111 Jaisalmer II

Januar 6, 2015 at 9:10 am (Indien&Nepal)

Nach gutem Frühstück ging es per Jeep nach Westen. Wir waren zu dritt: ein Pärchen aus Seattle und ich. Nach zwei kurzen Abstechern zu einem verlassenen Ruinendorf und einer Oase erreichten wir einen Ort etwa fünfunddreißig Kilometer westlich von Jaisalmer. Hier trafen wir auf unsere Kamele und unseren Kamelführer Abdullah mit seinem Sohn Abbas. Das letzte Mal auf einem Kamel geritten war ich vor über zehn Jahren in Tunesien. Damals war es nur für etwa eine Stunde gewesen. Nun erwarteten mich eineinhalb Tage Wüstenzauber. Von Jaisalmer aus kann man aber auch bis zu dreiwöchige Wüstenritte unternehmen.

Mein Kamel hieß Bablu, die beiden der Amerikaner hießen Simon und Johnny Number One. Wie das vierte Kamel unserer kleinen Karawane hieß, jenes auf dem Abbas und Abdullah ritten, ist mir entgangen. Es schimpfte aber immer so schön, wenn es zum Aufstehen oder Niederknien aufgefordert wurde. Faszinierende Tiere. In meinem alten Kamelsattel war eine Scheide fürs Schwert integriert. Ob hiermit wohl einst in Schlachten geritten wurde? So abwegig war das gar nicht. so mancher robuste Gebrauchsgegenstand ist hier Jahrhunderte alt.

So ritten wir also weiter nach Westen, tiefer hinein in die große Thar Wüste zwischen Indien und Pakistan. Wir hielten kurz in einem kleinen Dorf. Sofort bestürmte uns eine Schar von Kindern. Sie fragten nicht nach Geld, sondern hauptsächlich nach Schokolade und „school pen“. Ratschlag an künftige Indienreisende: Nehmt eine Packung Kugelschreiber mit und macht viele Kinder damit glücklich.

Das Reiten auf einem Kamel ist gewöhnungsbedürftig. Jedenfalls waren wir jedesmal froh, wenn ein Zwischenziel erreicht war und wir  absteigen konnten. Abdullah und Abbas kochten ein schmackhaftes Mittagessen, das wir im Schatten des einzigen Baumes weit und breit zu uns nahmen. Am späten Nachmittag erreichten wir ein Gebiet hoher Sanddünen, die im Licht der Sonne golden glänzten. Hier machten wir endgültig Halt.

Es ist immer wieder schön auf Dünen zu klettern und durch den warmen Sand wieder hinab in die Täler dazwischen zu gleiten. Die Formen, die der Wind in den Sand zeichnet, sind erstaunlich. Ich fühlte mich an Death Valley und White Sands National Park erinnert. Es war noch kein Jahr her, da ich dort denselben Charme der Wüste erlebt hatte. Nun allerdings folgte, was ich anderswo nicht gehabt hatte: eine Übernachtung unter freiem Himmel mitten in der Wüste. Ob die Sterne so zahlreich sein würden wie im Death Valley?

Noch bevor die Sonne unterging, wurde mir klar, dass es mit der Sternenpracht nichts werden würde. Ich hatte auf den Mond vergessen. Fast voll erhob er sich gegenüber der roten Sonne. Und schon bald, nachdem letzere hinter den Dünen versunken war, sah ich am Boden meinen Schatten im Mondlicht. Der alte Erdtrabant war so hell, dass wir in seinem Licht nach dem Abendessen noch lange Karten spielen konnten. Jedenfalls markierte die Düne, von der aus ich die Sonne untergehen sah, denn endgültig westlichsten Punkt dieser schönen Reise.

Das Pärchen aus Seattle befand sich übrigens auf einer Weltreise von vierzehn Monaten Dauer. Nach drei Monaten in Südamerika, zwei in Ostafrika, drei in Europa, ein paar Wochen im nahen Osten und einem Monat in Nepal hatten sie nun drei Wochen Zeit für Indien bevor es weiterging nach Sri Lanka und Südostasien. Die Spielkarten hatten sie in Rumänien erstanden. Welcher Ort bisher am schönsten von allen war? Auf diese Frage hatten sie eine klare Antwort: Ruanda und der östliche Kongo. Erstaunlich.

So schlief ich also unter vielen Decken am Wüstenboden unter blassen Sternen und einem hellen Mond. Die Nacht verlief ruhig. Nur die Kamele neben uns niesten ab und zu.

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