97 Khajuraho III

Dezember 25, 2014 at 12:43 pm (Indien&Nepal)

Ich frühstückte ein weiteres Mal im Hotel. Der Vormittag war lang genug, um ihn mit einem Museum zu füllen. Durch das übliche Treiben der Straßen („My friend!“) spazierte ich vorbei an den westlichen Tempeln nach Norden zum Tribal & Folk Art Museum. Da es noch geschlossen hatte, gab es zuerst einen Becher Tee am Ufer des idyllischen Prem Sagar. Nur eine halbe Stunde nach der auf Schildern angegebenen Öffnungszeit sperrte das Museum dann tatsächlich auf. Die Ausstellung gefiel mir sehr. Die hiesige Stammeskunst ist farbenfroh und reich an Formen und Materialen. Manch dargestellte Kreatur erinnerte mich an Tim Burtons „Nightmare before Christmas.“ Wirklich beeindruckend.

Vom Museum ging ich zurück ins Hotel,  holte mir meinen Rucksack, ignorierte die Tuktukfahrer, die sich en masse auf mich stürzten und schritt zum mit Sanji vereinbarten Treffpunkt. Wie abgemacht wartete er dort, angeblich seit über einer Stunde. Er brachte mich auch zum zehn Kilometer entfernten Bahnhof, ganz ohne Stopps in Shops. Allerdings fuhren wir nicht auf der Hauptstraße, sondern auf sandigen Nebenstraßen durch kleine Dörfer. Der Grund dafür war die Polizei, welche hier so etwas wie Helmpflicht für Motorräder durchsetzen möchte. Auf den Nebenstraßen wurde weniger kontrolliert. Jedenfalls war die Fahrt hier auch um einiges idyllischer.

Am einsamen Bahnhof von Khajuraho verabschiedete ich mich von Sanji und stieg in den pünktlich abfahrenden Zug nach Orchha. Alles andere als pünktlich war die Ankunftszeit, benötigte der Zug nicht wie vorgesehen vier sondern acht Stunden bis Orchha. Es war wohl die bislang unbequemste Zugfahrt dieser Reise. Zuerst ging die Fahrt noch flott nach Norden. Wir erreichten die Grenze nach Uttar Pradesh und hielten am Bahnhof von Mahoba Junction. Dann geschah mehr etwa drei Stunden lang gar nichts mehr. Eine müllfressende Kuh trabte irgendwann einmal vor meinem Fenster vorbei. Der Tag neigte sich dem Ende zu und ich war immer noch fern von Orchha. Schließlich hieß es Umsteigen in einen Ersatzzug. Endlich war ich wieder in Bewegung, nur leider viel zu langsam. Bahnhof für Bahnhof kämpfte sich der Zug durch stets dichter werdenden Nebel nach Westen. Ich saß inmitten einer Großfamilie mit drei abwechselnd schreienden Kindern. Es wurde zunehmend kälter. Seufz.
Bei jedem Halt spähten die Leute aus dem Fenster, um festzustellen, wo wir uns befanden. Ich fragte stets hoffend, ob es Orchha sei, doch dem war nicht so. Erst vier Stunden nach der Abfahrt aus Mahoba erreichten wir das wieder in Madhya Pradesh gelegene Orchha.

Ich war einer von wenigen, der hier aus dem Zug stieg. Der Bahnhof war winzig, der Nebel dichter denn je. Heilfroh ein Tuktuk zu finden, nannte ich mein Ziel: das Dorf Ganj, zwei Kilometer östlich von Orchha. Die drei Männer im Tuktuk hatten vom dortigen Homestay anscheinend noch nie gehört und waren sich etwas unsicher. Auf nebliger Straße fuhren wir zuerst nach Süden bis ins Zentrum von Orchha. Hier holte man Rat bei einem kleinen Reisebüro, das noch geöffnet hatte. Der Besitzer rief Ashok an, welcher die Homestays im Dorf organisierte. Dieser sagte mir am Handy, dass er mich erst morgen treffen könne. Ich solle mich einfach bis nach Ganj bringen lassen. In Sudamas Haus sei ein Bett für mich bereit.

Weiter ging es durch den Nebel. Der Scheinwerfer des Tuktuks vermochte nur wenige Meter weit in die graue Masse vorzudringen. Meine drei Tuktukfahrer kannten sich hier nicht wirklich aus. Schließlich fragten sie, wo genau sie mich absetzen sollten. Sudamas Haus? Nein, sie kannten keinen Sudama. Seufz.

Da tauchte im Nebel am Rande der Straße ein kleines Schild auf. Friends of Orchha Homestay. Na also. Darunter war ein kleiner Lageplan, der die Häuser des Dorfes zeigte. Manche waren Teil des Homestay Projekts, andere nicht. Auch Sudamas Haus war eingezeichnet. Na wunderbar. Ich bezahlte meine drei tapferen Nebelreiter, welche sogleich wieder im Dunkel verschwanden. Allein schritt ich durch die stillen Straßen des Dorfes und stand schließlich vor jenem Haus, welches laut Plan, das von Sundama sein musste. Alle Türen waren jedoch verschlossen. Und auf mein zaghaftes Klopfen und „Namaste. Hello. Homestay?“ Rufen antwortete keiner. Ich hörte nur ein leises Flüstern hinter der Holztür. Seufz.

Stand ich vielleicht vor dem falschen Haus? Durch Nacht und Nebel ging ich noch einmal zurück zum Lageplan. Nein, das Haus musste das richtige sein. Was tun? Ich war eben dabei Ashok anzurufen, als ich vor einem der anderen Häuser Bewegung sah. Ein Mann stand in der Tür. Ich machte mich bemerkbar und fragte nach dem Homestay und Sudamas Haus. Der Mann begleitete zur Hütte, an der ich vorher gestanden hatte, trommelte laut gegen die Tür und rief etwas in Hindi. Das wirkte. Eine mürrische, jüngere Frau erschien, entsperrte die Tür zum Innenhof und führte mich zu einer Hütte, in der ich ein gemütliches Bett vorfand. Waschbecken und Toilette waren gleich nebenan. So fand des langen Tages Reise in die Nacht doch noch ihr warmes, gemütliches Ende.

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