107 Jaipur I

Januar 3, 2015 at 3:44 pm (Indien&Nepal)

Ich erreichte Jaipur an einem kalten, nebligen Morgen. Nachdem ich mein Gepäck am Bahnhof verstaut hatte, gelangte ich per Fahrradriksha bis zu den Mauern der Altstadt, welche ich durch eines der prunkvollen Tore betrat. Anders als alle anderen „Altstädte“ Indiens, ist diese kein labyrinthisches Gewirr verwinkelter Gassen. Ganz im Gegenteil. Alles ist geometrisch in rechten Winkeln ausgerichtet, ganz so wie es Maharaja Jai Singh II (ein leidenschaftlicher Astronom) zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts plante, als er seine Hauptstadt von Amber ins neu gegründete Jaipur verlegte. Man nennt Jaipur auch „the pink city“. Dies rührt daher, dass der Maharaja Ende des neunzehnten Jahrhunderts anlässlich des Besuchs des britischen Thronfolgers die ganze Stadt pink anstreichen ließ. Diese Farbe gilt hier als Zeichen der Gastfreundschaft.

So schritt ich also eines kalten Wintermorgens durch die noch leeren pinken, breiten Straßen der Altstadt. Die Farbe würde ich allerdings eher als ocker oder dunkelorange bundchnen. Außerdem halten sich nur die Fassaden an den Hauptstraßen an die einheitliche Farbvorgabe. In den Seitenstraßen fehlt davon jede Spur.

In einem früh öffnenden Restaurant frühstückte ich reichlich und schritt dann weiter ins Herz der Altstadt. Schließlich stand ich vor Jaipurs berühmtesten Gebäude, dem Hawa Mahal, dem Palast der Winde. Man sieht ihn oft auf Postkarten und so manch Broschüre einer Indienreise wirbt mit dem Bild des Hawa Mahal gleich neben dem des Taj. Steht man davor, sieht es gar nicht so besonders aus. Sicherlich ist die Fassade zur Straße hin eine der schönsten Indiens. Dennoch hätte ich mir das Hawa Mahal irgendwie größer vorgestellt. Das Innenleben des Palastes mit seinen schönen Höfen und schummrigschönen Säulenhallen gefiel mir dann aber sehr. Der Zweck des Gebäudes war klar definiert. Hier hielt Maharaja Pratap Singh seine vielen Frauen vor der Welt verborgen. Nur Eunuchen und der Maharaja hatten Zugang. Es gibt kein einziges Fenster durch das man von der Straße her ins Innere des Palastes hätte spähen können. Alle Öffnungen waren mit undurchsichtigem Bleiglas oder mit einem steinernen Gitter verdeckt. Der Audioguide erzählte mir vom intrigenreichen Leben der Maharanis. Eine jede war darauf erpicht, dass ihr Sprössling zum Thronfolger würde. Die Idylle war gestört vom ständigen Kampf um die Gunst des Dichterkönigs.

Es gibt im Hawa Mahal fast keine Treppen, sondern nur sanft ansteigende Wendelwege. Die Herrscherdamen konnten aufgrund ihrer überladenen Gewänder meist nicht gehen und wurden von Eunuchen mit Senften in die oberen Stockwerke getragen.

Schön ist die Aussicht von den oberen Galerien des Hawa Mahal in Richtung Westen. Man sieht die Bauten des Stadtpalastes, das hohe „Himmelaufspießende Minarett“ und vor allem die bizarr anmutenden Strukturen des Jantar Mantar. Dies war mein nächstes Ziel. Inzwischen war die Sonne da.

Über die Astronomiebegeisterung von Maharaja Jai Singh II habe ich ganz zu Beginn dieser Reise schon einmal geschrieben. Damals beschrieb seine gebäudegroßen Observatorien in Delhi. Ungleich komplexer, größer und weitläufiger sind aber jene Bauten, die der Astronom und Herrscher hier in der von ihm gegründeten Stadt Jaipur errichten ließ. Mit verschiedenen Methoden erlauben die überdimensionierten Experimente aus Stein, Fäden und Skalen die genaue Bestimmung der Position von Objekten am Nachthimmel. Rektaszension, Deklination und mehr wurden hier ermittelt. Am Beeindruckendsten ist wohl das etwa dreißig Meter hohe Dreieck im Winkel von Jaipurs geographischer Breite, das auch als größte und genauste Sonnenuhr der Welt verwendet werden kann.
Fast zwei Stunden lang versuchte ich die Funktion der diversen Experimente zu verstehen und hörte dabei viel vom Streben Jai Singh II.
Wie anders hätten wohl die Früchte seines Strebens nach Erkenntnis ausgesehen, hätte er schon Kenntnis von Galilei, von Newton und vom Teleskop gehabt. Doch leider drang die Kunde davon nicht an Jai Singhs Ohr.

Direkt neben dem Jantar Mantar steht der Stadtpalast. Teile davon sind immer noch von der Herrscherfamilie bewohnt und können nicht (oder nur für viel Geld) besichtigt werden. Der Rest ist prachtvoll genug, um den Besuch zu entlohnen. Besonders faszinierend fand ich die Waffenkammer. In so vielen Museen dieser Welt fand ich Waffenkammern eher langweilig, nicht so in Jaipurs Stadtpalast. Es ist beeindruckend, wie schön Schwerter, Dolche und Schusswaffen sein können, wenn man von ihrem Verwendungszweck absieht.

Interessant ist auch, wie die Maharajas von Jaipur das zwanzigste Jahrhundert verlebt haben: ob als Offiziere in der britischen und später indischen Armee oder als Kapitäne des erfolgreichen Polo-Nationalteams. Polo war am Herrscherhof auch bei den Damen beliebt. Da sie nicht gesehen werden durften, spielten sie aber bei Nacht mit einem speziellen Poloball, in dessen Inneren eine Kerze brennt.

Nach dem Besuch im Stadtpalast bestieg ich noch das nahe „Himmelaufspießende Minarett“, das ebenfalls eine spannende Geschichte aufweist. Sein Erbauer scheute sich der nahenden Armee des Feindes zu begegnen und bevorzugte den Tod durch Schlangenbiss. Seine einundzwanzig Frauen warfen sich nach alter Hindutradition ins Feuer seines Scheiterhaufens. Jedenfalls bietet der 35 Meter Turm eine imposante 360 Grad Sicht auf den Dreimillionenmoloch Jaipur. Mit der Schönheit Udaipurs kann diese Stadt gewiss nicht mithalten.

Ich spazierte entlang eines belebten Bazars, verließ die Altstadt durch ein weiteres der großen pinken Tore, aß ein spätes Thali, suchte mir ein nettes Hotel und holte mein Gepäck vom Bahnhof
ab. Nach ein paar erholsamen Zimmerstunden, bahnte ich mir meinen Weg durch das Chaos der Straßen zu einem guten Restaurant und zurück. Obwohl heute das Jahr 2014 zu Ende ging, war nicht viel los. Die meisten Menschen gingen schlafen wie an jedem anderen Tag auch. Ein Mann, den ich nach „New Year Celebration“ fragte, meinte „only in the big cities, not in Jaipur“. Drei Millionen Einwohner gilt wohl nicht als „big“.

So tat ich es den Einheimischen gleich und ging eine Stunde vor Jahreswechsel zu Bett. Da mein Hotel um elf seine Tore zusperrte blieb mir ohnehin nichts Anderes übrig.

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