Japan 2

Juli 7, 2017 at 3:37 am (Aktuelles)

Am zweiten Tage meiner japanischen Reise – noch vor Beginn der Konferenz zu variablen galaktischen Gammastrahlenquelle, verbrachte ich den Morgen damit, durch den ruhigen Stadtteil Yanaka zu schlendern, der von den Umwälzungen, Katastrophen und Bauplänen des zwanzigsten Jahrhunderts weitgehend verschont geblieben ist – ein letztes Stück ursprünglichen Tokios: mit niedrigen Häusern, kleinen Läden und Flair. Nahebei liegt der große Friedhof von Yanaka-reien. Auch Yoshinobu Tokugawa – der letzte Shogun – liegt hier begraben. Ich wanderte zwischen den schriftzeichenreichen Gräbern umher, beobachtete die riesenhaften Krähen, die sich gerne auf den Grabsteinen niederlassen und manch Katze, die hier ihre Runden dreht. Östlich des Friedhofs erstrecken sich kleine Gassen mit Kunstgalerien – unter anderem auch der Workshop des bekannten Malers Allan West. In einem beschaulichen Kaffee machte ich Pause. Ein Stück weiter östlich liegt der riesenhafte Ueno-Park mit seinen Tempeln, Wäldern und Wasserwegen. Auch das wohl beste Museum der Stadt – das Tokyo National Museum – ist hier zu finden. Eben dieses zu Besuchen war mein Plan gewesen. Doch ich hatte übersehen, dass die meisten Museen Tokyos am Montag geschlossen hatten. Stattdessen besuchte ich den Shinto-Tempel von Ueno Tosho-gu, wo neben den beschaulichen Schreinen auch eine Flamme des Feuers der Atombombenexplosion von Hiroshima brennt. Sie soll solange weiterbrennen, bis alle nuklearen Waffen der Welt vernichten worden sind. Nach weiterem Wandeln im Park und endlich seinen südlichen Teichen, gönnte ich mir ein schmackhaftes Fischgericht nahe Ueno-Station und floh dann vor der Hitze des Tages zurück ins Hotel.

Abends ging es wieder nach draußen. Im östlichen Stadtteil von Asakusa besuchte Tokyos meistbesuchten Temple, den Senso-ji. Dieser beeindruckt vor allem durch sein riesenhaftes Donner-Tor Kaminari-mon, sowie die über fünfzig Meter hohe, wunderschön verzierte Pagode. Zu Fuß näherte mich bei einbrechender Dämmerung schließlich dem letzten Höhepunkt des Tages, einem Bauwerk das man schon von weitem sieht. Der 634 m hohe Tokyo Sky Tree ist nach dem Burj Khalifa in Dubai das zweithöchste Gebäude der Welt, über zweimal so hoch wie der Eiffelturm. Hinzu kommt, dass der Turm nicht von weiteren hohen Gebäuden, sondern im Stadtteil Oshiage östlich des Sumida-Flusses nur von kleinen Wohnhäusern umgeben ist. Umso außerirdischer wirkt dieser Turm. Ich fuhr nicht mit der U-Bahn hin, sondern kreuzte zu Fuß den Fluss und bahnte mir durch stille Straßen meinen Weg in Richtung Sky Tree. Mit dem Lift ging es nach oben. Die Aussicht war mehr als überwältigend. Von zwei mit Bars und Restaurants luxuriös eingerichteten Plattformen auf 350 und 450 m Höhe blickt man hinab auf die größte funktionierende Agglomeration, die die Menschheit je hervorgebracht hat. Würde man – die von hier sichtbaren – Nachbarorte hinzuzählen, so wäre Tokyo die größte Stadt der Welt. Doch im Unterschied zu vielen anderen Riesenstädten dieser Erde ist Tokyo auch ein Ort, der funktioniert. Die Infrastruktur ist erstklassig. Armut und Arbeitslosigkeit sind auf sehr niedrniedrigenen. Tokyo leuchtet und glänzt. Unweigerlich löst der Blick hinab auf das pulsierende Lichtmeer von High-tech-Tokyo mit seinen tausend Türmen ein starkes Gefühl von Ehrfurcht und Zuversicht aus. Allein die Tatsache, dass so ein System der zig-Millionen Menschen funktionieren kann, ist erstaunlich. Im Südwesten im Abendlicht noch schemenhaft sichtbar, blickt der Fuji hinab auf die Ebene Tokios. Zwischen den Lichtadern der Stadt erstrecken sich mancherorts die dunklen Flächen der Parks und die zwei dunklen Flussläufe von Sumida und Arakawa. Ansonsten strahlten überall die Lichter der Straßenzüge, Türme und Plätze. Hell und bunt leuchtete das Riesenrad von Odaiba über dem blau beleuchteten Wasser der Bucht von Tokio. Gut erkennbar waren die einzelnen Stadtteile von Shibuya, Shinjuki, Ikebukuru und Central-Tokyo. Zwei Stunden lang blieb ich im Turm und genoss den Blick in alle Richtungen. Keine andere Stadt strahlt so hell in die Nacht hinaus. Die nächtliche Metro brachte mich schließlich ins Hotel nach Ikebukuru.

In den nächsten Tagen würde keine Zeit für Sightseeing bleiben. Der Zweck dieser Reise war schließlich nicht Urlaub.

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