101 Chhattisgarh Express

Dezember 27, 2014 at 1:20 pm (Indien&Nepal)

Ich erwachte zum ersten Mal kurz nach Mitternacht, als wir in Delhi hielten und Mutter und zwei Töchter einer Familie zustiegen. Hier war ich also wieder. Und hier fuhr ich auch schon wieder weg. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass der Zug inzwischen fast fünf Stunden verspätet war.

Ich erwachte zum zweiten Mal, als ich einen Mann im Abteil sah. Im Halbschlaf hielt ich ihn für einen weiteren Fahrgast, der eben sein Bett bezog. Die Rechnung, dass das Viererabteil ja schon voll war, überstieg meinen Wachheitsgrad. Ich drehte mich um und schlief weiter.

Ich erwachte zum dritten Mal gegen halb sechs, als die ältere der drei Damen im Abteil laut ausrief, dass ihre Handtasche weg war. Das Licht ging an. Alle waren sehr aufgebracht. Doch die Suche ergab nichts. Glatter Diebstahl. Man hat ihr im Schlaf über das Gesicht hinweg fassend die Tasche aus den Armen entwendet. Der Schock war groß. Die zwei erwachsenen Töchter trösteten ihre weinende Mutter. Der dazugehörige Vater wurde aus einem anderen Abteil herbeigeholt. Schaffner und Zugpolizei kamen vorbei. Eine Anzeige wurde verfasst. Die Emotionen gingen hoch. Was für ein Schauspiel. Da sich die Familie untereinander großteils auf Englisch unterhielt, konnte ich viel verstehen.

Mit einem solchen Diebstahl war in Zügen zu rechnen, nur hätte ich es nicht in der ersten Klasse vermutet, wo der Dieb tatsächlich eine versperrbare Tür öffnen muss, um ins Abteil zu gelangen. Bei mir hätte er sich schwer getan. Mein Rucksack lag angekettet unter dem Bett. Reisepass, Smartphone und ein Großteil meines Bargelds trug ich unter der Decke in meiner Gürteltasche. Ein bisschen Bargeld gab es höchstens in meiner neben mir liegenden Hose zu stehlen.

Jedenfalls sah ich nun, dass all diese Vorsichtsmaßnahmen ihren Sinn haben. Denn die Diebe kommen nachts. Und sie sind dreist.

Während sich die Tragödie mitsamt wechselseitigen Schuldzuweisungen und allem, was dazugehört neben mir abspielte, wuchs die Verspätung des Zuges stetig. Zuviele Halte und Langsamfahrperioden machten aus sechs bald sieben, bald acht und schließlich neun Stunden, während der Zug durch die trübe, einfallslose Landschaft vom Haryana und Punjab ratterte. Mein planmäßig ohnehin schon kurzer Amritsar-Aufenthalt wurde noch kürzer. Immer noch blieb mehr als genug Zeit für den goldenen Tempel, Hauptheiligtum der Sikhs. Mit zunehmender Verspätung wurde aber immer gewisser, dass ich auf die zweite Attraktion der Gegend, die indisch-pakistanische Grenzschließungszeremonie würde verzichten müssen. Als die Soldaten beider Länder um vier Uhr nachmittags kräftemessend in bunten Uniformen Aug in Aug herumstolzierten, saß ich immer noch Zug, acht Stunden nach Planankunft.

Wie klein aber schien dieser Verzicht verglichen mit dem, was die Familie neben mir mitmachte. Da stand einiges auf dem Spiel. Die verlorene Tasche entpuppte sich als das viel kleinere Übel. Die ältere Tochter wollte dieses Wochenende heiraten. Alles war organisiert. Volles Programm von Freitag bis Sonntag. Doch die Hochzeit war in Pakistan. Dort wartete der Bräutigam. Heute um vier machte die Grenze dicht und blieb auch den ganzen Freitag zu. Der schwer verspätete Zug machte Wochen der Vorbereitung zunichte. Während der Brautvater wütend gegen diverse Zugwände trat, übte sich die Braut im stillen Gebet vor einem kleinen  Taschenschrein, als dessen Stütze sie sich meinen Reiseführer auslieh. Es half alles nichts. Der Zug wurde nicht schneller. Man kann sich den Frust aller Beteiligten wohl gut vorstellen. Ich gab mich mitfühlend und spendierte eine Runde Tee.

Ein paar Stationen vor Amritsar verließ die Familie den Zug und versuchte von hier per Taxi ihr Glück. Ich glaube nicht, dass sie es geschafft haben. Dafür war es einfach schon zu spät.

Allein verbrachte ich noch weitere eineinhalb Stunden im still gewordenen Abteil und erreichte kurz vor fünf Uhr Abends nach siebenundzwanzig Stunden im Zug endlich Amritsar.

Die Hotelsuche verlief kurz und ganz ohne Probleme. Schon meine erste Wahl in zentraler Lage bot mir ein günstiges kleines Zimmer mit WLAN. Noch war es aber zu früh, um den Tag zu beenden. Die lange Fahrt sollte belohnt werden. In nächster Nähe befand schließlich eines der schönsten und berühmtesten Gebäude Indiens. Zwanzig Minuten schritt ich durch die enge, chaotische Altstadt. Um sich warm zu halten verbrennen die Leute hier Müll auf den Straßen. Nach einer längeren Zeit in ländlichen Gefilden (Kanya, Khajuraho, Orchha) kam mir Luft der Millionenstadt besonders übel vor. Mitten drin im Gewimmel stand ich plötzlich vor einer christlichen Kirche mit bunter Weihnachtsbeleuchtung. Jeder zweite Mann auf den Straßen trägt hier Turban, klares Erkrnnungszeichen männlicher Sikhs. Schließlich erreichte mein Ziel.

Als erstes sah ich den großen Uhrturm am Osteingang des weitläufigen Harmandir Sahib. Nachdem ich mein Haupt bedeckt, Schuhe und Socken abgegeben hatte und durch ein seichtes Wasserbecken gewatet war (kalt!), durfte ich das große Tor durchschreiten und befand mich nun am breit befliesten Ufer des Amrit Sarovar (Nektarbecken). Ein Steg führt ins Zentrums des Gewässers. Und dort steht er, der berühmte Goldene Tempel von Amritsar, Hauptheiligtum der Sikhs. Golden glänzte er in prächtiger, nächtlicher Beleuchtung und spiegelte sich im Wasser. Über Lautsprecher drang ein unaufhörlicher Singsang, der wohl Passagen aus dem Guru Granth Sahib, dem heiligen Buch der Sikhs, wiedergab. Während ich den Tempel im Uhrzeigersinn entlang des Beckenrands umrundete, passierte ich viele Sikhs, die andächtig mit gefalteten Händen in Richtung Tempel blickten oder im heiligen Nektarbecken badeten. Versteckt hinter Wänden gibt es auch Badebereiche für Frauen.
Die Gebäude ringsum das Becken sind ebenfalls ein Augenschmaus. Die minarettartigen Türme des Ramgarhia Burga im Osten, die weißen Uhrtürme im Norden und Süden, sowie der Akal Takhat, der zeitlose Thron, im Westen bieten eine würdige Hintergrundkulisse für den Goldenen Tempel. Die nächtliche Stimmung an diesem Ort war beeindruckend. Vor allem die leuchtenden Spiegelbilder der Gebäude im Wasser tragen zur zauberischen Atmosphäre des Ortes bei. Als ich eben inmitten einer Gruppe Sikhs in Richtung Tempel blickte, fielen rund um mich an einer bestimmten Stelle des Singsangs alle auf die Knie. Ich war weit und breit der einzige, der stand. Eben als ich erwog, mich aus Höflichkeit auch hunzuknien, standen aber alle wieder auf und ersparten mir den Kniefall.

Die kalten Fliesen plagten meine nackten Füßen zunehmend. Ich verschob das Betreten des Goldenen Tempels auf morgen, speiste ein gutes Thali in der Nähe und schritt durch dunkle Gassen zurück in mein Hotel. Ein Wort zum Restaurant des Abends. Die Kellner trugen Santa Claus Mützen. Der Schriftzug am Eingang war verziert mit schwarzen Hakenkreuzen auf rotem Hintergrund. That’s India.

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