114 Jodhpur II

Januar 8, 2015 at 6:16 am (Indien&Nepal)

Der Tag gehörte ganz Mehrangarh, der imposanten Burg über Jodhpur. Nach einem guten Frühstück auf der Dachterasse meines Hotels mit Blick auf den hohen Verteidigungswall machte ich mich auf, diesen zu erklimmen. Schon bald schritt ich durch die ersten beiden Tore Mehrangarhs und sah die Einschlaglöcher der Kanonenkugeln einstiger Belagerer. Sie waren alle gescheitert. In ihrer sechshundertjährigen Geschichte ist diese Burg nie erobert worden.

Bevor ich durch weitere Tore zum Burgschloss hinaufstieg, wartete noch eine ganz besondere Attraktion. Auf den nördlichen Mauern der Burg und den Hügeln dahinter gibt es eine „Zip Line“ Anlage, auch bekannt als „flying fox“. Hoch über Felsen und Seen rast man teils über hundert Meter weit die Stahlseile entlang und genießt dabei wunderbare Aussicht auf Burg, Stadt und Hügel. Ähnliches hatte ich schon im Dschungel Nordthailands erlebt. Hier, mit weitem Blick auf Burg und trocknes Land, hatte das ganze aber einen völlig anderen Charakter als im grünen Urwald.

Bevor das Abenteuer begann, verbrachte ich eine schöne halbe Stunde im stillen, grünen Park nördlich der Burg. Dann ging es los. Mit Klettergurt und Handschuhen schwebte ich schon bald von Hügel zu Hügel und Wall zu Wall, unter mir gelegentlich ein See, doch meistens trockener Stein.

Ich teilte die Tour mit einer Schulklasse aus San Francisco, die mit ihrem Religionslehrer auf einer einmonatigen Indienexkursion war. Der symphatische Lehrer (trotz Übergewicht besonders geschickt auf der Zip-line) fokussierte seinen Unterricht auf Jainismus und Hinduismus. Daher das Ziel der Schulreise. Zwischen den einzelnen Flügen unterhielten wir uns über Taoismus und Weltpolitik. Zum dritten Mal auf dieser Reise bekam ich die Anregung, Howard Zinn auf meine Leseliste zu setzen. Jedenfalls ist der Flying Fox von Mehrangarh sehr zu empfehlen. Spannend und hoch. Schön und weit.

Man kennt die Umgebung nördlich Mehrangarhs wohl aus Christopher Nolans neustem und letztem Batman-Film. Auch die prägnante kreisförmige Mauer, hinter der sich im Film das tiefe Loch hinab zum Gefängnis verbirgt, ist auf dem Zip-Line Gelände zu finden.  ‚Out of this hole, the dark knight rises.‘ Amüsant zu sehen, dass der Graben hinter der Mauer in realitas nicht einmal einen Meter tief ist. Und da ist Christian Bale keuchend herausgekrochen.

Nachdem ich endgültig wieder festen Boden unter den Füßen hatte, besorgte ich mir einen Audioguide und ließ mich in die Geschichte der Rathore Dynastie von Jodhpur einführen.

Die Vergangenheit scheint hier in Mehrangarh noch ganz nah zu sein. Man staunt, wenn man vor dem alten weiß glänzenden Krönungsthron steht und der amtierende Maharaja im Audioguide von seiner Kindheitserinnerung erzählt, wie er hier im Jahre 1952 als Vierjähriger zum König gekrönt wurde. Seine Mutter erinnert sich, wie sie als Sechzehnjährige in die Zenana, die strikt abgeschotteten Frauengemächer des Burgschlosses, gebracht wurde. Auf einer Wand neben dem vorletzten Burgtor sieht man die farbigen Handabdrücke aller 31 Frauen eines 1843 verstorbenen Maharajas. All seine Frauen folgten ihm am Tag seiner Kremation ins Feuer.

Das Burgschloss glänzt mit vielen wunderschönen Fassaden, mit glanzvollen Innenräumen, herrlicher Aussicht und faszinierenden Exponaten. Ein besonderes Highlight ist der prächtige Phool Mahal, wohl einer der schönsten Räume der Welt. Unter den vielen Ausstellungsstücken beeindruckten mich vor allem die vielen Howdahs und die Miniaturmalerei. Ein besonders schönes Gemälde zeigt Rama und die Affenarmee beim Überqueren des Meeres nach Lanka.

Nach dem Museumsbesuch schlenderte ich noch eine Weile lang zwischen den vielen Kanonen auf dem Verteidigungswall umher und blickte weit hinab zur blauen Stadt, die von hier oben viel blauer aussieht, als wenn man in ihr herumirrt. Schön ist es, den hunderten Greifvögel zuzusehen, die im Winter von Norden kommend hier verweilen und Mehrangarh noch idyllischer machen, als es ohnehin schon ist. Was für ein schöner Ausklang meiner Zeit in Rajasthan.

Ich verließ die Burg durch das abgeschiedene Osttor. Hier war ich plötzlich allein auf weiter Flur. Mehrmals blieb ich stehen und blickte hinauf zu den hunderten Greifvögeln, die direkt über mir die Thermik vor dem Burgwall nutzten, um höher zu steigen. Ein beeindruckendes Naturschauspiel.

Durch wirre Altstadtgassen gelangte ich zurück zu meinem Hotel, holte meinen Rucksack ab und marschierte zum Bahnhof. In seiner Nähe aß ich gut und reichlich zu Abend. Ich bestellte ein Bajra-ki-Roti mit Wüstengemüse. Hervorragend.

Kurz nach acht fuhr mein Zug ab. Es war der letzte Nachtzug meiner Reise. Nostalgisch lag ich in meiner Koje und ließ mich nach Osten tragen. Die Fahrt ging zurück nach Uttar Pradesh, wo ich in Agra das angeblich schönste Gebäude der Welt besuchen wollte.

image

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: