106 Udaipur II

Januar 3, 2015 at 1:08 pm (Indien&Nepal)

Ich stand früh auf, um den Tag voll auszukosten. Ein Morgenspaziergang führte mich zur kleinen Brücke im Norden des Sees und von dort dem Wasser entlang nach Süden vorbei am Hanuman Ghat und zu den Badestufen nahe einem kleinen Tempel. Die Aussicht auf den City Palace, das Lake Palace Hotel, See und Hügel war umwerfend. Zudem ging eben die Sonne hinter den Mauern und Türmen des City Palace auf.

Nach gutem Frühstück machte ich mich dorthin auf den Weg. Der weitläufige, prunkvolle Palast lädt per Audioguide zur Erkundung ein. Schon der erste Satz ist programmatisch: „Die Mewar-Dynastie ist ewig!“ Die Geschichte Udaipurs ist die Geschichte der Mewars, jenes unbeugsamen Rajput-Clans, der sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder gegen Mogulen und andere Aggressoren behaupten konnte. Und wenn der Audioguide da von Ewigkeit spricht, so ist ihm ein bisschen Recht zu geben. Der Stammbaum lässt staunen. Die Mewars können ihre Dynastie lückenlos bis ins sechste Jahrhundert zurückverfolgen und sind somit die älteste immer noch aktive Herrscherdynastie der Welt. Direkte politische Macht haben sie im demokratischen Indien natürlich keine mehr. Dennoch ist der Maharana von Udaipur mit seinen Besitztümern (z.B. dem Lake Palace Hotel) immer noch einer der mächtigsten Menschen der ganzen Region.

Während ich zwei Stunden lang durch die Galerien und Höfe des City Palace geführt wurde, sah ich viel Schönes und hörte von interessanten geschichtlichen Begebenheiten. So stellten einige Gemälde die Schlacht von Haldighati dar, in welcher die Mewars den zahlenmäßig überlegenen Mogulen ein Unentschieden abrangen. Abstrus und genial: Um die gefürchteten Kriegselefanten der Mogulen zu bezwingen, „verkleideten“ die Mewars ihre Pferde mit falschen Rüsseln. Die Elefanten hielten diese daraufhin für Elefantenkälber und griffen nicht oder nur zögerlich an. Darauf muss man erst einmal kommen.

Ein besonders schöner Ort im City Palace ist der grüne Baadi Mahal mit seinen Bäumen, Wasserbecken, bunten Bleiglasfenstern und seiner Aussicht über die ganze Stadt. Auch der „Pfauenhof“ mit seinen Mosaiken ist ein Highlight. Immer wieder findet man auch schöne Sicht auf See und Inseln.

Einen großen Teil des Stadtpalasts nimmt das exklusive Shiv Niwas Palace Hotel ein. Teile davon darf man besichtigen. Beeindruckend ist die prunkvolle Durbar Hall mit ihnen drei Lustern, ihren Gemälden und der herrlichen Aussicht zum See.  In den Galerien darüber findet man die gltzernde Kristallsammlung. Für ein Vermögen hatte Maharana Sajjan Singh 1877 bei der britischen Firma F&C Osler & Co eine ganze Inneneinrichtung aus geschliffenem Glas in Auftrag gegeben. Neben tausenden Gläsern und Tellern bestellte er auch Schreibtische und Kommoden, ja sogar ein ganzes Bett aus Glas. Der Maharana verstarb, bevor die Lieferung eintraf. Er schlief niemals in seinem selbstentworfenen Kristallbett. Der ganze Schatz wartete 110 Jahre lang, vergessen in Kisten, auf seine Wiederentdeckung.

Einer der Kellner in der riesigen, prunkvollen Durbar Halle machte mir das morgige Gala-Diner am Silvesterabend schmackhaft. Sogar der Maharana würde da sein. Es klang verlockend, war aber doch etwas über meinen Verhältnissen. Außerdem wollte ich da schon in Jaipur sein.

Ich verabschiedete mich vorerst vom Palastgelände und aß ein gutes Mittagessen mit herrlicher Aussicht. Hernach besuchte ich eines der alten Havelis, der prunkvollen Sradthäuser am Seeufer, in welchem ein kleines Museum mit kuriosen Exponaten untergebracht ist, u.a. dem größten Turban der Welt und einer Puppengalerie mit Szenen aus der alten Zeit.

Nach Kaffee, Kuchen und WLAN im Cafe Edelweiss durchschritt ich noch einmal den Stadtpalast in voller Länge um zu den Bootsanlegestellen im Süden zu gelangen. Es folgte eine ganze Stunde am See mit Blick auf Stadtpalast und Lake Palace Hotel, welches wir umrundeten. In der Ferne auf seinem Hügel thronte der Monsoon Palast. Unser Boot legte schließlich auf der Jagmandir Insel südlich des Lake Palace an. Hier konnte man bleiben so lang man wollte. Es gab einen netten Park, schöne Steinelefanten, einen Christbaum und teuren Piccolo-Sekt. Es war sommerlich warm.

Zurück am Ufer erwartete mich noch eine weitere Attraktion, ausnahmsweise kein Palast, sondern zur Abwechslung wieder einmal ein Tempel. Im schönen Jagdish Tempel mit seiner von Steinelefanten flankierten Treppe, wird jene Variante von Vishnu verehrt, die der Leser schon von Odishas Puri kennt: Jagannath, Lord of the Universe. Neben beachtlichen Gravuren an seiner Außenseite glänzt der Tempel vor allem durch seine schaurigschöne Garudastatue.

Allmählich neigte sich der Tag dem Ende zu und ich beschloss den Sonnenuntergang genauso zu verbringen wie am Tag zuvor, nämlich auf der Dachterasse meines Hotels. Wieder war es wunderschön, dort das Ende des Tages und den Anfang der Nacht zu erleben.

Beim Abendessen hatte ich später noch besonders amüsante Unterhaltung. Vielen westlichen Besuchern wird Udaipur unterschwellig bekannt vorkommen, so als hätten sie es schon irgendwo gesehen. Tatsächlich diente der Ort als exotische Kulisse für den klassischen Bond-Film „Octopussy“ von 1984. Viele Restaurants und Hotels zeigen den Film allabendlich. So speiste ich gutes Curry und lachte gleichzeitig über die vielen Klischees, Ungereimtheiten und Unsinnigkeiten des Films. Udaipur wird darin nie erwähnt. Es heißt lediglich, Bond solle nach Delhi fliegen. Kurz sieht man dann einen Hubschrauber ums Taj Mahal in Agra kreisen, um dann in Udaipur zu landen. Geographisch sehr bedenklich. Die Tuktuk Verfolgungsjagd in denselben Straßen, die ich heute durchstreift hatte war sehr amüsant. Namentlich korrekt in den Film geschafft hat es lediglich der Monsoon Palace, der ebenfalls eine wesentliche Rolle spielt. Das Lake Palace Hotel wird zur mysteriösen, nur von wunderschönen Frauen bewohnten Insel im See, in welche sich Roger Moore in Krokodilverkleidung einschleichen muss. Und den klassischen Schwertschlucker und Nagelbett-Fakir gibt es wohl auch nur in Filmen. Jedenfalls habe ich mich köstlich amüsiert.

Gegen zehn nahm ich mir ein Tuktuk zum Bahnhof. Als der Zug losfuhr lag ich schon längst in meiner Koje.

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