105 Udaipur I

Dezember 31, 2014 at 5:53 pm (Indien&Nepal)

Gegen sieben Uhr Morgen verließ ich mein Hotel in Pushkar und bestieg einen Bus nach Udaipur, welcher sich eine Stunde nach Planabfahrtszeit auch tatsächlich in Bewegung setzte. Die sechsstündige Fahrt nach Süden war sehr holprig, da die Straße eine Folge von Baustellen war und der Bus so gut wie keine Stoßdämpfer hatte. Jede Busfahrt in Indien ist ein weiteres Argument fürs Zugfahren. In Zügen kann man wunderbar lesen. In Bussen läuft man eher Gefahr sich mit seinem Buch zu erschlagen, wenn einen die nächste Bodenwelle aus dem Sitz schleudert. Während die Landschaft Rajasthans am Fenster vorbeiholperte, begann ich daran zu zweifeln, ob es eine gute Idee war, Udaipur wieder zurück auf meine Route zu setzen. Ursprünglich hatte ich einen Tag mehr in Pushkar und einen halben Tag mehr in Jaipur eingeplant. Das eher unspektakuläre und dezent anstrengende Pushkar hatte mich gestern aber kurzfristig dazu bewogen, Udaipur, die Stadt am See, doch noch zu besuchen. Hier saß ich nun im ungemütlichen Bus und hoffte endlich anzukommen. Wir passierten eine kilometerlange Aneinanderreihung von Marmor- und Granitshops am Straßenrand. Nicht fertige Skulpturen werden hier verkauft, sondern rohe Steinblöcke. Weit konnte es nicht mehr sein. Ich stellte mich schon einmal darauf ein, bei meiner Ankunft in Udaipur von Tuktukfahrern bestürmt zu werden.

Schließlich waren wir da. Der Bus setzte uns jedoch nicht am Busbahnhof von Udaipur ab, sondern irgendwo in der Peripherie. Kein Tuktuk weit und breit. Na super.
Gemeinsam mit einem netten Inder aus Mumbai, der mit englischsprachigem Guidebook durch Rajasthan tourte, fand ich schließlich doch noch ein Tuktuk. Wir fuhren näher ins Zentrum und ich nahm ein weiteres Tuktuk in die Altstadt. Ein günstiges Hotel am Seeufer war schnell gefunden. Ohne den See noch gesehen zu haben, bezog ich mein Zimmer. Es war etwa fünf Uhr Nachmittags, eine Stunde vor Sonnenuntergang. Nun wurde es aber Zeit festzustellen, ob sich der weite Weg zurück nach Süden auch ausgezahlt hatte. Ich stieg die schmalen Stufen zur Dachterasse meines Hotels direkt am Ufer des Sees von Pichola hinauf. Da stand ich und sah mich um. Ja. Udaipur war die Reise wert. Und wie.

Ich war gebannt, uberwältigt, hin und weg. Mit wenigen Blicken kletterte Udaipur in meinem persönlichen Ranking der schönsten Städte und Dörfer der Welt ganz nach oben, ex aequo mit Venedig, Pont-en-Royans und Luang Prabang. Und beinahe hätte ich diesen Ort verpasst.

Die weiße Stadt am blauen See leuchtete mir entgegen. Auf einer Insel steht ein Tempel, auf einer andere
n das weitläufige Lake Palace Hotel. Der hoch aufragende City Palace mit seinen Türmen und Erkern begann gleich links von mir und erstreckt sich weit das östliche Ufer entlang nach Süden. Doch auch die Gebäude am mir gegenüberliegenden, westlichen Ufer sehen aus wie Paläste. Eine schmale Fußgängerbrücke führte ein paar hundert Meter rechts von mir über das Wasser. Dutzende Boote befuhren den See, über dem Vögel – ob in Schwärmen oder als einzelne Jäger – ihre Runden drehten. Und in der Ferne erheben sich grüne Hügel, unter denen vor allem jener hervorsticht, auf dem der fast verfallene Monsoon Palace in die Höhe ragt.

Diese bildgewaltige Komposition der optischen Reize beleuchtete und vervollständigte die rote Sonne, welche sich mir gegenüber in Richtung Horizont senkte. Es war wunderschön. Ich ging heute nirgendwo mehr hin, blieb einfach auf dieser Terrasse, trank das erste Bier seit langem und sah dabei zu, wie die Dämmerung kam, wie die Sonne verschwand und die Venus erschien. Hoch stand der Halbmond. Fackeln wurden auf der Insel des Lake Palace Hotel und am westlichen Ufer angezündet. Die Spiegelung des Feuers im Wasser zauberte langgezogene Streifen in den See.
Udaipur ist wunderbar. Und morgen hatte ich einen ganzen vollen Tag, um diese Stadt zu erkunden.

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