115 Agra

Januar 9, 2015 at 11:23 am (Indien&Nepal)

Nach einer problemlosen Zugfahrt, stieg ich kurz nach sieben Uhr morgens auf den Bahnsteig der Agra Fort Station und fand sogleich einen Cloak room, um meinen Rucksack zu hinterlegen. Gleich gegenüber dem Bahnhof erheben sich die roten Mauern der historisch sehr bedeutenden Burg von Agra. Die Mogulen hatten ihr weites Reich ebenso viel von Agra als von Delhi aus regiert. Akbar der Große hatte hier anno 1565 mit der Errichtung der Burg begonnen. Im nahen Fatehpur Sikri wollte er sich eine neue Haupstadt schaffen, scheiterte aber am Wassermangel. Dorthin würde ich morgen reisen. Jetzt galt es das Fort zu erkunden, auf dem alle vier großen Mogulenkönige Akbar, Jehangir, Shah Jahan und Aurangzeb ihre Spuren hinterlassen haben. Der größte Teil der Burg ist militärisches Sperrgebiet und für Touristen tabu. Nur der südöstliche Teil von Agra Fort ist Besuchern zugänglich. Hier haben zahlreiche Bauten der Mogulenzeit die Armeepräsenz von Britannien und Indien überdauert.

Durch einen kleinen Park mit vielen schreckhaften, doch niedlichen Rhesusaffen und entlang der Straße gelangte ich von der Nordseite zur Südseite der Burg. Hier fand ich Einlass. Hindurch durch riesige Tore gelangte ich zu den Palästen der Mogulenkönige. Man kann sie leicht an den Baumaterialien und am Stil unterscheiden. Während Jehangirs Palast in rotem Sandstein gehalten ist und stilistisch an die afghanischen Wurzeln der Moghulen erinnert, weisen die Bauten seines Sohnes Shah Jahan schon jene Vorliebe zu weiß leuchtendem Marmor auf, die später im Taj Mahal ihre Krönung fand. In einem außerordentlich schönen Sarkophag vor Shah Jahans Empfangshalle liegt nicht etwa ein König begraben, sondern bizarrerweise ein britischer Offizier, der hier anno1857 an einer Krankheit starb. Die Privataudienzhalle Shah Jahans ist besonders schön. Hier stand ursprünglich der legendäre Pfauenthron, gespickt mit Diamanten. Später wurde er von Aurangzeb nach Delhi gebracht und dann nach dem Niedergang der Mogulen von Nadir Shah in den Iran verschleppt. Nach dessen Tod wurde er dort auseinandergenommen und zerstört. Natürlich hört man immer wieder Verschwörungstheorien, die besagen, dass das Ding noch irgendwo rumsteht.

Das schönste Gebäude auf der Burg ist wohl das Musamman Burj, ein kleines achteckiges Marmorschlösschen mit Säulenhalle und Turm. Hier war es auch, wo Shah Jahan die letzten acht Jahre seines Lebens als Gefangener zubrachte, nachdem er von seinem fanatischen Sohn gestürzt worden war. Oft stand er wohl hier auf dem Balkon und blickte hinüber auf das Grab seiner Drittfrau, die bei der Geburt des vierzehnten Kindes verschied. Ihr Grab ist das Taj Mahal. Ich hatte die Geschichte von Shah Jahans Gefangenschaft schon mehrmals gehört und hatte mir sein Gefängnis immer als finsteres Kerkerloch mit einem kleinen Fenster hin zum Taj vorgestellt, nicht als halbedelsteinverziertes Prunkschlösschen mit breitem Balkon und Privatmoschee. Der Blick auf den Yammuna Fluss und das Taj Mahal muss bei klarem Wetter hervorragend sein. Ich sah nur Nebel.

Zurück am Bahnhof betrachtete ich von der Fußgängerbrücke aus noch kurz die große Jama Moschee gleich nördlich davon. Dann holte ich meinen Rucksack und ließ mich per Tuktuk zu meinem Hotel bringen, wo ich ein wenig ruhte und gut speiste.

Die Sonne kam heute nicht so recht gegen den Nebel an und ich erwog den Besuch des Taj Mahals auf Samstag früh zu Sonnenaufgang zu verschieben. Morgen Freitag hatte das Taj ausschließlich für moscheebesuchende Muslime geöffnet. Aber vielleicht würde sich die Sonne heute doch noch zeigen. Zuvor galt es noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten aufzusuchen. Das Taj Mahal ist schließlich nur eines von vielen Mausoleen am Ufer des Yammuna bei Agra.

Per Tuktuk gelangte ich über eine Brücke ans andere Ufer des Flusses. Unten am Wasser waschen Frauen bunte Tücher und legen sie zum Trocknen in den Sand, ganz so wie auf vielen Bilder und der Titelseite des Lonely Planet Reiseführers von 2014. Ich erreichte das Itimad-ud-Daulah, auch als Baby Taj bekannt. In dem schönen, weißen
Marmormausoleum liegt ein persischer Edelmann mit den besten Verbindungen begraben. Eine seiner Töchter heiratete den Mogulenkönig Jehangir, eine seiner Enkelinnen heiratete Jehangirs Sohn Shah Jahan und liegt im Taj Mahal. Jedenfalls bekam der wichtige Mann aus Persien, der unter Jehangir auch Hauptminister war, ein wunderschönes Grabgebäude, das in Kunstfertigkeit, nicht aber in Größe und Gesamteindruck, mit dem Taj mithalten kann.

Unweit nördlich davon liegt das Chini-ka-Rauza, das Grab des Poeten und Ministers Afzal Khan. Stilistisch hat dieses Mausoleum rein gar nichts mit den anderen Mausoleen von Agra gemein. Nur im Iran und Afghanistan findet man ähnliches. Schöne blaue Ornamente glitzern an den Außenwänden. Im Inneren versteckt sich eine hohe Kuppelhalle mit farbenfrohen Malereien. Der Mann, der mir die Tür aufsperrte, wollte mir den außergewöhnlichen Hall im Inneren demonstrieren und rief ein lautes „Allah-u-akbar“, das imposant durch den dunklen Raum hallte. „Now you!“, kam die Aufforderung. Ich wählte lieber Nietzsche. „Brüder bleibt der Erde treu!“ rief ich etwas zu leise. Das Echo war nur gering. „Try again!“ „Und glaubt denen nicht, welche euch von überirdischen Mächten reden.“ Laut hallten Zarathustras Mahnworte durch das Chini-ka-Rauza. „Very good“, sagte der Guide. Hehe.

Die nächste Station war die grüne Parkanlage Mehtab Bagh mit ihren Moscheeruinen. Der Ort wäre an sich nichts Besonderes, läge er nicht genau auf einer Linie mit Agras Hauptattraktion am anderen Flussufer. Obwohl ich schon den ganzen Tag in Agra war, hatte der Nebel das Taj Mahal bisher von mir versteckt. Nun sah ich es zum ersten Mal, blieb stehen und staunte. Wahnsinn! Auf Bildern unterschätzt man die wahre Größe dieses Bauwerks. Diese perfekte Symmetrie, der weiße Marmor, die Türme und vor allem diese riesige, einzigartig geformte Kuppel sind unglaublich reizvoll anzusehen. Noch war ich nicht dort. Noch hatte ich einen Fluss und ein bisschen Nebel zwischen mir und dem angeblich schönsten Gebäude der Welt. Dennoch war der Anblick sehr bewegend. Als nun doch noch die Sonne zum Vorschein kam, entschied ich, das Taj Mahal schon heute zu besuchen.

Das Flussufer selbst ist übrigens nicht mehr ganz so verdreckt, wie manche Fotos im Internet es zeigen. Es war wohl eben jene durch das Internet und dessen soziale Netzwerke ermöglichte Breitenwirkung dieser Bilder, die die lokalen Behörden zum Handeln bewegt hat. Statt ganzen Müllbergen liegen am Ufer des Yammuna nur noch ca. zwei bis drei Plastikmüllobjekte pro Quadratmeter. Das ist für Indien sehr sauber.

Eine Stunde später stand ich vor dem Taj Mahal. Schon das riesige, rote Eingangstor zu den Ornamentgärten ist faszinierend. Beim Durchschreiten des Portals sieht man vor sich das Taj umrahmt vom dunkelroten Torbogen. Schritt für Schritt nähert man sich entlang der Wasserwege und kleinen Brücken, sieht Springbrunnen, das Taj und dessen Spiegelung. Die von Nebelresten leicht getrübte Abendsonne hüllte alles in milchiges Licht. Bezaubernd.

Das schöne, rote Sandsteingebäude links des Taj Mahals ist eine Moschee, das idente Gebäude rechts des Taj Mahals erfüllt keinen vordergründigen Zweck. Es ist nur da, um die Symmetrie nicht zu brechen. Für sich allein würden beide als hohe Gebäude erscheinen, wirken aber winzig neben dem Taj auf seinem hohen Marmorsockel.

Dreimal umrundete ich das Gebäude, einmal unterhalb des Sockels, zweimal auf dem Sockel, jedes Mal ein Stück näher. Dank der späten Stunde war nicht mehr ganz soviel los. Die Sonne senkte sich langsam zwischen den Türmen der westlichen Moschee.

Hier in Agra hat man die Unsitte eingeführt, dass Besucher heiliger Stätten, anstatt sich die Schuhe auszuziehen, weiße Plastiktüten über ihre Füße stülpen dürfen. Da die Dinger leicht reißen, sind sie nur einmal verwendbar. Der viele Müll… Seufz.

An den vier identen Außenwänden des Taj gibt es viel zu bestaunen. Besonders schön ist die schwarze Kaligraphie, Koranverse zeigend, welche nach oben hin größer wird, um von unten gleichförmig zu wirken. Die blumige Pietra Dura Kunst und die in den Marmor gehauenen Ornamente sind ebenso ein Blickfang. Am meisten beeindruckt aber die schiere Höhe der monumentalen Spitzbogenportale.

Im Inneren des Taj herrscht striktes Fotografierverbot. Ausländische Touristen halten sich meist daran, Inder so ziemlich gar nicht. Das Mausoleum ist daher erfüllt vom Blitzlichtgewitter fotografierender Inder und dem Gebrüll der Wachen, die hilflos versuchen das Fotografieren zu unterbinden. Seufz. Schafft man es, dies alles auszublenden, ist der Ort schummrig und schön. Ein wunderschöner, filigraner Marmorzaun umgibt eine Vertiefung, in welcher zentral unter der Kuppel der kleine Sarg von Shah Jahans Drittfrau Mumtaz Mahal liegt. Daneben, als krasser Symmetriebruch im sonst perfekt symmetrischen Gebäude, steht der Sarg von Shah Jahan selbst. Nach seinem Tod nach acht Jahren Gefangenschaft anno 1666 ließ ihn sein sparsamer Sohn Aurangzeb zeremonienlos in diesem nie für ihn vorgesehenen Mausoleum bestatten. Das kam eben am billigsten. Beide Särge sind anscheinend leer. Die richtigen Särge befinden sich in einer unzugänglichen Kammer tiefer unter dem Taj.

Wieder im Freien sah ich der Sonne beim Untergehen zu und drehte noch ein paar Runden ums Taj und durch die Ornamentgärten. Da man die kleinen Springbrunnen inzwischen ausgeschaltet hatte, kam die Spiegelung des Taj im Wasser noch klarer zum Vorschein. Lang saß ich noch auf einer Marmorbank am Wasser und blickte auf das (wohl nicht nur angeblich) schönste Gebäude der Welt. Allmählich wurde es Nacht und die Wachen begannen, die letzten Besucher zum Ausgang zu treiben. Als einer der letzten verließ ich den Ort, diesen Fast-Abschluss und letzten Höhepunkt dieser Reise.

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