104 Pushkar

Dezember 30, 2014 at 11:01 am (Indien&Nepal)

Pushkar weist klar die höchste Dichte westlicher Touristen auf, die ich auf meiner bisherigen Reise gesehen habe. Man fragt sich warum. Der Umstand, dass hier einer der wenigen Brahmatempel (manche sagen der einzige Indiens) steht, ist wohl ein Pilger- aber kaum ein Touristenmagnet. Die weißen Stufen zum heiligen See und die vielen neueren Tempel sind nicht sonderlich spannend. Die Lage in den Hügeln am
Rand der westlichen Wüste ist zwar
schön, aber dergleichen findet man anderswo auch. Was also wollen all
diese Leute hier? Was rechtfertigt die Existenz von hunderten Souvenirläden, Hotels und Restaurants? Warum verkauft man hier Che Guevara und Salvador Dalí T-Shirts? Keine Ahnung.

Wahrscheinlich ist es einfach der Mythos der ach so spirituellen Hippi-Enklave Pushkar, der dem Ort seit den siebziger Jahren Horden sinnsuchender, westlicher Besucher beschert. Man setzt sich barfuß auf die Stufen zum See, plappert einem Priester ein Loblied auf Brahma nach, streut Rosenblüten ins Wasser, macht ein bisschen Yoga, kauft sich eine Trommel, raucht ein bisschen Hasch, gibt irgendeinen Singsang von sich und kommt sich dabei „oh so spiritual and open-minded“ vor. Soweit jedenfalls mein Eindruck von den meisten Pushkar-Besuchern.

Nach einem gutem Frühstück bei Kardamonkaffee und Dattel-Poridge besuchte ich als erstes die Ghats, die heiligen Stufen zum See. Die vielen bunten Hinweisschilder mit den Benimmregeln für Touristen verunstalten die ansonsten in weiß gehaltenen Stufen ein wenig. Schuhe dürfen nicht in die Nähe des Sees gebracht werden. Baden ist ohnehin nur Hindus vorbehalten. Auch Fotografieren ist am Ufer überall verboten. An letzteres Verbot würde man sich ja auch halten, wenn sich die Inder selbst dran halten würden. Die Situation war recht abstrus. Beim Betreten der Ghats wurde ich noch streng ermahnt, nicht zu fotografieren. Eine Minute später, bat mich eine Gruppe Inder, ein Foto von ihnen zu machen. Ich wies streng auf das große Schild gleich hinter ihnen: No photography. Ein amüsanter Rollentausch. Jetzt war ich es, der Inder ermahnt nicht zu fotografieren. Ein Stück weit spazierte ich die Stufen entlang. Der viele Taubenkot am Boden lässt einen seine Sandalen vermissen. Nachdem ich etwa ein Dutzend indische Touristen
beim Fotografieren beobachtet hatte, zückte ich schließlich doch selber die Kamera – nur um gleich von einem Priester böse ermahnt zu werden: „No photography! Show some respect.“ Seufz.

Meine nächste Station war der Brahma-Tempel, ein Unikum in Indien. Jeder kennt Brahma als Schöpfer des Universums. Doch während der Zerstörergott Shiva und der Erhaltergott Vishnu immer wieder mal ins Geschehen eingreifen, hat sich Brahma nach seinem initialen Schöpfungsakt so ziemlich rausgehalten. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum es so gut wie keine Brahma Tempel gibt. Es bringt nichts, ihn anzubeten. Der tut ja nichts. Nur in Pushkar ist es anders. Und da man doch irgendwie meint, dem Schöpfer des Universums Respekt zollen zu müssen, kommen die meisten Hindus einmal in ihrem Leben hierher.

Abgesehen von seiner theologischen Sonderstellung ist der Brahma-Tempel wirklich nichts Besonderes. Man drängt sich recht brutal nach vor zum Schrein und bewirft das Abbild des viergesichtigen Gottes mit Rosen. Obwohl alle Kameras am Eingang abzugeben sind, schmuggeln viele Inder ihre Smartphones herein und fotografieren ungescholten. Nur die Touristen halten sich an die Spielregeln.

Nahe dem Tempel liegt das Brahma-Ghat, eine der heiligsten Stellen am Seeufer. Sobald man dort ankommt, wird man sogleich von einer Art Priester geschnappt und kommt nicht umhin, den angebotenen Hokuspokus mitzumachen. Ich legte besonders viel Theatralik in meine Wiederholung des vorgesagten Mantras. Natürlich kommt dann irgendwann die Forderung nach Geld. Eine Schautafel erklärt, dass man pro Familienmitglied, für das ein Brahma-Segen gesprochen wurde, an die zwanzig Euro zu zahlen habe. Die Briten, die ich in Kerala getroffen hatte, haben an diesem Ort gut fünfzig Pfund liegen lassen. Ich gab wissend lächelnd hundert Rupien (€1,30) her. Nichts Schlimmes geschah. Man verabschiedete sich freundlich von mir. So geht’s also auch. Wenn das die Briten wüssten.

Als nächstes führte mich mein Weg zum kleinen Busbahnhof, wo ich die morgige Weiterreise nach Udaipur organisierte. Gleich dahinter auf einem Hügel liegt ein Kali-Tempel und noch einmal dahinter auf einem viel größeren Hügel steht der kleine Pap Mochani Tempel. Dort hinauf wollte ich nun.

Nach zwanzig Minuten Aufstieg in der warmen Mittagssonne stand ich oben und hatte herrliche Aussicht hinab zum See, entlang eines Hügelkamms nach Osten und in Richtung Wüste nach Westen. Im Südwesten sah ich den weitaus höheren Hügel mit einem Saraswati-Tempel am Gipfel. Dort wollte ich heute zum Sonnenuntergang sein. Ich hoffte, es dort ruhiger zu haben. Das Genießen der Aussicht fiel mir auf dem Pap Mochani Hügel ein bisschen schwer, da ich schon seit der Hälfte des Weges von einer Horde nerviger Kinder belagert wurde. Es waren nicht wirklich arme Kinder. Das ganze sah mehr nach Schulausflug aus. Dennoch wurden sie nicht müde, mich nach Geld zu fragen.

Durch volle, touristische Straßen, in denen man inmitten der Menschen auch immer wieder schöne Rinder findet, gelangte ich zurück zu meinem Hotel. Nahebei aß ich köstliches Cashew Curry mit Butter Paratha. Dann genoss ich ruhige Stunden im schönen, sonnigen Innenhof meines Hotels.

Gegen Abend lockte der Hügel. Vorbei an geschmückten Kamelen und Kamelkarren erreichte ich die steinernen Stufen, die mich binnen vierzig Minuten hinauf zum Gipfel führten. Dreimal am Weg begegneten mir auf der Sitar spielende Inderinnen mit kleinen Kindern, die in bunten Kleidern zur Musik tanzten. Nett. Da gibt man gerne ein paar Rupien her. Der Tempel am Gipfel ist nichts Besonderes, aber die Aussicht ist fantastisch. Pushkar wirkt aus der Höhe sehr klein kompakt, eine Oasenstadt rund um den kostbaren See. Der Schatten meines Berges streckte sich zunehmend dem Wasser entgegen.Über eine Stunde lang blieb ich am Gipfel und blickte von den Felsen hinab in alle Richtungen. Schließlich ging die Sonne rot über der westlichen Wüste unter und ich sprang zurück hinab zum See.

Als später im Hotel der Strom ausfiel, setzte ich mich noch einmal ins Freie unter einen klaren Sternenhimmel. Direkt über der Fassade meines Hotels sah ich Orion, Stier, Stiertreiber und die Pleiaden. Rigel, Beteigeuze und Aldebaran waren hell wie sonst nur selten.

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