Japan 3

Juli 9, 2017 at 12:53 pm (Aktuelles)

Am Vorabend des letzten Tages der Gammastrahlenkonferenz – dem eigentlichen Hauptzweck dieser japanischen Reise – fuhr ich in den südlich von Ikebukuru gelegenen Stadtteil Shinjuku. Hier befinden sich die imposanten Gebäude des Tokyo Metropolitan Government. Über voluminöse unterirdische Korridore wurde ich auf Laufbändern unter dem halben Viertel hindurchgeschleust und erreichte schließlich die Regierungsgebäude. Ein Lift brachte mich ins oberste Stockwerk eines der zwei Türme. Ein weiteres Mal konnte ich Tokio in der hereinbrechenden Abenddämmerung von weit oben betrachten – diesmal jedoch aus einem ganz anderen Blickwinkel. Statt im Osten – wie auf dem Tokyo Sky Tree – war ich nun eher im äußeren Westen der Metropole. Dennoch fiel es mir inzwischen schon leicht, die einzelnen Wolkenkratzerinseln, Flüsse und Parkflächen zu identifizieren. Auch ein Restaurant gab es hier im Turm. Bei gutem Essen genoss ich den Blick auf Tokio, das stets heller strahlte, je dunkler die Nacht wurde.

Zurück am Boden schritt ich zu Fuß durch die Straßen, querte die Bahnlinie und erreichte das lautschrille Vergnügungsviertel von Kabukicho. Bunter und voller können Straßen kaum sein. Riesige Spielhallen voll klassischer und futuristischer Videospielarten, Restaurants, Karaokebars, dubiose Etablissements mit Manga-Erotik und mehr säumten die engen Straßen. Mittendrin steht ein einsamer Shinto-Tempel. Schöne Kontraste. Eine Stunde lang schritt ich hier umher, studierte die Straßen, Menschen und Speisekarten, kehrte dann zurück zum Bahnhof und fuhr zurück ins nördlich gelegene Ikebukuru, wo die letzte Nacht im Hotel und der letzte Vormittag voller Gammastrahlen folgte.

Am nächsten Tag gegen ein Uhr nachmittags verließ ich Ikebukuru endgültig. Auch wenn ich in acht Tagen noch einmal nach Tokio kommen würde – hierher würde es mich nicht mehr verschlagen. Da war die Bäckerei, wo ich jeden Morgen gefrühstückt hatte. Da war der Weg zur Uni von Rikkyo, den ich so oft zurückgelegt hatte. Schon ein paar Tage können reichen, um beim Abschied nostalgisch zu werden.

Eine spannende Fahrt lag vor mir. Zuerst suchte ich Tokyos südlichem Bahnhof von Shinagawa auf, wo ich den Shikansen nach Kyoto besteigen wollte. Also funktionierte wunderbar. Eine noch besser organisierte Infrastruktur wie die japanische ist kaum vorstellbar. Pünktlich auf die Sekunde fuhr der Shikansen – der japanische Hochgeschwindigkeitszug mit seiner langen, flachen, aerodynamischen Nase am Gleis ein. Ich fand einen schönen Fensterplatz und wurde sogleich mit über 350 km/h nach Süden getragen. Die Aussicht war schön. Zum ersten Mal seit drei Jahren sah ich den Pazifik – diesmal von der anderen Seite. Ich sah Wälder, Flüsse, Städte und den Ozean. Die 480 km lange Fahrt dauerte knapp über zwei Stunden. Als der Zug aus einem Tunnel schoss und das Becken von Kyoto erreichte, war er sogleich von heftigem Regen umgeben. Zu Fuß zu meiner Unterkunft zu gelangen war vorerst nicht ratsam. Zum Glück ist Kyotos futuristischer Bahnhof schön für sich eine Sehenswürdigkeit, die ich in aller Ruhe erkunden konnte, während draußen der Sturm niederging.

Als die Straßen trocken genug schienen, begab ich mich auf die Suche. Einen Teil des Weges konnte ich unterirdisch zurücklegen. Ich kreuzte den Fluss Kamo und erreichte den historisch bedeutsamen Stadtteil Higashiyama. Eben als ein neuerliches Gewitter die Stadt erreichte, fand ich meine Unterkunft. Eine nette, alte Japanerin zeigte mir die Räumlichkeiten und erklärte mir alles in gebrochenem Englisch. Ich war zufrieden. Ein gemütliches Zimmer, das ich die nächsten sechs Tage über bewohnen sollte, erwartete mich. Gleich gegenüber liegt ein buddhistischer Tempel. Beschaulich ruhige Straßenzüge. Schön.

Bald hörte der Regen auf. Ich verbrachte den Abend bei einem Spaziergang durch Süd Higashiyama, entlang dem Rand der Hügelkette über historische Straßen mit so manchem Schrein und manchem Tempeltor. Im Westen konnte ich die untergehende Sonne sehen, im Osten bald darauf den aufgehenden Vollmond. Morgen würde ich hier in dieser Gegend die schönsten Tempel der alten Hauptstadt mit ihren Gärten erkunden. Heute war es dafür schon zu spät. Die Luft noch frisch vom Gewitter. Überall hörte man den Gesang der Zikaden. Welch ein Kontrast zu meinem gestrigen Abend im lauten Shinjuku.

Über einen kleinen Park mit steinernen Brücken über fischreiche Teiche erreichte ich einen nachts bunt beleuchteten Schrein mit tausenden farbigen Lampions. Treppen führten mich hinab in den Stadtteil Gion, der vor allem für die Tradition der Geishas Berühmtheit erlangt hatte. Hier aß ich in einer authentischen Stube ein paar gute Udon-Nudeln mit Fisch. Durch nächtliche Straßen entlang roter Laternen und durch das Gelände eines fast dunklen Tempels hindurch kehrte ich zurück in meine Unterkunft.

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