102 Amritsar

Dezember 28, 2014 at 10:39 am (Indien&Nepal)

Ich schlief gut und tief in meinem freundlichen Hotel. Ein voller Tag in Amritsar stand mir bevor und ich freute mich darauf.
Bevor ich ein zweites Mal die Altstadt besuchte, spazierte ich am Vormittag durch das neuere Viertel nördlich der Bahngeleise. Hier gibt es einen Park, der nach aufwändiger Restauration vielleicht irgendwann einmal schön genannt werden kann. In seiner Mitte steht der völlig heruntergekommene Sommerpalast der einstigen Maharajas. Der Grund für meinen Besuch lag im Nordwesten des Parks. Untergebracht in einem imposanten Museumsgebäude findet man hier die Sikh Version des Riesenrundgemäldes von Innsbruck. Dargestellt werden die Heldentaten des sympathischen Maharajas Ranjit Singh, dem Löwen von Punjab, welcher Anfang des neunzehnten Jahrhunderts (also zu Zeiten Hofers) die Fremdherrschaft der Mogulen abschüttelte und das Sikh Reich als unabhängige Nation etablierte (bevor dann die Briten kamen). Das Rundgemälde hat dabei ganz ähnliche Dimensionen wie jenes in Innsbruck. Zur Untermalung werden per Lautsprecher Schlachtgeräusche eingespielt. Im unteren Geschoss des Ranjit Singh Panorama (so heißt das Museum) erzählen Bilder und Dioramen vom Leben des toleranten, sekulär gesinnten (ganz anders als Hofer) Maharajas.

Der Museumsbesuch zeigte mir auch einmal mehr die Irrelevanz offizieller Öffnungszeiten in diesem Land. Ab neun sollte laut dem Schild am Eingang geöffnet sein. Um viertel nach sperrte auch tatsächlich jemand das Eingangstor auf und kassierte das Eintrittsgeld. Doch ich musste weitere dreißig Minuten warten bis jemand die Ausstellungsräume aufschloss und das Licht anmachte.

Zurück in der Altstadt speiste ich zum Frühstück köstliches Kulcha, eine lokale Spezialität bei welcher Parathas mit Kräutern und Kartoffeln gefüllt werden. Sehr sättigend. Dazu gab’s ein gutes Lassi.

Wenig später stand ich an einem der traurigsten Orte des Landes, dem Jallianwala Bagh. Was hier vor fast einem Jahrhundert anno 1919 geschah, schockiert bis heute. Richard Attemborough hat die Geschehnisse in seinem Monumentalfilm Gandhi nachgestellt. Ohne Vorwarnung gab der britische Brigardier Dyer den Befehl auf die unbewaffnete Menge von 20000 friedlich demonstriernden Indern zu schießen. Panik brach aus. Die Menschen versuchten zu fliehen, wurden im Kugelhagel niedergestreckt. Vor den Ausgängen bilden sich Leichenhaufen. Flüchtenende Menschen sprangen in einen Brunnen, aus dem später über hundert Leichen geborgen wurden. Insgesamt starben an die vierhundert. Dyer glaubte seine Pflicht getan zu haben.
Erklären kann man sich die diversen Gräueltaten der damaligen Zeit wohl nur in Anbetracht der damals in Europa noch so weit verbreiteten Weltsicht, welche Inder als Menschen niedrigeren Wertes klassifizierte. Das Massaker von Amritsar markiert jenen Punkt indischer Geschichte, an dem der Weg in Richtung Unabhängigkeit zur Einbahnstraße wurde. Im Kugelhagel von Jallianwala Bagh starben Inder, doch die Briten verloren dabei jegliche Rechtfertigung ihrer Herrschaft über Indien.

Der Platz sieht heute ganz anders aus als damals. Aber immer noch kann man die Einschusslöcher in den alten Wänden sehen. Auch der Brunnen ist noch da. Ein Mahnmal und ein Museum erinnern an die Toten.

Besonders tragisch erscheint mir die große historische Ungerechtigkeit, dass ausgerechnet die Sikhs, die sich über Jahrzehnte so sehr für das Ende britischer Herrschaft eingesetzt und viel Blut dafür gelassen hatten, wohl am meisten am ersehnten Sieg zu leiden hatten. Indiens Unabhängigkeit wurde für sie zur Katastrophe, denn sie brachte die Teilung des Landes und die Trennlinie führte mitten durch das Kernland der Sikhs. Punjab wurde in zwei Teile zerrissen. Zwischen den einander so nahen Schwesterstädten Lahore und Amritsar tat sich ein bis heute nur schwer überwindbarer Graben auf. In den Jahren nach 1947 mussten im einstigen Punjab zehn Millionen Menschen ihre Heimat verlassen. Eine halbe Million wurde von der einen oder anderen Seite massakriert.

Später besuchte ich ein zweites Mal den Harmandir Sahib Komplex rund um den goldenen Tempel. Bei Tag war das Ambiente nur halb so schön wie bei Nacht. Doch dafür war es wärmer und meine nackten Füßen froren deutlich weniger. Sogar die Sonne zeigte sich und, wo kein Schatten war, wurde der Boden warm. Der nördliche Uhrturm beherbergt ein Museum zur Geschichte der Sikh. Viele Bilder zeigen Guru Nanak, der die Religion Ende des fünfzehnten Jahrhunderts gründete. Seine selbstkomponierten Lieder werden auch heute noch gesungen. Ich weiß viel zu wenig über den Sikhismus, doch ein Kernaspekt scheint mir zu sein, dass der Fokus weniger auf Askese (wie im Hinduismus und Buddhismus), sondern auf ehrlicher, harter Arbeit liegt. Zudem gibt es hier keine Erlösung aus dem karmagesteuerten Samsarakreislauf der Wiedergeburt. Es geht immer weiter. Und man muss Turban tragen. Soweit mein karges Wissen über die Sikhs. Erstaunlich ist die Geschichte der Verfolgungen, denen die Sikhs immer wieder ausgesetzt waren – vor allem unter den Mogulen. Die Bilder im Museum zeigen viele Sikh Märtyrer, die von den Mogulen – da sie sich weigerten zum Islam zu konvertieren – auf sehr kreative Weise getötet wurden. Die Bilder sind sehr explizit. Da werden Menschen der Länge nach mit einer Säge in zwei Teile geschnitten, in großen Kesseln lebendig gekocht, mit Ziegelsteinen eingemauert, mit Messern gehäutet, skalpiert, stranguliert, kopfüber gehängt und geschlagen, etc. Unmittelbar daneben sieht man tatsächliche Fotos jener Sikhs, die bei diversen Anschlägen und Unruhen in den siebziger und achtziger Jahren ihr Leben ließen. Der lange unterschwellige Konflikt kulminierte als Premierministerin Indira Gandhi 1984 in der Operation Blue Star das Gebäude des zeitlosen Throns gleich neben dem goldenen Tempel erstürmen ließ. Als Rache wurde die beliebte Premierministerin im selben Jahr von radikalen Sikhs ermordet.

Nach einer halben Stunde Schlangestehen entlang des Stegs im Nektarbecken gelangte ich schließlich ins Innere des Goldenen Tempels. Auf drei prunkvollen Stockwerken murmeln alte Männer mit langen Bärten und Turban vor sich hin. Manche sind dabei über überdimensionierte alte Bücher gebeugt, die wohl Versionen des heiligen Buches Guru Granth Sahib sind. Das Original wird jeden Morgen in den Goldenen Tempel getragen und über Nacht im Zeitlosen Thron verwahrt. Inmitten frommer Sikhs erkundete ich sämtliche Ecken und Enden des Tempels. Es gibt hier ein Becken mit heiligem Wasser. Ein jeder Besucher schöpft mit den Händen daraus und trinkt. Das ist in der Tat noch schlimmer als die Weihwassertradition im Christentum. Da fasst man wenigstens nur rein.

Ich verbrachte noch eine Weile in der Nähe des goldenen Tempels, umrundete den ganzen Komplex und kostete den als eine Art Kommunion ausgegebenen süßen Brei, von dem man die Hälfte nach Erhalt bei den Sikhs nahe dem Steg als eine Art Opfer abgibt. Den Rest darf man dann essen. Köstlich.

Nach nachmittäglichem Kaffee und Croissant irrte ich eine Weile durch das lebhafte Gassengewirr rund um den Katra Jaimal Singh Bazaar. Ich bahnte mir meinen Weg nach Nordwesten bis zum hinduistischen Sri Durgiana Tempel, welche eine Art Hindu Kopie des Goldenen Sikh Tempels ist. Ebenfalls in einem großen Wasserbecken gelegen und über einen Steg erreichbar ist der Durgiana Tempel kleiner und einfacher, aber auch viel ruhiger und friedlicher. Beide Tempel entstanden etwa zeitgleich Ende des 16. Jahrhunderts.

Problemlos gelangte durch Smog und dichten Verkehr zurück zu meinem Hotel und von dort zum Bahnhof. Auf dem Weg sah ich noch zwei der imposanten alten Stadttore, welche die Altstadt begrenzen. Der Bahnhof von Amritsar war der erste dieser Reise, auf dem es keine englischsprachigen Lautsprecherdurchsagen gab, nur Hindi und Punjabi. Dennoch fand ich meinen Zug.
Eineinhalb Stunden nach Planabfahrtszeit setzte er sich dann tatsächlich
auch in Bewegung und begann seine lange Reise nach Ajmer im schönen Rajasthan.

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