98 Orchha I

Dezember 25, 2014 at 12:45 pm (Indien&Nepal)

Nach erholsamen Schlaf entstieg ich meiner Lehmhütte und trat hinaus in den Innenhof. Trotz des fortgeschrittenen Vormittags herrschte immer noch dichter Nebel. Zwei Büffel blickten mich kauend an. Nett. Ich trug einen der beiden Lehnsessel aus meinem Häuschen ins Freie und plante dort im Nebel sitzend meinen Tag.

Nach einer Weile kam der Herr des Hauses, grüßte mich in dürftigem Englisch und fuhr dann mit seinem Motorrad zur Arbeit. Etwas später kam sein achtjähriger Sohn und holte mich zum Frühstück. Er hatte sich unbemerkt angeschlichen und hinter einem Baum versteckt. Dort machte er unheimliche Geräusche und sprang dann mich erschreckend wollend hervor. Ich kam mir vor wie in „Lucy und Glibsch“. Der Achtjährige sprach in seiner Familie wohl das beste Englisch und managete die nötigen Konversationen.

In einer kleineren Hütte anbei servierte mir die Dame des Hauses im Beisein ihrer drei Kinder ein rustikales Frühstück. Es gab schön scharfen Getreidebrei, eine Banane und eine Guave. Natürlich saßen wir am Boden. Nach einer Weile kam Ashok, einer der Organisatoren des Homestays, vorbei. Er war grad auf dem Weg nach Jhansi, wo er eine Prüfung an der Uni absolvieren musste. Später wollte er mir noch mehr über den Homestay erzählen. Wir vereinbarten ein Treffen fünf Uhr Nachmittags.

Nun aber wurde es Zeit, mich der Geschichte Orchhas zu stellen und seinen historischen Boden zu erforschen. Das heutige 10,000 Einwohner Dorf blickt zurück auf eine glorreiche Geschichte, war es doch vom 16. bis zum späten 18. Jahrhundert Hauptstadt der hinduistischen Bundela Dynastie. Die spannende Geschichte des Ortes definiert sich im facettenreichen Verhältnis zu den Mogulenherrschern in Delhi. Stand der Bundela-König Bir Singh noch im offenen Konflikt mit Akbar dem Großen, so folgte darauf später eine lange Freundschaft mit Akbars Sohn Jehangir, ein Musterbeispiel friedlicher Koexistenz von Islam und Hinduismus. Orchha wurde zwar Teil des Mogulenreichs, bewahrte sich aber weitreichende Autonomie. Später gab es wieder Konflikte.

Die prächtigen Bauten von Orchha sind architektonisch irgendwo in der Mitte zwischen islamischer und hinduistischer Bauweise angesiedelt. Eine gelungene Mischung.

Als ich an jenem Vormittag nun die Straße von Ganj nach Orchha entlang spazierte, sah ich anfangs sehr wenig. Immer noch beherrschte dichter Nebel die Welt. Einzelne Bäume wurden sichtbar und verschwanden wieder. Links des Weges konnte ich auf einer Anhöhe bald die Umrisse des Lakshmi Narayan Tempels ausmachen. Etwas später sah ich vor mir die hohen Türme des erstaunlichen Chaturbhuj Tempels. Ich betrat die belebte Altstadt von Orchha. Klein, beschaulich und voller Leben. Über eine Brücke erreichte ich schließlich das Fort mit seinen hoch aufragenden labyrinthischen Palastruinen.

Als erstes erkundete ich den weitläufigen Raj Mahal. Über versteckte Wendeltreppen und finstere Korridore gelangte ich bis ins oberste der vier Geschosse, welche einen weiten Innenhof umgeben. Der Blick nach Westen zum Chaturbhuj Tempel und auf die Dächer von Orchhas Altstadt ist sehr schön. Allmählich begann der Nebel sich zu lichten. Immer weiter drang mein Blick. In ein paar wenigen Räumen des Raj Mahals sind noch Fresken zu sehen, die meist Szenen aus der Ramayana oder aus dem Leben Krishnas zeigen. Man kanm hier stundenlang durch die Gänge und über Treppen wandern und findet wohl immer wieder Neues. Doch wieso sollte man das tun, wenn gleich nebenan ein noch viel schönerer Palast mit ebenso labyrinthischem Inneren wartet?

Das Jehangir Mahal wurde anlässlich des Besuchs des Mogulenkaisers Jehangir erbaut und ist ein faszinierendes Gefüge aus Türmen, Galerien, Torbögen, Kammern, Korridoren und Treppen. Als ich nach längerem Herumirren wieder ins Freie trat, schien mir die Sonne ins Gesicht. Kurz vor der Mittagsstunde hatte sie den Nebel nun doch beseitigt. Die Aussicht auf die weite grüne Ruinenlandschaft war besser denn je.

Ich besuchte die einstigen Kamelstallungen und das Raj Praveen Mahal, einen kleiner, zierlicher Palast, in dem einst Raj Praveen, die beste Sängerin und Tänzerin des Mogulenreiches residierte. Als Belohnung für ihre Dienste schenkte ihr der König von Orchha einen Palast umgeben von Ziergärten. Zahlreiche Anekdoten erzählen von ihrem Leben. Auch einige schöne Wandmalereien sind hier noch erhalten.

Kurz nach zwölf wechselte ich wieder auf die andere Seite des wasserarmen Burggrabens. Nach einem guten Mittagessen waren nun die Tempel an der Reihe. Von allen Bauten Orchhas ist der Chaturbhuj Tempel am beeindruckendsten. Diese Kompaktheit, die hohe Kuppel und die Türme geben dem Bau Ähnlichkeit mit manch Kathedrale. Es ist erlaubt über ein Labyrinth aus Treppen auf das Dach zu klettern. Hier saß ich lange und genoss den Blick zum Fort, zum pink-goldenen Ram Raja Tempel mit seinen hunderten Pilgern, zum Betwa Fluss mit seinen vielen Felsen und hinauf zu den Türmen über mir, wo ganze Schwärme von grünroten Halsbandsittichen kreisten. Da sah ich einen großen Geier auf mich zu schweben und auf dem Torbogen direkt über mir landen. Schön.

Ich schritt über den belebten Marktplatz vor dem Ram Raja Tempel, wo hunderte Händler am Boden saßen und ihre Waren anboten. Besonders schön anzusehen sind stets die bunten Häufen farbigen Sands, die zum Färben verwendet werden. Neben dem Marktplatz besuchte ich den grünen Ziergarten von Phool Bagh und den kleinen Palki Mahal Palast.

Hernach führte mich mein Weg nach Süden ans Ufer des Betwa Flusses. Trotz der winterlichen Temperaturen badeten hier viele zwischen den Steinen. Andere wuschen farbenfrohe Wäsche im Fluss. Besonders idyllisch sind die direkt am Ufer gelegenen Chhatris, die hohen, palastartigen Zenotaphen der einstigen Bundela-Herrscher. Auf ihren Türmen konnte ich so manchen Geier erspähen.

Auf halbem Weg zurück nach Ganj folgte der letzte Höhepunkt dieses abwechslungsreichen Tages: der auf einem Hügel gelegene Lakshmi Narayan Tempel. Dieser glänzt erstens mit seiner Aussicht auf Orchha und die umliegende Landschaft, zweitens mit seinen vielen gut erhaltenen Fresken (die besten in Orchha) und drittens mit seiner schönen Architektur.

Nun erst sah ich mein Dorf zum ersten Mal vom Nebel befreit. Viel war nicht da. Eine handvoll Lehmhütten, ein paar Felder ringsum. Das ist Ganj.

Ashok führte mich ein bisschen herum und stellte mir ein paar andere Familien vor. Anfangs war man hier skeptisch gewesen. Niemand wollte beim Homestay Projekt mitmachen. Inzwischen sieht man die Vorteile und reißt sich drum. Derzeit war ich der einzige Gast im Dorf. Ashok hatte gehört, dass es dieses Jahr in ganz Indien eine Flaute an Touristen gab. Keiner weiß warum.

Gemeinsam mit Sudamas Familie aß ich zu Abend. Wieder holten mich die Kinder ab. Sie wollten candy von mir, doch ich hatte nichts. Sie nahmen es mir jedoch nicht übel. Das Essen war einfach, doch gut. Die Dame des Hauses buk das Paratha über dem offenen Feuer direkt vor meiner Nase.
Zurück in meiner Hütte holte mich schon bald der Schlaf.

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