieder einwarf, was für ein wunderbarer und guter Mensch Ranej sei, begann dieser seine Litanei der Klagen. Er verdiene ja so wenig, Gas und Essen seien so teuer, die öffentliche Schule, die seine Kinder besuchten sei ja so schlecht und die Privatschule viel zu teuer. Der Mann wurde mir so richtig unsympathisch. Man braucht nicht viel Indien-Erfahrung um zu wissen, dass es hier zig Millionen gibt, die so viel schlechter dran sind als Ranej. Der Mann hatte einen Job. Sein Haus war mit Strom versorgt. Die Kinder gingen zur Schule. Das war hier fast schon Mittelklasse. Sein billiges Spendengeheische war in Anbetracht dessen doppelt geschmacklos. Zudem war das Essen, das er mir servierte recht lieblos. Ein bisschen Gemüse in Rohkost und eine seichte Nudelsuppe. Natürlich pries man, wie „organic“ das Essen sei.
Mit der Zeit fuhr Ranej härteres Geschütz auf, zeigte Briefe und Fotos seiner vielen internationalen Freunde, die ihm – Ganesh sei Dank – ja schon so viel geholfen hätten. Ja sicher. Schließlich ließ Ranej seinen fünfjährigen Sohn das Alphabet aufsagen, um zu zeigen, wie schlau er doch war. Doch wozu schlau sein, wenn das Geld für die Privatschule fehlt. (Meines Wissens sind die öffentlichen Schulen hier recht gut.) Als er mir zum zweiten Mal irgendwelche für die Ernährung seiner Kinder so wichtigen Linsencracker vor die Nase hielt und klagte, wie viel diese kosten würde, merkte ich an, dass auf der Verpackung nur der halbe Preis steht. Als er dann behauptete, der Rest sei Steuer, klärte ich ihn auf, dass die Steuer erstens niemals so hoch und zweitens schon inbegriffen sei. Er wechselte das Thema. Ha! Ertappt! An dieser Stelle konnte sich sogar Sanji, der recht still geworden war, ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

Jedenfalls hatte sich Ranej das falsche Opfer ausgesucht. Von mir kriegte er keinen Cent mehr. Wenn er schon Theaterspielen wollte, bitte. Das konnte ich auch. Ich konterte sein Gejammer mit einer fantasievollen Klagegeschichte von langen, entbehrungsreichen Studienjahren, von horrenden Miet- und Lebenserhaltungskosten, von gegenwärtiger Jobunsicherheit. Schließlich erklärte ich leidender Miene, wie ich mein letztes, lang erspartes  Geld ausgegeben hatte, um mir den lange gehegten Traum dieser Reise zu erfüllen. Erwartungsgemäß schien sich Ranej für all dies rein gar nicht zu interessieren, passte es ihm doch nicht ins Konzept. Er wechselte einfach das Thema und begann, da ihm der Text ausging, noch einmal von vorn. Sogar das Alphabet bekam ich ein zweites Mal zu hören. Oder hatte der Mann einfach ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis? Als ihn bei Gelegenheit an das Souvenir erinnerte, das ich ihm abgekauft hatte, wurde er plötzlich wieder freundlich. Aber nur kurz.

Bald nach dem kargen Nudelsuppenmahl gab er es schließlich auf und brachte mich zurück zum Hotel. Mit seinem Freund Sanji, der mir im Unterschied zu Ranej immer noch sympathisch war, vereinbarte ich, dass er mich morgen zu Bahnhof bringen dürfe. Er wollte dafür genausoviel wie die Tuktuk Fahrer. Auf dem Motorrad war es zwar unbequemer, aber die kleine Gefälligkeit gönnte ich ihm.

Ich war froh wieder im Hotel zu sein. Programmpunkt zwei des Tages war doch eher nervig gewesen. Immerhin: die zehn Minuten, in denen ich allein auf Ranejs Dach im Dorf gestanden hatte, umgeben von Feldern, von Federball spielenden Kindern in den Straßen unter einem dramatischen Himmel im Abendrot mit tausend Jahre alten Tempeln am Horizont, diese Minuten entschädigten mich für den anschließenden Austausch von Märchen. Und der Honig-Bananen Pancake im Hotel entschädigte für wässrige Nudelsuppe.

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