Japan 5

Juli 10, 2017 at 2:11 pm (Aktuelles)

Auch heute wollte ich wieder wandern gehen. Zuerst aber galt es, noch ein weiteres Weltkulturerbe (einige der Tempel des gestrigen Tages waren auch welche gewesen) aufzusuchen. Im nördlichen Kyoto im Mündungsdreieck der Flüsse Takano und Kamo liegt der Schrein von Shimogamo-jinja. Tief im Wald verbergen sich die alten bis ins achte Jahrhundert zurückdatierbaren Bauten. Ein japanisches Paar feierte eben Hochzeit und stand in traditioneller Kleidung zwischen den Torbögen. Ein paar Mönche zogen umher. Beschaulich. Am Weg zurück wählte ich statt der ruhigen Allee zwischen den Bäumen die laute Allee parallel dazu. Hunderte Händler boten hier in kleinen Ständen ihre Waren an. Ich verkostete ein paar Leckerbissen, trank einen ausgezeichneten French Vanille Tapioca Tee und bestaunte potentielle Souvenirs.

Mit einer kleinen Bahnlinie ging es hernach weiter nach Norden, hinaus aus der Stadt, hinein in die Berge. Beim vorletzten Stopp stieg ich aus und schlenderte einem Wildbach entlang nach Nordwesten zur winzigen Ortschaft Kibune. Erfrischend ist es, ausnahmsweise einmal wieder keine Millionenstadt um sich zu haben, sondern waldreiche, saftig grüne Berge. In Kibune gibt es zahlreiche Ryokans. Man kann diese vielleicht am besten als kleine meist familiengeführte Spa-Hotels mit heißen Thermalbecken und exzellenter, traditioneller Küche beschreiben. Der Restaurantbereich ist hier in Kibune bei vielen Ryokans auf einer Bambusplattform direkt über den Fluss gebaut. Gemeinsam mit den roten Lampions schafft dies ein bezauberndes Ambiente.

Im schönen Tempel von Kibune übten sich viele Besuchende im Brauch spezielle Papierblätter auf die Wasseroberfläche eines Teiches zu legen. Dabei wurden nicht nur die Schriftzeichen einer Prophezeiung sichtbar, sondern auch ein QR-Code, den man sogleich einscannen und so eine Übersetzung in ,odernem Japanisch bzw. Englisch bekam. Eigens zu diesem Zweck gab es hier im Bergtempel auch WLAN. Faszinierend.

Von Kibune aus wanderte ich dann über steile Pfade die östlichen Berge hinauf. Ein alter Pilgerweg führt über einen Pass zum nahe dem Gipfel gelegenen Kurama-dera Tempel. Am steilen Aufstieg passierte ich so manchen Schrein. Ein Schild warnte vor wilden Bären. Im heißen, feuchten Klima des Tages war der Aufstieg recht beschwerlich. Aber schön war es auch – hier im Bergwald fernöstlicher Fauna und Flora. Ich erreichte den Tempel, bestaunte seine hohen Hallen, seine Ziergärten und Tigerstatuen. Vor allem beindruckt hier aber die Lage. Weit war die Aussicht über bewaldete Berge und Täler. Auf historischen Steintreppen mit vielen Toren und Türmen stieg ich bald tiefer hinab ins Bergdorf Kurama. Riesige Bäume und sprudelnde Bäche säumten den Weg. Angekommen in Kurama speiste ich in hervorragendes, vegetarisches Mittagsmahl in einem traditionellen Wirtshaus. Anschließend durchwanderte ich das Dorf und erreichte den hiesigen Onsen – so heißen die traditionellen Thermalbäder Japans. Das Konzept Spa hat hier eine lange Tradition. Der Boden des pazifischen Feuerrings ist reich an heißen Quellen. Ich bekam einen Kimono und Handtücher zur Verfügung gestellt. Etwa vier Stunden verbrachte ich hier, teils im heißen, von Bäumen umgebenen Außenbecken, teils im Innenbecken, in der Sauna oder im Ruheraum, wo man auf weichen Matten am Bambusboden liegt, die Aussicht genießt, oder auf großem Flatscreen Sumo-ringen schaut. Beim Baden im Onsen gilt es ein paar Regeln zu befolgen. Gebadet wird grundsätzlich nackt, Herren- und Damenbereiche sind streng getrennt. Den Kopf sollte man nicht unter Wasser tauchen, darf sich aber jederzeit mit eigens dafür am Beckenrand stehenden Bambuseimern das heiße Wasser über den Kopf gießen. Das kleinere der beiden Handtücher balanciert man während dem Bad auf dem Kopf. Es war herrlich entspannend. Viel war nicht los. Teilweise hatte ich die Becken für mich allein. Am späten Nachmittag ließ ich mich im Ruheraum von einem Massagestuhl massieren. Die rein japanischen Zeichen auf der Fernbedienung machten dies zum Ratespiel. Doch am Ende war es herrlich entspannend. Als ich später zum zweiten Mal im Außenbecken lag, kam es wie am Vortag zu wolkenbruchartigem Regen mit reichlich Blitz und Donner. Diesmal machte es mir allerdings nichts aus, nass zu werden. Im heißen Becken ließ ich den Regen auf mich niederprasseln, goss mir gelegentlich heißes Wasser über den Kopf und blickte hinauf in den regengepeitschten Wald, den hin und wieder ein Blitz durchzuckte.

Als der Regen später nachließ, stieg ich in die Lokalbahn und fuhr aus den dunklen Bergen zurück nach Süden ins helle Herz von Kyoto.

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