Japan 7

Juli 12, 2017 at 12:23 pm (Aktuelles)

Zwei Ziele gänzlich verschiedener Art standen auf dem Programm dieses Tages: die schöne Burganlage von Himeji und – noch weiter im Südwesten – die Stadt Hiroshima mit ihrer dunklen Geschichte. Dazwischen lagen jeweils angenehme Hochgeschwindigkeitszugfahrten im Shinkansen.

Nach gutem Frühstück am Bahnhof von Kyoto brachte mich der Hikari Shinkansen binnen einer Stunde nach Himeji. Schon vom Zugfenster aus erblickte ich den weißschimmernden Turm der schönen Festung. Eine breite Allee verbindet Bahnhof und Burganlage. Durch schöne Ziergärten näherte ich mich dem Monument. Die Baumeister der Burg von Himeji verstanden es, Funktionalität und Ästhetik wundersam zu vereinen. Mit allen ihren Schießscharten und Schächten zum Abwurf von Steinen bleibt der Gesamteindruck der Burg ungetrübt schön. Ich passierte mehrere mittelalterliche Tore und näherte mich dem Hauptturm. Bis zur höchsten Kammer kann man diesen besteigen. Die Aussicht auf das umliegende Land war schön, der Blick hinab auf kleinere Türme und verborgene Innenhöfe ebenso. Typisch japanisch galt es beim Betreten der Burg, die Schuhe abzulegen und die Erkundung barfuß fortzusetzten.

Amüsanterweise war zeitgleich mit mir eine Gruppe niederösterreichischer Musikschüler*innen mit ihren Lehrern in der Burg. Ein Austauschprojekt hatte sie zwölf Tage lang nach Japan geholt. So wurde die Burg von Himeji für etwa eine Stunde klar von Österreicher*inne*n dominiert und Sätze wie „Oida, mir is haaß.“ und dergleichen mehr erfüllten die altehrwürdigen japanischen Hallen. Da die Musikschüler*innen in Eile waren, verpassten sie die schönen Burggärten mit herrlicher Aussicht, die ich fast für mich alleine hatte.

Wieder zurück am Bahnhof fuhr ich mit dem Shinkansen nach Okayama, wo ich mir eine Bento-Box lokaler Spezialitäten holte. Der nächste Shinkansen brachte mich nach Hiroshima. Schön war die grünhügelige Landschaft des südlichen Honshus, die ich speisend hinter dem Zugfenster sah.

In Horishma hatte ich vor allem ein Ziel, den Gedächtnispark rund um Ground Zero des Atombombenabwurfs von 1945. Hier gibt es viel zu entdecken, viel zu bedenken, viel zu betrauern. Es ist einer jener Orte, der von den unbestreitbaren Dunkelstunden der Menschheit zeugt, die uns alle mit Scham, Trauer und Wut erfüllen. Ich verbrachte viele Stunden an diesem Ort. Das Friedensmuseum ist hervorragend und vermittelt besser, als man es für möglich hält, all jenes Wissen, das es möglich macht, möglichst tief in das Elend jenes dunklen Sommertages anno 1945 zu tauchen. Die Bombe explodierte als eben zehntausende Kinder zur Schule gingen. Viele kamen nie nach Haus, viele kamen verbrannt und verstrahlt nur um Stunden oder Tage später ihr Leben zu beenden. In vielen Bildern und Zeitzeugenberichten wird die Katadtrophe von Hiroshima verständlich gemacht. Das Kalkül hinter dem Bombenabwurf wird ebenso analysiert, wie das Elend der Zivilbevölkerung und die heutigen Bemühungen hin zum Ende des Zeitalters nuklearer Waffen. Mehr als 140.000 Menschen starben an den Folgen dieser einen Bombe. Erschütternd sind vor allem die Worte der Überlebenden, ihre grausamen Erinnerungen von aschweißen Straßenzügen voll rotverbrannter Leichen und halbverbrannter, blutender Verletzter, die wie Zombies durch die Straßen wankten und immerzu schrieen – nach ihren Eltern, nach ihren Kindern und nach Wasser. Dann fiel schwarzer, radioaktiver Regen und wer noch konnte, trank davon.

Ein erschütterndes Beispiel, das sich mir besonders eingeprägt hat: „Father and I dig single-mindedly beneath the tiles of our fallen roof, looking for mother. Oh no! Mother’s bones. Oh no! Her bones turn into ashes when I try to pick them up and are blown away with the wind. The taste of mother’s ashes in my mouth.“

Ich hörte diese und noch viele andere Geschichten unsagbaren Leids. Auf meinen Reisen ist mir bisher nur ein anderer Ort untergekommen, der ein ähnliches Gefühl von Wut und Trauer zu vermitteln vermag: Tuol Sleng – das Foltergefängnis der Roten Khmer im Kambodscha.

Heute hat Hiroshima eine zentrale Botschaft: nie wieder. Die Stadt wird nicht müde, starke Symbole für den Frieden zu setzen. Jedes Jahr am 6. August um 8:15 verharrt man hier in Stille. Man gedenkt der Opfer. Japans Premierminister ist auch immer dabei, zuletzt auch die Außenminister der G7. Als erster amerikanischer Präsident kam Barrack Obama nach Hiroshima. Vetschiedene Friedensinitiativen wie „Mayors for peace“ fanden in Hiroshima ihren Anfang. Die Stadt ist wieder zum Leben erwacht und floriert.

Im Gedächtnispark gibt es viel zu sehen, auch die Flamme des Friedens, die solange brennt, bis keine Nation mehr über Nuklearwaffen verfügt. Traurig und schön sind auch die tausend und mehr Papierkraniche, die eine Säule umgeben. Zehn Jahre nach der Katastrophe erkrankte ein japanisches Mädchen, das als Kleinkind in Hiroshima gewesen war, an Leukämie – ein damals typisches Schicksal. Sie nahm sich vor, im Krankenbett tausend Papierkraniche zu falten und somit am Leben zu bleiben. Als sie dann doch starb, machten ihre Klassenkameradinnen weiter. Auch heute bringen japanische Schulklassen Papierkraniche nach Hiroshima.

Am anderen Ufer des Flusses neben dem Gedächtnispark steht der sogenannte Atombombendom- die Ruine eines Jahrzehnte vor 1945 errichteten Industriegebäudes mit Kuppeldach. Als eines von ganz wenigen Gebäuden innerhalb der Zweikilometerzone war es nicht eingestürzt – vielleicht auch deshalb,  weil die Schockwelle direkt von oben und nicht seitlich kam. Als mahnendes Zeichen steht die Ruine am Ufer des Flusses.

Es gibt noch mehr zu sehen und zu erzählen. Kurzum: Hiroshima zu sehen, ist erschütternd und wichtig. Es lohnt, so viel wie möglich über Hergang und Folgen der dunkelsten Stunden der Menschheit zu wissen. Umso besser kann man vielleicht seinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Dunkelstunden immer weniger werden und es umso mehr Sternstunden gibt.

Bei der nächtlichen Heimfahrt im Shinkansen sah ich als Erinnerung an den Vormittag die festlich beleuchtete, weiß strahlende Burg von Himeji an mir vorüberziehen. Eine gänzlich andere Welt.

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