116 Fatehpur Sikri

Januar 10, 2015 at 2:47 am (Indien&Nepal)

Nach Frühstück im Hotel nahm ich ein Tuktuk zum Busbahnhof und gelangte von dort nach einer Stunde Fahrt ins westliche gelegende Fatehpur Sikri. Der Ort hat eine kuriose Geschichte. Bis Mitte des sechzehnten Jahrhunderts war er nur ein unbedeutenders Dorf. Dann befand sich hier ein paar Jahrzehnte lang die Hauptstadt des riesigen Mogulenreiches, die europäische Besucher (eine Handvoll Jesuiten) mit London und Rom gleichsetzten. Die Einwohnerzahl erreichte angeblich eine Viertelmillion, für das sechzehnte Jahrhundert sehr viel. Nach dem Tod Akbars des Großen wurde Fatehpur Sikri aufgegeben und wurde binnen kurzer Zeit wieder zum unbedeutenden Dorf. Geblieben sind die Ruinen einer weitläufigen Palastanlage, die vielleicht schönste Moschee Indiens und der Titel „UNESCO Weltkulturerbe“.

Noch kurioser als die demografische Entwicklung des Orts ist die Ursache für seine Kür zur Hauptstadt. Auf dem Hügel über dem Dorf lebte nämlich ein weiser, heiliger Sufi. Akbar litt darunter, bisher nur Töchter gezeugt zu haben und konsultierte den Sufi, was denn da los sei. Dieser versicherte Akbar, dass ihm eine seiner vielen Frauen schon bald einen Sohn gebären würde, wenn der Sufi seinen Segen gäbe. Als Austausch wollte er wohl nur, dass Akbar seine Hauptstadt hierher verlege. Welch schlauer Sufi das doch war.

Akbar bekam wenig später seinen ersten Sohn (den späteren Jehangir) und der Sufi liegt heute in einem wunderschönen Mausoleum im Hof der riesigen Moschee von Fatehpur Sikri.

Abgesehen von Akbars Leichtgläubigkeit, sind die meisten Dinge, die man von ihm weiß und zu wissen glaubt bewundernswert. Von seinem toleranten, weltoffenen Führungsstil könnte sich manch ein Machthaber der Gegenwart etwas abschauen. So betrachtete Akbar alle Religionen als gleichberechtigt und erlaubte etwa auch seinen Frauen, anzubeten, wen immer sie wollten, ob Allah, Vishnu oder sonst wen. Angeblich hatte er sogar eine Frau christlichen Glaubens. Durchstreift man Akbars Palast, so findet man nicht nur muslimische Symbolik, sondern auch christlich-jüdische, jainistische und hinduistische. Wie interessant, dass das Mogulenreich unter dem toleranten Akbar florierte und unter seinem fanatischen Urenkel Aurangzeb zu Grunde ging.

Nach meiner Ankunft in Fatehpur Sikri besuchte ich als erstes die Moschee. Das Schönste an ihr ist das riesengroße, rotweiße Eingangstor, das Buland Darwaza. Im Inneren der Moschee gibt es viel zu sehen. Eine Serie von unterschiedlich großen Sarkophagen am Boden markiert die Gräber der lokalen Aristokratie vergangener Zeit. Ein ganz kleiner Sarkophag ist auch dabei. Hier liegt die Lieblingsbrieftaube eines Adeligen neben ihrem Herrn. Weiter hinten befinden sich Treppen zu einem versperrten Tunnel. Angeblich reicht dieser unterirdisch bis ins vierzig Kilometer weit entfernte Agra Fort und ist so groß, dass man per Pferd hindurch reiten kann. Ich zweifle ein wenig. Herzstück der Moschee ist aber das weiße Mausoleum jenes Sufis, dem die Stadt ihren Ruhm zu verdanken hat. Die verschiedenen Steine (Marmor, Sandstein, Onyx) und die Tür aus afrikanischem Eibenholz sind schön anzusehen.

Durch ein zweites großes, reich verziertes Tor (the king’s gate) gelangte ich von der Moschee zur weitläufigen Palastanlage Akbars. Wie viele Burgen und Paläste, die ich in letzter Zeit gesehen hatte, ist der Palast in öffentliche Empfangsfläche, private Empfangsfläche und Zenana (Frauengemächer) unterteilt. Letzere sind in Fatehpur Sikri klar die größten, hatte Akbar doch laut manchen Angaben bis zu 5000 Konkubinen. Anderen Männer riet er jedoch zur Monogamie, da alles andere der männlichen Gesundheit schade.

Ich wanderte ein paar Stunden lang zwischen den Palastbauten umher. Leider ist von den schönen Wandmalereien nur mehr wenig erhalten. Von einigen Gebäuden ist der Verwendungszweck bis heute ein Rätsel. Der Name vieler Gebäude führt in die Irre, basiert er doch auf Volkslegenden und nicht auf archäologischen Fakten. So hat im „Palast der türkischen Prinzessin“ nie eine türkische Prinzessin gelebt. Überhaupt ist der Ort fernab der Frauenquartiere. Und auf dem großen Ludo-Spielbrett am Boden hat Akbar auch nie Ludo mit seinen Frauen als Spielfiguren gespielt. Die Bodenmarkierungen entstanden erst eine Weile nach seinem Tod.

Historisch belegt ist, dass Akbar bis zu seinem Tod Analphabet war. Trotzdem war er „belesen“, umgab er sich doch Zeit seines Lebens mit Gelehrten aller Welt, lauschte ihren Disputen und lernte von alledem. Ein ganzes Gebäude diente der Aufbewahrung wertvoller Schriftrollen. Akbar gab auch Bücher zu diversen Themen seiner Zeit in Auftrag. Er veranlasste die Übersetzung von Mahabharata und Ramayana ins Persische.

Nach dem Palastbesuch aß ich in Fatehpur Sikri ein spätes Mittagessen und nahm den Bus zurück nach Agra. Hier verbrachte ich noch einen geruhsamen Nachmittag und Abend.

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