99 Orchha II

Dezember 25, 2014 at 12:48 pm (Indien&Nepal)

Nach meinem zweiten Frühstück im Homestay begann ich den Tag mit einem Spaziergang im Nebel. Ich wollte eigentlich bis ans Flussufer gelangen, scheiterte jedoch an der schlechten Sicht und dem sich in der Wildnis auflösenden Weg. Ein großer Baobab-Baum diente mir zur Orientierung um zurück ins Dorf zu gelangen.

Da das Frühstück heute ein bisschen karg ausgefallen war, gönnte ich mir ein zweites. Ein Restaurant in der Altstadt von Orchha servierte mir Porridge und Masalatee.

Ich schritt hinab zum Betwafluss und kreuzte die Brücke ans andere Ufer. Hier liegt das ausgedehnte Orchha Nature Reserve. Ich besorgte mir ein Fahrrad und brachte die nächsten Stunden damit zu, allein auf weiter Flur durch den nebligen Wald zu radeln. Erholsam und schön. Ich sah nicht viel Fauna, nur Rinder, Vögel, ein paar flüchtende Hirsche und viele Rhesusaffen. Hin und wieder stellte ich mein Rad ab und streifte zu Fuß durch den lichten Wald und hinunter zum Fluss. So menschenleer war es auf dieser Reise vielleicht noch nie um mich gewesen, nicht einmal in Sikkim. Die Stille tat gut. Heute benötigte die Sonne wesentlich länger um den Nebel zu durchdringen.

Um zwei Uhr Nachmittags war ich wieder in Ganj und speiste zu Mittag. Eine Weile lang las ich zwischen den Büffeln im Innenhof Baudelaire und Voltaire. Die Sonne war nun auch da. Später radelte ich ein zweites Mal ins Nature Reserve, setzte mich dort unter einen Baum und las laut in Voltaires  Dictionnaire Philosophique.

Was bringt einen dazu ein zweihundertfünfzig Jahre altes, längst überholtes Lexikon zu lesen? Ich muss zugeben, dass ich diese Lektüre ungemein bereichernd finde. Der Sinn für Geschichte wird geschärft. Zu erfahren, was man Mitte des Achtzehnten Jahrhunderts schon alles wusste und noch nicht wusste, was man zu wissen glaubte, was man ahnte, vermutete und prognostizierte, ist faszinierend. Zudem ist der Autor Voltaire, einer der schärfsten Denker, den diese Spezies je hervorbrachte. Mit seinem Witz und seinem herrlichen Sarkasmus macht er sogar eine Enzyklopädie unterhaltsam. Nebenbei  möchte ich mit dieser Lektüre den Menschen Voltaire besser kennenlernen, zu einem tieferen Verständnis von François Marie Arouet gelangen. Außerdem macht es Spaß laut auf französisch zu lesen, auch wenn meine Aussprache wohl verbesserungswürdig ist.
Als mich ein Geräusch aufblicken ließ, sah ich in nächster Nähe einen Hirsch (Ich glaube, es war ein männlicher Sambarhirsch) stehen. Der mochte Voltaire wohl auch. Nun aber suchte er das Weite.

Allmählich neigte sich der ruhige Tag dem Ende zu. Ich radelte zurück durch den indischen Winterwald und gab mein Fahrrad ab. Die verbleibende Stunde bis Sonnenuntergang verbrachte im Fort. Auf dem weiten, von Wasser umflossenen Gelände gab es noch viele kleinere Ruinen, die vor allem nun im Spätnachmittagslicht besonders reizvoll waren. Auf einem Turm des Verteidigungswalls fand ich schließlich den perfekten Ort, um die rote Sonne am südwestlichen Horizont nahe dem Chaturbhuj untergehen zu sehen. Wenn sie sich morgen im Osten wieder erheben würde (und ich sie im Nebel nicht sehen würde), würde es der einhundertste Sonnenaufgang dieser Reise sein.

Nach einer angenehmen Stunde im Cyber Cafe von Orchhas Altstadt ging ich noch einmal ins Fort um dort die tägliche Sound & Light Show zu besuchen. Kalt war es. Doch die Show war schön. Hunderte Scheinwerfer hüllten das Raj Mahal in ein abwechslungsreiches Farben- und Formenspiel. Stimmen erzählten die Geschichte von Orchha, etwa von der Freundschaft zum Mogulenkaiser Jehangir, vom König, der seinen Sohn von Hunden zerfleischen ließ, da dieser dasselbe mit einem Brahmanen gemacht hatte, von der Meisterschaft der Tänzerin Raj Praveen, vom Giftmord am beliebten Bruder des Königs, und, und, und … Nett war auch die Geschichte, in der sich König und Königin zerstritten, da er Krishna anbetete, sie aber Rama. Da beides Inkarnationen von Vishnu sind, dünkt der Disput ein wenig absurd. Zumindest wurden zwischen Rama- und Krishnaverehrern nie Kriege gefochten. Es gingen höchstens Ehen in die Brüche. Die Dispute zwischen christlichen Konfessionen waren da wohl um einiges blutiger.

Leicht durchgefroren verließ ich gegen halb acht das Fort und wärmte mich bei Tee und gutem Paneer Butter Masala in der Altstadt von Orchha. Es folgte ein schöner und schauriger Nachtspaziergang auf der einsamen Straße zurück nach Ganj.

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