100 Orchha III

Dezember 25, 2014 at 12:48 pm (Indien&Nepal)

Mein dritter und letzter Morgen in Orchha begann mit Frühstück und einem weiteren Spaziergang im Nebel. Vorbei an nassen grünen Feldern, Rindern und alten Mauern gelangte ich zu einem abgeschiedenen Hanuman Tempel. Obwohl kein Mensch in Sicht war, drangen aus einem Lautsprecher neben dem Schrein religiöse Loblieder auf Hanuman, den affenköpfigen Mitstreiter Ramas. Weit hallten die Lieder über die leere Landschaft. Ich kletterte auf ein paar Felsen und überschaute von dort den Anfang eines kleinen grünen Tales, das in Richtung Betwa im Nebel verschwand. Irgendwo bellte ein Hund. Kurz sah ich die Umrisse eines Menschen am gegenüberliegenden Hügel stehen. Dann waren sie verschwunden. Immer noch sang man in der Ferne von Hanuman. Heute vor hundert Tagen hatte ich in Delhi auf der Fahrt vom Flughafen meine erste indische Sonne aufgehen sehen. Bunte hundert Tagen waren das gewesen. Vom Himalaya bis Kap Komorin. Berge, Dschungel, Strand. Hitze, Kälte, Regen, Nebel. Die Wüste stand mir noch bevor. Und alles brüllte voller Leben.

Zurück im Homestay blätterte ich mit den Kindern durch meinen Reiseführer. Sie zeigten auf die Bilder, wollten die  Vokabeln für alles wissen, was sie da sahen. Am liebsten hätten sie natürlich das Buch behalten. Nach einer Weile kam Ashok vorbei. Er informierte mich, dass mein Zug laut Bahnauskunft schon mindestens zwei Stunden Verspätung hatte. Kein Grund also, schon jetzt zum Bahnhof von Jhansi zu fahren. Ich sollte es mir noch eine Weile in meiner Hütte bequem machen.

Zwei Stunden Verspätung hörte sich in meinen Ohren recht gut, wusste ich doch, dass derselbe Zug gestern bei seiner Ankunft in Jhansi rund fünf Stunden verspätet gewesen war. Der Chhattisgarh Express ist einer jener viele Langstreckenzüge Indiens, deren Fahrtzeit sich über mehreren Tage erstreckt. Bei seiner Ankunft in Jhansi war der Zug schon zweiundzwanzig Stunden unterwegs und hatte bereits 1100 km hinter sich gebracht. Etwa noch einmal so weit war es bis Amritsar, dem Ziel meiner Fahrt. Nach vielen kleineren Etappen war es wieder Zeit für einen größeren Sprung, der mich an den nördlichsten Punkt dieser Reise bringen würden. Ich wartete also noch eine Weile bei den Büffeln im Innenhof.

Zurückblickend auf den Homestay in Orchha kann ich sagen, dass dieser zwar nett war, aber bei weitem nicht an die schöne Zeit in Sonams Hütte am See von Khecheopalri heranreichte. Landschaft, Essen, das Gefühl des Willkommen Seins – alles war dort besser gewesen. Missen würde ich Orchha und Ganj trotzdem nicht wollen.

Kurz vor zwölf, der eigentlichen Planabfahrtszeit des Zuges, meldete sich Ashok noch einmal. Laut neusten Angaben hätte der Zug doch nur eine halbe Stunde Verspätung. In Windeseile wurde ich zu einem Auto gebracht und nach Jhansi gefahren. Bald aber blieben wir im Stau der Stadt stecken. Verständlicherweise war ich recht nervös ob der Aussicht meinen Zug zu verpassen. Am Bahnhof stellte sich die vermeintliche Pünktlichkeit aber rasch als Chimäre heraus. Ich musste noch eineinhalb Stunden warten.
Mit exakt zweieinhalb Stunden Verspätung verließ ich den Bahnhof von Jhansi in meinem bequemen, warmen Erste Klasse Abteil, das ich mir zur Feier des Tages gönnte. Schließlich war heute der 24. Dezember und ein stilles Abteil war doch weihnachtlicher als die volle, laute Sleeper Class.

Der Rest des Tages gehörte stiller Lektüre. Ich sah die Landschaften und Vogelscheuchen der Felder von Madhya und Uttar Pradesh vorbeigleiten. Vom Catering Service ließ ich mir als €1 Weihnachtsessen ein gutes Mutter Paneer mit Daal, Reis und Roti bringen. Stetig mehr Verspätung ansammelnd erreichte der Zug Gwalior und später Agra. Hier würde ich in zwei Wochen wieder sein und die letzten Tage meiner indischen Reise verbringen. Vom Zugfenster aus versuchte ich das Taj Mahal zu erspähen, sah es aber nicht. In zwei Wochen würde es mir nicht entgehen. Nahe Mathura telefonierte ich nach Hause. Dann schlief ich ein. Ein etwas anderes Weihnachten.

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