103 Ajmer

Dezember 30, 2014 at 10:49 am (Indien&Nepal)

Normalerweise schlafe ich in indischen Züge sehr gut. Erschwert wird dies jedoch, wenn mir gegenüber eine Gruppe weiblicher indischer Teenager bis Mitternacht lautstark Hindi Pop Songs singt und hernach eine Mutter mit Kind sich hartnäckig weigert, das Licht neben meinem Kopf abzudrehen, weil sich ihr Nachwuchs im Dunkeln fürchtet. So ging die Fahrt von Amritsar nach Süden recht schlafarm vorüber.

Da die meisten Fahrgäste in Jaipur ausstiegen, hatte ich den Waggon die restliche Strecke bis Ajmer fast für mich allein. Von einem durch den Zug streifenden Händler erstand ich zum Frühstück drei schmackhafte Samosas und Tee. Vor dem Fenster sah ich
indes die hügelige, zunehmend wüstenähnliche Landschaft des zentralen Rajasthans vorbeigleiten. Zwei Wochen lang würde ich diesen westindischen Bundesstaat erkunden.
Ich hatte hier einiges vor.

Mit nur drei Stunden Verspätung fuhr der Zug kurz nach Mittag im chaotischen Ajmer ein. Ich stieg aus und genoss die wiedergefundene Wärme. 25 Grad und Sonne. Eine Wohltat nach dem kalten Amritsar. Nachdem ich mein Gepäck am Bahnhof abgeben und im nahen Restaurant köstliches Malai Kofta verschlungen hatte,  erkundete ich die Stadt.

Ajmer ist vor allem für Muslime von großer Bedeutung, befindet sich hier doch das Grab (Dargah) des Khwaja Muin-ud-din Chishti, eines heiligen Sufis, der im zwölften Jahrhundert aus Persien hierher gekommen war. Über die Jahrhunderte hinweg sind viele Mogulenherrscher hierher gepilgert. Manch einer hat das Grab um einen prunkvollen Torbogen, einen Schrein oder eine Moschee ergänzt. So findet man heute ein beschauliches Konglomerat von Prunkbauten unterschiedlicher Zeiten um das eigentliche Grabmal vor. Dazwischen drängen sich die Pilger dicht an dicht und berühren mit Händen, Stirn und Lippen alle erreichbaren Gebäudeteile. Der Ort, inmitten des engen Gassengewirrs der Altstadt erinnerte sehr an das Grab des Hazrat Nizam-ud-din in Delhi.

Etwas weiter westlich auf einer kleinen Anhöhe liegt die pittoreske Ruine der Zweieinhalb Tage Moschee. Interessanterweise war dies ursprünglichen eine Sanskritschule. Erst als die Stadt anno 1198 an muslimische Herrscher fiel, wurde eine Moschee daraus.Wie das imposante Gebäude zu seinem seltsamen Namen kam, ist nicht ganz klar. Die Theorie, dass sie in nur zweieinhalb Tagen erbaut wurde, entbehrt jedenfalls jeglicher Glaubwürdigkeit.

Nach diesen zwei Attraktionen glaubte ich die Highlights der Stadt gesehen zu haben, doch zwei in meinen Augen noch schönere Sehenswürdigkeiten standen erst noch bevor. Was sich im Inneren des jainistischen Nasiyan Tempels befindet, ist schwer zu beschreiben, zählt aber zu den schönsten „Dingen“, die ich auf dieser Reise gesehen habe. Auf einer Fläche von ca. vierzig mal zwanzig Metern steht hier ein gewaltiges, goldenes Diorama, das den kompletten Innenraum ausfüllt. Man blickt von den oberen Stockwerken staunend darauf hinab, hinüber und hinauf. Mit seinen hochaufragenden Türmen, goldenen Bergen und fliegenden Elefantenkopfschiffen ist das Kunstwerk sehr dreidimensional. Dargestellt werden gleich mehrere Motive: Zum einen die jainistische Kosmologie der ewigen Scheibenwelt mit dem heiligen Berg im Zentrum, zum anderen der sagenumwobene Tempel von Ayodhya mit Episoden aus dem Leben Adinaths. Aus allen Winkeln ein faszinierender Anblick. Obwohl das Objekt ein ganz anderes ist, wurde ich doch an das schöne Kunsterlebnis im Dachgeschoss der abgeschiedenen Pemayangtse Gompa im ach so fernen Sikkim erinnert.

Nahe dem jainistischen Tempel findet man auch einen schönen Hindutempel und eine christliche Kirche. Das Nebeneinander von vier und mehr Religionen scheint in Ajmer gut zu funktionieren.

Ihren besonderen Reiz entfaltet die Stadt aber etwas weiter nördlich am Ufer des großen Sees von Ana Sagar. Gut restaurierte Pavillons aus der Mogulenzeit säumen am Rande einer grünen Parkanlage das Ufer. An den Nordufern des Sees sieht man schöne weiße Gebäudekomplexe und braunrote Hügel. Der Ort erinnert ein wenig an den Gardasee. Lang saß ich am Ufer und sah See und Menschen zu.

Ein halbstündiger Marsch brachte mich zurück zum Bahnhof und dem imposanten Uhrturm gleich daneben. Per Tuktuk fuhr ich zum Busbahnhof und bestieg den Bus ins kleine Pushkar, nur eine halbe Stunde von hier entfernt. Interessant ist, dass man hier neben Tuktuks und Fahrradrikshas auch viele fiakerähnliche Pferdegespänne sieht.

Abschließend kann ich zu Ajmer sagen, dass die Stadt anziehend und abstoßend zugleich ist. Schon lange nicht mehr sind mir so aufdringliche Tuktukfahrer und Händler begegnet. Man muss sich regelrecht losreißen, um von der Stelle zu kommen. Auch die Dichte an Bettlern in dieser Stadt ist mühsam. Die Gassen rund um das Sufigrab sind besonders bedrückend. Während man sich dort die Schuhe an oder auszieht wird man von bis zu fünf Bettlern belagert, die an einem zupfen und zerren. Schockierend sind die vielen Beinlosen, die am Boden herumkriechen und mit monotoner Stimme unaufhörlich „Alllah, Allah“ rufen. Traurig, dass diese Menschen darauf angewiesen sind, hier inmitten der Horden um Almosen zu bitten. Von den vielen Bettlern, die auf dem Fußgängersteg gegenüber dem Bahnhof liegen, sahen einige wie tot aus.

Nach einer halben Stunde Fahrt entlang des Ana Sagar und hinauf in die Hügel erreichte ich Pushkar. Der Ort hat nur etwa zehntausend Einwohner. In den zwei Wochen des alljährlichen Kamelmarktes im Herbst sind aber zwei Lakh Menschen hier. Von überall her aus den westlichen Wüsten bis zur pakistanischen Grenze strömen dann Händler und Pilger nach Pushkar, um im heiligen See zu baden und Kamele zu kaufen.

Gleich nach meiner Ankunft fand ich ein wunderbar günstiges Zimmer in einem stillen, grünen Innenhof. Durch die unglaublich touristische Straße entlang des hinter den Häusern und Tempeln verstecken Sees gelangte ich später zu einem Restaurant mit Dachterasse. Bei Blick auf den nächtlichen See aß ich eine gute Pizza und zog mich schon bald in mein Hotel zurück.

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